SEPTEMBER & JULY (September says) von Ariane Labed

Pascale Kann (September), Mia Tharia (July), Rakhee Thakrar (Sheela) © cineworx

Eines der vielen seltsamen Spiele der Schwestern September und July geht besteht darin, dass die Forschere der beiden die andere zu einer mehr oder weniger absurden Handlung auffordert: «September says: we don’t eat anymore red food», worauf July den Befehl ohne zu zögern befolgt. Im Gegenzug hilft September ihrer Schwester immer wieder aus der Patsche, wenn diese sich mit ihrer vertrauensseligen Art irgendwo in die Klemme manövriert hat: «Silly July!»

In der Schule werden die beiden als Freaks gehänselt. Auf Übergriffe an July reagiert September zunehmend aggressiv. So schneidet sie etwa einer Mitschülerin zur Strafe während des Unterrichts von hinten mit einer Schere den Rossschwanz ab.

Wenn Ariane Labed mit ihrem Regiedebut von zwei eigenwilligen jungen Frauen erzählt, tauchen Erinnerungen auf an den Film, mit dem sie als Schauspielerin bekannt wurde: Athina Rachel Tsangaris Attenberg von 2010. Und der wiederum erinnerte nicht von ungefähr an Vera Chytilovás weiblich-anarchische «Max & Moritz»-Variante Tausendschönchen (Sedmikrásky) von 1966. „SEPTEMBER & JULY (September says) von Ariane Labed“ weiterlesen

THE SALT PATH von Marianne Elliott

Raynor und Moth Winn (Gillian Anderson, Jason Isaacs) © dcm

Dana Scully aus den X-Files wandert mit Harry Potters Lucius Malfoy der englischen Küste entlang, 630 Meilen, ein Jahr lang, auf dem South West Coast Path. So zerzaust und verwittert hat man die sonst so durchgestylte Gillian Anderson noch nie gesehen. Und Jason Isaacs hinkt als Moth Winn so erbärmlich, dass man ihm unwillkürlich Malfoys infamen Schlangenkopf-Zauber-Gehstock zurückwünscht.

Gillian Anderson als Dana Scully in ‚X-Files‘ und Jason Isaacs als Lucius Malfoy in den Harry-Potter-Filmen © Montage mis

Die beiden verkörpern Raynor und Moth Winn, das britische Ehepaar, das alles verlor und sich in seiner obdachlosen Verzweiflung auf eine grosse Wanderung begab. Aus ihrer Geschichte entstand der Bestseller «The Salt Path». Zwar wird die Echtheit der Geschichte unterdessen angezweifelt. Aber an der Wirkung der Fiktion und vor allem des Films ändert das nichts.

Kinowandern ist ein eigenes Genre. All diese Filme, welche die Heldenreise-Formel auf ihr archaisch-artifizielles Minimum reduzieren. „THE SALT PATH von Marianne Elliott“ weiterlesen

NORMA DORMA von Lorenz Suter

Marina Guerrini (Norma) © filmcoopi

Es gibt Menschen, die träumen anders als wir.

Das ist die zentrale These von Schlafforscherin Mikka (Jeanne Werner). Die Idee kommt nicht so gut an im Parallax-Verlag, dessen Geschäftsmodell eher auf Verschwörungstheorien basiert. Aber Lektorin Norma (Marina Guerrini) fährt der Thesentitel «Dormir sans dormir» ein wie ein Blitz. Denn Norma kann zwischen Wachsein und Traum kaum mehr unterscheiden, seit der Vater ihres Sohnes verschwunden ist.

Am Kühlschrank hat er einen Zettel hinterlassen: Bin nicht weg. Komme wieder. H.

«Öppis schtimmt nit mit däre Wält», hält Norma wiederholt fest. Und: «Sit ich Muetter bin, isch nüt meh normal».

Wohin darf sich eine Mutter flüchten, wenn die Realität zu viel wird? Oder zu wenig? Dürfen wir uns in Schönheit verlieren, in der Schönheit eines Traumes? Oder wird er dann zum Alptraum?

Norma dorma ist ein traumhaft schöner Film. Für die Augen sowieso, die klare, rotstichige, satte Farbpalette macht aus bekannten Zürcher Orten wie den Sugus-Häusern, aber auch aus dem Origens Ospizio, dem roten Turm auf dem Julierpass, oder dem Erdhaus Villa Vals flirrend reale Traumorte. „NORMA DORMA von Lorenz Suter“ weiterlesen

GHOSTLIGHT von Kelly O’Sullivan & Alex Thompson

Romeo und Julia (Keith Kupferer, Dolly De Leon) © Sister Distribution

Reverse Engineering’ nennt man das Analysieren und Nachbauen von Algorithmen. Schauspielerin und Regisseurin Kelly O’Sullivan hat genau das mit Shakespeare versucht. Das Resultat ist Ghostlight, der kühne, im Resultat rührende, aber auch irgendwie absurde Versuch, ‘Romeo & Julia’ auf relevante Weise im Leben einer realen Familie zu verankern.

Dan ist Strassenbauarbeiter in Waukegan, Illinois. Seit dem Tod ihres Sohnes kämpfen er und seine Frau Sharon nicht nur mit ihrer Trauer, sondern auch mit den disziplinarischen Problemen ihrer Tochter Daisy. Eher zufällig gerät der verschlossene Dan an eine Amateurtheatertruppe, welche Shakespeares ‘Romeo & Juliet’ einstudiert. Und noch zufälliger geht schliesslich ausgerechnet die Rolle des Romeo an ihn, weil die Julia-Darstellerin Rita (Dolly De Leon) wie er schon im fortgeschrittenen Alter ist.

Natürlich gibt es keine Zufälle in Spielfilmen. Kelly O’Sullivan hat hier sorgfältig die Fäden ihres Drehbuches um unzählige Momente gewunden und den Film auch gleich zusammen mit ihrem Lebenspartner Alex Thompson inszeniert. Keith Kupferer, der Darsteller des Dan, und seine Frau Tara Mallen, welche Dans Frau Sharon spielt, sind auch im wahren Leben die Eltern ihrer Filmtochter Daisy (Katherine Mallen Kupferer). „GHOSTLIGHT von Kelly O’Sullivan & Alex Thompson“ weiterlesen

BERLINGUER: LA GRANDE AMBIZIONE von Andrea Segre

Elio Germano als Enrico Berlinguer © cineworx

Italiens Filmemacher sind besessen von Italiens Politikern. Jedenfalls jene ihrer Generation und deren Väter. Marco Bellocchio hat mit Buongiorno, notte (2003) die Entführung und Ermordung Aldo Moros durch die Brigate rosse rekonstruiert. Paolo Sorrentino hat Giulio Andreotti Il divo gewidmet, und dem Phänomen Silvio Berlusconi gar einen Zweiteiler mit Loro 1 und Loro 2. Und Nanni Moretti, der 1991 in Il portaborse von Daniele Lucchetti als Schauspieler die Mühlen politischer Korruption durchlitt, hat in seinen Filmen immer wieder direkt Bezug genommen auf die reale italienische Politik. Mit Il sol dell’avvenire (2023) hat er zuletzt gar die Wechselwirkungen und Ähnlichkeiten zwischen Filmemachern und Politikern direkt auf die Schippe genommen.

Andrea Segre kommt vom Dokumentarfilm, sein Berlinguer profitiert davon, dank etlicher dokumentarischer Archiveinschübe und sorgfältiger Abwägung. Aber Berlinguer: la grande ambizione ist dennoch, wie der Titel vermuten lässt, ein Heldenporträt. „BERLINGUER: LA GRANDE AMBIZIONE von Andrea Segre“ weiterlesen

SANTOSH von Sandhya Suri

Santosh (Shahana Goswami) © Sister Distribution

Der zentrale Satz in diesem eindrücklichen Film kommt von der interessantesten Figur, ganz zum Ende hin:

«Es gibt zwei Sorten von Unberührbaren in diesem Land. Jene, die niemand berühren will. Und diejenigen, die niemand berühren darf».

Damit erfasst die alternde, engagierte, korrupte und korrumpierte Polizistin Sharma (Sunita Rajwar) das traditionelle indische und das zeitgenössische globale Kastensystem. Sie hat ihr ganzes Berufsleben dem Kampf gegen den Sexismus, die allgegenwärtige und systemische Gewalt gegen Frauen gewidmet, eine effiziente Brigade aufgebaut, Vergewaltiger und Frauenmörder ermittelt, überführt und einer Strafe zugeführt. Mit legalen und mit illegalen Mitteln. Und dies in einem konstanten Balance-Akt innerhalb des nicht minder sexistischen und korrupten Polizeiapparates. „SANTOSH von Sandhya Suri“ weiterlesen

MONSIEUR AZNAVOUR von Mehdi Idir & Grand Corps Malade

Tahar Rahim als Aznavour © Pathé

Schauspieler Tahar Rahim bekam für diesen Film eine falsche Nase verpasst, damit sie sich die Figur, die er verkörpert, wegmachen lassen kann. Auf Anraten von Edith Piaf. Das Schöne daran? Der Umstand repräsentiert perfekt die Geschichte, die der Film erzählt.

Shahnourh Vaghinag Aznavourian, Sohn armenischstämmiger Einwanderer aus Georgien, verwandelte sich mit Beharrlichkeit und harter Arbeit in den Sänger (und Schauspieler) Charles Aznavour. Und der wiederum verkörperte schliesslich weltweit die «frenchness», wie vor ihm nur? Edith Piaf. „MONSIEUR AZNAVOUR von Mehdi Idir & Grand Corps Malade“ weiterlesen

LA PETITE VADROUILLE von Bruno Podalydès

Sandrine Kiberlain, Bruno Podalydès, Denis Podalydès, Daniel Auteuil, Florence Muller und Dimitri Doré in ‚La petite vadrouille‘ © xenix

Die verschroben komischen, alltagspoetischen Familienfilme von Bruno Podalydès gehören seit Jahren zu den verlässlichen Werten der französischen Leinwandkleinkunst. Stets ist Bruder Denis mit von der Partie, in der Regel auch Florence Muller, fast immer die wunderbare Sandrine Kiberlain, oder dann Karin Viard, Josiane Balasko oder auch Agnès Jaoui. Podalydès-Filme sind kleine Kopfreisen, wilde Trips in Gestalt bescheidener Ausflüge, wie etwa die Binnen-Paddelei Comme un avion von 2015 oder Les deux Alfred von 2021.

La petite vadrouille, der jüngste dieser Familienausflüge, ist nun allerdings allzu bescheiden ausgefallen. „LA PETITE VADROUILLE von Bruno Podalydès“ weiterlesen

BLACK BAG von Steven Soderbergh

Michael Fassbender in ‚Black Bag‘ © Universal

Slow Horses, die hinreissende Serialisierung der Jackson-Lamb-Romane von Mick Herron hat das Ende der klassischen britischen Spionage-Thriller markiert, wie auch den Anfang der diesbezüglichen Nostalgie. Gary Oldman als furzender, saufender und stinkender Boss der strafversetzten MI5-Agentinnen und Agenten im «Slough House», dem Schmuddelkinder-Ableger der institutionellen britischen Drahtzieher, ist der personifizierte Tief- und Höhepunkt einer stolzen Kino-Tradition.

Die brutale Eleganz von James Bond, oder die realistische Raffinesse von John Le Carrés Smiley und Co. haben eine filmische Tradition begründet, deren Spuren heute allgegenwärtig sind, und entsprechend leicht zu parodieren. Selbst die jeweiligen zeitgenössischen Parodien, von Casino Royale über die französischen OSS 117-Filme bis zu den Sargnagel-Variationen von Rowan Atkinsons Johnny-English-Komödien fanden unlängst ein Nachglühen in nostalgischen Neuauflagen.

Wenn sich nun allerdings Steven Soderbergh hinter die Materie macht, der Mann, der seinen vor zwölf Jahren verkündeten Abschied vom Kino seither mit mehr als fünfzehn weiteren Filmen zur verkapptesten Leinwand-Liebeserklärung aller Zeiten gemacht hat, dann darf man schon eine Art Quintessenz erwarten.

Und die liefert Black Bag. „BLACK BAG von Steven Soderbergh“ weiterlesen

TROP CHAUD von Benjamin Weiss

‚Trop chaud – KlimaSeniorinnen vs. Switzerland‘ © Anderdog Film

Nein, wegen seiner formalen Qualitäten gehört dieser Dokumentarfilm nicht auf die grosse Kinoleinwand. Benjamin Weiss und Daniel Hitzig, sein Co-Autor, erzählen ihre Geschichte mit der bewährten Raffinesse eines längeren 10vor10- oder Tagesschau-Beitrages auf SRF, bis hin zum professionellen Off-Kommentar, gesprochen von Suzanne Zahnd. Tritt ein Experte oder eine Expertin auf, wird er oder sie ebenfalls zunächst ganz fernsehmässig auf Distanz «etabliert», etwa beim gezielten Marsch zur Bürotür.

Aber der Inhalt von Trop chaud, der nimmt einen durchaus mit. Zuerst auf die acht Jahre dauernde Geduldsreise der Schweizer Klimaseniorinnen, von der sorgfältigen Planung ihrer Anhörung vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EMRK) am 28. März 2023 in Strassburg bis zur Urteilsverkündung vom 9. April 2024. „TROP CHAUD von Benjamin Weiss“ weiterlesen