AMS – ARBEIT MUSS SEIN von Sebastian Brauneis

Kopf des Widerstands: Marie Wotruba (Margarete Tiesel) © Studio Brauneis

Das dreckige Dutzend der wütenden Arbeitslosen schlägt zurück, in dieser erstaunlich entschlossenen und bisweilen urkomischen österreichischen Satire. Was in der Schweiz das RAV ist, die regionale Arbeitsvermittlung, das ist in Österreich der Arbeitsmarktservice AMS. Eine Institution mit politischer Funktion, zur Beruhigung des Volkszorns und zur Steuerung der Statistik.

Ähnlich wie seinerzeit Die Schweizermacher, in Rolf Lyssys helvetischer Sozialsatire, agieren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des neoliberal privatisierten «Arbeitsmatchingservices AMS» im zeitgenössischen Wien dieses eben so verschmitzten wie ehrlich empörten Films, der gestern an der Diagonale seine Weltpremiere hatte: Es gibt ein paar Anständige darunter, und ein paar Karrieregetriebene.

Allen voran die skrupellos auf Aufstieg getrimmte Kathi Kratochvil (grossartig hassenswert: Marie-Luise Stockinger), welche ihr Bonuspunktekonto über effizientes Ausmustern und Sperren ihrer arbeitslosen Klientel zu füllen sucht. „AMS – ARBEIT MUSS SEIN von Sebastian Brauneis“ weiterlesen

LA FEMME LA PLUS RICHE DU MONDE von Thierry Klifa

Marianne Farrère (Isabelle Huppert) © frenetic

Isabelle Huppert ist selbst dann hypnotisch auf der Leinwand, wenn sie – wie in diesem Film – mehrheitlich auf Autopilot durch die Szenen segelt. Ihre etablierte Mischung aus emotionaler Permafrostigkeit und kurzfristig angeknipstem Feuer passt schliesslich bestens zu dieser Marianne Farrère, welche sie hier verkörpert. Denn die ist ohne viel Verfremdung direkt der «L’Oréal»-Erbin Liliane Bettencourt nachempfunden.

Ihr gegenüber chargiert der einstige Star der Comédie-Française, Laurent Lafitte, in der Rolle des Fotografen Pierre-Alain Fantin, seinerseits ein direkter Abklatsch des realen Fotografen und Bettencourt-Profiteurs François-Marie Banier. „LA FEMME LA PLUS RICHE DU MONDE von Thierry Klifa“ weiterlesen

EDDINGTON von Ari Aster

Joaquin Phoenix and Pedro Pascal in ‚Eddington‘ © Ascot-Elite

Wahrscheinlich muss ein ehrlicher Film über den gesellschaftlichen Zustand der USA dermassen unangenehm sein wie Eddington. Der zunehmend gehässige Wahlkampf des Kleinstadtsheriffs Joe Cross (Joaquin Phoenix) um den Job als Bürgermeister gegen den Amtsinhaber Mayor Ted Garcia (Pedro Pascal) ist nicht nur ein Echo von Trump vs. Biden, der ganze Wahnsinn spielt auch noch in den Corona-Zeiten – mit allen kulturkämpferischen Implikationen.

Sheriff Joe, der eigentlich die offiziellen Regeln durchsetzen müsste, ist nicht nur ein vehementer Maskengegner, er hat auch Probleme mit seiner mental angeschlagenen Frau Louise Cross (Emma Stone), die er um alles liebt, und deren Mutter Dawn (Deirdre O’Connell), welche mit sektiererischer Vehemenz in alle verschwörungstheoretischen Wurmlöcher abtaucht. „EDDINGTON von Ari Aster“ weiterlesen

ONE BATTLE AFTER ANOTHER von Paul Thomas Anderson

Bob (Leonardo DiCaprio) © 2025 Warner Bros.

Nach sechzehn Jahren untertauchen weiss Bombenbauer Bob (Leonardo Di Caprio) das richtige Passwort nicht mehr. Also hängt er fluchend am Telefon wie ein Wutbürger in der Endlosschleife seiner Krankenkasse. Dabei hat ihn eben seine einstige Nemesis Col. Steven J. Lockjaw (ein irrwitziger Sean Penn) mit einer armeeähnlichen Polizeieinheit in seiner Waldhütte aufgespürt. Während Bobs sechzehnjährige Tochter Willa von einer einstigen Co-Revolutionärin in ein anderes Versteck gebracht wurde, das Bob verzweifelt zu lokalisieren versucht. „ONE BATTLE AFTER ANOTHER von Paul Thomas Anderson“ weiterlesen

THE UGLY STEPSISTER (Den stygge stesøsteren) von Emilie Blichfeldt

Mutter (Ane Dahl Torp) und Tochter (Lea Myren) © Memento Films

Dieses Aschenbrödel bekommt nur zwei Nüsse. Aber dafür regelmässig, und vom Stallburschen. Nein, Den stygge stesøsteren ist kein Porno. Elvira, (Lea Myren), die hässliche Stiefschwester der schönen Prinzessin Agnes (Thea Sofie Loch Næss) steht im Zentrum dieser revisionistischen Märcheninterpretation. The Ugly Stepsister ist der Film, der dem plakativen Cannes-Gewinner The Substance vorführt, wie ein wirklich mehrdimensionaler Blick auf den Machbarkeitszwang von Jugend und Schönheit funktionieren kann.

Die Norwegerin Emilie Blichfeldt war mit ihrem Abschlusskurzfilm schon am Filmfestival in Locarno. Mit ihrem ersten Langfilm fährt sie nun heftig, witzig und ziemlich drastisch ein. Dabei hat sie nicht viel mehr unternommen, als das klassische Märchen vom Aschenbrödel so wörtlich wie möglich zu nehmen, und die Perspektive von der angeblich gepiesakten schönen Unschuld zu jener der älteren Stiefschwester zu verschieben. „THE UGLY STEPSISTER (Den stygge stesøsteren) von Emilie Blichfeldt“ weiterlesen

U ARE THE UNIVERSE von Pavlo Ostrikov

Volodymyr Kravchuk in 'U Are the Universe' © True Colours Glorious Films Srl
Volodymyr Kravchuk in ‚U Are the Universe‘ © True Colours Glorious Films Srl

Andriy Melnyk (Volodymyr Kravchuk) ist ein «Space Trucker», der einsame Pilot eines Raumfrachters. Mit einer Ladung radioaktiven Abfalls ist er auf dem Weg zum Jupitermond Kallisto. Zwei Jahre hin, zwei Jahre zurück, so ist es geplant. Melnyk mag die Ruhe, selbst der zur Aufrechterhaltung der Moral auf Witzeerzählen und Schachspielen programmierte Bordcomputer ist ihm eigentlich zu viel Gesellschaft.

Aber dann explodiert, sozusagen im Rückspiegel, die Erde. Melnyk ist plötzlich der einzige Überlebende der Menschheit. Mit Galgenhumor erklärt er sich zum Herrscher über alles. Den Vorschlag des Bordcomputers, die Nahrungsvorräte im Schiff zu rationieren, weist er zurück: «Lieber sterbe ich früher an Gastritis als später vor Hunger.»

Stattdessen empfängt er einen Funkspruch, zeitversetzt um drei Stunden. „U ARE THE UNIVERSE von Pavlo Ostrikov“ weiterlesen

MICKEY 17 von Bong Joon-Ho

Mickey 17 & 18 (Robert Pattinson) © 2025 Warner Bros. Ent.

Mickey ist viele. Oder vielmehr: Mickey war viele. Nun ist er ein Multiple, bzw. doppelt, weil Mickey 17 seine letzte Mission auf dem fremden Planeten ungeplant überlebt hat, und sein Klon Mickey 18 im Raumschiff schon ausgedruckt wurde. „MICKEY 17 von Bong Joon-Ho“ weiterlesen

LE PROCÈS DU CHIEN von Lætitia Dosch

Lætitia Dosch und Kodi le chien © Pathé Films AG

Als Schauspielerin ist Lætitia Dosch eine Naturgewalt und schon lange auf der Leinwand. Ihre erste sichtbare Rolle war klein, als Schwester einer der Hauptfiguren in Frédéric Mermouds Complices von 2009. Da war Dosch schon 29 Jahre alt. Aber seither hat sie unaufhaltsam gespielt, in 46 Filmen bis heute, und seit Léonore Serailles Jeune femme von 2019 ist sie ein etablierter Teil des französischsprachigen Kinos.

Sie spielte sehr unterschiedliche Rollen von scheu bis exaltiert. Aber als Persönlichkeit, wie sie etwa in Interviews oder bei öffentlichen Auftritten zu erleben ist, ist sie ein fröhliches, offenes Energiebündel und damit sehr nahe an der Rolle, die sie sich für ihren erste eigene Regiearbeit selbst auf den Leib und die Seele geschrieben hat. „LE PROCÈS DU CHIEN von Lætitia Dosch“ weiterlesen

THE POD GENERATION von Sophie Barthes

Chiwetel Ejiofor, Rosalie Craig und Emilia Clarke in ‚The Pod Generation‘ © Ascot-Elite

Mit Emilia Clarke, der «Mother of Dragons» aus «Game of Thrones» wurde am Freitagabend das 22. Neuchâtel International Fantastic Film Festival NIFFF eröffnet. In der Science-Fiction Dramödie «The Pod Generation» nehmen eiförmige tragbare Brutpods den Frauen die Schwangerschaft ab.

Emilia Clarke und die Eier… nichts als Probleme mit dem auszubrütenden Nachwuchs. In «Game of Thrones» hat sich ihre Hartnäckigkeit mit den Dracheneiern gelohnt, die ausgewachsenen Biester sicherten der Khaleesi ihre Macht – wenn auch nicht auf Dauer. „THE POD GENERATION von Sophie Barthes“ weiterlesen

BAD LUCK BANGING OR LOONY PORN (Babardeală cu bucluc sau porno balamuc) von Radu Jude (Berlinale 2021, Wettbewerb)

Goldener Bär für den Besten Film 2021

Katia Pascariu © Silviu Gheti / Micro Film

Was für ein Trip! Dieser «Verrückten-Porno» des Rumänen Radu Jude (Vernarbte Herzen) ist – rein formal argumentiert – ein schlampig zusammengeschusterter Unfall, inhaltlich ein Pandemie-Seufzer und ganz sachlich der erste reguläre Maskenfilm in Kinolänge an einem Filmfestival. Aber er trifft.

Vor dem Filmtitel wird erst einmal ein per Mobifon gefilmter Amateur-Porno auf die Leinwand geschmissen. Ein Paar hat Sex mit Spielchen, ein wenig Blowjob, etwas Peitsche, ein wenig Doggy-Style. Zwischendurch hört man eine ältere Frauenstimme durch die Zimmertür quengeln, es geht wohl um das Kind des Paares. Das ist nicht übertrieben hübsch anzuschauen, aber auch nicht wirklich ungewöhnlich. Ausser als Anfang eines Berlinale-Wettbewerbsfilmes vielleicht. „BAD LUCK BANGING OR LOONY PORN (Babardeală cu bucluc sau porno balamuc) von Radu Jude (Berlinale 2021, Wettbewerb)“ weiterlesen