PROMIS LE CIEL von Erige Sehiri

Jolie (Laetitia Ky), Marie (Aïssa Maïga), Kenza (Estelle Kenza Dogbo), Naney (Debora Lobe Naney) © trigon

Drei Frauen kauern an der Badewanne und waschen ein kleines Mädchen. Die Szene hat etwas von einer Taufe. «Wie heisst Du?» fragt Marie. «Kenza», sagt die Kleine. «Wie alt bist Du?» fragt Naney. «J’ais deux ans», sagt Kenza. «Nein, Du bist nicht zwei Jahre alt, stellt Naney fest. «Wie heisst dein Papa? Wer war sonst mit Dir auf dem Boot?». Keine Antwort. «Gehst Du zur Schule?» fragt schliesslich Jolie. Und auch auf die Frage zuckt die Kleine nur die Schulter.

Dann kommt doch noch etwas: «Das Boot ist umgekippt. Die Erde ist kaputt gegangen. Der Onkel hat die Messer genommen, im Haus. Er hat sie in seine Tasche gesteckt und er hat sie auf die Leute geworfen…» „PROMIS LE CIEL von Erige Sehiri“ weiterlesen

CONFIDENTE von Çağla Zencirci & Guillaume Giovanetti

Saadet Aksoy in ‚Confidente‘ © trigon

Die Schauspielerin Saadet Aksoy hat ein unendlich faszinierend schönes Gesicht, und blaue Augen, die einem stets, wie in Panik aufgerissen, direkt durch die Leinwand in die Seele starren. Das hilft dem neuen Film des türkisch-französischen Autorenregie-Duos Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti über seine ersten, etwas gemächlichen zwanzig Minuten hinweg. Mit Leichtigkeit.

Aksoy spielt Sabiha, die, mitten in der Scheidung und im Sorgerechtsstreit um ihren Sohn, in einem Telefonsex-Center am Stadtrand von Ankara arbeitet. Während sie in den Hörer stöhnt und dabei Notizen macht, um die Vorlieben ihrer Stammkunden nicht durcheinanderzubringen, sorgt sie sich andauernd darum, dass ihr Ex-Mann von dieser Arbeit erfahren und sie damit im Sorgerechtsprozess aushebeln könnte. „CONFIDENTE von Çağla Zencirci & Guillaume Giovanetti“ weiterlesen

LES FEMMES AU BALCON von Noémie Merlant

Sanda Codreau, Noémie Merlant © frenetic

La canicule, die Hitze der Hundstage, liegt über Marseille, und das Leben der Frauen-WG von Ruby (Souheila Yacoub) und Nicole (Sanda Codreanu) findet hauptsächlich auf dem Balkon statt. Als dann auch noch Freundin Elise (Noémie Merlant) aus Paris dazustösst, im engen roten Kleid und mit Marilyn-Monroe-Look, japsend vor Atemnot, ist der Rahmen gesetzt für eine fröhliche Sommerkomödie. Dabei müsste das Publikum eigentlich gewarnt sein, denn die ersten Einstellungen des Films erinnerten nicht nur an Hitchcocks Rear Window, sondern zeigten auch fast beiläufig einen möglicherweise mörderischen Ehedisput auf dem Nebenbalkon.

Die Verweise auf andere Filme und Figuren kommen nicht von ungefähr, genauso wenig wie die blonde Perücke, welche Regisseurin Noémie Merlant in ihren ersten Szenen trägt. Elise ist Schauspielerin und hat eben in Paris in der Titelrolle einen Fernsehfilm über die Affäre von Marilyn Monroe mit Yves Montand während der Dreharbeiten zu Let’s Make Love abgedreht. Der Moment, in dem Elise die blonde Perücke schliesslich vom Kopf zieht, ist einer von etlichen überraschenden Kippunkten in der wilden, metaphorisch explosiven und stilistisch hypereklektischen Achterbahnfahrt von Les femmes au balcon. „LES FEMMES AU BALCON von Noémie Merlant“ weiterlesen

MILCHZÄHNE von Sophia Bösch

Das Waldmädchen Meisis (Viola Hinz) © dschointventschr

Wolfskinder haben ganz kleine Zähne, die nie ausfallen. Erst wenn die Milchzähne ihrer Kinder ausfallen, können Eltern und Dorfbewohner darum sicher sein, dass ihr Nachwuchs nicht durch ein Wolfskind aus dem Wald ersetzt worden ist.

Die 19jährige Skalde ist die beste Spurenleserin und Jägerin der kleinen Dorfgemeinschaft. Wie alle anderen Jugendlichen trägt sie ihre Milchzähne als Kette um den Hals. Und das kleine Mädchen, das aus dem Wald gekommen ist, zu ihr und ihrer Mutter Edith, das müsste Skalde eigentlich töten. „MILCHZÄHNE von Sophia Bösch“ weiterlesen

Berlinale 18: IN DEN GÄNGEN von Thomas Stuber (Wettbewerb)

Sandra Hüller und Franz Rogowski © Sommerhaus Filmproduktion / Anke Neugebauer

Franz Rogowski ist tatsächlich der Shooting Star der diesjährigen Berlinale. Er trägt nicht nur Christian Petzolds Transit souverän und zurückhaltend, er gibt auch dem neuen Film von Thomas Stuber eine fragile Mitte.

Von der Anlage her erinnert In den Gängen an die Texte und Filme des verstorbenen Harun Farocki. Der Film spielt in den Gängen eines Warenlager-Direktverkauf-Grossmarktes im Osten Deutschlands. „Berlinale 18: IN DEN GÄNGEN von Thomas Stuber (Wettbewerb)“ weiterlesen

Locarno 17: EN EL SÉPTIMO DÍA (On the Seventh Day) von Jim McKay (Wettbewerb)

José (Fernando Cardona) © C-Hundred Film Corp.
Illegale mexikanische Immigranten in New York und Fussball… das klingt nach einem Konzept, das auch von Ken Loach und seinem Drehbuchautor Paul Laverty stammen könnte.

Aber der Amerikaner Jim McKay hat da seinen eigenen Hintergrund. Und der Film, den er aus einer einzelnen Idee heraus geschaffen hat, funktioniert ganz gut. „Locarno 17: EN EL SÉPTIMO DÍA (On the Seventh Day) von Jim McKay (Wettbewerb)“ weiterlesen

Cannes 09: Looking for Eric

looking for eric ken loach

Das Team LavertyLoach bringt es immer wieder fertig, sein klassisches Thema von der Solidarität der kleinen Leute zu variieren. Looking for Eric ist der bisher vergnüglichste Film im diesjährigen Wettbewerb, mit Figuren, einer Geschichte und einem Höhepunkt, der ihm Full-Monty-Potential verleiht. Im Zentrum steht der Briefträger Eric, dem das Leben über den Kopf gewachsen ist. Aber während er in seinem Schlafzimmer heimlich einen Joint raucht, den er seinem älteren Sohn geklaut hat, taucht plötzlich sein Held bei ihm auf, der Fussballer Eric Cantona, und beginnt, ihn wieder aufzubauen. Erics schwacher Punkt ist seine grosse Liebe Lily, seine Frau, die er vor dreissig Jahren hat sitzen lassen.

„Cannes 09: Looking for Eric“ weiterlesen