KOKUHO von Lee Sang-il

Kikuo Tachibana (Ryô Yoshizawa) © trigon

Über zehn Millionen Eintritte in Japan und Japans Kandidat für die nächsten Oscars? Kokuho ist ein Film über das Kabuki-Theater, von dem die meisten von uns keine Ahnung haben. Aber auch ein Film über Klassendünkel, Ehrencodices, Yakuza (mindestens so kinotauglich faszinierend wie die Mafia) und über den Mythos des (männlichen) Künstlers, der seine Kunst über alle moralischen und ethischen Bedenken hinweg zu perfektionieren hat.

Und den wiederum kennen wir bestens, gespiegelt in Filmen wie Mephisto, über den Teufelspakt eines Schauspielers mit den Nazi-Machthabern, oder im jüngsten einschlägigen Meisterwerk Sentimental Value von Joachim Trier, in dem sich die Töchter an der Abwesenheit des genialischen Künstlervaters abarbeiten. „KOKUHO von Lee Sang-il“ weiterlesen

YES! (!כן – Ken!) von Nadav Lapid

Y (Ariel Bronz) © Sister Dist.

Nach genau einer Stunde orgiastischer Partylaune mit Musik, Alkohol, Drogen und vielen reichen und offensichtlich mächtigen Israeli passiert es: Der Musiker und Unterhalter Y (Ariel Bronz) bekommt eine Meldung seines Managers auf sein Mobiltelefon. Er soll die Musik liefern für eine Gedenkfeier anlässlich des Massakers vom 7. Oktober 2023. Und nicht nur das. Er soll auch die dazu passende Rache-Wut-und-Einigkeits-Hymne vertonen:

«Yes! Your wish is my command, Mephisto!»

Der Moment ist die Kulmination seiner Karriereträume und jener seiner Frau Yasmine (Efrat Dor). Die goldene Zukunft ist zum Greifen nah, das gemeinsame Leben mit dem kleinen Sohn Noah in Stil und Luxus gesichert. „YES! (!כן – Ken!) von Nadav Lapid“ weiterlesen

STILLER von Stefan Haupt

Pflichtverteidiger Dr. Bohnenblust (Stefan Kurt) und Julika Stiller (Paula Beer) © Ascot-Elite

Nein, dieser Stiller – der Film – ist nicht das Monument, zu dem der Roman von Max Frisch geworden ist. Die filmische Adaption von Stefan Haupt ist keine zeitgenössische Neuinterpretation, kein Meisterwerk, kein Film für die Ewigkeit. Aber Stiller ist ein gutes Stück Kino, eine vergnügliche Erinnerung an die einstige Lektüre – oder ein Fingerzeig darauf, dass sich diese durchaus lohnen könnte.

Dabei hat Max Frischs Geschichte des Mannes, der nach seiner Verhaftung immer wieder versichert, er sei nicht der gesuchte Anatol Stiller, sondern ein Amerikaner namens James Larkin White, auch heute relevantes Identifikationsverwirrungspotential. Spätestens dann, wenn der Inhaftierte verzweifelt fragt, wie man denn beweisen solle, jemand NICHT zu sein.

Der neue Leinwand-«Stiller» ist ein schön gefilmtes Reader’s Digest des Romans, das sich wohltuend auf den linearen Plot der Filmeinstiegszeit konzentriert – versetzt mit sparsam gesetzten Rückblenden, die das Geflecht aus Identität und Vergangenheit gerade so weit auffächern wie unbedingt nötig. „STILLER von Stefan Haupt“ weiterlesen

ERNEST COLE: LOST AND FOUND von Raoul Peck

© trigon-film

Das Bild zeigt einen schwarzen Polizisten, der einen schwarzen Jungen massregelt. Die Frauen im Hintergrund schauen besorgt zu, der weisse Schnauzträger rechts im Bild, Hände in den Hosentaschen, wirkt unberührt. Die Fotografie hat Ernest Cole in seiner Heimat Südafrika gemacht, sie ist Teil seiner über zehn Jahre hinweg entstandenen Apartheid-Dokumentation «House of Bondage».

Der Fotoband machte den 27jährigen Cole 1967 fast über Nacht berühmt. Und zum Exilanten.

Raoul Peck lässt Ernest Cole seine eigene Geschichte erzählen, seine eigenen Fotos kommentieren. Zu hören ist die Stimme von LaKeith Stanfield, denn Cole ist 1990 in New York im Exil gestorben, verarmt, zerrissen von Heimweh und fast vergessen. „ERNEST COLE: LOST AND FOUND von Raoul Peck“ weiterlesen

MIT EINEM TIGER SCHLAFEN von Anja Salomonowitz

Birgit Minichmayr als Maria Lassnig © Stadkino Verleih

Ich kann mich gleichzeitig von innen und von aussen sehen, erklärt Maria Lassnig der kleinen Tochter ihrer Freundin in Paris. Sie liegt nackt in der Badewanne und redet leise auf Französisch, eher für sich als für die Kleine. Und als sie dann noch etwas von «aufschneiden» sagt, nimmt das Mädchen samt Teddy Reissaus.

Diese Gleichzeitigkeit von Innen und Aussen hat Anja Salomonowitz zum Konstruktionsprinzip ihres aussergewöhnlichen Künstlerinnenfilms gemacht. Der Spielfilm funktioniert immer wieder wie die Gemälde von Maria Lassnig, mit Bildern, die nicht nur übers Auge packen, sondern sich im ganzen Körper breit machen, schmerzlich oder grossartig. „MIT EINEM TIGER SCHLAFEN von Anja Salomonowitz“ weiterlesen

BERLINALE 2020: VOLEVO NASCONDERMI (Hidden Away) von Giorgio Diritti (Wettbewerb)

Elio Germano als Antonio Ligabue in ‚Volevo nascondermi‘ von Giorgio Diritti © Chico De Luigi

Toni redet kaum, er lebt ab den 1920er Jahren wie ein Einsiedler im Wald bei Gualteri. Wenn er unter Menschen ist, tendiert er zu Panikattacken und Jähzorn. Bis ihn ein im Dorf lebender Maler wegen der Kälte in sein Atelier holt und überrascht feststellt, dass Toni ein unverkennbares zeichnerisches und gestalterisches Talent hat.

Dieser Marino Mazzacurati, bestens vernetzt in der römischen Kunstszene, lanciert Toni. Über erste Zeitungsartikel und Reportagen zu diesem naiven, geistig oft verstört wirkenden Künstler kommt es schliesslich zu einem regelrechten Hype und Tonis Bilder verkaufen sich bestens. „BERLINALE 2020: VOLEVO NASCONDERMI (Hidden Away) von Giorgio Diritti (Wettbewerb)“ weiterlesen

MOTHER! von Darren Aronofsky

Jennifer Lawrence in ‚Mother!‘ © Disney Schweiz

Mother! ist Horror in einer Endlosschleife. Das verbrannte Gesicht einer Frau, ein verbranntes Haus, ein Mann mit einem Kristall, ein Lächeln. Die Asche hebt sich, der Morgen ist da, die Frau erwacht im Bett. Damit fängt es an.

Die Figuren haben keine Namen. Sie heisst im Abspann einfach «mother». Jennifer Lawrence (geboren 1990) spielt die junge Frau des von Javier Bardem (geboren 1969) verkörperten wesentlich älteren Dichters. Sie renoviert liebevoll das einsam in einer grossen Lichtung gelegene ausgebrannte Haus des Mannes. Er, im Abspann nur als «Him» geführt, quält sich (und sie) mit seiner Schreibblockade. „MOTHER! von Darren Aronofsky“ weiterlesen