KONTINENTAL ’25 von Radu Jude

Die Poster für Rossellinis ‚Europa ’51‘ und Judes ‚Kontinental ’25‘

Nicht nur der Filmtitel und das Plakat von Radu Judes neuem Film beziehen sich auf Europa ‘51 von Roberto Rossellini. Wie damals Ingrid Bergmans Irene Girard, richtet nun auch Eszter Tompas Orsolya, nach dem Suizid eines Mannes von Schuldgefühlen überwältigt, den Blick auf den Zustand der Welt und der Gesellschaft.

In langen, ruhig gefilmten und gleichzeitig durch absurde Alltags-Settings aufgelockerten Gesprächen versucht Orsolya ihren Schuldgefühlen beizukommen, während alle ihre Gesprächspartner, vom Ehemann über die Freundin, die Mutter und den einstigen Studenten bis zum orthodoxen Priester ihr erklären, warum sie persönlich doch eigentlich keine Schuld treffe.

Kontinental ‘25 ist eine Bestandsaufnahme unseres modernen Grundzustandes: Wir halten unsere latente Verzweiflung über den Lauf der Welt in Schach, indem wir eine gemeinsame Meisterschaft der Verdrängung etablieren. „KONTINENTAL ’25 von Radu Jude“ weiterlesen

Locarno 16: INIMI CICATRIZATE (Scarred Hearts) von Radu Jude (Wettbewerb)

Lucian Teodor Rus, Alexandru Dabija, Serban Pavlu
Lucian Teodor Rus, Alexandru Dabija, Serban Pavlu

Ein junger Mann mit Knochentuberkulose wird von seinem Vater in ein Sanatorium gebracht. Da lebt er, unter anderen Leidenden, jahrelang. Die Patienten werden eingegipst, amputiert, punktiert, auf die Terasse an die Meerluft geschoben. Sie leben miteinander, durcheinander. Und immer wieder mal stirbt einer oder ein von ihnen.

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Dieser Zauberberg der vernarbten Herzen spielt in Rumänien. Im Film heisst der schwer kranke junge Mann Emanuel. Wie er in Wirklichkeit hiess, darüber gehen die Meinungen auseinander.

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Cannes 16: BACALAUREAT (Graduation) von Cristian Mungiu (Wettbewerb)

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Vor neun Jahren erblühte mit dem in den 80er Jahren spielenden Abtreibungsdrama 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage von Cristian Mungiu das rumänische Filmwunder hier in Cannes mit voller Wucht. Mungiu holte die goldene Palme. Mit seinem jüngsten Film ist der Rumäne nun mitten in der nicht weniger harten Gegenwart seines Landes.

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Ein rund fünfzig Jahre alter Arzt in einer transylvanischen Bergstadt hat seine Tochter mit dem Ziel aufgezogen, sie schulisch so weit zu fördern, dass sie den Heimatort nach der Matura mit einem Stipendium so schnell und so weit wie möglich verlassen kann.

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Picnic von Adrian Sitaru

Picnic Ioana Flora Xenix
Ioana Flora in 'Picnic' © Xenix

Spätestens als Cristian Mungiu vor zwei Jahren in Cannes die goldene Palme gewann, stellte die Welt fest, dass das junge rumänische Kino im Begriff war, mehr als nur sich selbst zu erneuern. Jetzt kommt mit Picnic von Adrian Sitaru ein neuer Beweis für die Vitalität dieser eben so jungen wie radikalen Filmemacher aus Rumänien bei uns ins Kino.

Das Erste, was auffällt an Sitarus Film, ist die extreme subjektive Kamera. Sie sieht ausschliesslich das, was die Protagonisten sehen. Zudem handelt es sich um eine wackelige Handkamera. Wenn also ein Mann und eine Frau aus einem Haus kommen und ihr Auto für ein Picknick beladen, dann ist das schon ziemlich gewöhnungsbedürftig: Kommt sie auf ihn zu, während er den Kofferraum schliesst, bewegt sich die Kamera dort, wo ihr Kopf wäre. Dann geraten die beiden in einen kurzen Wortwechsel : Darf Er fahren, obwohl er keinen Führerausweis hat? Da ist der Blickwechsel von ihm aus dem Auto heraus zu ihr neben der Fahrertür und zurück ziemlich anstrengend.

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