THE NORTH von Bart Schrijver

Chris (Bart Harder) und Lluis (Carles Pulido) © xenix

Wanderfilme sind seit Jahrzehnten ein eigenes Kinogenre. In der Buchverfilmung Wild von 2014 erholte sich die von Reese Witherspoon gespielte Cheryl von persönlichen Schicksalschlägen. Im Jahr darauf unternahmen Robert Redford und Nick Nolte A Walk in the Woods, ebenfalls nach einem literarischen Wanderbestseller. Ich bin dann mal weg hiess im gleichen Jahr der Santiago-Pilgerfilm mit Hape Kerkeling, nach dessen eigenem literarischen Tagebuch.

Ein historischer Reisebericht lag der französischen Wanderkomödie Antoinette dans les Cevennes (2021) mit der grossartigen Laure Calamy zugrunde, einer französischen Komödie die zurückgriff auf «Travels with a Donkey in the Cévennes», den 1879 publizierten Aufzeichnungen des späteren «Schatzinsel»-Autors Robert Louis Stevenson. „THE NORTH von Bart Schrijver“ weiterlesen

PLITSCH PLATSCH FOREVER! von Natascha Beller

Aktenkundig polizeilich erfasst: Rosalie (Alva Maurer) und Pola (Neah Hefti) © dcm

Kinderfilme sind dann am erfolgreichsten, wenn sie auch die Erwachsenen ansprechen. Und dafür gibt es verschiedene Strategien. Etwa jene, welche Disney perfektioniert hat, indem auf der Dialogebene eine für Kinder kaum spürbare Schicht Ironie hinzugefügt wird. Oder auf der Bildebene der eine oder andere kulturelle Verweis. Die sicherste und schönste Methode ist allerdings jene, die direkt auf die Kindheitserinnerungen der Erwachsenen zielt und damit das ganze Publikum zu einer Einheit verschmelzen lässt. Auf dieses Prinzip setzt Natascha Beller für ihren aktuellen Schweizer Kinderfilm.

Es ist erstaunlich, wie schnell im Kino die eigenen Kindheitserinnerungen hochkommen, kaum hat Natascha Bellers Plitsch Platsch Forever! angefangen. Endlose Badi-Sommer? Da sind sie wieder! Auch wenn die elfjährigen Freundinnen Pola und Polly ein wenig anders reden als wir damals, das Kreischen am Beckenrand, die Badetücher auf dem kurz geschnittenen Gras und der Geruch nach Pommes frites sind genau auf jener Frequenz, die Zeitreisen zeugt. „PLITSCH PLATSCH FOREVER! von Natascha Beller“ weiterlesen

KOKUHO von Lee Sang-il

Kikuo Tachibana (Ryô Yoshizawa) © trigon

Über zehn Millionen Eintritte in Japan und Japans Kandidat für die nächsten Oscars? Kokuho ist ein Film über das Kabuki-Theater, von dem die meisten von uns keine Ahnung haben. Aber auch ein Film über Klassendünkel, Ehrencodices, Yakuza (mindestens so kinotauglich faszinierend wie die Mafia) und über den Mythos des (männlichen) Künstlers, der seine Kunst über alle moralischen und ethischen Bedenken hinweg zu perfektionieren hat.

Und den wiederum kennen wir bestens, gespiegelt in Filmen wie Mephisto, über den Teufelspakt eines Schauspielers mit den Nazi-Machthabern, oder im jüngsten einschlägigen Meisterwerk Sentimental Value von Joachim Trier, in dem sich die Töchter an der Abwesenheit des genialischen Künstlervaters abarbeiten. „KOKUHO von Lee Sang-il“ weiterlesen

WHERE THE WIND COMES FROM von Amel Guellaty

Mehdi (Slim Baccar) und Alyssa (Eya Bellagha) © trigon

Der Wind ist schon da, aber erst als sanfter Hauch. Er bewegt fast unmerklich die Haare und die Wimpern von Alyssa. Die Neunzenhnjährige sitzt auf dem Geländer eines städtischen Viaduktes in Tunis, ihre Beine hängen bedrohlich über dem Verkehr, ihr Blick verliert sich in der Ferne. Ihre Hände in Grossaufnahme lockern den Griff.

Vier harte Schnitte in zwölf Sekunden. Auf der Tonspur wird ihr Name gerufen: «Alyssa!» Sie schaut nach links, Reissschwenk zu Mehdi, der leicht entnervt fragt, worauf sie warte, Reisschwenk zurück zu Alyssa, sie hüpft aufs Trottoir, ein Lächeln lässt ihr Gesicht aufleuchten. Sie hebt ihren Rucksack hoch und die Kamera folgt ihr mit einem nun ruhigen Schwenk zurück nach links, während sie zu Mehdi hinrennt.

Es kommt nicht mehr so oft vor, dass ein Spielfilm sich dermassen schnell, gezielt und vor allem auffällig zum gestalteten Bild und dem gesteuerten Blick bekennt. Regisseurin Amel Guellaty etabliert gekonnt eine Erzählsituation, verspricht uns die Geschichte von Alyssa und Mehdi und versichert uns immer wieder mit auffälliger Gestaltung der Bilder und Szenen, dass sie uns mitnimmt zu den Abenteuern dieser zwei jungen Menschen in Tunesien. „WHERE THE WIND COMES FROM von Amel Guellaty“ weiterlesen

SORRY, BABY von Eva Victor

Agnes (Eva Victor) … und die Katze © filmcoopi

In den stärksten Momenten dieses starken Filmes ist nur ein Haus zu sehen, von der gegenüberliegenden Strassenseite aus, am Abend. Es wird langsam dunkel, im Haus gehen Lichter an, zwei Schnitte raffen ruhig die Zeit. Wir ahnen, was im Haus passiert. Bis schliesslich Agnes herauskommt, ihre Schuhe in der Hand, ohne die Tür hinter sich zu schliessen.

Sie setzt sich auf die kurze Holztreppe der Veranda und zieht die Schuhe an.

Sorry, Baby von Eva Victor ist ein Film über Missbrauch, vor allem aber ein Film über das Leben danach, über Freundschaft, Verstörung und Überwindung. „SORRY, BABY von Eva Victor“ weiterlesen

+++ «Teenage Sex & Death at Camp Miasma» +++ Ab Donnerstag im Kino