LYDIA – Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus von Stefan Jung

Lydia (Anja Andersen) © anderdog

Die Schauspielerin Anja Andersen ist eine ruhige, würdevolle Präsenz in all den zerfallenden, einst prächtigen Räumen in diesem Film. Sie verkörpert Lydia Welti-Escher, Gattin eines Bundesratssohnes, Tochter des Schweizer Proto-Politikers, Bankgründers, Eisenbahnbarons und Gotthardtunnel-Visionärs Alfred Escher.

Aber auch wenn diese trostlosen Räume, viele davon einst Teil aufgelassener, italienischer Nervenheilanstalten, oder, wie sie damals noch genannt wurden: Irrenhäuser, eine unheimliche, traurige Atmosphäre verbreiten: Anja Andersen spielt hier nicht das Gespenst der Lydia Welti-Escher, sondern ihren Geist. „LYDIA – Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus von Stefan Jung“ weiterlesen

QUI VIT ENCORE von Nicolas Wadimoff

Prix de Soleure 2026
© First Hand Films

Neun Menschen malen auf einer Bühne die Umrisse des Gazastreifens auf den Boden. Der älteste, Jawdat Khoudary, ist 62 Jahre alt, die jüngste, Ghada Al Masri, 14. Innerhalb der Markierung malen sie dann je ein Viereck, welches die ungefähre Lage ihres Herkunftsortes im Gazastreifen markiert. Und dann erzählen sie, eine nach dem anderen, wie sie dort gelebt haben, wie die Hölle des Krieges über sie hereinbrach, und wie sie die Flucht nach Ägypten schafften, bevor die israelische Armee im Mai 2024 den Grenzübergang bei Rafah dicht machte.

Nicolas Wadimoff setzt den längst zu unserem globalen Alltag gehörenden Bildern von Tod und Zerstörung und verzweifelten Menschen, deren Namen wir kaum je erfahren, das pure, persönliche Erzählen gegenüber. Wir lernen Menschen kennen, die von ihrem Schicksal, ihrer Familie und ihrem Leben erzählen, einander dabei zuhören und die eine oder andere Schilderung ergänzen oder bestätigen.

Das ist nicht nur ungewohnt, es unterläuft auch systematisch unsere etablierten Abwehrmechanismen. Wegschauen bringt nichts, weil es nicht das Hinschauen ist, das schmerzt, sondern die Bilder, die im Kopf entstehen, beim Zuhören. „QUI VIT ENCORE von Nicolas Wadimoff“ weiterlesen

NEUES BUCH: Richard Dindo, Erinnerungsarbeiter

Autor Martin Walder (mit Journalistenkollegin Ewa Hess und Matthias Lerf) an den Solothurner Filmtagen 2007; Foto © sennhauser

Am zwölften Februar 2025 ist Richard Dindo gestorben. Da war Martin Walder schon längst an der Arbeit, sein Buch über den Schweizer Dokumentarfilmer war nicht als Nachruf geplant. Morgen (Dienstag, 27. Januar 2026), also nicht ganz ein Jahr später, stellt Walder den Band im Rahmen einer Dindo-Hommage an den 61. Solothurner Filmtagen vor.

Einen «Streifzug durch seine Filme» nennt Martin Walder seinen knapp 150 Seiten starken Dindo-Band, und das löst er auf durchaus ein- und mitnehmende Art auch ein. Aber das Buch ist dann doch auch viel mehr. Denn Walder hat nicht nur einen guten Teil der noch immer erstaunlich spärlichen Sekundärliteratur zu Richard Dindos Werk auf- und eingearbeitet, er leistet auch selbst und sehr persönlich die Erinnerungsarbeit, deren Mechanik und Grundlagen er anhand von Dindos Œuvre zu systematisieren versucht. „NEUES BUCH: Richard Dindo, Erinnerungsarbeiter“ weiterlesen

À BRAS-LE-CORPS (Silent Rebellion) von Marie-Elsa Sgualdo

Paul (Thomas Doret) und Emma (Lila Gueneau) © outside-the-box

Schweizer Jura, 1943. Emma leidet unter der Schande, dass ihr Vater ihre Mutter nach einem Seitensprung aus dem Haus verbannt hat. Sie kümmert sich um die zwei kleinen Schwestern und arbeitet nebenbei im Pfarrhaus. Sie hat sich zögernd um den «Tugendpreis» der Kirchgemeinde beworben, um mit dem Geld in Genf eine Krankenschwesterlehre zu machen.

Dann wird sie bei einem Picknick-Ausflug von einem Genfer Freund der Pfarrersfamilie vergewaltigt. Sie ist so überrascht, dass sie sich nicht wehrt, und niemand von den anderen bemerkt etwas. „À BRAS-LE-CORPS (Silent Rebellion) von Marie-Elsa Sgualdo“ weiterlesen

Kino Cappuccino – Der Filmtagepodcast

Podcastaufnahme im Landhaus mit Martina Monzeglio Foto: Milena Re

Die Solothurner Filmtage honorieren die Filmkritik und öffnen gleichzeitig ein Fenster für Dialog und Förderung des Kulturjournalismus. Mit einem täglichen Podcast während der 61. Solothurner Filmtage schaffen sie einen Denkraum für Filmkritik und Austausch.

Michael Sennhauser diskutiert gemeinsam mit jungen Gesprächspartner:innen über das Kino, Kulturjournalismus und aktuelle Filme. Der Podcast wird in Kooperation mit Radio Bern RaBe ausgestrahlt und versteht sich als Beitrag zur Förderung unabhängiger Stimmen und zur Sichtbarkeit des Schweizer Films.

Zu hören sind die Folgen hier auf Spotify

THE NARRATIVE von Martin Schilt & Bernard Weber

Kweku Mawuli Adoboli © moviebizfilm

Im September 2011 trat Oswald Grübel als CEO der UBS zurück (und machte Platz für Sergio Ermotti), nachdem der Bank der Skandal um ihre riesigen Verluste im Londoner Investmentbanking um die Ohren geflogen war. Aber es war ein anderer Name, der in den Medien zum Synonym des «Rogue Trader», zum skrupellosen Systemspekulanten gemacht wurde: Kweku Adoboli, ein freundlicher, wohlerzogener Ghanaer, der seine Schul- und Studienzeit in England absolviert hatte und mit 21 Jahren zur UBS gestossen war.

Adoboli wurde der Prozess gemacht, er wurde verurteilt, kam ins Gefängnis und wurde 2018 nach Ghana abgeschoben – obwohl sich im UK über 50’000 Menschen, die ihn eher als Whistleblower und Bauernopfer sahen, über eine Petition für ihn eingesetzt hatten.

Ein skrupelloser Einzeltäter hat das System ausgehebelt, der Bank war höchstens die Verletzung der Aufsichtspflicht vorzuwerfen. Das war die offizielle Story, The Narrative, welches der Dokumentarfilm von Martin Schilt und Bernard Weber einer detaillierten Überprüfung unterzieht. „THE NARRATIVE von Martin Schilt & Bernard Weber“ weiterlesen

DER MANN AUF DEM KIRCHTURM von Edwin Beeler

© Calypso Film AG

Edwin Beelers letzter grosser Kinodokumentarfilm war Hexenkinder von 2020. Daran erinnern die ersten Sätze und Bilder im neuen Film des Innerschweizers: «Im Haus des Kaminfegers wohnten drei Brüder. Es hiess, sie hätten schwarze Magie betrieben». Dazu zoomt die Kamera auf die eindrückliche Sepia-Fotografie dreier Männer beim Jassen mit Most. Sie sehen sehr harmlos aus, sehr schweizerisch, wäre da nicht der direkte Blick des mittleren Mannes. Mit weissem Rauschebart und Deckelpfeife scheint er dem Betrachter direkt in die Seele zu blicken.

Um so einen Blick in die Seele geht es Edwin Beeler. Der heute 68jährige spürt mit seinem neuen Dokumentarfilm dem Leben und Sterben seines Grossvaters nach. Der war Kaminfeger in Oberägeri im Kanton Zug.

Respektsperson, Handwerker, Aktivdienstler, Fasnächtler und seinen Kindern ein strenger Vater. «Grossvater wollte die Zukunft seiner Töchter bestimmen», erinnert sich Beeler (mit der Stimme von Hanspeter Müller Drossaart) im Film. Seinen Enkel habe er dann machen lassen, den habe er nicht erziehen müssen. „DER MANN AUF DEM KIRCHTURM von Edwin Beeler“ weiterlesen