SILENT FRIEND von Ildikó Enyedi

Tony (Tony Leung Chiu-Wai) und der (die) Ginkgo Biloba © filmcoopi

Babies nähmen alle Umweltimpulse und Sinneseindrücke gleichzeitig wahr und würden sie auch so verarbeiten. Sie seien im Prinzip dauernd high, erklärt der von Tony Leung Chiu-Wai gespielte Neuro­wissen­schaftler bald nach Beginn des neuen Films der ungarischen Leinwandpoetin Ildikó Enyedi. Sehr zum Vergnügen seiner Studentinnen und Studenten an der Universität Marburg. Ein erwachsenes Gehirn müsste psychoaktiv stimuliert werden, etwa mit LSD, um von der antrainierten Monofokussierung wegzukommen.

Mit Stille Freundin (der Film ist eine deutsch-französisch-ungarische Koproduktion und wurde zum grössten Teil auf Deutsch in Deutschland gedreht) nimmt Ildikó Enyedi ihr Publikum behutsam mit auf so einen unwiderstehlichen Trip der aufgefächerten Perspektiven, in ein staunendes, lachendes, fröhlich-trotziges Baby-High.

Die Stille Freundin des Titels, ein prächtiger, riesiger Ginkgo-Baum im botanischen Garten von Marburg, ist das verbindende Element sich ergänzender Geschichten aus drei Jahrhunderten. «Ginkgo Biloba, 1832» steht auf dem Schildchen am Stamm des Baumes. „SILENT FRIEND von Ildikó Enyedi“ weiterlesen

LA VENUE DE L’AVENIR von Cédric Klapisch

Adèle (Suzanne Lyndon) in Paris, 1895 © frenetic

Eine weitverzweigte französische Familie erbt ein Haus in der Normandie, voll mit Bildern, Photos und Möbeln, das seit 1944 niemand mehr betreten hat. Beim Inventarisieren und Stöbern stossen die vier Familiendelegierten auf die Spuren von Adèle, der letzten Bewohnerin und ihrer aller Vorfahrin. Und auf die Spuren von Adèles Aufbruch mit 21 Jahren, nach Paris, im Jahr 1895, auf der Suche nach ihrer Mutter.

Nun durchdringen und mischen und informieren sich gegenseitig die letzten Jahre des 19. Jahrhunderts mit unserer Gegenwart. Seb (Abraham Wapler), der Content Creator, stösst auf Lucien (Vassili Schneider), den Photographie-Pionier und dessen Freund Anatole (Paul Kircher), der Anschluss sucht in den Künstler-Kreisen am Montmartre. Und mittendrin immer diese von Suzanne Lyndon gespielte Adèle. Wie Truffauts Catherine mit ihren Jules et Jim.

La venue de l’avenir ist eine attraktive Konstruktion. Ein Kostümfilm, der fest in unserer eigenen Zeit verankert ist, ein Drehbuch, das Umbrüche in Kunst, Kultur und Architektur vom Beginn der Moderne mit der Postmoderne parallel führt, damit immer wieder pointiert zu spielen versteht. „LA VENUE DE L’AVENIR von Cédric Klapisch“ weiterlesen