L’ÉTRANGER von François Ozon

Meursault (Benjamin Voisin), Marie Cardona (Rebecca Marder) © filmcoopi

Es braucht schon einen eklektischen Kinomeister wie Ozon, um Camus’ existenzialistischem Nihilismus so viel erotische Schönheit einzuschreiben. Er kann das, wegen dem (Sonnen-) Licht, mit dem er und sein Kameramann Manuel Dacosse die schwarzweisse Bilder­pracht aufladen: «C’est à cause du soleil».

Die kleinen, aber bezeichnenden Verschiebungen, welche François Ozon mit seiner insgesamt erstaunlich textgetreuen Adaption von Camus’ «Der Fremde» vornimmt, funktionieren wie in der Sonne blinzelnde Perspektivenwechsel. Statt des berühmten ersten Satzes des Buches, «Aujourd’hui maman est morte.» (Heute ist Mama gestorben), ist Meursault, bereits im Gefängnis, mit diesem Satz zu hören: «J’ai tué un Arabe» (Ich habe einen Araber getötet). „L’ÉTRANGER von François Ozon“ weiterlesen

KONTINENTAL ’25 von Radu Jude

Die Poster für Rossellinis ‚Europa ’51‘ und Judes ‚Kontinental ’25‘

Nicht nur der Filmtitel und das Plakat von Radu Judes neuem Film beziehen sich auf Europa ‘51 von Roberto Rossellini. Wie damals Ingrid Bergmans Irene Girard, richtet nun auch Eszter Tompas Orsolya, nach dem Suizid eines Mannes von Schuldgefühlen überwältigt, den Blick auf den Zustand der Welt und der Gesellschaft.

In langen, ruhig gefilmten und gleichzeitig durch absurde Alltags-Settings aufgelockerten Gesprächen versucht Orsolya ihren Schuldgefühlen beizukommen, während alle ihre Gesprächspartner, vom Ehemann über die Freundin, die Mutter und den einstigen Studenten bis zum orthodoxen Priester ihr erklären, warum sie persönlich doch eigentlich keine Schuld treffe.

Kontinental ‘25 ist eine Bestandsaufnahme unseres modernen Grundzustandes: Wir halten unsere latente Verzweiflung über den Lauf der Welt in Schach, indem wir eine gemeinsame Meisterschaft der Verdrängung etablieren. „KONTINENTAL ’25 von Radu Jude“ weiterlesen

Berlinale 16: L’AVENIR von Mia Hansen-Løve (Wettbewerb)

Philosophielehrerin Nathalie: Isabelle Huppert in 'L'avenir' © L. Bergery
Philosophielehrerin Nathalie: Isabelle Huppert in ‚L’avenir‘ © L. Bergery

Als Philosophie-Lehrerin müsste Nathalie (Isabelle Huppert) gerüstet sein für die Wendungen im Leben. Und als ihr Mann Heinz sie nach fünfundzwanzig Jahren Ehe für eine andere verlässt, ist sie das auch. Auf den ersten Blick.

Berlinale_Balken_2016

Etwas kühle Wut, gefasste Haltung – niemand kann das besser darstellen als Isabelle Huppert. Umso unerwarteter daher der Moment, in dem Nathalie dann doch die Tränen kommen: Ausgerechnet, als sie ihrem einstigen Lieblingsschüler Fabien (Roman Kolinka) von der Scheidung erzählt.
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