LE LAC von Fabrice Aragno

Dieser Blogbeitrag ist eine erweiterte und überarbeitete Version meiner kurzen Filmbesprechung für die Schweizer Seiten von DIE ZEIT vom 11. Juni 2026

© adok films

Mann, Frau, Boot, See. Dokumentarische Fiktion. Ein maximal minimalisiertes Konzept.

Im Gefolge des letzten grossen 3D-Hypes im Kino, ausgelöst durch James Camerons Avatar und eine beispiellose Studiokampagne, die für ein paar Jahre sogar 3D-Fernseher in die Läden brachte, hat sich nicht nur Wim Wenders um einen sinnvollen Einsatz der Technik bemüht. Auch Jean-Luc Godard hat für eine Weile mit den Möglichkeiten – und vor allem den Unmöglichkeiten – des Präsentationsformates gespielt. „LE LAC von Fabrice Aragno“ weiterlesen

SOLOMAMMA von Janicke Askevold

Edith (Lisa Loven Kongsli) © frenetic

Die Suche von Teenagern oder jungen Erwachsenen nach einem unbekannten biologischen Elternteil ist ein dramatischer und cinematischer Topos, von allen Varianten auf Kästners doppeltes Lottchen bis zu Mike Leighs Secrets & Lies (1996), oder auch Stoff für Komödien wie Flirting with Disaster von David O. Russell (ebenfalls 1996).

Die in Paris ausgebildete norwegische Schauspielerin und Regisseurin Janicke Askevold hat nun die komplexen menschlichen Sehnsüchte hinter diesem Wunsch nach definierter Herkunft in einen sehr erwachsenen Film gepackt. „SOLOMAMMA von Janicke Askevold“ weiterlesen

LOVE ON TRIAL (Renai saiban) von Koji Fukada

Happy Fanfare: Promo und Image sind alles © trigon

Mai ist Teil der Japan-Pop-Idol-Group «Happy Fanfare». Zusammen mit ihren vier Kolleginnen absolviert sie Tag für Tag ein beinhartes Programm. Tanztraining, Studium neuer Songs, Choreographie büffeln, durchgetaktete Bühnen-Auftritte vor jubelnden Fans und danach organisiertes «Meet & Greet», kurze Begegnungen mit den treuesten Anhängern für Autogramme und klar geregelten Small-Talk im Minutentakt. Dates oder gar Liebesbeziehungen mit den Fans sind vertraglich verboten, Idols müssen unschuldig sein, süss, sexy und theoretisch verfügbar für alle. „LOVE ON TRIAL (Renai saiban) von Koji Fukada“ weiterlesen

I SWEAR von Kirk Jones

Dotty (Maxine Peake) und John (Robert Aramayo) © Präsens

Diese britische Kinoproduktion wird sicher helfen, das Tourette-Syndrom noch weiter bekannt zu machen, und das ist eine gute Sache. Und immer noch nötig, wie sich an der letzten BAFTA-Verleihung im Februar gezeigt hat.

Bei dieser Verleihung der britischen Filmpreise war nämlich auch John Davidson zugegen, der Mann, dessen Leben mit Tourette die Grundlage bildet für das Kinodrama I Swear. „I SWEAR von Kirk Jones“ weiterlesen

RENOIR von Chie Hayakawa

Fuki Okita (Yui Suzuki) © Xenix

Vor vier Jahren hat die Japanerin Chie Hayakawa die Welt sanft herausgefordert mit ihrem ersten Langspielfilm Plan 75. Sie erzählte (unter anderem) von der 78-jährigen Michi Kakutani, die sich für das – im Film – vom japanischen Staat gesponserte Gratis-Euthanasie-Programm anmeldet. Dieser Plan 75 ist eine staatliche Reaktion auf die von überzeugten Bürgern begangenen Morde an alten Menschen, die der Gesellschaft zur Last fallen. Der Film ist eine Dystopie, aber nahe an der Realität.

Nun geht Hayakawa das Thema Tod und Sterben und Gesellschaft vom anderen Ende der Altersskala her an und lässt in Renoir die 11jährige Fuki mit dem langsamen Sterben ihres krebskranken Vaters hadern, und mit der Überforderung ihrer Mutter. Und wie schon Plan 75 ist auch Renoir nicht das erschütternde Drama, das man allenfalls erwarten würde, sondern ein neugieriges, wildes, verblüffendes und ausgesprochen warmherziges Abenteuer. „RENOIR von Chie Hayakawa“ weiterlesen

LA BEAUTÉ DE L’ÂNE von Déa Gjinovci

Das einstige Familienhaus in Makërmal als Bühne © First Hand Films

Déa Gjinovci findet immer wieder neue Wege, uns Realität und Geschichte über eindrückliche erzählerische Brücken näherzubringen. Vor fünf Jahren baute sie so eine Brücke zwischen Schweden und dem Kosovo mit Réveil sur Mars, der Geschichte einer Familie und deren Traumata. Der Junge Furkan versucht dort, seine Schwestern Ibadeta und Djeneta aus ihrem Koma zu holen, über einen fantastischen Umweg zum Mars.

Die Schönheit des Esels ist nun näher, direkter und dokumentarischer gebaut. Déa Gjinovci fährt mit ihrem Vater Asllan, der seit mehr als fünfzig Jahren im Schweizer Exil lebt, zurück in seine alte Heimat im Kosovo, ins zerstörte Dorf Makërmal. Nachdem er als 19jähriger Student an den 1968er Demonstrationen teilgenommen hatte, musste er aus dem politisch schon lange instabilen Kosovo flüchten. „LA BEAUTÉ DE L’ÂNE von Déa Gjinovci“ weiterlesen

PLÜSS von Martin Albisetti

Der Kollege (Yves Progin) und Plüss (Max Rüdlinger) am Set © Royal Film

Acht Jahre liegen zwischen den zehn Drehtagen im Januar 2018 und dem Kinostart am 21. Mai 2026. Dass Plüss trotzdem frisch und zeitlos wirkt, liegt an den schwarzweissen Einstellungen von Martin Albisetti, der seine eigene Kamera führte. Und an den gezielt zwischen Retro und Gegenwart angesiedelten Sets, Drehorten und Schauspielern. „PLÜSS von Martin Albisetti“ weiterlesen

WOLVES von Jonas Ulrich

Luana (Selma Kopp) © dynamic frame

Wolves ist der erste Langspielfilm des Zürchers Jonas Ulrich und ein bemerkenswert kontrolliertes Unterfangen. Denn die Geschichte der 23jährigen Kita-Mitarbeiterin Luana (Selma Kopp), die den dunklen Verlockungen der Black-Metal-Band ihres deutlich älteren Cousins, und vor allem dem neuen geheimnisvollen Sänger Wiktor (Bartos Bielenia) aus Polen, nicht widerstehen kann, trüge in sich durchaus die Struktur jener altväterisch-erziehungsberechtigten Obacht-Drogen-und-Satanismus-Filme der 1970er Jahre.

Aber Ulrichs Drehbuch nimmt nicht nur seine Figuren sehr ernst, das Filmteam weiss auch sehr genau, was sie erzählen und vor allem wovon. Wolves ist eine ernsthafte Coming-of-Age-Geschichte, ein Roadmovie, eine Sozialstudie, ein Rockumentary – die titelgebende Black Metal Band wurde für die Dreharbeiten extra gegründet und bei tatsächlichen Gigs gefilmt – und schliesslich eine politisch-sozial klar verortete, kathartisch gesteigerte Selbstfindungsstory. „WOLVES von Jonas Ulrich“ weiterlesen

FOLICHONNERIES von Eric K. Boulianne

Julie (Catherine Chabot), François (Eric K. Boulianne) © frenetic

Wenn da jemand in Ermangelung eines subtileren Begriffs diesen Film als «Sexkomödie» bezeichnet, dann klingt im kanadisch-französischen Titel fast unwillkürlich die «cochonnerie» mit an, zu deutsch die Schweinerei. Und in der Tat dreht sich die erste Langspielfilm-Regiearbeit des renommierten kanadischen Drehbuchautors Eric K. Boulianne in weiten Teilen recht explizit um die sexuellen Wünsche, Frustrationen und Experimente eines langjährigen Ehepaares. „FOLICHONNERIES von Eric K. Boulianne“ weiterlesen

THE NORTH von Bart Schrijver

Chris (Bart Harder) und Lluis (Carles Pulido) © xenix

Wanderfilme sind seit Jahrzehnten ein eigenes Kinogenre. In der Buchverfilmung Wild von 2014 erholte sich die von Reese Witherspoon gespielte Cheryl von persönlichen Schicksalschlägen. Im Jahr darauf unternahmen Robert Redford und Nick Nolte A Walk in the Woods, ebenfalls nach einem literarischen Wanderbestseller. Ich bin dann mal weg hiess im gleichen Jahr der Santiago-Pilgerfilm mit Hape Kerkeling, nach dessen eigenem literarischen Tagebuch.

Ein historischer Reisebericht lag der französischen Wanderkomödie Antoinette dans les Cevennes (2021) mit der grossartigen Laure Calamy zugrunde, einer französischen Komödie die zurückgriff auf «Travels with a Donkey in the Cévennes», den 1879 publizierten Aufzeichnungen des späteren «Schatzinsel»-Autors Robert Louis Stevenson. „THE NORTH von Bart Schrijver“ weiterlesen

+++ «NIGHTBORN» (Yön lapsi) von Hanna Bergholm +++ Jetzt im im Kino