Cannes 16: I, DANIEL BLAKE von Ken Loach (Wettbewerb)

I Daniel Blake von Ken Loach (1)

In seinem vermutlich letzten Film setzt der Altmeister des britischen «kitchen sink realism» auf die Themen, die ihn immer schon umtrieben: Die Solidarität der kleinen Leute und die Ungerechtigkeit des kapitalistischen Systems. Diesmal ist es ein herzkranker, verwitweter Schreiner, der den Kampf aufnimmt.

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I, Daniel Blake ist eine klassische Loach-Laverty-Kollaboration, der Filmemacher und sein Drehbuchautor haben noch einmal das ganze Arsenal ihres sozialrealistischen Agitationskinos aufgefahren. Dabei wird gleichzeitig deutlich, warum niemand sonst mehr diese Art von Filmen macht. Und warum sie uns fehlen werden.

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Cannes 16: RESTER VERTICAL von Alain Guiraudie (Wettbewerb)

Damien Bonnard, India Hair und Raphaël Thiéry
Damien Bonnard, India Hair und Raphaël Thiéry

Léo ist ein Drehbuchautor auf Wanderung in der Lozère im Süden von Frankreich. Auf der Suche nach Wölfen trifft er auf eine bewaffnete Schäferin und bleibt bei ihr und ihrem Vater auf dem Hof. Bis ihr gemeinsames Kind zur Welt kommt. Da packt sie ihre beiden älteren Söhne ein und verschwindet.

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Alain Guiraudies Film ist anders als fast alle anderen. Komischer und radikaler, verträumter und fremder. Léo (Damien Bonnard) ist eine jener alter-ego-Figuren, wie sie nicht nur Autorenfilmer erträumen, sondern auch Schriftsteller, vielleicht sogar Maler.

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Cannes 16: SIERANEVADA von Cristi Puiu (Wettbewerb)

Valer Dellakeza und Mimi Branescu © Mandragora
Valer Dellakeza und Mimi Branescu © Mandragora

Vierzig Tage nach dem Tod seines Vaters trifft sich die Familie des 40jährigen Arztes Lary in der Wohnung der Eltern in Bukarest zu einer Gedächtnisfeier. Weder die Feier noch das geplante Essen verlaufen wie erhofft.

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Ziemlich genau in der Mitte dieses 173 Minuten langen Familienfeierdramas schliesst ein Pope eine lange Anekdote mit der Bemerkung, Kürze sei die Seele des Witzes. Seine Geschichte hatte sich darum gedreht, wie er beinahe der Versuchung erlegen sei, daran zu glauben, die Wiederkehr Christi sei bereits unbemerkt von den Menschen erfolgt und jede Rettung damit verloren.

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Cannes 16: CAFÉ SOCIETY von Woody Allen (Eröffnungsfilm)

Kristen Stewart und Jesse Eisenberg in 'Café Society' von Woody Allen © frenetic
Kristen Stewart und Jesse Eisenberg in ‚Café Society‘ von Woody Allen © frenetic

Woody Allens jüngster Film ist altersmilde, nostalgisch, zuweilen leicht komisch und jederzeit wunderschön gefilmt. Die bittersüsse Liebesgeschichte wird die Welt nicht erschüttern.

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In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts kommt der junge Jude Bobby Dorfman (Jesse Eisenberg) aus der New Yorker Bronx nach Hollywood zu seinem Onkel Phil (Steve Carell), einem erfolgreichen Schauspieler-Agenten.

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Cannes 16: Es kann losgehen

Affiche Cannes 2016

Pünktlich zum Festivalbeginn morgen Mittwoch ist an der Côte d’Azure Regen angekündigt. Macht nichts: Das diesjährige Festivalplakat, ein Bild aus Le mépris von Jean-Luc Godard, enthält genügend Sonnenlicht und dazu den ganzen Filmtempel-Brimborium, den wir hier stets nur halbironisch zelebrieren.

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Während wir Journalisten Termine büscheln, Interviews absprechen und seelisch mit kleineren oder grösseren Wechseln in der langjährigen Festivalroutine hadern (es gibt nun zwei Pressevorführungen der Morgenfilme um 08.30 Uhr, einen wie bisher im riesigen Lumière-Kino und parallel dazu eine zweite in der nicht ganz so riesigen, aber immer noch riesigen Salle Debussy – wie soll man sich da entscheiden?), sind überall im sogenannten Village International, dem grossen Filmmarkt im Keller und in den Pavillons um und hinter dem Palais, Handwerker noch am Schrauben und Teppich verlegen.

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Bildrausch in Basel: Hundezahn und Cutting Edge

'Attenberg' von Athina Rachel Tsangari
'Attenberg' von Athina Rachel Tsangari

Noch ein Filmfestival? Dieses ist willkommen. Denn der vom Basler Stadtkino-Team auf die Leinwand gebrachte Bildrausch jagt nicht der nächsten obskuren Welturaufführung nach. Hier werden die Perlen der anderen Festivals gezeigt. Also auch Filme, über die ich hier im Blog schon geschwärmt habe, im Wissen darum, dass nur wenigen das Filmerlebnis später auch noch vergönnt sein würde. Einer dieser Filme ist Kynodontas – Dogtooth, vor zwei Jahren in Cannes gesehen. Ein anderer ist Attenberg von Athina Rachel Tsangari, auf den mich die Schwärmereien anderer aufmerksam gemacht hatten. Jetzt werden sie in Basel gezeigt, ab heute Abend, in einem Wettbewerb, der sich „Cutting Edge“ nennt und dem eine gewisse Schärfe schon von aussen anzusehen ist. „Bildrausch in Basel: Hundezahn und Cutting Edge“ weiterlesen

Karl Spoerri vom Zurich Film Festival im Interview

Karl Spoerri Zurich Film Festival (zvg)Wenn am Donnerstag die 5. Ausgabe des Zurich Film Festivals eröffnet wird, bin ich bereits auf dem Weg in meine Ferien. Das hat eine bedauerliche Seite, denn das diesjährige Angebot der umtriebigen Zürcher ist deutlich vielversprechender als früher. Im Interview äusserst sich Festivalleiter Karl Spoerri zur Erweiterung des Publikumsfestivals zum Branchentreff, zum Standortvorteil von Zürich, zum Budget und dem Eigenmittelbedarf, zur Zweiteilung des Wettbwerbs in eine deutschsprachige und eine internationale Sektion und zur Schweizer Untertitelkultur. Aber auch dazu, was ein Star wie Morgan Freeman effektiv kostet, beziehungsweise, wie die Sachleistungen von Hotel- und Airline-Sponsoren dabei helfen, solche Medienmagnete nach Zürich zu holen. Und er bedauert, dass die medienwirksam inszenierte Star-Ballung des Festivals den medialen Blick auf die Inhalte des Programms verstelle.

Interview (18′) Download (MP3, 8MB) Hören: