RENOIR von Chie Hayakawa

Fuki Okita (Yui Suzuki) © Xenix

Vor vier Jahren hat die Japanerin Chie Hayakawa die Welt sanft herausgefordert mit ihrem ersten Langspielfilm Plan 75. Sie erzählte (unter anderem) von der 78-jährigen Michi Kakutani, die sich für das – im Film – vom japanischen Staat gesponserte Gratis-Euthanasie-Programm anmeldet. Dieser Plan 75 ist eine staatliche Reaktion auf die von überzeugten Bürgern begangenen Morde an alten Menschen, die der Gesellschaft zur Last fallen. Der Film ist eine Dystopie, aber nahe an der Realität.

Nun geht Hayakawa das Thema Tod und Sterben und Gesellschaft vom anderen Ende der Altersskala her an und lässt in Renoir die 11jährige Fuki mit dem langsamen Sterben ihres krebskranken Vaters hadern, und mit der Überforderung ihrer Mutter. Und wie schon Plan 75 ist auch Renoir nicht das erschütternde Drama, das man allenfalls erwarten würde, sondern ein neugieriges, wildes, verblüffendes und ausgesprochen warmherziges Abenteuer. „RENOIR von Chie Hayakawa“ weiterlesen

DON’T LET THE SUN von Jacqueline Zünd

Jonah (Levan Gelbakhiani) und Nika (Maria Pia Pepe) © filmcoopi

Es ist unerträglich heiss geworden auf der Erde. Die Menschen leben in der Nacht und bleiben auf Distanz zueinander. Selbst Jonah (Levan Gelbakhiani), der davon lebt, für andere die fehlende menschliche Nähe zu spielen, stundenweise präsent als Lover, Partner oder Gefährte, achtet darauf, die Körper seiner Kunden und Kundinnen möglichst nicht zu berühren. Mehr physische Wärme, als sie die Umwelt bietet, will kaum jemand. Und echter emotionaler Kontakt scheint nicht nur unziemlich, sondern nachgerade tabu zu sein.

Cleo (Agnese Claisse) nimmt allerdings ihre neunjährige Tochter Nika (Maria Pia Pepe) auch mal in den Arm, etwa um das schlafende Mädchen vom Sofa ins Bett zu tragen, als der Tag anbricht. Und sie heuert Jonah an, um Nika stundenweise den fehlenden Vater zu ersetzen. Ein Spiel, das die aufgeweckte Kleine zunächst eher ihrer Mutter zuliebe mitspielt, mit klarer Ansage an Jonah: «Ich brauche keinen Vater».

Jacqueline Zünd hat sich einen Namen gemacht mit unglaublich sorgfältig inszenierten und gestalteten, thematisch-philosophischen Dokumentarfilmen, etwa Goodnight Nobody (2010), Almost There (2016) oder Where We Belong (2019). Ihre dokumentarische Methode umfasste jeweils ausgesuchte ruhige Einstellungen auf Distanz, oft zentrale Perspektiven, ausgeklügelte Licht- und Farbgestaltung und vor allem eine fast schon hypnotisch wirkende Mischung aus Zurückhaltung und Nähe, nicht nur mit der Kamera, sondern auch mit einer zugeneigten, unaufdringlichen, unvoyeuristischen Geduld. „DON’T LET THE SUN von Jacqueline Zünd“ weiterlesen

MELODIE von Anka Schmid

Männerchor Salmsach-Langrickenbach © frenetic

Singen ist eine eigentümliche, ziemlich ursprüngliche Tätigkeit. Darauf macht uns Anka Schmids Dokumentarfilm sehr bald aufmerksam. Wir sehen ein Frühchen auf der Brust der Mutter liegend, mit Schläuchen, Elektroden und Magensonde mit unserer Welt verbunden, die vorzeitig auch die seine geworden ist. Am Bettrand sitzt eine Frau mit einer Art Harfe und summt.

Die Melodie simuliert die Geräuschkulisse, welche das Kind im Uterus wahrgenommen hätte, gedämpft, ohne höhere Frequenzen, über das Fruchtwasser, nicht über die Luft, wie wir es gewohnt sind. Das erklärt die Therapeutin, während ich mich daran erinnere, wie ich mich als Kind über leises Summen und Brummen bei einer Mittel­ohr­ent­zün­dung von den Schmerzen ablenkte.

Und natürlich erinnern sich fast alle von der Filmemacherin auf ihre frühesten Melodieerfahrungen Angesprochenen an die generationenübergreifenden Schlaflieder. „MELODIE von Anka Schmid“ weiterlesen

WAS MARIELLE WEISS von Frédéric Hambalek

Laeni Geisseler ©Alexander Griesser / Walker + Worm Film; DCM

Nachdem sie in der Schule von ihrer Freundin geohrfeigt wurde, hört und sieht Marielle plötzlich ihre Eltern im Kopf, als ob sie dabei wäre. Sie erlebt, wie ihre Mutter bei der Arbeit mit einem Kollegen die Möglichkeit von Bürosex kontempliert, und sie sieht die Demütigung ihres Vaters bei einer Team-Sitzung im Buchverlag.

Darum platzt es dann aus ihr heraus beim Abendessen mit den Eltern, als der Papa stolz erzählt, wie souverän er seinen jungen Kollegen in den Senkel gestellt hatte: «Aber das stimmt doch gar nicht, Papa!»

«Ich sehe und höre einfach alles, was ihr macht», erklärt sie den verblüfften Eltern. „WAS MARIELLE WEISS von Frédéric Hambalek“ weiterlesen