QUI VIT ENCORE von Nicolas Wadimoff

Prix de Soleure 2026
© First Hand Films

Neun Menschen malen auf einer Bühne die Umrisse des Gazastreifens auf den Boden. Der älteste, Jawdat Khoudary, ist 62 Jahre alt, die jüngste, Ghada Al Masri, 14. Innerhalb der Markierung malen sie dann je ein Viereck, welches die ungefähre Lage ihres Herkunftsortes im Gazastreifen markiert. Und dann erzählen sie, eine nach dem anderen, wie sie dort gelebt haben, wie die Hölle des Krieges über sie hereinbrach, und wie sie die Flucht nach Ägypten schafften, bevor die israelische Armee im Mai 2024 den Grenzübergang bei Rafah dicht machte.

Nicolas Wadimoff setzt den längst zu unserem globalen Alltag gehörenden Bildern von Tod und Zerstörung und verzweifelten Menschen, deren Namen wir kaum je erfahren, das pure, persönliche Erzählen gegenüber. Wir lernen Menschen kennen, die von ihrem Schicksal, ihrer Familie und ihrem Leben erzählen, einander dabei zuhören und die eine oder andere Schilderung ergänzen oder bestätigen.

Das ist nicht nur ungewohnt, es unterläuft auch systematisch unsere etablierten Abwehrmechanismen. Wegschauen bringt nichts, weil es nicht das Hinschauen ist, das schmerzt, sondern die Bilder, die im Kopf entstehen, beim Zuhören. „QUI VIT ENCORE von Nicolas Wadimoff“ weiterlesen

LES BARBARES von Julie Delpy

Sandrine Kiberlain, Julie Delpy, Jean-Charles Clichet, Fares Helou, Ziad Bakri, Dalia Naous © frenetic

Das bretonische Städtchen Paimpont erwartet mit Begeisterung die Flüchtlingsfamilie aus der Ukraine, nachdem im Gemeinderat sogar der Lokalnazi einer Aufnahme zugestimmt hat.

Doch dann kommen statt der erwarteten Ukrainer die Fayads aus Syrien.

«Die Nachfrage nach ukrainischen Flüchtlingen in Frankreich ist zu gross, sie haben keine mehr für uns», erklärt die Lehrerin (July Delpy). Aber hier kann doch keiner Arabisch, meint der Bürgermeister leicht nervös, worauf Anne Poudoulec (Sandrine Kiberlain), die Frau des Ladenbesitzers, ihren Sparkassenberater aus Rennes kommen lässt, um bei Bedarf zu dolmetschen. „LES BARBARES von Julie Delpy“ weiterlesen

THE BRUTALIST von Brady Corbet

Adrien Brody, Guy Pearce © Universal

Für einen Film mit einem komplett erfundenen Protagonisten fühlt sich The Brutalist oft schmerzlich dokumentarisch an. Das hat einen monumental grossartigen Zug.

Adrien Brody spielt den ungarischen Juden László Tóth. Der einstige Bauhaus-Student und modernistische Stararchitekt aus Budapest hat das KZ Buchenwald überlebt. Als der Film einsetzt, 1947, kommt er mit dem Schiff in New York an, einer von Tausenden, die versuchen, den Horror der Verfolgung und Entwurzelung hinter sich zu lassen. In einem Land, das nicht auf sie gewartet hat, den Neuankömmlinge Misstrauen und offene Ablehnung entgegen bringt. „THE BRUTALIST von Brady Corbet“ weiterlesen

Berlinale 18: TRANSIT von Christian Petzold (Wettbewerb)

Paula Beer, Franz Rogowski © Schramm Film / Marco Krüger

Flüchtlingsgeschichten? Haben wir sie nicht langsam über? Nur schon die Frage hinzuschreiben, führt zur innerlichen Verkrümmung. Natürlich würden wir lieber wegschauen, natürlich schützen wir uns, wo wir können.

Aber Christian Petzold erinnert uns mit dieser extrem intelligent gemachten Umsetzung des Anna-Seghers-Romans «Transit», dass wir die Geschichte dieser Flüchtlinge auch schon aufgesogen haben, mit sehnsüchtiger Sentimentalität: Casablanca. „Berlinale 18: TRANSIT von Christian Petzold (Wettbewerb)“ weiterlesen

Berlinale 16: FUOCOAMMARE von Gianfranco Rosi (Wettbewerb)

Gianfranco Rosi mit dem goldenen Bären der 66. Berlinale
Gianfranco Rosi mit dem goldenen Bären der 66. Berlinale

Nein, eine grosse Überraschung ist der goldene Bär für diesen Dokumentarhybriden nicht. Indem er einen politischen Standpunkt mit Kunst kombiniere, stehe der Film Fuocoammare von Gianfranco Rosi für alles, was die Berlinale ausmache, sagte Jurypräsidentin Meryl Streep in ihrer Laudatio.

Berlinale_Balken_2016

Und dazu gehört auch der Umstand, dass für die meisten regulären Berlinale-Gänger schon vor dem Festival klar war, dass Rosis Film am Ende einen der wichtigeren Preise würde mitnehmen können.

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