À VOIX BASSE von Leyla Bouzids

Lilia (Eya Bouteraa) und ihre Lebensgefährtin Alice (Marion Barbeau) © cineworx

In Frankreich lebt die junge Ingenieurin Lilia (Eya Bouteraa) mit ihrer Lebensgefährtin Alice (Marion Barbeau). Aber vom Flughafen in Tunis fährt sie mit ihr zuerst zu einem Hotel in Sousse, bevor sie sich alleine aufmacht ins Haus ihrer Grossmutter, zum Familien-Abschied von Onkel Daly (Karim Remadi). Warum sie um Alice ein Geheimnis macht, erschliesst sich erst nach und nach.

Nicht nur die Todesursache von Daly ist unklar. Er wurde nackt auf der Strasse gefunden. Auch Dalys Homosexualität, ein offenes Geheimnis in der Familie, wird im Umfeld der Matriarchin Lilias Grossmutter Mamie Néfissa (Salma Baccar) tunlichst nicht erwähnt, weder von seinen Schwestern, Lilias Mutter Wahida (Hiam Abbass), und ihrer Tante Hayet (Feriel Chamari) und schon gar nicht von den übrigen Familienmitgliedern. „À VOIX BASSE von Leyla Bouzids“ weiterlesen

HISTOIRES DE LA NUIT von Léa Mysius

Thomas (Bastien Bouillon), Nora (Hafsia Herzi) und Ida (Tawba El Gharchi) © Pathé Suisse

Mit Ava von 2017 und mit Les cinq diables von 2022 drang die französische Regisseurin und Drehbuchautorin Léa Mysius tief in die Beziehung junger Mädchen und Frauen zu ihrem Umfeld, ihrer Familien und vor allem ihrer Mütter ein. Offensichtlich hat sie auch dieser Aspekt am Roman Histoires de la nuit (2020) von Roman Mauvignier interessiert.

Oberflächlich ist Histoires de la nuit eine klassische Home Invasion Story, die im Genrekino hundertfach variierte Geschichte des Eindringens böswilliger Fremder ins Haus einer Familie. „HISTOIRES DE LA NUIT von Léa Mysius“ weiterlesen

L’INCONNU DE LA GRANDE ARCHE von Stéphane Demoustier

Johan Otto von Spreckelsen (Claes Bang) und François Mitterand (Michel Fau) © filmcoopi

«Paris hat etliche unverbundene Wahrzeichen wie den Louvre, den Eiffel-Turm oder den Arc de Triomphe. Aber Paris hat noch keinen Kubus!» Der Mann, der das ändern will, heisst Johan Otto von Spreckelsen und er kommt aus Dänemark. Aber zunächst muss er vor der versammelten Presse die nicht ganz einfache Frage beantworten, wer er überhaupt sei… „L’INCONNU DE LA GRANDE ARCHE von Stéphane Demoustier“ weiterlesen

ARCO von Ugo Bienvenu

© frenetic

Die Idee ist herzerwärmend: Zeitreisegeschichten müssen nicht zwingend in einer Zukunftsdystopie enden. Ugo Bienvenue setzt hinter die Zeit der kommenden Klimakatastrophe einfach eine weitere Stufe, utopisch, aber liebevoll. Und so bekommt die zehnjährige Iris, die sich im Jahr 2075 zusammen mit ihrem Nanny-Roboter Mikki um ihren Babybruder kümmert und die Eltern am Esstisch unter der Woche nur als Hologramme erlebt, Besuch von Arco, einem gleichaltrigen Jungen aus einer wirklich fernen, dafür aber paradiesischen Zukunft. „ARCO von Ugo Bienvenu“ weiterlesen

LA FEMME LA PLUS RICHE DU MONDE von Thierry Klifa

Marianne Farrère (Isabelle Huppert) © frenetic

Isabelle Huppert ist selbst dann hypnotisch auf der Leinwand, wenn sie – wie in diesem Film – mehrheitlich auf Autopilot durch die Szenen segelt. Ihre etablierte Mischung aus emotionaler Permafrostigkeit und kurzfristig angeknipstem Feuer passt schliesslich bestens zu dieser Marianne Farrère, welche sie hier verkörpert. Denn die ist ohne viel Verfremdung direkt der «L’Oréal»-Erbin Liliane Bettencourt nachempfunden.

Ihr gegenüber chargiert der einstige Star der Comédie-Française, Laurent Lafitte, in der Rolle des Fotografen Pierre-Alain Fantin, seinerseits ein direkter Abklatsch des realen Fotografen und Bettencourt-Profiteurs François-Marie Banier. „LA FEMME LA PLUS RICHE DU MONDE von Thierry Klifa“ weiterlesen

NOUVELLE VAGUE von Richard Linklater

Godard (Guillaume Marbeck) filmt die letzten Sekunden von Michel Poiccard mit Jean-Paul Belmodo (Aubry Dullin) © filmcoopi

106 Minuten pure, cinéphile Glückseligkeit. So könnte man diesen Film zusammenfassen. Richard Linklater bastelt aus Realität, Filmgeschichte, Begeisterung, Legende und Gegenlegende eine Fontäne des Aufbruchs, der Nonchalance, der nicht mehr ganz jugendlichen Getriebenheit zwischen Sorglosigkeit und Ehrgeiz, Arroganz und Freundschaft.

Nicht nur der von Guillaume Marbeck gespielte Jean-Luc Godard in diesem Film trägt die Arroganz des Salon-Revolutionärs wie eine schwarzweisse Trikolore vor sich her, auch der Rest der vor allem aufgrund ihrer fast schon beängstigenden Ähnlichkeit mit den Originalen gecasteten jungen Truppe sprüht vor Charme und Frechheit.

Die Entstehung von Jean-Luc Godards A bout de souffle im Jahr 1959, als grenzüberschreitender Feuerwerksknall der bereits heftig in die Gänge gekommenen Bilderstürmergarde ungestümer Filmkritikerinnen, das ist der Stoff, aus dem ein längst unüberschaubarer Flickenteppich von Mythen und Legenden gewoben wurde. „NOUVELLE VAGUE von Richard Linklater“ weiterlesen

HIVER À SOKCHO von Koya Kamura

Roschdy Zem, Bella Kim © frenetic

Soo-Ha (Bella Kim) lebt in der südkoreanischen Stadt Sokcho, am japanischen Meer, unweit der Grenze zu Nordkorea. Die Bekannten im Quartier nennen sie freundlich «Bohnenstange» oder «Miss France». Die junge Frau ist nicht nur etwas grösser als die meisten ihrer Landsleute, sie hat auch sonst leicht andere Züge. Denn ihr Vater, den sie nie getroffen hat, war ein französischer Fischerei-Ingenieur, der nach Europa zurückfuhr, ohne von der Schwangerschaft von Soo-Has Mutter zu wissen. So hat es ihr die Mutter, Fischhändlerin am Hafen, erzählt. Für Soo-Ha war das Anlass genug, um in Seoul französische Literatur zu studieren.

An einem Wintertag fragt ein verschlossener Franzose (Roschdy Zem) nach einem Zimmer in der kleinen Pension, in der Soo-Ha seit ihrer Rückkehr nach Sokcho arbeitet. Der freundliche alte Pensionsbetreiber ruft sie aus der Küche, weil sie doch Französisch könne. Der Fremde, so findet Soo-Ha heraus, ist Yan Kerrand, in Frankreich ein bekannter und erfolgreicher Grafiker und Autor.

Hiver à Sokcho ist ein ungewöhnlicher – und vor allem ein ungewöhnlich schöner – Erstlingsfilm, weil Regisseur Koya Kamura, ein Franko-Japaner, die angedeuteten Wünsche und Konstellationen seiner Figuren eben so in der Schwebe lässt, wie der zugrundeliegende Roman der Franko-Koreanerin Elisa Shua Dusapin. „HIVER À SOKCHO von Koya Kamura“ weiterlesen

LA VENUE DE L’AVENIR von Cédric Klapisch

Adèle (Suzanne Lyndon) in Paris, 1895 © frenetic

Eine weitverzweigte französische Familie erbt ein Haus in der Normandie, voll mit Bildern, Photos und Möbeln, das seit 1944 niemand mehr betreten hat. Beim Inventarisieren und Stöbern stossen die vier Familiendelegierten auf die Spuren von Adèle, der letzten Bewohnerin und ihrer aller Vorfahrin. Und auf die Spuren von Adèles Aufbruch mit 21 Jahren, nach Paris, im Jahr 1895, auf der Suche nach ihrer Mutter.

Nun durchdringen und mischen und informieren sich gegenseitig die letzten Jahre des 19. Jahrhunderts mit unserer Gegenwart. Seb (Abraham Wapler), der Content Creator, stösst auf Lucien (Vassili Schneider), den Photographie-Pionier und dessen Freund Anatole (Paul Kircher), der Anschluss sucht in den Künstler-Kreisen am Montmartre. Und mittendrin immer diese von Suzanne Lyndon gespielte Adèle. Wie Truffauts Catherine mit ihren Jules et Jim.

La venue de l’avenir ist eine attraktive Konstruktion. Ein Kostümfilm, der fest in unserer eigenen Zeit verankert ist, ein Drehbuch, das Umbrüche in Kunst, Kultur und Architektur vom Beginn der Moderne mit der Postmoderne parallel führt, damit immer wieder pointiert zu spielen versteht. „LA VENUE DE L’AVENIR von Cédric Klapisch“ weiterlesen

LA CACHE von Lionel Baier

Mère-Grand (Dominique Reymond) und Père Grand (Michel Blanc) mit ihren drei Söhnen (William Lebghil, Aurélien Gabrielli, Adrien Barazzone) © Pathé Films AG

Manchmal ist Transparenz die beste Strategie. Lionel Baiers letzter Film, La dérive des continents (au sud), drehte sich unter anderem um inszenierte und erzwungene politische und mediale Transparenz innerhalb der EU rund um die Mittelmeer-Flüchtlinge in einem Lager in Sizilien. Der Film zeigte unter anderem, wie die Medienteams von Angela Merkel und Emmanuel Macron vor deren Lagerbesuch die Lagerzustände so inszenierten, dass ihre Chefs dann für schnelle und medial wirksame «Verbesserungen» sorgen konnten.

Für sein jüngstes Werk, die freie Adaption des Erstlingsromans «La cache» von Christophe Boltanski, erlegt der Westschweizer Regisseur sich nun gleich selbst die Transparenzregel auf und inszeniert zum Filmeinstieg das Buch als Buch und damit den Film als persönliche Lektüre. Unter anderem, indem er, der Regisseur, auch gleich die Stimme des Ich-Erzählers liefert. Zugleich spielt er – typisch Baier – eine kleine Nebenrolle als verräterisch kleinlich nörgelnder Nachbar der Grossfamilie Boltanski, um die sich die ganze Geschichte dreht. „LA CACHE von Lionel Baier“ weiterlesen

MONSIEUR AZNAVOUR von Mehdi Idir & Grand Corps Malade

Tahar Rahim als Aznavour © Pathé

Schauspieler Tahar Rahim bekam für diesen Film eine falsche Nase verpasst, damit sie sich die Figur, die er verkörpert, wegmachen lassen kann. Auf Anraten von Edith Piaf. Das Schöne daran? Der Umstand repräsentiert perfekt die Geschichte, die der Film erzählt.

Shahnourh Vaghinag Aznavourian, Sohn armenischstämmiger Einwanderer aus Georgien, verwandelte sich mit Beharrlichkeit und harter Arbeit in den Sänger (und Schauspieler) Charles Aznavour. Und der wiederum verkörperte schliesslich weltweit die «frenchness», wie vor ihm nur? Edith Piaf. „MONSIEUR AZNAVOUR von Mehdi Idir & Grand Corps Malade“ weiterlesen