HIRSCHFELD – UNBEKANNTER BEKANNTER von Stina Werenfels & Samir

Kurt Hirschfeld mit Max Frisch © dschoint ventschr

Eigentlich bedarf es keiner Rechtfertigung, um einen Dokumentarfilm über einen Menschen wie Kurt Hirschfeld zu machen. Der langjährige Chefdramaturg und Direktor des Schauspielhauses Zürich hat mit seiner Arbeit und seinen Überzeugungen vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg viele Leben berührt und wohl auch verändert. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Pfauenbühne während der Nazizeit zum wichtigsten deutschsprachigen Theater und zu einem Zufluchtsort für vertriebene und gefährdete Künstlerinnen und Künstler werden konnte. Er hat nach dem Krieg tatkräftig und diplomatisch geholfen, die Schweizer Autoren-Marken Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt international als Stars und Konkurrenten zu etablieren.

Die Umstände allerdings, dass es diesen Film noch nicht gab, und noch mehr die Erkenntnis, dass sich Zürich und die Schweiz so wenig für Kurt Hirschfeld interessierten, dass seine Tochter seinen Nachlass nach New York geben musste, waren für Stina Werenfels und Samir offensichtlich Grund genug, die Arbeit in Angriff zu nehmen. Zumal Ruth Hirschfeld, während Jahrzehnten eine der beiden hauptsächlichen Casting-Agentinnen des Deutschschweizer Films, die perfekte Zeugin und Referentin für das Projekt darstellt. „HIRSCHFELD – UNBEKANNTER BEKANNTER von Stina Werenfels & Samir“ weiterlesen

SENTIMENTAL VALUE von Joachim Trier

Stellan Skarsgård, Elle Fanning © frenetic

Warum soll es nicht für einmal das Haus sein, das die Geschichte seiner Bewohner erzählt? Zumindest legen Joachim Trier und sein Drehbuch-Koautor Eskil Vogt diese Idee erst einmal ihrer Hauptfigur in die Hände. Das Mädchen Nora schreibt einen Aufsatz aus der Perspektive des Familienhauses. Wie es sich allenfalls freut über den Lärm seiner Bewohnerinnen, die Stille hasst, wenn niemand da ist. Und wie es die Schwestern Nora und Agnes aus dem Blick verliert, wenn die beiden zuerst durch die Keller- und dann durch die Gartentür zur Schule rennen.

Das Haus, das seit Generationen der Familie gehört, hat im Fundament einen Riss, der gleich nach der Erbauung schon durch eine Bodenabsenkung entstand. Der Riss zieht sich stabil durch die Wände bis unter das Dach, seit Jahrzehnten, ohne weitere Probleme zu verursachen. „SENTIMENTAL VALUE von Joachim Trier“ weiterlesen

GHOSTLIGHT von Kelly O’Sullivan & Alex Thompson

Romeo und Julia (Keith Kupferer, Dolly De Leon) © Sister Distribution

Reverse Engineering’ nennt man das Analysieren und Nachbauen von Algorithmen. Schauspielerin und Regisseurin Kelly O’Sullivan hat genau das mit Shakespeare versucht. Das Resultat ist Ghostlight, der kühne, im Resultat rührende, aber auch irgendwie absurde Versuch, ‘Romeo & Julia’ auf relevante Weise im Leben einer realen Familie zu verankern.

Dan ist Strassenbauarbeiter in Waukegan, Illinois. Seit dem Tod ihres Sohnes kämpfen er und seine Frau Sharon nicht nur mit ihrer Trauer, sondern auch mit den disziplinarischen Problemen ihrer Tochter Daisy. Eher zufällig gerät der verschlossene Dan an eine Amateurtheatertruppe, welche Shakespeares ‘Romeo & Juliet’ einstudiert. Und noch zufälliger geht schliesslich ausgerechnet die Rolle des Romeo an ihn, weil die Julia-Darstellerin Rita (Dolly De Leon) wie er schon im fortgeschrittenen Alter ist.

Natürlich gibt es keine Zufälle in Spielfilmen. Kelly O’Sullivan hat hier sorgfältig die Fäden ihres Drehbuches um unzählige Momente gewunden und den Film auch gleich zusammen mit ihrem Lebenspartner Alex Thompson inszeniert. Keith Kupferer, der Darsteller des Dan, und seine Frau Tara Mallen, welche Dans Frau Sharon spielt, sind auch im wahren Leben die Eltern ihrer Filmtochter Daisy (Katherine Mallen Kupferer). „GHOSTLIGHT von Kelly O’Sullivan & Alex Thompson“ weiterlesen

Cannes 16: JUSTE LA FIN DU MONDE von Xavier Dolan (Wettbewerb)

Cotillard, Cassel, Ulliel, Seydoux, Baye © Praesens
Cotillard, Cassel, Ulliel, Seydoux, Baye © Praesens

Das kanadische Wunderkind inszeniert ein Theaterstück von Jean-Luc Lagarce wie eine Oper ohne Gesang. Aber mit viel Musik und mit einer Perlenkette von Stars: Nathalie Baye, Vincent Cassel, Gaspard Ulliel, Marion Cotillard und Léa Seydoux.

Cannes_Balken_2016

Die tragische Schönheit der Kameliendame ist ihr bevorstehender Tod. Und beim schwulen jungen Schriftsteller Louis (Ulliel) ist das nun auch so. Louis hat sich entschieden, seine Mutter und seine Geschwister zu besuchen, die er jahrelang nicht mehr gesehen hat.

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Fünfzehn Anfänge: apartment666.com

apartement666 com

Das Spiel mit den Möglichkeiten des interaktiven Films findet immer wieder neue Variationen im Web. Manche sind durchgängig innovativ, wie zum Beispiel diese Flash-Dokufiktion für Kinder der Schweizer Zauberlaterne. Aber meist sind die Wahlmöglichkeiten der Zuschauer ziemlich eingeschränkt. Wer wirklich steuern will, weicht ohnehin eher auf Konsolen-Games aus. Der Rest von uns passiv-agressiv geprägten Kinosüchtigen klickt sich in lauen Momenten durch das Angebot auf YouTube und amüsiert sich da mit Katzenfilmchen. Zappen ist keine Grundhaltung, sondern stimmungsabhängig. Und das hat sich das Schauspiel Frankfurt zu Nutze gemacht, mit einem Zap-Angebot, das es in sich hat:

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