SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF von Sabine Lidl

Siri Hustvedt © Vinca Film

Wenn es so etwas wie eine sanfte Explosion gäbe, wäre dieser Dokumentarfilm ein Beispiel dafür. Da schweben Ideen und Bilder, Analysen und Beziehungen, Kunst und Gefühle vom ersten Bild an wie Staubteilchen in einem Lichtstrahl, ordnen sich, rufen Wörter und Bücher und Menschen in Erinnerung und verschwinden, ohne aufzuhören. Man spürt sofort und durchgehend, dass Sabine Lidl mit der Welt von Siri Hustvedt vertraut ist, spätestens seit der Entstehung ihres ARTE-Dokumentarfilms über Hustvedts Ehemann Paul Auster.

Das fast unmerkliche Verweben biografischer Elemente mit den Texten und Romanen von Siri Hustvedt, die Momente, in denen sie sich an ihre Kindheit oder ihre Eltern erinnert, gespiegelt in Szenen mit ihren drei Schwestern, Fotografien aus der Zeit in Minnesota oder auch den liebevollen Ergänzungen des in den Clan eingeheirateten New Yorkers Paul Auster (in Szenen, die vor seinem Tod im April 2024 gefilmt wurden, im Wissen um seine Erkrankung) sorgt für eine zunehmend mitreissende Strömung, die sich doch immer wie ein sanfter Sog anfühlt. „SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF von Sabine Lidl“ weiterlesen

LEONORA IN THE MORNING LIGHT von Thor Klein & Lena Vurma

Leonora (Olivia Vinall) in Las pozas © dragonflyfilms

Dafür, dass Leonora Carrington dem Surrealismus Zeit ihres Lebens treu geblieben ist, hält sich dieser Spielfilm zu ihrem Leben inszenatorisch erstaunlich zurück. Die surrealsten Einstellungen wurden an einem existierenden Ort gedreht, im mexikanischen Skulpturengarten «Las Pozas» des Kunstsammlers Edward James. Wenn die Schauspielerin Olivia Vinall als Leonora Carrington dort hoch über den Pflanzen des Dschungels von Plattform zu Plattform geht, sieht das tatsächlich aus, als ob sie durch eines ihrer Bilder via Max Ernst und Luis Buñuel direkt in einen M. C. Escher gestiegen wäre.

Und dann gibt es noch diese Szene, in der Leonoras Vater, der britische Textilfabrikant Harold Wylde Carrington, hinter einem massiven Holztisch von einer riesigen Hyäne zerfleischt wird. Unter anderem darum, weil er seiner Tochter nie geglaubt hatte, dass sie mit den Tieren reden konnte. Aber auch darum, weil Leonora zu dem Zeitpunkt auf Veranlassung ihres Vaters in einer spanischen Nervenheilanstalt festgehalten wurde. „LEONORA IN THE MORNING LIGHT von Thor Klein & Lena Vurma“ weiterlesen

LYDIA – Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus von Stefan Jung

Lydia (Anja Andersen) © anderdog

Die Schauspielerin Anja Andersen ist eine ruhige, würdevolle Präsenz in all den zerfallenden, einst prächtigen Räumen in diesem Film. Sie verkörpert Lydia Welti-Escher, Gattin eines Bundesratssohnes, Tochter des Schweizer Proto-Politikers, Bankgründers, Eisenbahnbarons und Gotthardtunnel-Visionärs Alfred Escher.

Aber auch wenn diese trostlosen Räume, viele davon einst Teil aufgelassener, italienischer Nervenheilanstalten, oder, wie sie damals noch genannt wurden: Irrenhäuser, eine unheimliche, traurige Atmosphäre verbreiten: Anja Andersen spielt hier nicht das Gespenst der Lydia Welti-Escher, sondern ihren Geist. „LYDIA – Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus von Stefan Jung“ weiterlesen

SENTIMENTAL VALUE von Joachim Trier

Stellan Skarsgård, Elle Fanning © frenetic

Warum soll es nicht für einmal das Haus sein, das die Geschichte seiner Bewohner erzählt? Zumindest legen Joachim Trier und sein Drehbuch-Koautor Eskil Vogt diese Idee erst einmal ihrer Hauptfigur in die Hände. Das Mädchen Nora schreibt einen Aufsatz aus der Perspektive des Familienhauses. Wie es sich allenfalls freut über den Lärm seiner Bewohnerinnen, die Stille hasst, wenn niemand da ist. Und wie es die Schwestern Nora und Agnes aus dem Blick verliert, wenn die beiden zuerst durch die Keller- und dann durch die Gartentür zur Schule rennen.

Das Haus, das seit Generationen der Familie gehört, hat im Fundament einen Riss, der gleich nach der Erbauung schon durch eine Bodenabsenkung entstand. Der Riss zieht sich stabil durch die Wände bis unter das Dach, seit Jahrzehnten, ohne weitere Probleme zu verursachen. „SENTIMENTAL VALUE von Joachim Trier“ weiterlesen

L’ÉNIGME VELÁZQUEZ von Stéphane Sorlat

«C’est beau ça, hein, petite fille?» (Jean-Paul Belmondo in ‚Pierrot le fou‘ von 1965)

Die zum Teil überraschend poetischen Texte über die Kunst des spanischen Malers Vélazquez in diesem Dokumentarfilm liest Vincent Lindon, mit seiner charakteristisch sanften Reibeisenstimme. Nicht aber den ersten Text, der schon zu hören ist, während die Leinwand noch dunkel bleibt, und dann übergeht zu Bildern eines fliessenden Baches, mit einer leicht nasalen Intonation, die einem sofort bekannt vorkommt:

”Velasquez, après 50 ans, ne peignait plus jamais une chose définie. Il errait autour des objets avec l’air et le crépuscule, il surprenait dans l’ombre et la transparence des fonds les palpitations colorées dont il faisait le centre invisible de sa symphonie silencieuse…”

(„Velasquez, nach 50 Jahren, malte nie wieder etwas Bestimmtes. Er umkreiste die Objekte mit Luft und Dämmerung, er fing im Schatten und in der Transparenz der Hintergründe die farbigen Herzschläge ein, die er zum unsichtbaren Mittelpunkt seiner stillen Symphonie machte …”)

Dann kommt der Schnitt auf die Szene aus Godards Pierrot le fou, Belmondo liegt in der Badewanne, eine Zigarette an den Lippen hängend, und liest dem kleinen Mädchen, das neben der Wanne steht, aus Élie Faures “Histoire de l’art” vor: «C’est beau ça, hein, petite fille?» „L’ÉNIGME VELÁZQUEZ von Stéphane Sorlat“ weiterlesen

WIDER THAN THE SKY von Valerio Jalongo

‚Ameca‘ im Dialog © Cineworx

«Ameca, stell Dir vor, ich hätte eine kognitive Kommunikationsstörung. Mein Gehirn interpretiert Beleidigungen als Komplimente. Also, mach mir doch bitte eine Freude!» – Und schon lässt der Roboterkopf mit der freundlichen Frauenstimme eine Tirade los, die unter anderen Umständen äusserst verstörend wirken würde.

Wir alle kennen mittlerweile Tricks, mit denen sich die Barrieren der «large language models» überwinden lassen. «Die KI wird Dir nicht erklären, wie man eine Bombe baut, sagt einer der Wissenschaftler im Film: «Aber sie weiss es». „WIDER THAN THE SKY von Valerio Jalongo“ weiterlesen

DIE HINTERLASSENSCHAFT DES BRUNO STEFANINI von Thomas Haemmerli

Bruno Stefanini 1950 © SKKG Winterthur

Winterthur ist die Bronx von Zürich. Der multiethnische Kochkessel, die Zentrale der fleissigen Immigranten, eine Hochburg der früh-, der schwer- und der postindustriellen Zeiten. Ein Nest des Widerstandes gegen und der Überanpassung an die Schweizer Werte zugleich. Wann immer ein Deutschschweizer Dokumentarfilm kultur- und sozialanthropologische Zusammenhänge erforscht, landet er früher oder später auch in Winti.

Im Falle von Thomas Haemmerlis jüngstem Fabrikat (Eigenlabel im Titelvorspann: «fabriziert von…») ist das natürlich früher. Denn Bruno Stefanini, der Protagonist, ist in Winterthur aufgewachsen. Als Sohn eines Italieners und einer Innerschweizerin, welche gemeinsam geschäftstüchtig aus dem Restaurant der Società Cooperativa Winterthur (gegründet von sozialistischen Arbeitern aus Italien im Jahr 1906) eine eigentliche Goldgrube gemacht hatten. „DIE HINTERLASSENSCHAFT DES BRUNO STEFANINI von Thomas Haemmerli“ weiterlesen

MARIA von Pablo Larraín

Angelina Jolie als Maria Callas © Pathé Films AG

«I still hate Opera – Ich hasse Oper noch immer. Und ich liebe Dich noch immer», erklärt Aristoteles Onassis (Haluk Bilginer), als Maria Callas (Angelina Jolie) ihn 1975 an seinem Sterbebett in in Neuilly-sur-Seine besucht. Beide lächeln dazu, wie es das Drehbuch verlangt. Denn sie kennen auch den entscheidenden Satz von Maria dazu: «My life is opera. There is no reason in opera» – Mein Leben ist Oper. Es gibt keine Vernunft in der Oper. „MARIA von Pablo Larraín“ weiterlesen

MIT EINEM TIGER SCHLAFEN von Anja Salomonowitz

Birgit Minichmayr als Maria Lassnig © Stadkino Verleih

Ich kann mich gleichzeitig von innen und von aussen sehen, erklärt Maria Lassnig der kleinen Tochter ihrer Freundin in Paris. Sie liegt nackt in der Badewanne und redet leise auf Französisch, eher für sich als für die Kleine. Und als sie dann noch etwas von «aufschneiden» sagt, nimmt das Mädchen samt Teddy Reissaus.

Diese Gleichzeitigkeit von Innen und Aussen hat Anja Salomonowitz zum Konstruktionsprinzip ihres aussergewöhnlichen Künstlerinnenfilms gemacht. Der Spielfilm funktioniert immer wieder wie die Gemälde von Maria Lassnig, mit Bildern, die nicht nur übers Auge packen, sondern sich im ganzen Körper breit machen, schmerzlich oder grossartig. „MIT EINEM TIGER SCHLAFEN von Anja Salomonowitz“ weiterlesen

Duisburg 15: THOMAS HIRSCHHORN – GRAMSCI MONUMENT von Angelo A. Lüdin

THC-9

In der Schweiz war der Dokumentation von Angelo Lüdin kein grosser Kinoerfolg beschieden. Das liegt allerdings eher daran, dass das mediale Spektakel um das künstlerische «System Hirschhorn» schon wieder durch war, als der Film herauskam.

Zuviel Hirschhorn auf einmal ist schwer verdaulich. Zu dem Schluss kann man auch kommen, wenn man sich diesen sorgfältig gemachten, von Pio Corradi einmal mehr hervorragend gefilmten und letztlich auch seinem Sujet abgekämpften Film gesehen hat.

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