Nachdem sie in der Schule von ihrer Freundin geohrfeigt wurde, hört und sieht Marielle plötzlich ihre Eltern im Kopf, als ob sie dabei wäre. Sie erlebt, wie ihre Mutter bei der Arbeit mit einem Kollegen die Möglichkeit von Bürosex kontempliert, und sie sieht die Demütigung ihres Vaters bei einer Team-Sitzung im Buchverlag.
Darum platzt es dann aus ihr heraus beim Abendessen mit den Eltern, als der Papa stolz erzählt, wie souverän er seinen jungen Kollegen in den Senkel gestellt hatte: «Aber das stimmt doch gar nicht, Papa!»
Seit Jahren habe er einen Film bauen wollen aus dem Material, das hunderttausende von Überwachungskameras in China permanent aufzeichnen, verkündet Xu Bing im Vorspann.
Mit dem Entführungsthriller The Captive bringt der kanadisch-armenische Filmemacher Atom Egoyan seine Voyeurismus-Obsession auf die Höhe der Zeit. Die Langzeitentführung einer Zehnjährigen wird zum perversen Spiel des Entführers mit Eltern und Polizei. Ein Gespräch über die Gewalt des Zuschauens anlässlich des aktuellen DVD-Releases.
In den 80er Jahren gehörte Atom Egoyan zur Avantgarde des reflexiven filmischen Erzählens. Mit Filmen wie Family Viewing, Speaking Parts oder The Adjuster nutzte er Video, Überwachungssysteme und Videokonferenzsysteme zur Blicksteuerung und ihrer Thematisierung. Egoyans Filme waren immer auch Reflexionen über die Macht des Erzählens. Unterdessen gehört die mediale Spiegelung so selbstverständlich zum Alltag, dass Egoyans jüngster Thriller The Captive wie eine Rekapitulation seiner einstigen Obsessionen wirkt. Im Gespräch mit Michael Sennhauser reflektiert der Filmemacher veränderte Sehgewohnheiten, den wachsenden Einfluss der Fernsehserien aufs Publikum und das mögliche Ende des Spielfilms.