QUI VIT ENCORE von Nicolas Wadimoff

Prix de Soleure 2026
© First Hand Films

Neun Menschen malen auf einer Bühne die Umrisse des Gazastreifens auf den Boden. Der älteste, Jawdat Khoudary, ist 62 Jahre alt, die jüngste, Ghada Al Masri, 14. Innerhalb der Markierung malen sie dann je ein Viereck, welches die ungefähre Lage ihres Herkunftsortes im Gazastreifen markiert. Und dann erzählen sie, eine nach dem anderen, wie sie dort gelebt haben, wie die Hölle des Krieges über sie hereinbrach, und wie sie die Flucht nach Ägypten schafften, bevor die israelische Armee im Mai 2024 den Grenzübergang bei Rafah dicht machte.

Nicolas Wadimoff setzt den längst zu unserem globalen Alltag gehörenden Bildern von Tod und Zerstörung und verzweifelten Menschen, deren Namen wir kaum je erfahren, das pure, persönliche Erzählen gegenüber. Wir lernen Menschen kennen, die von ihrem Schicksal, ihrer Familie und ihrem Leben erzählen, einander dabei zuhören und die eine oder andere Schilderung ergänzen oder bestätigen.

Das ist nicht nur ungewohnt, es unterläuft auch systematisch unsere etablierten Abwehrmechanismen. Wegschauen bringt nichts, weil es nicht das Hinschauen ist, das schmerzt, sondern die Bilder, die im Kopf entstehen, beim Zuhören. „QUI VIT ENCORE von Nicolas Wadimoff“ weiterlesen

ALL THAT’S LEFT OF YOU (Allly baqi mink) von Cherien Dabis

Noch herrscht Frieden in Jaffa © trigon

Kino ist ideal für gross angelegte Familienchroniken. Mit dem sizilianischen Clan im Gattopardo bekommen wir epochenübergreifende, packende Geschichtslektionen, ebenso wie mit den Corleones der Godfather-Trilogie oder den trotz zahlreicher Anläufe nie ganz auf Leinwandgrösse geschrumpften Buddenbrooks.

Die palästinensisch-amerikanische Regisseurin und Schauspielerin Cherien Dabis überträgt diesen generationenverknüpfenden Ansatz auf das Schicksal der Palästinenser, von der Nakba, der Übernahme Palästinas durch die israelische Staatsgründung, über die Intifada bis kurz vor unsere Gegenwart. „ALL THAT’S LEFT OF YOU (Allly baqi mink) von Cherien Dabis“ weiterlesen

YES! (!כן – Ken!) von Nadav Lapid

Y (Ariel Bronz) © Sister Dist.

Nach genau einer Stunde orgiastischer Partylaune mit Musik, Alkohol, Drogen und vielen reichen und offensichtlich mächtigen Israeli passiert es: Der Musiker und Unterhalter Y (Ariel Bronz) bekommt eine Meldung seines Managers auf sein Mobiltelefon. Er soll die Musik liefern für eine Gedenkfeier anlässlich des Massakers vom 7. Oktober 2023. Und nicht nur das. Er soll auch die dazu passende Rache-Wut-und-Einigkeits-Hymne vertonen:

«Yes! Your wish is my command, Mephisto!»

Der Moment ist die Kulmination seiner Karriereträume und jener seiner Frau Yasmine (Efrat Dor). Die goldene Zukunft ist zum Greifen nah, das gemeinsame Leben mit dem kleinen Sohn Noah in Stil und Luxus gesichert. „YES! (!כן – Ken!) von Nadav Lapid“ weiterlesen