HANAMI von Denise Fernandes

Nana (Dailma Mendes) bei der Heilerin © cineworx

Warum dieser magische Film, der auf einer der dürrsten kapverdischen Vulkaninseln spielt, einen paradoxen japanischen Titel trägt – Hanami (japanisch 花見, „Blüten betrachten“) – wird im Verlauf der Handlung geklärt. So schön klar, oder vielmehr wunderbar unklar, wie der ganze Film.

Hanami ist zwar auch eine Erzählung, die Geschichte der kleinen Nana, welche von ihrer Mutter Nia auf einer der Vulkaninseln in der Obhut anderer Frauen zurückgelassen wird, bis sie wieder auftaucht, an Nanas sechzehnten Geburtstag.

Aber Hanami ist vor allem Sehnsucht, Traum, Ahnung. Ein Film, in dem die Zeiten sich überlagern, eigene und fremde Erinnerungen, wie Wellen über den vulkanischen Sandstrand schwappen, wie die Meeresschildkröten, die dort ihre Eier ablegen und die Jungschildkröten, welche dann über den gleichen Strand gemeinsam und gleichzeitig den gleichen Weg ins Wasser wieder auf sich nehmen. „HANAMI von Denise Fernandes“ weiterlesen

HIVER À SOKCHO von Koya Kamura

Roschdy Zem, Bella Kim © frenetic

Soo-Ha (Bella Kim) lebt in der südkoreanischen Stadt Sokcho, am japanischen Meer, unweit der Grenze zu Nordkorea. Die Bekannten im Quartier nennen sie freundlich «Bohnenstange» oder «Miss France». Die junge Frau ist nicht nur etwas grösser als die meisten ihrer Landsleute, sie hat auch sonst leicht andere Züge. Denn ihr Vater, den sie nie getroffen hat, war ein französischer Fischerei-Ingenieur, der nach Europa zurückfuhr, ohne von der Schwangerschaft von Soo-Has Mutter zu wissen. So hat es ihr die Mutter, Fischhändlerin am Hafen, erzählt. Für Soo-Ha war das Anlass genug, um in Seoul französische Literatur zu studieren.

An einem Wintertag fragt ein verschlossener Franzose (Roschdy Zem) nach einem Zimmer in der kleinen Pension, in der Soo-Ha seit ihrer Rückkehr nach Sokcho arbeitet. Der freundliche alte Pensionsbetreiber ruft sie aus der Küche, weil sie doch Französisch könne. Der Fremde, so findet Soo-Ha heraus, ist Yan Kerrand, in Frankreich ein bekannter und erfolgreicher Grafiker und Autor.

Hiver à Sokcho ist ein ungewöhnlicher – und vor allem ein ungewöhnlich schöner – Erstlingsfilm, weil Regisseur Koya Kamura, ein Franko-Japaner, die angedeuteten Wünsche und Konstellationen seiner Figuren eben so in der Schwebe lässt, wie der zugrundeliegende Roman der Franko-Koreanerin Elisa Shua Dusapin. „HIVER À SOKCHO von Koya Kamura“ weiterlesen

FATHER MOTHER SISTER BROTHER von Jim Jarmusch

Lilith (Vicky Krieps), Timothea (Cate Blanchett) und ihre Mutter (Charlotte Rampling) © filmcoopi

Geschwister und Eltern. Zum Jahresende hin waren die meisten von uns wieder einmal mit diesen Konstellationen konfrontiert, meist nicht abschliessend. Aber da hängt was in der Seele; es hat seinen Platz, selbst dann, wenn wir die Zeit dafür kaum je wirklich finden: Vater, Mutter, Schwester, Bruder… sie sind ein Stück von uns.

Jim Jarmusch wird am 22. Januar 2026 73 Jahre alt. Vielleicht auch darum hat er sich die Zeit genommen, dem nachzuspüren, was da in der Seele hängt, oder auch bloss kitzelt. Sein jüngster Film ist eine Art Installation. Eine Familienaufstellung als Versuchsanlage, ein Triptychon, und damit tatsächlich schon fast eine Altartafel.

In drei vordergründig voneinander unabhängigen filmischen Episoden spielt er mögliche Konstellationen durch, zwischen Wiedererkennen und kompletter Entfremdung. „FATHER MOTHER SISTER BROTHER von Jim Jarmusch“ weiterlesen

DES PREUVES D’AMOUR von Alice Douard

Céline (Ella Rumpf) mit Nadias Bauch © cineworx

«Sie wissen aber schon, dass das Kind nicht von mir ist?» fragt Céline beim jungen Arzt, der mit ihr und der hochschwangeren Nadia das übliche Schwangerschaftsabklärungsgespräch über allfällige Erbkrankheiten und sonstige Familiengebresten führt. «Ja, das weiss ich schon», antwortet dieser leicht verlegen: «Tatsächlich mache ich das eben zum ersten Mal mit zwei Frauen, und ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen.»

Das Jahr ist 2014, in Frankreich ist die gleichgeschlechtliche Ehe mit der Annahme der Loi Taubira im Jahr davor möglich geworden. Allerdings ist vieles noch nicht geregelt. Darum muss Céline (Ella Rumpf) auch noch einen Adoptionsantrag stellen für das Kind, welches Nadia (Monia Chokri) austrägt – obwohl die beiden legal verheiratet sind. „DES PREUVES D’AMOUR von Alice Douard“ weiterlesen

ZIKADEN von Ina Weisse

Isabell (Nina Hoss) und Anja (Saskia Rosendahl) © dcm

Wenn man anfängt, Chaos zu organisieren, kann Kunst passieren. Im Falle von Ina Weisses drittem Langspielfilm ist es beeindruckende, aber auch etwas künstliche Kunst. Die sauber geplante Machart von Zikaden erinnert nicht von ungefähr an den Bauhaus-Stil, welcher die Architektur und die Einrichtung des Brandenburger Ferienhauses oder die Berliner Wohnung der Hauptfigur Isabell (Nina Hoss) prägen: Klare Linien, viel Leerraum, hochwertiges Handwerk.

Isabell ist die Tochter eines Architekten, das Familienferienhaus ist eines seiner Werke, aber nun ist der Vater nach einem Schlaganfall im Rollstuhl und Isabell vor allem damit beschäftigt, seine Pflege zu organisieren und ihre Mutter zu entlasten. Isabells zunehmende Überforderung bringt auch ihre Ehe mit Philippe (Vincent Macaigne) an den Rand des Abgrunds.

Die umgekehrte Spiegelfigur zu Isabell ist die junge, alleinerziehende Mutter Anja (Saskia Rosendahl), die im Nachbarhaus der Ferienwohnung mit ihrer kleinen Tochter bei ihren Pflegeeltern lebt. Während Isabell Mühe hat, den eigenen, vor allem aber auch den von den Eltern vorausgesetzten Ansprüchen gerecht zu werden, pocht Anja zwischen Jobverlust und Solo-Mutterschaft mit Entschlossenheit auf ihre Eigenständigkeit. Das plötzlichen Funken zwischen den beiden Frauen nach ihrer ersten Begegnung hat denn auch die Dynamik von zwei Magneten, die sich je nach Orientierung anziehen oder abstossen. „ZIKADEN von Ina Weisse“ weiterlesen

NORMA DORMA von Lorenz Suter

Marina Guerrini (Norma) © filmcoopi

Es gibt Menschen, die träumen anders als wir.

Das ist die zentrale These von Schlafforscherin Mikka (Jeanne Werner). Die Idee kommt nicht so gut an im Parallax-Verlag, dessen Geschäftsmodell eher auf Verschwörungstheorien basiert. Aber Lektorin Norma (Marina Guerrini) fährt der Thesentitel «Dormir sans dormir» ein wie ein Blitz. Denn Norma kann zwischen Wachsein und Traum kaum mehr unterscheiden, seit der Vater ihres Sohnes verschwunden ist.

Am Kühlschrank hat er einen Zettel hinterlassen: Bin nicht weg. Komme wieder. H.

«Öppis schtimmt nit mit däre Wält», hält Norma wiederholt fest. Und: «Sit ich Muetter bin, isch nüt meh normal».

Wohin darf sich eine Mutter flüchten, wenn die Realität zu viel wird? Oder zu wenig? Dürfen wir uns in Schönheit verlieren, in der Schönheit eines Traumes? Oder wird er dann zum Alptraum?

Norma dorma ist ein traumhaft schöner Film. Für die Augen sowieso, die klare, rotstichige, satte Farbpalette macht aus bekannten Zürcher Orten wie den Sugus-Häusern, aber auch aus dem Origens Ospizio, dem roten Turm auf dem Julierpass, oder dem Erdhaus Villa Vals flirrend reale Traumorte. „NORMA DORMA von Lorenz Suter“ weiterlesen

MOTHER’S BABY von Johanna Moder

Hans Löw, Marie Leuenberger © filmcoopi

Niemand ist leichter zu verunsichern, als eine Frau, die eben ihr erstes Kind bekommen hat. Die Erwartungen an sie sind enorm, Mutterglück eine zwingende Erfordernis, und die Ratschläge und Ermahnungen prasseln auf sie ein wie Sperrfeuer. Den definitiven Horrorfilm zum Thema hat ein Mann gemacht.

Aber fast sechzig Jahre nach Rosemary’s Baby (1968) holt sich eine Frau aus Österreich das Kind zurück. Mother’s Baby von Johanna Moder fährt nicht mit dem Teufel ein, die sechsundvierzigjährige Filmemacherin schichtet subtil und unaufhaltsam kleinere und grössere Ängste um Geburt und Mutterschaft zu einem postnatalen Crescendo furioso. „MOTHER’S BABY von Johanna Moder“ weiterlesen

MOTHER MARA (Majka Mara) von Mirjana Karanović

Mara (Mirjana Karanović) und Milan (Vučić Perović) © cineworx

Mirjana Karanović war 2006 Das Fräulein für Andrea Štaka, international bekannt wurde sie aber schon 1985 mit Emir Kusturicas Durchbruch Papa ist auf Dienstreise. 2016 realisierte sie ihren ersten Spielfilm als Regisseurin, A Good Wife (Dobra Žena), und spielte auch gleich selbst die Titelrolle. Für ihren zweiten eigenen Spielfilm hat sich die vielbeschäftigte Schauspielerin Zeit lassen müssen.

Dafür ist Andrea Štaka als Produzentin an Bord bei Majka Mara, die beiden Frauen sind befreundet, nach Das Fräulein war Karanović auch in Štakas Cure und Mare als Schauspielerin dabei. Zu den Filmen, welche sie als Kinogängerin entscheidend geprägt hätten, zählt Mirjana Karanović Liliana Cavanis Il portiere di notte (1974), Andrea Arnolds Fish Tank von 2009 und Štakas Das Fräulein. „MOTHER MARA (Majka Mara) von Mirjana Karanović“ weiterlesen

LES COURAGEUX von Jasmin Gordon

Jule (Ophélia Kolb), Claire (Jasmine Kalisz Saurer) © outside the box

Jule hat drei Kinder und viele Probleme. Sie hat kein Geld, kaum Einkommen, eine kleinkriminelle Vergangenheit und dazu den unbändigen Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Das wäre überall auf der Welt schwierig, zumal sie eben so entschlossen ist, ihren Kindern nichts als Normalität und Familienfrieden zu bieten.

Noch schwieriger aber gestaltet sich das im Rhonetal im unteren Wallis, in der Kleinstadt in dieser Talweite, wo dann doch alles an solide Grenzen stösst, auch die Geduld der sozialen Institutionen. „LES COURAGEUX von Jasmin Gordon“ weiterlesen

WHEN WE WERE SISTERS von Lisa Brühlmann

Carlos Leal, Malou Mösli, Paula Rapaport © filmcoopi

«Versprichst Du mir, dass Du mir das nicht wieder versaust?»

Das fragt Mutter Monica (Lisa Brühlmann) ihre fünfzehnjährige Tochter Valeska (Paula Rapaport), bevor sich die beiden auf den Weg machen, um mit Monicas neuem Freund und dessen Tochter Lena (Malou Mösli) nach Griechenland in die Ferien zu fahren.

In diesem einzigen verzweifelten Appell steckt das ganze Drama dieses Films, offen auf den Tisch gelegt, in den ersten Minuten. „WHEN WE WERE SISTERS von Lisa Brühlmann“ weiterlesen