Wieder ein Mann. Aber nicht unverdient.

Nun ist es klar: Die goldene Palme ist an den allgemeinen Favoriten der ersten Tage gegangen, an Cristian Mungiu für „Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage“ (siehe hier). Damit bleibt Jane Campion in 60 Jahren die einzige Frau mit einer goldenen Palme. Immerhin hat Naomi Kawase, meine persönliche Favoritin, den grossen Preis der Jury bekommen. Und angesichts der Tatsache, dass so viele der 22 Filme durchaus verdient hätten gewinnen können, will ich mich nicht beklagen. Es war ein wunderbarer Jahrgang. Ich freue mich bereits auf Mai 2008.

James Blond. Haha.

 

 

Man kann ja nicht nur an den Journalisten und an den Filmprofis Geld verdienen. Irgendwie muss man ja auch aus den vielen Touristen hier in Cannes etwas herausschütteln. Die einen fahren im geführten Eisenbähnchen über die Croisette und andere kaufen sich solche Dinger zum anziehen. Warum auch nicht? Blond ist blond…

Sushi!

 

 

So, die live-Sendung mit den geschätzten Kolleginnen Anke Leweke und Katja Nicodemus ist geschafft, ein kleines voice over (ich machte den Tarantino … aua) ebenfalls, und bevor ich mich hinter den nächsten Radiobeitrag (DRS2aktuell für morgen) klemme, gibt’s ein paar tote Fische mit Reis. Ich habe in der Nähe des Palais eine Sushi-Bar entdeckt, die es im letzten Jahr noch nicht gab. Die Sushi sind hier (wie überall ausser in der Schweiz) erschwinglich. Und sie haben zwei Vorteile: Sie liegen nicht schwer im Magen (man kann weiterarbeiten nach dem Essen) und sie halten nicht lange vor (die riesige Meeresfrüchteplatte, die ich mit den Kollegen von der Sonntagszeitung, dem Berner Bund und der NZZ traditionellerweise immer am letzten Freitag in Cannes am Abend nach der letzten Vorstellung verputze, trifft also wieder auf einen entspannten, aufnahmebereiten Magen.

(Bild unten: im Kellerstudio von Radio France mit Katja und Anke)

 

 

Die Schönen der Nacht. Gerupft?

Manchmal ist das, was die Nächte von Cannes übrig lassen, sprechender, als das was die Versprechen des Abends zuvor ausgemalt haben. Wenn ich, als solider Arbeiter, nach meinen fünf Stunden Schlaf um halb acht wieder die rue d’Antibes hinauf marschiere, stosse ich manchmal auf solche Überbleibsel wie diese Federboa am Trottoirrand. Welche Schöne hat hier Federn gelassen? Wer wurde da gerupft in den blauen Stunden des Morgens? Oder handelt es sich gar um eine Häutung der gefiederten Schlange? Die Spuren der Nacht sind die Wegweiser der Fantasie. In Cannes sowieso.

Rollertaugliche Taschenratte

Es gibt kaum etwas, was nicht über die Strassen von Cannes zu rollen beliebt in diesen Tagen. Aber der kleine Kerl hier erregt dann doch noch etwas mehr Aufsehen, wenn er mit seiner Besitzerin auf Ausfahrt geht. Hinterbeine in der Umhängetasche von Madame, Vorderbeine auf dem Lenker, der Blick majestätisch in die Ferne gerichtet: Master and Commander. Wuff.

Barbie-Box mit Kondom

Was sich die Filmpromotoren hier in Cannes alles einfallen lassen, um ihre Infos in den tausenden von Pressefächern nicht untergehen zu lassen, ist manchmal reichlich absurd. Weisse Blätter im A4- oder Legal-Format gibt’s kaum mehr, fast alles ist Hochglanz oder in Plastik verpackt oder was auch immer, bloss damit es nicht gleich im Papierkorb landet mit dem restlichen Werbemist. Aber diese kleine Schachtel hier hat heute die Abfallberge doch noch anwachsen lassen. Sie enthält neben diversen Filmfotos und den Presseunterlagen noch ein Kondom (Geschmacksrichtung tuttifrutti – steht drauf, habs nicht probiert). Der Film aus Singapur heisst Pleasure Factory und es geht darin offenbar um das heisseste Vergnügungsviertel in Singapur. Keine Ahnung, ob ich Zeit habe, den noch zu sehen.

Please deathproof

 

 

Nein, die junge Dame möchte nicht gegen Tod versichert werden, oder gar «todsicher» gemacht werden. Sie möchte ganz einfach ein Ticket für die Gala-Vorstellung des Tarantino-Films. So machen es hier viele: Man stellt sich auf die Strasse, oder in den Eingang zum Palais, und hofft darauf, dass einer der vielen privilegierten Profis Karten hat, die er vielleicht doch nicht selber braucht. Was die Touristen von den Habitués unterscheidet, ist allerdings das Wissen darum, wen man erfolgreich anquatschen kann, und bei wem es sinnlos ist: Journalisten haben in der Regel keine Karten zu vergeben, wir kommen mit unseren «Badges» direkt in die Pressevorführungen. Und ausschliesslich. Die Market-Leute dagegen, die müssen mit ihren «Badges» Karten holen und holen die oft auf Vorrat. Das ergibt dann die glücklichen Zettel-Steher am Ende…

Yippie Kay Yeah?

Etwas kryptisch, das Billboard mit dem seltsamen Spruch. Natürlich nicht für die hartgesottenen Fans von Bruce Willis. Aber die meisten anderen können den Ausspruch erst auflösen, wenn ihr Blick nach rechts wandert: Natürlich ist das der legendäre Schlachtruf von John McClane, der nun zum vierten Mal in Produktion geht. John McClane? Siehe nächstes Foto. Alles klar?

Welche Schlange hättens denn gerne?

 

Anstehen und warten gehört zum Standardprogramm in Cannes. Niemand ist eine Insel, wir sind viele. Und wo viele das gleiche wollen, haben immer ein paar wenige das Nachsehen. In der Regel jene, die später kommen und ganz hinten stehen. Oder jene, die zwar ganz vorne stehen, aber einen nicht-prioritären Badge haben, einen für die Wochen- oder gar Monatspresse. Radio ist nicht nur täglich, sondern sozusagen immer. Für die anderen gilt: Das Leben ist nicht gerecht, und Cannes ist voll von Leben.

Neue Spinner: Free Hugs

 

Stell Dir vor, Du beeilst Dich ziemlich atemlos, drängst Dich durch die Menge der Touristen und Schaulustigen, um noch rechtzeitig ins Kino zu kommen. Und da stehen sie, mitten im Weg, diese Wahnsinnigen mit ihren T-Shirts, welche "etreintes offertes" anbieten, oder auch "free hugs", auf Deutsch: Gratis-Umarmungen. Spürst Du auch die brüderliche Liebe in Dir aufsteigen? Kommt Dir ein Lächeln auf die Lippen? Vergisst Du die Zeit und den Film und das Kino und die Arbeit. Eben. Spinner.