Ulrich Seidl: Import Export

 

 

Die Filme des Österreichers Seidl glänzen in der Regel vor allem mit einem schonungslosen Menschenbild. Seine hässlichen Österreicher, zum Beispiel in «Hundstage», haben dem Land den Ruf eingebracht, die masochistischte Kinematographie der Welt zu haben (da hat aber natürlich auch Michael Haneke mitgeholfen). Mit «Import Export», der hier in Cannes im Wettebewerb läuft, beweist Seidl allerdings, dass sein Blick nicht so kalt ist, wie es früher scheinen mochte, sondern vor allem um den Verzicht auf jedes Beschönigen bemüht. Hier stellt er den Alltag eines jungen Arbeitslosen aus Österreich jenem einer ledigen Mutter in der Ukraine gegenüber, lässt sie übers Kreuz emigrieren und spielt dann wieder all die Machtspielchen und -konstellationen der Ohnmächtigen durch. Das macht den Film noch lange nicht zu einem Vergnügen. Aber spannend, ernsthaft und eindringlich ist er. Geschnitten hat ihn übrigens der Berner Christof Schertenleib.

Der dritte Palmenkandidat: Gus van Sant

Ich war nie ein grosser Fan der Filme von Gus van Sant. «My Own Private Idaho» hat zwar auch mich beeindruckt und sowohl «Gerry» wie auch sein Cannes-Gewinner«Elephant» haben mir Respekt abgenötig. «Last Days» dagegen macht mich noch in der Erinnerung schläfrig. Aber jetzt hat er seinen eigenen Stil weiterentwickelt, perfektioniert und noch flüssiger gemacht. «Paranoid Park» ist ein Blake Nelson-Roman, die Geschichte eines netten jungen Skaters, der den Tod eines Bahnwärters verschuldet und damit zurande kommen muss. Ein „morality tale“ eigentlich, fast schon Schulkino auf den ersten Blick. Aber Van Sant (der immer schon einen sehr feinen Blick für Pubertierende bewiesen hat) erzeugt zusammen mit Kameramann Chris Doyle einen Bildersog, der sich zunächst an den Skater-Bewegungen orientiert, dann aber insgesamt zum optischen Tunnel wird, zu einem endlosen Transportband, einer Möbius-Schleife rund um die heimliche Schuld des Jungen. Elliptisch hätte man diesen Erzählstil früher genannt, aber das Springen in der Chronologie, das Van Sant schon in «Elephant» angewendet hat, ist hier zu einer einzigen flüssigen Bewegung geworden. Der Film hat mich schwer beeindruckt, auch wenn er zu denen gehört, die ich nicht jeden Tag von neuem sehen möchte.

Die bisherigen Favoriten

 

Seit heute morgen gibt es drei Kronfavoriten für die goldene Palme. Hier erstmal die bisherigen:

«4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage» von Cristian Mungiu war der erste (siehe hier). Der zweite ist der Film von den amerikanischen Coen-Brüdern. «No Country for Old Men», kein Land für alte Männer, basiert auf dem Roman von Cormack Mc Carthy und erzählt von zähen Männern im heutigen Westen der USA. Tommy Lee Jones spielt einen alten Sheriff, Josh Brolin einen Vietnamveteranen, der neben einem Haufen toter Drogenkuriere in der Wüste einen Koffer mit zwei Millionen Dollar findet. Er nimmt ihn mit und schickt zur Sicherheit seine Frau erst mal zu ihrer Mutter.

«Wie lange muss ich weg? Was soll ich meiner Mutter denn sagen?» fragt sie. «Stell dich hin und rufe Mama Mama», sagt er: «Pack deine Sachen».

Die sprachliche Lakonie, der trockene Witz der Dialoge und die gelegentliche Brutalität des Films erinnern an den Coen Film «Fargo»; was damals im Schnee ablief, spielt jetzt in der Hitze von New Mexiko. Der Spanier Javier Bardem spielt einen jener irren Killer, die man bei den Coen-Brüdern lieben gelernt hat. Mit Vorliebe lässt er eine Münze via Kopf oder Zahl über Leben und Tod entscheiden und die Szene, in der ein Tankstellenwart sehr viel Glück hat, ist eines von vielen Kabinettstückchen in dem Film.

«No Country for Old Men» hat die Kritiker in zwei Lager gespalten. Den einen ist der Film, der einmal mehr die Gewalt als integralen Teil der amerikanischen Kultur begreift zu geschwätzig, während die anderen gerade die meisterliche Balance zwischen Dialog und Lakonie, Bildwitz, grandiosem Thrill und perfekter Cinematographie begeistert. Ich bekenne mich ganz klar zum begeisterten Lager. Mit «No Country for Old Men» haben die Coen-Brüder Stil perfektioniert, und gleichzeitig Neuland betreten.

Kim Ki-Duk und "Soom"

(v.r. Kim Ki-Duk, Hauptdarstellerin Zia, Chang Chen und Jung-Woo Ha)

Jetzt ist er wieder da, in Südfrankreich, der Südkoreaner Kim Ki-Duk. Zurück in der Gegend, in der er auf der Strasse vor Jahren seine Bilder verkaufte, um nicht zu verhungern. Aber heute ist er der renommierteste Regisseur von Südkorea, auch wenn er im Westen deutlich mehr ansehen geniesst, als in seiner Heimat. Mit seinen bizarren Filmen wie "Samaria" oder "Bin Jip" hat er die Cineasten in die Tasche gesteckt, sein "Seom" (Die Insel) aus dem Jahr 2000 gehört zu den Solitairen des neuen Kinos. Aber mit seinem jüngsten Oeuvre hat er hier in Cannes ein wenig enttäuscht. "Soom" ist die Geschichte einer betrogenen Ehefrau, die sich in eine bizarre Affäre mit einem zum Tode verurteilten, suizidären Familienmörder im Gefängnis stürzt. Sie besucht ihn regelmässig, singt für ihn und dekoriert die Besuchszelle, all der weil die eifersüchtigen Zellengenossen den armen Kerl erst recht piesaken, so dass er wieder und wieder …

… mit einer zugespitzten Zahnbürste Suizidversuche unternimmt. Und das ganze wird von einem geheimnisvollen Gefängnisdirektor via Monitor beobachtet und immer vor dem Höhepunkt abgebrochen. Da stecken wieder unendlich viele Zuschauer-Allegorien und Beziehungsmetaphern drin in dem Film. Aber sie kommen diesmal ein bisschen wie der Refrain in den Liedchen, welche die schöne Frau dem guten Mann vorträllert: gezwängt. Dennoch ein gewohnt bizarres, auch komisches Erlebnis, dieser Film.

Sicko – Michael Moore is back

 

Eben komme ich von der Pressekonferenz von Michael Moore, nachdem seine neue Dokumentarsatire heute morgen uraufgeführt wurde. "Sicko" hält ziemliche genau, was man sich davon versprochen hat. Er zeichnet mit den üblichen Moore-Methoden in satirischem Kontrast zu England, Canada, Frankreich und Cuba ein katastrophales Bild vom amerikanischen Gesundheitswesen, das fast vollständig in der Hand privater Versicherer liegt, auf Profitmaximierung getrimmt ist und damit natürlich auch auf Pflegeminimierung. Anders als in früheren Filmen lässt Moore die Gegenseite schon gar nicht mehr zu Wort kommen, reiht dafür etliche fürchterliche Beispiele von Krankenschicksalen aneinander und fährt dann – ganz Eulenspiegel – mit ein paar kranken Freiwilligen, die beim Aufräumen von Ground Zero und bei der Suche nach Verschütteten krank geworden waren, nach Cuba, um zu zeigen, dass dort, beim Feind, besser für die kranken Helden gesorgt wird als in den USA …

Der Film ist so witzig und bissig wie eh und je bei Moore, auch ebenso subjektiv, propagandistisch und einseitig argumentierend. Aber er kriegt seine simple Botschaft deutlich über die Leinwand: Wir brauchen wieder mehr "wir" in den USA und weniger "me", Gesundheitsvorsorge und -Versicherung darf nicht auf Profit ausgerichtet sein und muss darum vom Staat kontrolliert werden. An der Pressekonferenz gab er sich bescheiden, nüchtern und kontrolliert, wiederholte sich und die Aussagen seines Fims eher, als dass er konkreter wurde, eindeutig bemüht, seriös und besorgt zu wirken. Mehr dazu heute Samstagabend im Echo der Zeit.

Control – so gehts

 

Während die offizielle Sektion einen Taucher machte (den in ein paar Stunden die Coen-Brüder mit "No Country for Old Men" hoffentlich wieder wettmachen) zeigte die Konkurrenzreihe "Quinzaine des Réalisateurs" gestern zur Eröffnung echte "cool Brits", schwarz-weisses Nostalgiekino mit modernem Anstrich. "Control" ist der erste Spielfilm des Fotografen Anton Corbijn, der seinerzeit die ersten Covers für die britischen Post-Punker von "Joy Division" machte. Jetzt erweist er mit seinem ersten, sehr gelungenen Film dem Sänger Ian Curtis seine Reverenz, indem er die kurze Biografie des Mannes nachzeichnet, der so etwas wie der Curt Cobain unserer Generation gewesen ist. 1980, am Tag vor dem Aufbruch zur ersten Amerika-Tournee von "Joy Division" hat sich Curtis umgebracht und Corbjins

Film erzählt seine Geschichte und die seiner Frau, seiner Freundin und ein wenig auch die der Band in schwarzweissen Bildern, die an die Hochblüte des britischen Kitchen-Sink-Realismus der 60er Jahre erinnern. Gleichzeitig verdankt der Film aber auch Michael Winterbottoms "24 Hour Party People" etliches, vor allem den Hintergrund jener verrückten, idealistischen Musikszene, die so seltsam zwischen Business und Revolte oszillierte.

Assayas und Liebesgeträller

Es gibt Tage wie den heutigen, da zeigt sich deutlich wie sehr auch ein renommierter Anlass wie das Filmfestival von Cannes der lokalen Politik unterworfen ist. Der erste französische Wettebwerbsbeitrag „Les chansons d’amour“ ist ein überaus banales Singspiel um einen jungen Mann und zwei junge Frauen. Leider sieht der junge Mann (Louis Garrel, Sohn des Filmregisseurs P. Garrel) aus wie der junge Jean-Pierre Léaud bei François Truffaut und benimmt sich auch so. Das reicht, damit den französischen Cineasten die Tränen kommen, da kann der Film noch so dünn sein, die Musik und die Chansons noch so banal. Und der gespannt erwartete neue Film von Olivier Assayas, ein als B-Movie angekündigter Quickie-Thriller mit dem Titel „Boarding Gate“ ist leider auch genau das: Ein schludrig geschriebener Pseudo-Reisser, technisch gut umgesetzt in Paris und Hongkong, aber mit einer Asia Argento, die wie üblich völlig überspielt und einem Michael Madsen, der offensichtlich zu keinem Zeitpunkt genau wusste, was er da spielen sollte…

Auch wenn dieser Film in der Nebensektion „Und certain regard“ präsentiert wurde, hat er seine einzige Berechtigung dadurch, dass das Festival seinem gelegentlichen Liebling Assayas die Treue halten wollte. Aber eben: DAS französische Filmfestival kommt nicht ohne französische Filme aus, notfalls zeigt man eben auch Unterdurchschnittliches. Das Trällerfilmchen „Les chansons d’amour“ läuft übrigens dieser Tage in Frankreich im Kino an und gleichzeitig in der Westschweiz. In die Deutschschweiz werden es diese Liedchen bestimmt nicht schaffen.

David Fincher's Zodiac

 (Jake Gyllenhaal, Chloë Sevigny in "Zodiac")

Wer von diesem Film jene magendrehende Faszinaton erwartet, welche Fincher mit «Se7en» oder «Fightclub» provozierte, kommt eigentlich nur beim Eröffnungsmord des titelgebenden kalifornischen Serienkillers ganz auf seine Kosten. Der Rest des 156 Minuten langen Thrillers ist Geschichte einer Obsession und ein Zeitgemälde, das von den 60er in die 80er Jahre führt. Dabei arbeitet Fincher mit seiner gewohnten Präzision und Liebe zum Detail. Die Stadt San Francisco ist eben so Darsteller wie Jake Gyllenhaal und der immer wieder faszinierend magnetische Robert Downey jr. Der Film fühlt sich mit seiner barock ausschweifenden Faktenhuberei manchmal an, wie eine lange Episode von "24" – ohne die Atemlosigkeit, die Brutalität und das Spekulative der Fernsehserie. Und für Kinofreundinnen sind …

… etliche Leckerbissen eingebaut, so auch eine «Dirty Harry»-Vorführung aus welcher der Polizist, der das Vorbild war, angewidert rausläuft. denn tatsächlich geht "Scorpio", der Killer, den  Clint Eastwood damals erledigte, auf den «Zodiac» zurück. Aber wirklich erschreckend ist der Umstand, dass dieser Zodiac-Killer einer der ersten Terroristen war, der konsequent über die Medien spielte, egal, worin seine Motivation lag. Die Frage taucht ganz klar auf, ob Medienleute den Terror nicht überhaupt erst ermöglichen, indem sie die Öffentlichkeit schaffen. Finchers Film passt gut in den Wettbewerb in Cannes, das ist hochstehendes, geduldiges akribisches Handwerk, das seine Traditionen nie verleugnet.

4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

 

Was für ein Kontrast! Nach dem wunderschönen, seelenpinselnden Edelkitsch von Wong Kar Wais «My Blueberry Nights» ist der zweite Wettbewerbsfilm vom Rumänen Cristian Mungiu ein ziemlicher Schock: Unglaublich gut, unglaublich düster, unglaublich Alltagshorror.

Es ist der erste Film einer geplanten Reihe mit dem ironischen Titel «Die goldenen Zeiten», welche Geschichten aus der Zeit des kommunistischen Rumänien erzählt.

«4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage» dauert bereits die Schwangerschaft der jungen Studentin Gabita. Der Film spielt in den 80er Jahren, in Rumänien war der Abort ab 1966 verboten, illegale Schwangerschaftsabbrüche bekamen den Charakter einer Auflehnung gegen den Staat.

Aber die junge Frau fürchtet vor allem um ihren Studienplatz und bittet ihre Zimmerkollegin aus dem Studentenwohnheim um Hilfe.

Der Mann, der den Abbruch heimlich in einem Hotelzimmer durchführen soll, nutzt die Notlage der beiden jungen Frauen schamlos aus, der Freund der Freundin hat keine Ahnung und die Bilder sind so kalt wie das Land und seine Gesetze und seine Parteidiktatur.

Mungiu filmt ähnlich wie die Dardenne-Brüder («Rosetta», «L’enfant») mit einem dokumentarisch wirkenden Realismus und absoluter Kontrolle. Der Film wird, ohne je vom Alltagsgeschehen abzuweichen, zum Horrortrip, ganz einfach, weil man(n) gar nicht anders kann, als sich mit den beiden Frauen zu identifizieren. Kein Vergnügen per se, aber ein meisterlich gemachter Film von einem Mann, der das erst zum zweiten Mal in Angriff genommen hat.

Eröffnungsfilm:

 

Was für ein erfreulicher Festivalstart! Der erste englischsprachige Film des Hongkong-Meisters Wong Kar Wai vereinigt fast alles, was wir an seinen Filmen lieben: Einstellungen, die aussehen wie gemalt und zerrupft, melancholische Stimmung voller Liebessehnsucht und Trauer, aber immer in den schönsten Farben, beschädigte Menschen, die so komplett wirken wie die Schauspieler, die sie verkörpern… kurz: Die ganze wundervolle Künstlichkeit, die Nostalgie, die Stilsicherheit, das Jazz-Blues-Sixties-Feeling, das er mit «In the Mood for Love» perfektioniert hat. Wenn nun die junge Sängerin Norah Jones, die tatsächlich so singt, wie Wong Kar Wai filmt – wunderschön, fast zu schön, ein wenig geleckt fürs Publikum, aber mit einem Unterton, der mehr verspricht – wenn nun diese Nora Jones als Elizabeth oder Lizzie mit gebrochenem Herzen und Liebeskummer ins New Yorker Café des dort gestrandeten britischen Marathonläufers Jude Law stöckelt, sich ihren Kummer ohne viele Worte abnehmen lässt und dann auf eine lange Roadmovie-Schleife durch die USA auffbricht…

…dann ist das sozusagen die traumhafte Synthese von «In the Mood for Love» mit Wim Wenders’ «Paris Texas». Dass auch noch der gleiche Ry Cooder die Musik zum Film beisteuert, unterstützt das Gefühl natürlich. Dieser unendlich lange Kuss, den der gestrandete Brite seiner am Tresen eingeschlafenen Kundin auf die Lippen drückt, das schläfrige Lächeln, zu dem sich die vollen Lippen der schönen Norah Jones veziehen: Das alles ist Kitsch vom Feinsten. Aber weil Wong Kar Wai immer abbricht, wenn es am schönsten ist, die Musik, das Bild, die Szene, wird der Kitsch nie kitschig. Der Regisseur setzt mich bloss auf die Rutsche und wenn ich dann im Kitsch lande, dann liegt es daran, dass ich weniger Disziplin habe als er, keine Zurückhaltung als Zuschauer, keine Abwehrkräfte seiner Magie gegenüber.

«My Blueberry Nights» ist bestimmt der westlichste, formelhafteste Film, den Wong Kar Wai bisher gemacht hat. Da aber alle seine Filme all diese formelhaften Elemente immer wieder einsetzen, wie Collagen aus Fotobüchern, ist das auch ein weiterer absolut eigenständiger Wong Kar Wai-Film, ein Vergnügen, ein schöner Traum.

Hoffentlich gibt’s noch mehr davon in den nächsten Tagen!