«Paris hat etliche unverbundene Wahrzeichen wie den Louvre, den Eiffel-Turm oder den Arc de Triomphe. Aber Paris hat noch keinen Kubus!» Der Mann, der das ändern will, heisst Johan Otto von Spreckelsen und er kommt aus Dänemark. Aber zunächst muss er vor der versammelten Presse die nicht ganz einfache Frage beantworten, wer er überhaupt sei… „L’INCONNU DE LA GRANDE ARCHE von Stéphane Demoustier“ weiterlesen
Nein, neutral ist dieser Dokumentarfilm zum Glück gar nicht. Das hätte auch niemand erwartet vom Westschweizer Dokumentarfilmer Stéphane Goël. Speziell dann nicht, wenn er sich der Neutralität widmet, jenem Schweizer Glaubensbekenntnis, das mehr individuelle Ausprägungen kennt, als die von den gleichen Gläubigen ähnlich inbrünstig beschworene Zehnmillionenschweiz.
Hat mich die satirische Komödie AMS – Arbeit muss sein hier an der Diagonale an den helvetischen Klassiker Die Schweizermacher erinnert, so ruft Harald Friedls vorgestern uraufgeführter Dokumentarfilm Wahlkampf das Echo eines anderen Schweizer Evergreens wieder auf: Mais im Bundeshuus von 2003.
Der stammt zwar aus politisch komplett anderen Zeiten und illustriert vor allem die parlamentarische Arbeit. Aber mit dem Fokus auf einzelne Figuren, insbesondere die Baselbieter Grüne Maya Graf, schuf Jean-Stéphane Bron damals einen niederschwelligen, sympathischen und ziemlich hellsichtigen Einblick in die Mechanik der Alltagspolitik.
Friedls Wahlkampf schafft mit seiner Direct Cinéma-Methode etwas Vergleichbares für die österreichische (und damit auch europäische) Gegenwart, indem er den Wahlkampf des damaligen krassen Aussenseiters und SPÖ-Spitzenkandidaten Andreas Babler während der letzten Nationalratswahlen von 2024 dokumentiert. „WAHLKAMPF von Harald Friedl“ weiterlesen
Sie hätten sich mit ihrem Protagonisten darauf geeinigt, dass er bei dieser Premiere an der Diagonale in Graz nicht dabei sein sollte, erklärten die Filmemacher Gregor Centner und Birgit Bergmann gestern Abend im Kino KIZ Royal. Schliesslich sei es darum gegangen, den Film, an dem sie über sechs Jahre gearbeitet hatten, zu zeigen und darüber in Ruhe mit dem Publikum reden zu können.
Das wäre schwierig geworden, wenn es in Graz an dem Tag zu Protestaktionen gegen die Einladung von Götz Kubitschek gekommen wäre. Und damit war zu rechnen. Denn der rechtsextreme Kubitschek gehört zu den Vordenkern der deutschen Identitären und ist damit auch einer der ideologischen Co-Architekten der AfD. „MEETING GÖTZ von Gregor Centner & Birgit Bergmann“ weiterlesen
Isabelle Huppert ist selbst dann hypnotisch auf der Leinwand, wenn sie – wie in diesem Film – mehrheitlich auf Autopilot durch die Szenen segelt. Ihre etablierte Mischung aus emotionaler Permafrostigkeit und kurzfristig angeknipstem Feuer passt schliesslich bestens zu dieser Marianne Farrère, welche sie hier verkörpert. Denn die ist ohne viel Verfremdung direkt der «L’Oréal»-Erbin Liliane Bettencourt nachempfunden.
Die Schauspielerin Anja Andersen ist eine ruhige, würdevolle Präsenz in all den zerfallenden, einst prächtigen Räumen in diesem Film. Sie verkörpert Lydia Welti-Escher, Gattin eines Bundesratssohnes, Tochter des Schweizer Proto-Politikers, Bankgründers, Eisenbahnbarons und Gotthardtunnel-Visionärs Alfred Escher.
Aber auch wenn diese trostlosen Räume, viele davon einst Teil aufgelassener, italienischer Nervenheilanstalten, oder, wie sie damals noch genannt wurden: Irrenhäuser, eine unheimliche, traurige Atmosphäre verbreiten: Anja Andersen spielt hier nicht das Gespenst der Lydia Welti-Escher, sondern ihren Geist.„LYDIA – Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus von Stefan Jung“ weiterlesen
Drei vermummte junge Frauen und zwei unmaskierte alte Männer sitzen um ein Lagerfeuer und reden über Widerstand, systemische und legitime Gewalt. Das ist die abenteuerliche Ausgangslage für den Dokumentarfilm Autour du feu, der seinen Autorinnen vor zwei Jahren den «Prix visioni» der Solothurner Filmtage eingebracht hat. Jetzt kommt er bei uns ins Kino, knapp vor dem Start der 61. Solothurner Filmtage (der letztjährige «Prix visioni» ging übrigens an Bilder im Kopf von Eleonora Camizzi). „AUTOUR DU FEU von Laura Cazador und Amanda Cortés“ weiterlesen
Die Schauspielerin Saadet Aksoy hat ein unendlich faszinierend schönes Gesicht, und blaue Augen, die einem stets, wie in Panik aufgerissen, direkt durch die Leinwand in die Seele starren. Das hilft dem neuen Film des türkisch-französischen Autorenregie-Duos Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti über seine ersten, etwas gemächlichen zwanzig Minuten hinweg. Mit Leichtigkeit.
Aksoy spielt Sabiha, die, mitten in der Scheidung und im Sorgerechtsstreit um ihren Sohn, in einem Telefonsex-Center am Stadtrand von Ankara arbeitet. Während sie in den Hörer stöhnt und dabei Notizen macht, um die Vorlieben ihrer Stammkunden nicht durcheinanderzubringen, sorgt sie sich andauernd darum, dass ihr Ex-Mann von dieser Arbeit erfahren und sie damit im Sorgerechtsprozess aushebeln könnte. „CONFIDENTE von Çağla Zencirci & Guillaume Giovanetti“ weiterlesen
Italiens Filmemacher sind besessen von Italiens Politikern. Jedenfalls jene ihrer Generation und deren Väter. Marco Bellocchio hat mit Buongiorno, notte (2003) die Entführung und Ermordung Aldo Moros durch die Brigate rosse rekonstruiert. Paolo Sorrentino hat Giulio AndreottiIl divo gewidmet, und dem Phänomen Silvio Berlusconi gar einen Zweiteiler mit Loro 1 und Loro 2. Und Nanni Moretti, der 1991 in Il portaborse von Daniele Lucchetti als Schauspieler die Mühlen politischer Korruption durchlitt, hat in seinen Filmen immer wieder direkt Bezug genommen auf die reale italienische Politik. Mit Il sol dell’avvenire (2023) hat er zuletzt gar die Wechselwirkungen und Ähnlichkeiten zwischen Filmemachern und Politikern direkt auf die Schippe genommen.
Andrea Segre kommt vom Dokumentarfilm, sein Berlinguer profitiert davon, dank etlicher dokumentarischer Archiveinschübe und sorgfältiger Abwägung. Aber Berlinguer: la grande ambizione ist dennoch, wie der Titel vermuten lässt, ein Heldenporträt. „BERLINGUER: LA GRANDE AMBIZIONE von Andrea Segre“ weiterlesen
Nein, wegen seiner formalen Qualitäten gehört dieser Dokumentarfilm nicht auf die grosse Kinoleinwand. Benjamin Weiss und Daniel Hitzig, sein Co-Autor, erzählen ihre Geschichte mit der bewährten Raffinesse eines längeren 10vor10- oder Tagesschau-Beitrages auf SRF, bis hin zum professionellen Off-Kommentar, gesprochen von Suzanne Zahnd. Tritt ein Experte oder eine Expertin auf, wird er oder sie ebenfalls zunächst ganz fernsehmässig auf Distanz «etabliert», etwa beim gezielten Marsch zur Bürotür.
Aber der Inhalt von Trop chaud, der nimmt einen durchaus mit. Zuerst auf die acht Jahre dauernde Geduldsreise der Schweizer Klimaseniorinnen, von der sorgfältigen Planung ihrer Anhörung vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EMRK) am 28. März 2023 in Strassburg bis zur Urteilsverkündung vom 9. April 2024. „TROP CHAUD von Benjamin Weiss“ weiterlesen