Locarno 10: BAS-FONDS von Isild Le Besco

Bas fonds von Isild Le Besco

Dass es eine Schauspielerin vom Kaliber von Isild Le Besco fertig bringt, eine potentiell tragische, extreme Geschichte mit Nicht-Schauspielerinnen zu besetzen, ist ja schon paradox. Fast würde man da an Berufsneid denken, an ein unbewusstes Bedürfnis, sich als Schauspielerin nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Bas-Fonds ist eine jener erschreckenden Geschichten, die zu rekonstruieren versuchen, wie Menschen zu Unmenschen werden, wie sich gruppendynamische Prozesse in einer Abwärstspirale verhöllisieren. Drei junge Frauen brüllen sich in einer völlig verwahrlosten Wohnung an, zwei Schwestern und ein Mädchen, das sich offenbar vor längerer Zeit in die ältere der Schwestern verliebt hatte. Der Film setzt allerdings zu einem Zeitpunkt ein, als das schon alles Bas-Fonds erreicht hat.

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Locarno 10: COLD WEATHER von Aaron Katz

Cold Weather

An Hal Hartley erinnert dieser Wettbewerbsfilm, in seinem beharrlichen, langsamen, aber absolut unwiderstehlichen Spannungsaufbau. Aber auch mit der Zeichnung der Figuren. Die vier jungen Menschen, um die herum sich eine Geschichte spielerisch zusammenzieht wie ein Gummitwistgummi, zeichnen sich durch wenig aus. Allenfalls noch Gail, die Schwester des Hängertyps Paul, durch ihre Schönheit. In Portland, Oregon lebt Paul vorübergehend mit seiner Schwester, arbeitet vorübergehend in einer Eisfabrik und freundet sich, nicht vorübergehend, an mit Carlos, einem Kollegen, den er mit Sherlock Holmes – den Original-Geschichten – anfixt.

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Locarno 10: LA PETITE CHAMBRE von Stéphanie Chuat & Véronique Reymond

Florence Loiret Caille, Michel Bouquet

Edmond ist alt, starrköpfig und alleine in seiner Wohnung. Seine Frau ist schon eine Weile gestorben, sein Sohn will eine Amerikanerin heiraten und für eine Weile in die USA ziehen. Seinen Vater sähe er lieber in einem Altersheim. Rose ist eine Spitex-Pflegerin. Sie hat ihr Kind im achten Monat verloren und mit dem Kind auch einen Teil ihrer Verankerung in der Welt. Im Gegensatz zu Edmond hat diese schweizerisch-luxemburgische Koproduktion ein starkes Herz und zwei Regisseurinnen. Und mit dem unverwüstlichen Michel Bouquet sowie Florence Loiret Caille zwei Darsteller, die auch eine mindere Konstellation mit Leben füllen würden.

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Locarno 10: RUBBER von Quentin Dupieux

Rubber

Dieser kleine Instant-Klassiker ist nicht nur der bisher beste Film des Festivals, Quentin Dupieux‘ irrwitzige Dada-Montage wird auch Generationen von Filmstudentinnen und -Studenten beschäftigen. Keine kleine Leistung für einen Film über einen psychopathischen Killerpneu. Aber fangen wir vorne an, und dazu gilt es, den folgenden Teaser anzusehen:

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Locarno 10: WOMB von Benedek Fliegauf

Eva Green, Matt Smith in 'Womb'
Eva Green, Matt Smith in 'Womb'

Die erste Stunde dieses Filmes ist grossartig. In vielen perfekt komponierten Einstellungen stellt uns der Ungar Fliegauf die grosse frühe Liebe von Rebecca und Tommy vor. Sandkastenliebchen, oder eher: Sandstrandliebchen sind sie, bis Rebecca mit ihren Eltern nach Tokio ziehen muss. Was bleibt, ist Tommys stummes Versprechen, auf sie zu warten, so lange es nötig ist. Als junge Erwachsene (und Spezialistin für die Programmierung von Software für Rissdetektoren) kehrt Rebecca zurück, sucht und findet Tommy, bloss, um ihn gleich darauf in einem Unfall zu verlieren. Aber dieses Schicksal nimmt sie nicht hin. Sie lässt den Geliebten klonen und sich die befruchtete Eizelle zum Austragen einpflanzen. Nicht ganz neun Monate später bringt sie via Kaiserschnitt ihren Geliebten zur Welt, ein Kind, das sozusagen sein eigener Vater ist.

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Locarno 10: HOMME AU BAIN von Christophe Honoré

François Sagat in 'Homme au bain'
François Sagat in 'Homme au bain'

Ein kleines Rätsel, dessen Auflösung ausbleibt: Für wen ist dieser Film? Es gab zwar vereinzelten Applaus am Ende der Pressevorführung, aber ich kann mir keine Zielgruppe vorstellen. Ein männliches Paar im Vortrennungsschmerz, schwuler Chagrin in Parallelmontage. Der eine Protagonist, ein Filmemacher, fliegt mit der Schauspielerin Chiara Mastroianni nach New York, um dort an der Kunstschule einen Film vorzustellen. Der andere, gespielt vom Muskelbündel François Sagat, dem L.A. Zombie von Bruce LaBruce, bleibt zurück in der Wohnung und Frankreich mit dem Avis, auszuziehen, bevor sein Partner zurückkommt. Beide trösten sich mit anderen Männern und je einer Schauspielerin als schwesterliche Freundin.

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Locarno 10: IM ALTER VON ELLEN von Pia Marais

Jeanne Balibar 'Im Alter von Ellen'
Jeanne Balibar 'Im Alter von Ellen'

Dass die wunderbare französische Darstellerin Jeanne Balibar hier auf Deutsch zu spielen hat, das funktioniert ganz gut. Sie ist Ellen, eine Stewardess, die ans Ende geraten ist. Eine Krise mit ihrem Freund löst einen Panikschub aus, der sie kurz vor dem Start aus einem Flugzeug flüchten lässt. Und das wiederum bedeutet ihre fristlose Kündigung. Nun irrt sie zunächst einmal wie George Clooney in Up in the Air als (allerdings gestrandete) professionelle Reisende durch die Hotel- und Taxiwelt. Dann allerdings wird ihre urbane Odyssee immer bizarrer. Sie gerät an ein militantes Tierbefreiungs-Kollektiv, kommt in dessen Gemeinschaftswohnung unter und heiratet schliesslich einen der Aktivisten, um ihm die Bundeswehr zu ersparen.

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Locarno 10: L.A. ZOMBIE von Bruce LaBruce

LA Zombie

Ein Fall von viel Lärm um wenig. Warum diese poetisch-trashige invertierte Zombie-Geschichte dem Festival von Melbourne verboten wurde, ist nicht so recht nachvollziehbar. Es ist klar ein Nischenfilm für ein schwules Publikum, mit viel Muskeln, Schminke und Eindeutigkeit. Der Grundeinfall ist durchaus originell: Ein grünlicher Superzombie steigt wie weiland Ursi Andress aus dem Meer bei L.A. und zieht als ‚homeless‘ durch die Strassen der Stadt. Dabei trifft er immer wieder auf Tote, meist Gewaltopfer. Die vögelt er mit seinem sehr speziell ausgebildeten Organ, vorzugsweise direkt in die Eintrittswunde, worauf sie wieder zum Leben erwachen. Und dies, wie es scheint, wirklich, nicht als Zombies.

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Locarno 10: SONGS OF LOVE AND HATE von Katalin Gödrös

Sarah Horvath in 'Songs of Love and Hate' von Katalin Gödrös
Sarah Horvath in ‚Songs of Love and Hate‘ von Katalin Gödrös

Festivaldirektor Olivier Père programmiert programmatisch: Nach dem Rotkäppchendrama Au fond des bois von gestern hat er heute den Wettbewerb mit einem weiteren Adoleszenz-Drama eröffnet. Die sechzehn oder siebzehnjährige Lilli im Film der Schweizerin Katalin Gödrös ist eben richtig erblüht. Sie spielt mit dem verliebten Nachbarsjungen, flirtet mit dem Werkmeister der Kunsteisbahn – und sie verwirrt ihren Vater mindestens so sehr wie sich selbst. Ob sie nun nackt im Bad steht und Papi um Hilfe ruft, weil der Hund nicht aufhört zu bellen, oder ob sie mit leiser Eifersucht zusieht, wie der Vater mit der jüngeren Schwester auf dem Sofa herumbalgt, während er bei ihr merklich zurückhaltender geworden ist mit körperlichen Berührungen: Lilli ist konfus.

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Locarno 10: AU FOND DES BOIS von Benoit Jacquot

Isild le Besco in 'Au fond des bois' von Benoit Jacquot

Isild le Besco in ‚Au fond des bois‘ von Benoit JacquotDa mokiert sich unsereins immer mal wieder über die braven Eröffnungsfilme der Festivals, jene massengängigen Vehikel, die auch den Sponsoren und den anwesenden Politikern zu gefallen haben, und dann dies!

Olivier Père, der neue künstlerische Leiter des Festivals von Locarno, hat schon mal die Krallen ausgefahren und einen Eröffnungsfilm programmiert, der manche ratlos, viele verärgert und einige wohl auch empört haben dürfte. Dabei ist Benoit Jacquots Au fond des bois ein Film in einer langen Tradition. Es ist eine Adoleszenz-Fantasie, eine männliche Projektion auf das Erwachen weiblicher Sexualität, eine Rotkäppchengeschichte. Das Rotkäppchen in diesem Film trägt allerdings vorzugsweise unschuldiges Weiss, wird gespielt von der aparten Isild le Besco, und sie wird von ihrem Ver- oder Entführer immer wieder vergewaltigt, ohne dass die Kamera sich zurückziehen würde. Aber fassen wir doch zuerst einmal die Geschichte zusammen:

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Kino Xenix, Zürich, Samstag, 10. Oktober 2026 – 12.30-21.30 Uhr: WHILE THE GREEN GRASS GROWS (Parts I-VII) von Peter Mettler - mit Peter Mettler vor Ort