DAS MÄDCHEN UND DIE SPINNE von Silvan & Ramon Zürcher (Berlinale 2021, Encounters)

Lisa (Liliane Amuat) und Mara (Henriette Confurius) © Xenix

Willkommen in der Mitte. Sie liegt in Berlin, auch wenn tatsächlich in Bern gedreht wurde.

Das merkwürdige Kätzchen aus dem gefeierten Spielfilmerstling der Zürcher Brüder von 2013 ist auch wieder dabei, in diesem mittleren Teil der geplanten Familien-Trilogie.

Oder jedenfalls eine optisch verwandte Verwandte, die natürlich auch ein Kater sein könnte. „DAS MÄDCHEN UND DIE SPINNE von Silvan & Ramon Zürcher (Berlinale 2021, Encounters)“ weiterlesen

BAD LUCK BANGING OR LOONY PORN (Babardeală cu bucluc sau porno balamuc) von Radu Jude (Berlinale 2021, Wettbewerb)

Goldener Bär für den Besten Film 2021

Katia Pascariu © Silviu Gheti / Micro Film

Was für ein Trip! Dieser «Verrückten-Porno» des Rumänen Radu Jude (Vernarbte Herzen) ist – rein formal argumentiert – ein schlampig zusammengeschusterter Unfall, inhaltlich ein Pandemie-Seufzer und ganz sachlich der erste reguläre Maskenfilm in Kinolänge an einem Filmfestival. Aber er trifft.

Vor dem Filmtitel wird erst einmal ein per Mobifon gefilmter Amateur-Porno auf die Leinwand geschmissen. Ein Paar hat Sex mit Spielchen, ein wenig Blowjob, etwas Peitsche, ein wenig Doggy-Style. Zwischendurch hört man eine ältere Frauenstimme durch die Zimmertür quengeln, es geht wohl um das Kind des Paares. Das ist nicht übertrieben hübsch anzuschauen, aber auch nicht wirklich ungewöhnlich. Ausser als Anfang eines Berlinale-Wettbewerbsfilmes vielleicht. „BAD LUCK BANGING OR LOONY PORN (Babardeală cu bucluc sau porno balamuc) von Radu Jude (Berlinale 2021, Wettbewerb)“ weiterlesen

TIDES von Tim Fehlbaum (Berlinale 2021, Special)

Nora Arnezeder in ‚Tides‘ von Tim Fehlbaum © Gordon Timpen / BerghausWöbke Filmproduktion GmbH

Zehn Jahre nach der spektakulären Erstlings-Premiere mit «Hell» am Filmfestival in Locarno feiert der Basler Regisseur Tim Fehlbaum im Rahmen des Berlinale Specials die Uraufführung seines Zweitlings. Gestern online für ein internationales Fachpublikum. Und im Juni dann an der geplanten Publikumsberlinale im echten Kinosaal. Tides heisst das postapokalyptische Science-Fiction Spektakel, «Gezeiten». Die schweizerisch-deutsche Koproduktion soll noch dieses Jahr international ins Kino kommen.

Tides beginnt mit einem Absturz, mit der dramatischen Bruchlandung einer Raumkapsel im endlosen Wattenmeer. „TIDES von Tim Fehlbaum (Berlinale 2021, Special)“ weiterlesen

MEMORY BOX  von Joana Hadjithomas & Khalil Joreige (Berlinale 2021, Wettbewerb)

Manal Issah © Haut et Court – Abbout Productions – Micro Scope

Am Weihnachtsabend wird in der Wohnung der dreizehnjährigen Alex im tief verschneiten Montreal ein grosses Paket angeliefert, adressiert an ihre Mutter Maia. Nach einem Blick auf den Absender würde die zu Besuch weilende Grossmutter die Paketannahme am liebsten verweigern – was natürlich erst recht die Neugier von Alex weckt.

Noch am gleichen Abend donnert der Karton in der Abstellkammer vom Gestell und ergiesst seinen Inhalt auf den Boden: Audiokassetten, Notizhefte, Tagebücher, Postkarten, Fotos. „MEMORY BOX  von Joana Hadjithomas & Khalil Joreige (Berlinale 2021, Wettbewerb)“ weiterlesen

THE DIG von Simon Stone

Carey Mulligan als Edith Pretty in ‚The Dig‘ © Netflix

Wenn die Zeit zerbricht, wächst die Sehnsucht nach Beständigkeit. Unter diese Behauptung könnte man diesen wunderbar ruhigen Netflix-Film stellen.

The Dig spielt im Jahr 1939 im britischen Suffolk. Während Ausgräber Basil Brown (Ralph Fiennes) mit Gutsherrin Edith Pretty auf deren riesigem Landstück ein paar vielversprechende künstliche Hügel begutachtet, donnern Flugzeuge in Formation über ihre Köpfe hinweg. Die Royal Air Force trainiert für den Luftkrieg gegen Hitler. „THE DIG von Simon Stone“ weiterlesen

DAS EINZIGE WAS WIR HABEN IST UNSERE STIMME von Heidi Schmid & Christian Labhart

Sie gehören zum engagierten Dokumentarfilm wie die verzerrten Stimmen zum Zeugenschutz: Die «Testimonials», sprechende Köpfe vor der Kamera, Talking Heads, sogenannte «Direktbetroffene», die uns eher erreichen als ein paar trockene Zeilen zu ihrem Schicksal.

Aber ich kann mich nicht erinnern, im Kino schon einmal ein derart starkes Gruppenarrangement erlebt zu haben, wie es dieser kurze Film präsentiert. „DAS EINZIGE WAS WIR HABEN IST UNSERE STIMME von Heidi Schmid & Christian Labhart“ weiterlesen

BURNING MEMORIES von Alice Schmid

‚Burning Memories‘ von Alice Schmid © Outside the Box

Kann eine Frau sich ein Leben lang an einem Thema abarbeiten, ohne zu merken warum? Für Alice Schmid kam das Aufwachen mit dem Schrecken, der sie befiel, als sie im Museum Edvard Munchs Gemälde «Pubertät» (1893) sah. Ein sehr junges Mädchen sitzt nackt auf einem Bett, ihr Schatten an der Wand ist riesig, fremd und bedrohlich.

Dreissig Jahre lang hat Alice Schmid Filme gemacht. Zuerst als Produktionsassistentin, später in Eigenregie und als ihre eigene Produzentin.  Auch darum, weil von den etablierten Schweizer Produzenten niemand ihr Thema und ihre Perspektive für interessant genug hielt. „BURNING MEMORIES von Alice Schmid“ weiterlesen

FAREWELL PARADISE von Sonja Wyss

Abflug von den Bahamas ‚Farewell Paradise‘ von Sonja Wyss © Basalt Film

Die Vertreibung aus dem Paradies war wohl eher eine Flucht. So genau erinnert sich keine der vier Schwestern daran, warum sie sich nach den wunderbaren Kindheitsjahren auf den Bahamas plötzlich im Flugzeug in die Schweiz wiederfanden.

Schon gar nicht Sonja Wyss, die als brüllendes Kleinkind im Flieger ihrer mit dem Transport beauftragten, auch erst zwölf Jahre alten Schwester das Leben noch schwerer machte. „FAREWELL PARADISE von Sonja Wyss“ weiterlesen

THE SAINT OF THE IMPOSSIBLE von Marc Wilkins

Magaly Solier Romero, Adriano & Marcelo Durand © Dschoint Ventschr

Die sechzehnjährigen Zwillingsbrüder Paul und Tito leben als illegale Immigranten aus Peru in New York mit ihrer Mutter Raffaella. Die Teenager wissen um Raffaellas Attraktivität:

«Sie hatte uns sehr jung. Wenn sie nicht unsere Mutter wäre, könnten wir uns in sie verlieben».

So wie die Dinge stehen, arbeitet Raffaella tagsüber als Servierfrau, an den Abenden und Nächten macht sie Männern Hoffnung. Damit bringt sie sich und ihre Söhne in einem kleinen Appartement in der Bronx knapp durch. „THE SAINT OF THE IMPOSSIBLE von Marc Wilkins“ weiterlesen

THE SCENT OF FEAR von Mirjam von Arx

‚The Scent of Fear‘ von Mirjam von Arx © Praesens

«Wenn Angst einen Geruch hat – wonach riecht sie denn?»

Das ist die Frage, welche Mirjam von Arx‘ Dokumentarfilmtitel aufwirft. Gestellt wird sie von Schauspielerin Katja Riemann, welche dem Film ihre Kommentarstimme leiht – und auch gleich nachhakt:

«Was ist Angst? Und warum haben wir solche Angst vor ihr?»

Um darauf Antworten zu finden, befragt der Film einerseits Angstforscher und Psychologen.

„THE SCENT OF FEAR von Mirjam von Arx“ weiterlesen