Nifff 09: ‚Franklyn‘ von Gerald McMorrow

Franklyn Jonathan Preest

Wenn das NIFFF nicht Lars von Triers verstörend grossartigen Antichrist in den Wettbewerb genommen hätte, müsste morgen Abend eigentlich Gerald McMorrow für Franklyn (zusammen mit Duncan Jones für Moon)ausgezeichnet werden. Der Film mit Eva Green, Ryan Philippe und Sam Riley ist nicht nur optisch ein Genuss, sondern auch von seiner Anlage her spannend. Das zeitgenössische London und eine dunkle, gigantische, von multiplem religiösem Eifer geprägte Parallelversion namens „Meanwhile City“ sind Schauplatz der Suche von vier verlorenen Menschen. In „Meanwhile City“ ist der maskierte Jonathan Preest (Philippe) auf der Suche nach dem „Individual“, den er für den Tod eines kleinen Mädchens verantwortlich macht und dafür exekutieren möchte. Im realen London sucht Milo (Riley) nach dem Platzen seiner Hochzeit seine Kindheitsliebe, und Emilia (Green) treibt mit ihren suizidären Kunstprojekten nicht nur ihre Mutter zur Verzweiflung, sondern auch ihren Tutor an der Akademie. Und dann ist da noch der traurige Sakristan aus Cambridge, der in London seinen verlorenen Sohn sucht.

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Nifff 09: Gute Stimmung am Neuchâtel International Fantastic Film Festival

nifff queue

Das neunte Neuchâtel International Fantastic Film Festival NIFFF kann schon jetzt als grosser Erfolg bezeichnet werden. Nicht nur die drei Säle des Kinos Apollo sind meistens rappelvoll, auch Zusatzvorstellungen im Théâtre du Passage sind ausverkauft, die Nebenveranstaltungen bestens besucht und die Open Air Vorstellungen, welche letztes Jahr teilweise dem Wetter zum Opfer fielen, sind in diesem Jahr gut besucht und gut bestückt. Noch immer bilden sich am Kinoeingang lange (geduldige) Schlangen, aber sie lösen sich auch schnell wieder auf, sobald der Einlass beginnt. Und die meisten Vorstellungen beginnen pünktlich, so wird Rückstau nun endlich vermieden. Das NIFFF ist nun auch organisatorisch endgültig den Kinderkrankheiten entwachsen, steht zu hoffen, dass der Publikumserfolg den Veranstaltern die nötigen Argumente gibt, im nächsten Jahr dem Kinobetreiber noch einen weiteren Saal abzuluchsen – so voll bekommt er die Kinos nämlich mit dem regulären Sommerprogramm höchstens am Freitagabend.

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Nifff 09: Fish Story – Ein Proto-Punk-Song rettet die Welt

fish story singer

Ich frage mich manchmal, wie lange Filme um Plattenläden, Rockgruppen, Musikfans und überhaupt die Geeks meiner Generation noch ihr Publikum finden. High Fidelity gehört als Roman und als Film zu den grossen Beispielen dieser Gattung, The Boat that Rocked ist eines der jüngeren. Auch mit Yoshihiro Nakamuras Fisshu sutôrîFish Story könnte die Generation iPod wieder ihre Mühe bekunden. Geht es doch um nichts weniger, als um einen Punk-Song von 1975 (!), der im Jahr 2012 unsere Welt rettet. Dass die Japaner den britischen Punk nicht nur adaptierten, sondern zu einer eigenständigen Stilrichtung machten, ist dabei noch leichter zu glauben, als die Behauptung, dass die im Film wunderbar stimmig gezeichnete Protopunk-Band im Jahr 1975 ihrer Zeit so weit voraus war, dass sich ihre Musik nicht durchsetzen konnte. Schliesslich wissen wir spätestens seit The Great Rock’n Roll Swindle dass, und warum, die Sex Pistols den Anfang machten. Aber eben: Wer sind die Sex Pistols? fragt mich das Hannah-Montana-Girlie mit grossen Augen.

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Nifff 09: The Children – Kulleraugenkillerkinder

the children eva sayer as miranda

Kinder als Figuren des Horrors sind unglaublich effizient. Nicht erst seit den Zwillingsmädchen, die in den schweigenden Gängen des Hotels in Stanley Kubricks Shining das Blut gefrieren liessen („Come play with us“) lassen wir uns immer wieder bereitwillig auf das Spiel mit dem verdrängten Schrecken ein. Denn die vordergründige Pervertierung des Guten, Reinen, Unschuldigen, in den puren Schrecken des motivlosen Bösen funktioniert ja nur darum, weil der Schrecken wirklich da ist. Wer erinnert sich nicht an die Grausamkeiten, die wir als Kinder ausübten, an anderen, an Tieren, Insekten. Und wer erinnert sich nicht an die Grausamkeiten, die wir erfahren haben von anderen Kindern. Alles verdrängt … und ein Horrorfilm wie The Children von Tom Shankland holt es ohne Umschweife an die Oberfläche.

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Nifff 09: ‚Connected‘ – A Hongkong Boost for ‚Cellular‘

connected still 3

Was für ein Spektakel! Das Hongkong-Remake eines amerikanischen Action-Thrillers bekommt man nicht jeden Tag zu sehen. Und im Fall von Benny Chans Connected hält die „Hongkongifizierung“ dann auch noch deutlich mehr, als man sich sich zu erhoffen gewagt hätte. Cellular mit Kim Basinger war ein ziemlich harter, ziemlich schneller und ziemlich einfacher Action-Thriller: Eine Frau wird entführt und auf einen Dachboden gesperrt, wo es ihr gelingt ein zertrümmertes Telefon wieder in Gang zu setzen und einen Wildfremden per Zufallsanruf zu Hilfe zu rufen:

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Nifff 09: ‚Infestation‘ – Killerkrabbelzeug vom Feinsten

infestation poster

Nicht immer kommt es gut heraus, wenn ein Erstlingsregisseur sein Zielpublikum direkt bedient. Aber dass der Held von Kyle Rankins Infestation ein echter Slacker ist ist, ein ungeschickter, fauler Looser, das setzt einen erfrischenden Ton beim Einstieg in dieses klassische Creature-Invasion-Movie. Käfer, Bugs, Spinnen, Krabbelzeug, atomar vergrössert oder aus dem Weltall importiert: Sie gehören zur eisernen Reserve der Schlock-Filme, und es ist nicht einfach, mit den Viechern etwas Neues anzufangen. Rankin war sich offensichtlich klar darüber, also spielt er mit den Varianten, die wir kennen und lieben. Cooper wacht an seinem Arbeitsplatz auf, eingewoben in ein klebriges Netz, und alles, woran er sich noch erinnern kann, ist der Umstand, dass ihn seine Chefin gerade entlassen hatte, als ein hoher Pfeifton plötzlich alles unterbrach.

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Nifff 09: ‚Histeria‘ aus Malaysia

histeria hospital

James Lee aus Malaysia soll bisher eigentlich ein ganz manierlicher Filmemacher gewesen sein. Histeria hat auch durchaus manierliche Momente. Allerdings stolpert noch vor dem Vorspann ein hübscher Teenager in Schuluniform durchs Portal einer klosterähnlichen Schule auf die Strasse – blutüberströmt, mit Wunden an den Armen, und mit starrem Blick. Im Spital wird die junge Dame dann dem Polizisten und dem Arzt erzählen, was übers Wochenende in der Schule passiert ist.

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Nifff 09: The Forbidden Door – Pintu Terlarang

the forbidden door poster

Der indonesische Regisseur Joko Anwar ist Mitglied der diesjährigen NIFFF-Jury. In der Reihe ‚New Cinema from Asia‘ läuft zugleich sein jügster Film, The Forbidden Door. Im Zentrum steht der Künstler Gambir, der sein Vermögen mit (ziemlich abscheulichen) Skulpturen von schwangeren Frauen gemacht hat. Allerdings ist die treibende Kraft hinter ihm seine ehrgeizige Frau, die sogar das Haus entworfen hat, in dem die beiden wohnen (und für das Schwiegerpapa aufgekommen ist). Die Vernissage des Künstlers, mit welcher der Film eröffnet, ist zunächst einfach höchst amüsant und eine bissige Satire auf den Kunstbetrieb. Dann aber entdeckt Gambir in seinem Haus eine verbotene Türe, und gleichzeitig das Kinopublikum, dass es mit den schwangeren Skulpturen noch eine eigene Bewandtnis hat, welche in diverse Abtreibungskliniken zurück führt.

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Nifff 09: ‚Left Bank‘ – ‚Linkeroever‘: Der Teufel und das Teerloch

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Horror aus Belgien? Keine geschmacklosen Witze bitte. Der Film Linkeroever von Pieter Van Hees schafft es zunächst ganz eigenwillig und stimmig, die junge Marie zu zeichnen, eine zweiundzwanzigjährige Frau, deren Sprinter-Karriere durch eine plötzliche Anämie unterbrochen wird, und die sich hals über Kopf in den Gebrauchtwagenhändler und Bogenschützen Bobby verliebt. Um während ihrer sportlichen Zwangspause nicht dauernd mit ihrer Alt-Hippie-Mutter aneinander zu geraten zieht Marie zu Bobby in den Wohnblock im Industrieghetto am linken Ufer. Der Ehrgeiz, die Frustrationen und die Ängste der jungen Frau (grossartig: Eline Kuppens) zeigt Van Hees überaus stimmig, bis hin zu den Details, dem geschiedenen Vater des Mädchens, der heute als Studiobassist arbeitet, aber einst mit Johnny Hallyday tourte: Die erste halbe Stunde des Film erinnert an Ursula Meiers Des épaules solides.

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Nifff 09: Moon mit Sam Rockwell

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Es gibt schon ein paar Filme, in denen Schauspieler gegen sich selber antreten, am stärksten in Erinnerung geblieben ist da wohl David Cronenbergs Dead Ringers, mit Jeremy Irons als Zwillingsbrüderpaar. Aber in Moon von Duncan Jones steht Sam Rockwell sich selber gegenüber, beziehungsweise, seine Figur Sam Bell, ein einsamer Angestellter auf einer industriellen Mondbasis, trifft auf ein Klon seiner selbst. Und muss erst einmal herausfinden, ob er mit sich selber leben kann. Als Eröffnungsfilm für das NIFFF ist die erstaunliche kleine Indie-Produktion aus England perfekt. Mit einem Budget von 5 Millionen Dollar und in nur 33 Drehtagen und mit einem einzigen Darsteller (es gibt noch ein paar Nebendarsteller, die in schwarzweiss auf Bildschirmen auftauchen) hat Science-Fiction-Fan Duncan Jones eines dieser minimalistischen Wunder geschaffen, die aussehen wie eine ganze Welt, und nachklingen wie die besten Rätsel der Kindheit.

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