LYDIA – Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus von Stefan Jung

Lydia (Anja Andersen) © anderdog

Die Schauspielerin Anja Andersen ist eine ruhige, würdevolle Präsenz in all den zerfallenden, einst prächtigen Räumen in diesem Film. Sie verkörpert Lydia Welti-Escher, Gattin eines Bundesratssohnes, Tochter des Schweizer Proto-Politikers, Bankgründers, Eisenbahnbarons und Gotthardtunnel-Visionärs Alfred Escher.

Aber auch wenn diese trostlosen Räume, viele davon einst Teil aufgelassener, italienischer Nervenheilanstalten, oder, wie sie damals noch genannt wurden: Irrenhäuser, eine unheimliche, traurige Atmosphäre verbreiten: Anja Andersen spielt hier nicht das Gespenst der Lydia Welti-Escher, sondern ihren Geist. „LYDIA – Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus von Stefan Jung“ weiterlesen

AUTOUR DU FEU von Laura Cazador und Amanda Cortés

© Sister Distribution

Drei vermummte junge Frauen und zwei unmaskierte alte Männer sitzen um ein Lagerfeuer und reden über Widerstand, systemische und legitime Gewalt. Das ist die abenteuerliche Ausgangslage für den Dokumentarfilm Autour du feu, der seinen Autorinnen vor zwei Jahren den «Prix visioni» der Solothurner Filmtage eingebracht hat. Jetzt kommt er bei uns ins Kino, knapp vor dem Start der 61. Solothurner Filmtage (der letztjährige «Prix visioni» ging übrigens an Bilder im Kopf von Eleonora Camizzi). „AUTOUR DU FEU von Laura Cazador und Amanda Cortés“ weiterlesen

CONFIDENTE von Çağla Zencirci & Guillaume Giovanetti

Saadet Aksoy in ‚Confidente‘ © trigon

Die Schauspielerin Saadet Aksoy hat ein unendlich faszinierend schönes Gesicht, und blaue Augen, die einem stets, wie in Panik aufgerissen, direkt durch die Leinwand in die Seele starren. Das hilft dem neuen Film des türkisch-französischen Autorenregie-Duos Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti über seine ersten, etwas gemächlichen zwanzig Minuten hinweg. Mit Leichtigkeit.

Aksoy spielt Sabiha, die, mitten in der Scheidung und im Sorgerechtsstreit um ihren Sohn, in einem Telefonsex-Center am Stadtrand von Ankara arbeitet. Während sie in den Hörer stöhnt und dabei Notizen macht, um die Vorlieben ihrer Stammkunden nicht durcheinanderzubringen, sorgt sie sich andauernd darum, dass ihr Ex-Mann von dieser Arbeit erfahren und sie damit im Sorgerechtsprozess aushebeln könnte. „CONFIDENTE von Çağla Zencirci & Guillaume Giovanetti“ weiterlesen

BERLINGUER: LA GRANDE AMBIZIONE von Andrea Segre

Elio Germano als Enrico Berlinguer © cineworx

Italiens Filmemacher sind besessen von Italiens Politikern. Jedenfalls jene ihrer Generation und deren Väter. Marco Bellocchio hat mit Buongiorno, notte (2003) die Entführung und Ermordung Aldo Moros durch die Brigate rosse rekonstruiert. Paolo Sorrentino hat Giulio Andreotti Il divo gewidmet, und dem Phänomen Silvio Berlusconi gar einen Zweiteiler mit Loro 1 und Loro 2. Und Nanni Moretti, der 1991 in Il portaborse von Daniele Lucchetti als Schauspieler die Mühlen politischer Korruption durchlitt, hat in seinen Filmen immer wieder direkt Bezug genommen auf die reale italienische Politik. Mit Il sol dell’avvenire (2023) hat er zuletzt gar die Wechselwirkungen und Ähnlichkeiten zwischen Filmemachern und Politikern direkt auf die Schippe genommen.

Andrea Segre kommt vom Dokumentarfilm, sein Berlinguer profitiert davon, dank etlicher dokumentarischer Archiveinschübe und sorgfältiger Abwägung. Aber Berlinguer: la grande ambizione ist dennoch, wie der Titel vermuten lässt, ein Heldenporträt. „BERLINGUER: LA GRANDE AMBIZIONE von Andrea Segre“ weiterlesen

TROP CHAUD von Benjamin Weiss

‚Trop chaud – KlimaSeniorinnen vs. Switzerland‘ © Anderdog Film

Nein, wegen seiner formalen Qualitäten gehört dieser Dokumentarfilm nicht auf die grosse Kinoleinwand. Benjamin Weiss und Daniel Hitzig, sein Co-Autor, erzählen ihre Geschichte mit der bewährten Raffinesse eines längeren 10vor10- oder Tagesschau-Beitrages auf SRF, bis hin zum professionellen Off-Kommentar, gesprochen von Suzanne Zahnd. Tritt ein Experte oder eine Expertin auf, wird er oder sie ebenfalls zunächst ganz fernsehmässig auf Distanz «etabliert», etwa beim gezielten Marsch zur Bürotür.

Aber der Inhalt von Trop chaud, der nimmt einen durchaus mit. Zuerst auf die acht Jahre dauernde Geduldsreise der Schweizer Klimaseniorinnen, von der sorgfältigen Planung ihrer Anhörung vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EMRK) am 28. März 2023 in Strassburg bis zur Urteilsverkündung vom 9. April 2024. „TROP CHAUD von Benjamin Weiss“ weiterlesen

Offener Brief gegen die Reduktion des medialen Grund-Angebots in ein Häppchen-Buffet

Der Filmpodcast «Kino im Kopf», den viele Leserinnen und Leser dieses Blogs seit Jahren regelmässig gehört haben, ist bei SRF bereits eingestellt worden. „Offener Brief gegen die Reduktion des medialen Grund-Angebots in ein Häppchen-Buffet“ weiterlesen

WIR ERBEN von Simon Baumann

Stephanie und Ruedi Baumann © filmcoopi

Nach zwei Dritteln dieses Dokumentarfilmes fällt dieser hinreissende Halbsatz, der uns, unser Land, die Schweiz, in perfekter Offenheit erfasst:

«Die angeri Mehrheit…»

Die «andere Mehrheit», also jene Hälfte der Beteiligten, deren Meinung knapp unterlegen ist, deren Stimmen ein winziges bisschen weniger zum Tragen gekommen ist. In dieser anderen Mehrheit findet sich in unserer Demokratie immer wieder (fast) die Hälfte der sogenannten «Stimmbevölkerung». „WIR ERBEN von Simon Baumann“ weiterlesen