Wie tönt Hitze? Wie sieht sie aus? Das sind Fragen, welche sich der Dokumentarfilmerin Jacqueline Zünd stellten, als sie ihren ersten Spielfilm Don’t let the Sun vorbereitete, und dabei auf so viele Themen stiess, dass sie gleich auch noch einen neuen Dokumentarfilm in Angriff nahm.
Als sie dann tatsächlich drehten, in Dubai, in Kuwait, wie immer mit Kameramann Nikolai von Graevenitz, hätten sie sie sich mehrfach gefragt, wer auf die hirnverbrannte Idee gekommen sei, erzählte Zünd gestern Abend nach der Weltpremiere ihres Films an den Visions du Réel in Nyon. „HEAT von Jacqueline Zünd“ weiterlesen
Warum dieser magische Film, der auf einer der dürrsten kapverdischen Vulkaninseln spielt, einen paradoxen japanischen Titel trägt – Hanami (japanisch 花見, „Blüten betrachten“) – wird im Verlauf der Handlung geklärt. So schön klar, oder vielmehr wunderbar unklar, wie der ganze Film.
Hanami ist zwar auch eine Erzählung, die Geschichte der kleinen Nana, welche von ihrer Mutter Nia auf einer der Vulkaninseln in der Obhut anderer Frauen zurückgelassen wird, bis sie wieder auftaucht, an Nanas sechzehnten Geburtstag.
Aber Hanami ist vor allem Sehnsucht, Traum, Ahnung. Ein Film, in dem die Zeiten sich überlagern, eigene und fremde Erinnerungen, wie Wellen über den vulkanischen Sandstrand schwappen, wie die Meeresschildkröten, die dort ihre Eier ablegen und die Jungschildkröten, welche dann über den gleichen Strand gemeinsam und gleichzeitig den gleichen Weg ins Wasser wieder auf sich nehmen. „HANAMI von Denise Fernandes“ weiterlesen
Drei Frauen kauern an der Badewanne und waschen ein kleines Mädchen. Die Szene hat etwas von einer Taufe. «Wie heisst Du?» fragt Marie. «Kenza», sagt die Kleine. «Wie alt bist Du?» fragt Naney. «J’ais deux ans», sagt Kenza. «Nein, Du bist nicht zwei Jahre alt, stellt Naney fest. «Wie heisst dein Papa? Wer war sonst mit Dir auf dem Boot?». Keine Antwort. «Gehst Du zur Schule?» fragt schliesslich Jolie. Und auch auf die Frage zuckt die Kleine nur die Schulter.
Dann kommt doch noch etwas: «Das Boot ist umgekippt. Die Erde ist kaputt gegangen. Der Onkel hat die Messer genommen, im Haus. Er hat sie in seine Tasche gesteckt und er hat sie auf die Leute geworfen…» „PROMIS LE CIEL von Erige Sehiri“ weiterlesen
Der Wind ist schon da, aber erst als sanfter Hauch. Er bewegt fast unmerklich die Haare und die Wimpern von Alyssa. Die Neunzenhnjährige sitzt auf dem Geländer eines städtischen Viaduktes in Tunis, ihre Beine hängen bedrohlich über dem Verkehr, ihr Blick verliert sich in der Ferne. Ihre Hände in Grossaufnahme lockern den Griff.
Vier harte Schnitte in zwölf Sekunden. Auf der Tonspur wird ihr Name gerufen: «Alyssa!» Sie schaut nach links, Reissschwenk zu Mehdi, der leicht entnervt fragt, worauf sie warte, Reisschwenk zurück zu Alyssa, sie hüpft aufs Trottoir, ein Lächeln lässt ihr Gesicht aufleuchten. Sie hebt ihren Rucksack hoch und die Kamera folgt ihr mit einem nun ruhigen Schwenk zurück nach links, während sie zu Mehdi hinrennt.
Es kommt nicht mehr so oft vor, dass ein Spielfilm sich dermassen schnell, gezielt und vor allem auffällig zum gestalteten Bild und dem gesteuerten Blick bekennt. Regisseurin Amel Guellaty etabliert gekonnt eine Erzählsituation, verspricht uns die Geschichte von Alyssa und Mehdi und versichert uns immer wieder mit auffälliger Gestaltung der Bilder und Szenen, dass sie uns mitnimmt zu den Abenteuern dieser zwei jungen Menschen in Tunesien. „WHERE THE WIND COMES FROM von Amel Guellaty“ weiterlesen
Wolfskinder haben ganz kleine Zähne, die nie ausfallen. Erst wenn die Milchzähne ihrer Kinder ausfallen, können Eltern und Dorfbewohner darum sicher sein, dass ihr Nachwuchs nicht durch ein Wolfskind aus dem Wald ersetzt worden ist.
Die 19jährige Skalde ist die beste Spurenleserin und Jägerin der kleinen Dorfgemeinschaft. Wie alle anderen Jugendlichen trägt sie ihre Milchzähne als Kette um den Hals. Und das kleine Mädchen, das aus dem Wald gekommen ist, zu ihr und ihrer Mutter Edith, das müsste Skalde eigentlich töten. „MILCHZÄHNE von Sophia Bösch“ weiterlesen
Naima ist der Titel des neuen Films von Anna Thommen. Naima ist auch der Name der Heldin dieses Films. Und Naima ist der Name der engsten Mitarbeiterin der Regisseurin. „NAIMA von Anna Thommen“ weiterlesen
Für einen Film mit einem komplett erfundenen Protagonisten fühlt sich The Brutalist oft schmerzlich dokumentarisch an. Das hat einen monumental grossartigen Zug.
Adrien Brody spielt den ungarischen Juden László Tóth. Der einstige Bauhaus-Student und modernistische Stararchitekt aus Budapest hat das KZ Buchenwald überlebt. Als der Film einsetzt, 1947, kommt er mit dem Schiff in New York an, einer von Tausenden, die versuchen, den Horror der Verfolgung und Entwurzelung hinter sich zu lassen. In einem Land, das nicht auf sie gewartet hat, den Neuankömmlinge Misstrauen und offene Ablehnung entgegen bringt. „THE BRUTALIST von Brady Corbet“ weiterlesen
Die Food-Velokuriere mit ihren farbigen Isoboxen auf dem Gepäckträger nehmen wir längst eher als Teil der Kulisse wahr, denn als Menschen mit einer eigenen Geschichte. „L’HISTOIRE DE SOULEYMANE von Boris Lojkine“ weiterlesen
Wälder und Felder hinter diesem kleinen bosnischen Ort an der grünen Grenze zu Kroatien sind voller Minen aus dem Bosnienkrieg der 1990er Jahre. Und durch die gleichen Wälder und Felder kommen immer wieder gruppenweise Migrantinnen und Migranten, Flüchtlinge aus Afghanistan, Kurdinnen, ganze Familien mit kleinen Kindern.
Von der Grenzpolizei werden sie misshandelt, ausgeraubt, ihre Telefone zerstört – und zurückgeschickt, barfuss, ohne Hoffnung, ohne eine andere Möglichkeit, als es wieder und wieder zu versuchen. „THE LANDSCAPE AND THE FURY von Nicole Vögele“ weiterlesen
Als «reine Unbekannte» bezeichnet Cristina Cattaneo jene Toten, für deren Identifizierung sich niemand zuständig fühlt. Die Mailänder Professorin für forensische Medizin kämpft seit Jahren für ein europäisches Gesetz, das die Staaten verpflichten soll, bei allen Toten die wichtigsten forensischen Erkennungsdaten zu erheben.