Geschwister und Eltern. Zum Jahresende hin waren die meisten von uns wieder einmal mit diesen Konstellationen konfrontiert, meist nicht abschliessend. Aber da hängt was in der Seele; es hat seinen Platz, selbst dann, wenn wir die Zeit dafür kaum je wirklich finden: Vater, Mutter, Schwester, Bruder… sie sind ein Stück von uns.
Jim Jarmusch wird am 22. Januar 2026 73 Jahre alt. Vielleicht auch darum hat er sich die Zeit genommen, dem nachzuspüren, was da in der Seele hängt, oder auch bloss kitzelt. Sein jüngster Film ist eine Art Installation. Eine Familienaufstellung als Versuchsanlage, ein Triptychon, und damit tatsächlich schon fast eine Altartafel.
Jay (Romain Duris) fährt mit seinem Taxi durch Tokio und sucht seine Tochter Lily. Tag für Tag. Sie war drei Jahre alt, als ihre Mutter Keiko ihn verlassen und das Kind mitgenommen hat. In den neun Jahren seither hat er sie nie wieder gesehen. Japans Gesetz gibt das alleinige Sorgerecht dem Elternteil, bei dem das Kind sich während der Trennung befindet.
Die westliche Faszination mit der japanischen Kultur hat ein eigenes Kinogenre der Selbstfindung in der Fremde hervorgebracht, mit Sophia Coppolas Lost in Translation als Prototyp. Doris Dörrie hat das mit mindestens drei Filmen durchgespielt, Kirschblüten – Hamami (2008), Grüsse aus Fukushima (2016) oder Kirschblüten & Dämonen (2019). Wim Wenders hat seine Künstlerseele immer wieder nach Japan getragen, zuletzt ganz besonders schön mit Perfect Days (2023). Und Frankreichs Slony Sow hat ein Jahr davor mit Umami Gérard Depardieu als verlorenen Spitzenkoch zur Selbstfindung nach Japan geschickt. „UNE PART MANQUANTE von Guillaume Senez“ weiterlesen
Wenn man anfängt, Chaos zu organisieren, kann Kunst passieren. Im Falle von Ina Weisses drittem Langspielfilm ist es beeindruckende, aber auch etwas künstliche Kunst. Die sauber geplante Machart von Zikaden erinnert nicht von ungefähr an den Bauhaus-Stil, welcher die Architektur und die Einrichtung des Brandenburger Ferienhauses oder die Berliner Wohnung der Hauptfigur Isabell (Nina Hoss) prägen: Klare Linien, viel Leerraum, hochwertiges Handwerk.
Isabell ist die Tochter eines Architekten, das Familienferienhaus ist eines seiner Werke, aber nun ist der Vater nach einem Schlaganfall im Rollstuhl und Isabell vor allem damit beschäftigt, seine Pflege zu organisieren und ihre Mutter zu entlasten. Isabells zunehmende Überforderung bringt auch ihre Ehe mit Philippe (Vincent Macaigne) an den Rand des Abgrunds.
Die umgekehrte Spiegelfigur zu Isabell ist die junge, alleinerziehende Mutter Anja (Saskia Rosendahl), die im Nachbarhaus der Ferienwohnung mit ihrer kleinen Tochter bei ihren Pflegeeltern lebt. Während Isabell Mühe hat, den eigenen, vor allem aber auch den von den Eltern vorausgesetzten Ansprüchen gerecht zu werden, pocht Anja zwischen Jobverlust und Solo-Mutterschaft mit Entschlossenheit auf ihre Eigenständigkeit. Das plötzlichen Funken zwischen den beiden Frauen nach ihrer ersten Begegnung hat denn auch die Dynamik von zwei Magneten, die sich je nach Orientierung anziehen oder abstossen. „ZIKADEN von Ina Weisse“ weiterlesen
«Meine Partnerin ist seit 32 Wochen und zwei Tagen schwanger. Ich weiss das so genau, weil ich eben noch mit ihr telefoniert habe. Und sie hat gesagt: “Wenn Dich einer fragt, sagst Du ‘32 Wochen und zwei Tage’”…» – der Satz löst fröhliches Gelächter aus in der kleinen Runde der werdenden Väter.
Die Männer treffen sich regelmässig, um sich über ihre Rolle als ‘Papa’ auszutauschen, zunächst noch hypothetisch für die meisten, bald aber geprägt vom Alltag mit ihren Bébés und Kleinkindern.
«Ich will Dir keine Angst machen, aber das wird noch härter!» sagt jener, der schon beim dritten Kind angelangt ist. „LES PAPAS von David Maye“ weiterlesen
Ist es «paranoide Schizophrenie»? Vincenzo Camizzi, genannt «Vinci», erklärt seiner Tochter, er habe eine Diagnose. Das heisst: Er hat eine bekommen, vor vielen Jahren. Mit dem Label, den Wörtern, war und ist er nicht einverstanden.
Viel später in diesem schlichten, hinreissenden Dokumentarfilm wird er einmal erklären, was abgeht, wenn die Bilder im Kopf seine Wahrnehmung bestimmen. Da seien fünf Typen lautstark am Streiten miteinander. Alle seien Diktatoren. Und alle sähen sie aus wie er. „BILDER IM KOPF von Eleonora Camizzi“ weiterlesen
Das Rotkäppchen in diesem Film heisst Sibel, und sie ist eher ein Aschenbrödel. Auch wenn sie ihre Füsse für die Wolfsjagd in knallrote Gummistiefel steckt und mit einer vom Vater geschenkten Flinte unterwegs ist, die ihren Namen trägt.
Das türkisch-französische Filmer-Paar hat etwas gar viel in seinen jüngsten Film gepackt:
Die Parabel von der bedrohten traditionellen Macht, die sich zu halten versucht, in dem sie alle Oppositionellen zu Terroristen erklärt.
Den Wolf als projizierte Bedrohung für die Gemeinschaft, und als erotische Phantasie für eine erwachende junge Frau.
Die Stummheit der Hauptfigur als Ausdruck ihres Andersseins und Grund für ihre Aussenseiterrolle.
Und die faszinierende, tatsächlich existierende Pfeifsprache in diesem kleinen Bergdorf in der türkischen Schwarzmeer-Gegend, als Möglichkeit für Sibel, trotzdem kommunizieren zu können – aber nur mit Einheimischen, nicht mit dem vor dem Armeedienst geflüchteten Ali, der sich im Wald versteckt und in Sibels Wolfsfalle gerät.
Sibel ist ein zeitgenössisches Märchen, eine Türkei-Parabel, eine Gemeinschaftsstudie, das Porträt einer eigenwilligen, eigensinnigen und selbstbestimmten jungen Frau, und damit schlicht ein wenig überladen.
Dabei sind die einzelnen Erzählstränge durchaus faszinierend. Sibel, die stumme Tochter des verwitweten Bürgermeisters, ist sein heimlicher Stolz. Er geht mit ihr auf die Jagd, er weiss, sie ist die bessere Schützin als er. Er vertraut ihr, lässt sie ohne Kopftuch und jederzeit das Haus verlassen, sehr zum Verdruss der verwöhnten jüngeren Schwester.
Für die Frauen des Dorfes ist Sibel mit ihrer demonstrativen Freiheit ein Ärgernis und eine potentielle Bedrohung, für die Männer schlicht eine arme Behinderte. Und nicht zuletzt darum ist die junge Frau auf der Pirsch. Ihr Traum wäre es, den Wolf zu erlegen, das Dorf von der unsichtbaren Bedrohung zu befreien und so ihren Platz in der Gemeinschaft zu finden.
Bloss existiert der Wolf nicht wirklich, dafür taucht Ali auf im Gebüsch. Der junge Deserteur wirkt zwar wie ein Wolf auf Sibel, aber dadurch auch faszinierend und anziehend gefährlich.
Gefilmt ist das alles in einer überaus malerischen Umgebung, in Teeplantagen, auf Maisfeldern, im Dorf und im Wald, mit schönen, farbsatten Bildern.
Aber obwohl der Film nur 95 Minuten lang ist, zieht er sich doch zunehmend in die Länge. Am meisten gegen sein Ende, als die künstlich geschürte Wolfs-Angst und die Terroristen-Hetze in der aktuellen Türkei etwas gar deutlich ausgespielt werden, so sehr, dass man sich unwillkürlich fragt, ob dieser Film in Erdogans Reich in dieser Schnittversion wohl je wird gezeigt werden können.
Immerhin sind neben all den märchengerecht eindimensionalen Figuren jene der Sibel (Damla Sönmez erinnert an Marion Cotillard und an die Rote Zora) und jene des Vaters (Emin Gürsoy) ausgesprochen modern und faszinierend widersprüchlich. Ihre Konflikte sorgen dafür, dass immer wieder echte Spannung aufkommt, die der Film leider nicht halten kann.