ONE BATTLE AFTER ANOTHER von Paul Thomas Anderson

Bob (Leonardo DiCaprio) © 2025 Warner Bros.

Nach sechzehn Jahren untertauchen weiss Bombenbauer Bob (Leonardo Di Caprio) das richtige Passwort nicht mehr. Also hängt er fluchend am Telefon wie ein Wutbürger in der Endlosschleife seiner Krankenkasse. Dabei hat ihn eben seine einstige Nemesis Col. Steven J. Lockjaw (ein irrwitziger Sean Penn) mit einer armeeähnlichen Polizeieinheit in seiner Waldhütte aufgespürt. Während Bobs sechzehnjährige Tochter Willa von einer einstigen Co-Revolutionärin in ein anderes Versteck gebracht wurde, das Bob verzweifelt zu lokalisieren versucht. „ONE BATTLE AFTER ANOTHER von Paul Thomas Anderson“ weiterlesen

ZIKADEN von Ina Weisse

Isabell (Nina Hoss) und Anja (Saskia Rosendahl) © dcm

Wenn man anfängt, Chaos zu organisieren, kann Kunst passieren. Im Falle von Ina Weisses drittem Langspielfilm ist es beeindruckende, aber auch etwas künstliche Kunst. Die sauber geplante Machart von Zikaden erinnert nicht von ungefähr an den Bauhaus-Stil, welcher die Architektur und die Einrichtung des Brandenburger Ferienhauses oder die Berliner Wohnung der Hauptfigur Isabell (Nina Hoss) prägen: Klare Linien, viel Leerraum, hochwertiges Handwerk.

Isabell ist die Tochter eines Architekten, das Familienferienhaus ist eines seiner Werke, aber nun ist der Vater nach einem Schlaganfall im Rollstuhl und Isabell vor allem damit beschäftigt, seine Pflege zu organisieren und ihre Mutter zu entlasten. Isabells zunehmende Überforderung bringt auch ihre Ehe mit Philippe (Vincent Macaigne) an den Rand des Abgrunds.

Die umgekehrte Spiegelfigur zu Isabell ist die junge, alleinerziehende Mutter Anja (Saskia Rosendahl), die im Nachbarhaus der Ferienwohnung mit ihrer kleinen Tochter bei ihren Pflegeeltern lebt. Während Isabell Mühe hat, den eigenen, vor allem aber auch den von den Eltern vorausgesetzten Ansprüchen gerecht zu werden, pocht Anja zwischen Jobverlust und Solo-Mutterschaft mit Entschlossenheit auf ihre Eigenständigkeit. Das plötzlichen Funken zwischen den beiden Frauen nach ihrer ersten Begegnung hat denn auch die Dynamik von zwei Magneten, die sich je nach Orientierung anziehen oder abstossen. „ZIKADEN von Ina Weisse“ weiterlesen

WHEN WE WERE SISTERS von Lisa Brühlmann

Carlos Leal, Malou Mösli, Paula Rapaport © filmcoopi

«Versprichst Du mir, dass Du mir das nicht wieder versaust?»

Das fragt Mutter Monica (Lisa Brühlmann) ihre fünfzehnjährige Tochter Valeska (Paula Rapaport), bevor sich die beiden auf den Weg machen, um mit Monicas neuem Freund und dessen Tochter Lena (Malou Mösli) nach Griechenland in die Ferien zu fahren.

In diesem einzigen verzweifelten Appell steckt das ganze Drama dieses Films, offen auf den Tisch gelegt, in den ersten Minuten. „WHEN WE WERE SISTERS von Lisa Brühlmann“ weiterlesen

BILDER IM KOPF von Eleonora Camizzi

© am Limit GmbH

Ist es «paranoide Schizophrenie»? Vincenzo Camizzi, genannt «Vinci», erklärt seiner Tochter, er habe eine Diagnose. Das heisst: Er hat eine bekommen, vor vielen Jahren. Mit dem Label, den Wörtern, war und ist er nicht einverstanden.

Viel später in diesem schlichten, hinreissenden Dokumentarfilm wird er einmal erklären, was abgeht, wenn die Bilder im Kopf seine Wahrnehmung bestimmen. Da seien fünf Typen lautstark am Streiten miteinander. Alle seien Diktatoren. Und alle sähen sie aus wie er. „BILDER IM KOPF von Eleonora Camizzi“ weiterlesen

Locarno 18: SIBEL von Cağla Zencirci, Guillaume Giovanetti (Wettbewerb)

Damla Sönmez als Sibel © Pyramide

Das Rotkäppchen in diesem Film heisst Sibel, und sie ist eher ein Aschenbrödel. Auch wenn sie ihre Füsse für die Wolfsjagd in knallrote Gummistiefel steckt und mit einer vom Vater geschenkten Flinte unterwegs ist, die ihren Namen trägt.

Das türkisch-französische Filmer-Paar hat etwas gar viel in seinen jüngsten Film gepackt:

  • Die Parabel von der bedrohten traditionellen Macht, die sich zu halten versucht, in dem sie alle Oppositionellen zu Terroristen erklärt.
  • Den Wolf als projizierte Bedrohung für die Gemeinschaft, und als erotische Phantasie für eine erwachende junge Frau.
  • Die Stummheit der Hauptfigur als Ausdruck ihres Andersseins und Grund für ihre Aussenseiterrolle.
  • Und die faszinierende, tatsächlich existierende Pfeifsprache in diesem kleinen Bergdorf in der türkischen Schwarzmeer-Gegend, als Möglichkeit für Sibel, trotzdem kommunizieren zu können – aber nur mit Einheimischen, nicht mit dem vor dem Armeedienst geflüchteten Ali, der sich im Wald versteckt und in Sibels Wolfsfalle gerät.

Sibel ist ein zeitgenössisches Märchen, eine Türkei-Parabel, eine Gemeinschaftsstudie, das Porträt einer eigenwilligen, eigensinnigen und selbstbestimmten jungen Frau, und damit schlicht ein wenig überladen.

Damla Sönmez, Emin Gürsoy, Elit Iscan © Pyramide

Dabei sind die einzelnen Erzählstränge durchaus faszinierend. Sibel, die stumme Tochter des verwitweten Bürgermeisters, ist sein heimlicher Stolz. Er geht mit ihr auf die Jagd, er weiss, sie ist die bessere Schützin als er. Er vertraut ihr, lässt sie ohne Kopftuch und jederzeit das Haus verlassen, sehr zum Verdruss der verwöhnten jüngeren Schwester.

Für die Frauen des Dorfes ist Sibel mit ihrer demonstrativen Freiheit ein Ärgernis und eine potentielle Bedrohung, für die Männer schlicht eine arme Behinderte. Und nicht zuletzt darum ist die junge Frau auf der Pirsch. Ihr Traum wäre es, den Wolf zu erlegen, das Dorf von der unsichtbaren Bedrohung zu befreien und so ihren Platz in der Gemeinschaft zu finden.

Bloss existiert der Wolf nicht wirklich, dafür taucht Ali auf im Gebüsch. Der junge Deserteur wirkt zwar wie ein Wolf auf Sibel, aber dadurch auch faszinierend und anziehend gefährlich.

Damla Sönmez, Erkan Kolçak Köstendil © Pyramide

Gefilmt ist das alles in einer überaus malerischen Umgebung, in Teeplantagen, auf Maisfeldern, im Dorf und im Wald, mit schönen, farbsatten Bildern.

Aber obwohl der Film nur 95 Minuten lang ist, zieht er sich doch zunehmend in die Länge. Am meisten gegen sein Ende, als die künstlich geschürte Wolfs-Angst und die Terroristen-Hetze in der aktuellen Türkei etwas gar deutlich ausgespielt werden, so sehr, dass man sich unwillkürlich fragt, ob dieser Film in Erdogans Reich in dieser Schnittversion wohl je wird gezeigt werden können.

Damla Sönmez © Pyramide

Immerhin sind neben all den märchengerecht eindimensionalen Figuren jene der Sibel (Damla Sönmez erinnert an Marion Cotillard und an die Rote Zora) und jene des Vaters (Emin Gürsoy) ausgesprochen modern und faszinierend widersprüchlich. Ihre Konflikte sorgen dafür, dass immer wieder echte Spannung aufkommt, die der Film leider nicht halten kann.