Dieses Aschenbrödel bekommt nur zwei Nüsse. Aber dafür regelmässig, und vom Stallburschen. Nein, Den stygge stesøsteren ist kein Porno. Elvira, (Lea Myren), die hässliche Stiefschwester der schönen Prinzessin Agnes (Thea Sofie Loch Næss) steht im Zentrum dieser revisionistischen Märcheninterpretation. The Ugly Stepsister ist der Film, der dem plakativen Cannes-Gewinner The Substance vorführt, wie ein wirklich mehrdimensionaler Blick auf den Machbarkeitszwang von Jugend und Schönheit funktionieren kann.
Die Norwegerin Emilie Blichfeldt war mit ihrem Abschlusskurzfilm schon am Filmfestival in Locarno. Mit ihrem ersten Langfilm fährt sie nun heftig, witzig und ziemlich drastisch ein. Dabei hat sie nicht viel mehr unternommen, als das klassische Märchen vom Aschenbrödel so wörtlich wie möglich zu nehmen, und die Perspektive von der angeblich gepiesakten schönen Unschuld zu jener der älteren Stiefschwester zu verschieben. „THE UGLY STEPSISTER (Den stygge stesøsteren) von Emilie Blichfeldt“ weiterlesen
Das Rotkäppchen in diesem Film heisst Sibel, und sie ist eher ein Aschenbrödel. Auch wenn sie ihre Füsse für die Wolfsjagd in knallrote Gummistiefel steckt und mit einer vom Vater geschenkten Flinte unterwegs ist, die ihren Namen trägt.
Das türkisch-französische Filmer-Paar hat etwas gar viel in seinen jüngsten Film gepackt:
Die Parabel von der bedrohten traditionellen Macht, die sich zu halten versucht, in dem sie alle Oppositionellen zu Terroristen erklärt.
Den Wolf als projizierte Bedrohung für die Gemeinschaft, und als erotische Phantasie für eine erwachende junge Frau.
Die Stummheit der Hauptfigur als Ausdruck ihres Andersseins und Grund für ihre Aussenseiterrolle.
Und die faszinierende, tatsächlich existierende Pfeifsprache in diesem kleinen Bergdorf in der türkischen Schwarzmeer-Gegend, als Möglichkeit für Sibel, trotzdem kommunizieren zu können – aber nur mit Einheimischen, nicht mit dem vor dem Armeedienst geflüchteten Ali, der sich im Wald versteckt und in Sibels Wolfsfalle gerät.
Sibel ist ein zeitgenössisches Märchen, eine Türkei-Parabel, eine Gemeinschaftsstudie, das Porträt einer eigenwilligen, eigensinnigen und selbstbestimmten jungen Frau, und damit schlicht ein wenig überladen.
Dabei sind die einzelnen Erzählstränge durchaus faszinierend. Sibel, die stumme Tochter des verwitweten Bürgermeisters, ist sein heimlicher Stolz. Er geht mit ihr auf die Jagd, er weiss, sie ist die bessere Schützin als er. Er vertraut ihr, lässt sie ohne Kopftuch und jederzeit das Haus verlassen, sehr zum Verdruss der verwöhnten jüngeren Schwester.
Für die Frauen des Dorfes ist Sibel mit ihrer demonstrativen Freiheit ein Ärgernis und eine potentielle Bedrohung, für die Männer schlicht eine arme Behinderte. Und nicht zuletzt darum ist die junge Frau auf der Pirsch. Ihr Traum wäre es, den Wolf zu erlegen, das Dorf von der unsichtbaren Bedrohung zu befreien und so ihren Platz in der Gemeinschaft zu finden.
Bloss existiert der Wolf nicht wirklich, dafür taucht Ali auf im Gebüsch. Der junge Deserteur wirkt zwar wie ein Wolf auf Sibel, aber dadurch auch faszinierend und anziehend gefährlich.
Gefilmt ist das alles in einer überaus malerischen Umgebung, in Teeplantagen, auf Maisfeldern, im Dorf und im Wald, mit schönen, farbsatten Bildern.
Aber obwohl der Film nur 95 Minuten lang ist, zieht er sich doch zunehmend in die Länge. Am meisten gegen sein Ende, als die künstlich geschürte Wolfs-Angst und die Terroristen-Hetze in der aktuellen Türkei etwas gar deutlich ausgespielt werden, so sehr, dass man sich unwillkürlich fragt, ob dieser Film in Erdogans Reich in dieser Schnittversion wohl je wird gezeigt werden können.
Immerhin sind neben all den märchengerecht eindimensionalen Figuren jene der Sibel (Damla Sönmez erinnert an Marion Cotillard und an die Rote Zora) und jene des Vaters (Emin Gürsoy) ausgesprochen modern und faszinierend widersprüchlich. Ihre Konflikte sorgen dafür, dass immer wieder echte Spannung aufkommt, die der Film leider nicht halten kann.
Ein Märchen verzaubert hier am Filmfestival Venedig alle: Guillermo del Toros The Shape of Water, der im internationalen Wettbewerb läuft. Bekannt ist del Toro für seine versponnenen Märchen- und Monsterwelten: Hellboy, Pan’s Labyrinth, Pacific Rim: alles Filme, die ich gerne geschaut habe, die mir aber immer von allem etwas zu viel hatten: zu überbordend fand ich sie, zu fest in die Fantasyelemente verliebt. Und darüber blieb immer eine Distanz zu den Filmfiguren und ihren Geschichten.
The Shape of Water ist anders – und für mich der beste Film des mexikanischen Regisseurs bisher. Herzerwärmend, nahe bei den Figuren, eine einfache Geschichte, grossartig erzählt, inszeniert und gespielt. „Venedig 17: THE SHAPE OF WATER von Guillermo del Toro“ weiterlesen