KOKUHO von Lee Sang-il

Kikuo Tachibana (Ryô Yoshizawa) © trigon

Über zehn Millionen Eintritte in Japan und Japans Kandidat für die nächsten Oscars? Kokuho ist ein Film über das Kabuki-Theater, von dem die meisten von uns keine Ahnung haben. Aber auch ein Film über Klassendünkel, Ehrencodices, Yakuza (mindestens so kinotauglich faszinierend wie die Mafia) und über den Mythos des (männlichen) Künstlers, der seine Kunst über alle moralischen und ethischen Bedenken hinweg zu perfektionieren hat.

Und den wiederum kennen wir bestens, gespiegelt in Filmen wie Mephisto, über den Teufelspakt eines Schauspielers mit den Nazi-Machthabern, oder im jüngsten einschlägigen Meisterwerk Sentimental Value von Joachim Trier, in dem sich die Töchter an der Abwesenheit des genialischen Künstlervaters abarbeiten. „KOKUHO von Lee Sang-il“ weiterlesen

THE LAST VIKING von Anders Thomas Jensen

Mads Mikkelsen und Nikolaj Lie Kaas in ‚The Last Viking‘ © filmcoopi

Mads Mikkelsen kann alles. Der kann sogar einen verstörten, gestörten Mann mit Dauerwelle so spielen, dass man den einstigen Wikinger im Kind noch spürt. Auch wenn er nun nicht mehr Manfred heissen will, wie damals, als er und sein Bruder Anker (Nikolaj Lie Kaas) noch unter dem Alkoholikervater im Waldhaus zu leiden hatten.

Manfred hört nun nur noch auf den Namen John. John Lennon, um genau zu sein. Und er klaut Hunde in der Nachbarschaft, wenn Freja (Bodil Jørgensen), die Schwester der beiden, einen Moment nicht aufpasst. Mit all dem ist Anker etwas überfordert, als er aus dem Knast kommt. Er will bloss die Tasche mit dem Geld, das er damals gleich nach dem Banküberfall vom ahnungslosen Manfred hat verstecken lassen. „THE LAST VIKING von Anders Thomas Jensen“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 51 – 2025

‚La petite dernière‘: Fatima (Nadia Melliti) © cineworx

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. La petite dernière von Hafsia Herzi. Das Nesthäkchen einer französisch-algerischen Familie im stillen, tiefen Ringen um Identität, Glauben und Selbstannahme.
  2. Sentimental Value von Joachim Trier. Wie Familienkonstellationen und Wunden über Generationen wirken und was die Kunst damit zu tun hat. Berührender und oft lustiger als es klingt.
  3. Rietland von Sven Bresser. Ein hochverdichtetes, atmosphärisches Kinokunststück, mit Schilf und Wasser und Feuer, geschickt getarnt als Krimi.
  4. Des preuves d’amour von Alice Douard. Céline braucht Zeugnisse zum Adoptieren des Kindes, das ihre Frau austrägt. Ernsthaft, rührend, komisch und doch fest verankert in der Realität.
  5. Kontinental ’25 von Radu Jude. Nach dem Vorbild von Rossellinis Europa ’51 illustriert Jude unsere Verdrängungskapazitäten für die Gegenwart.

EDDINGTON von Ari Aster

Joaquin Phoenix and Pedro Pascal in ‚Eddington‘ © Ascot-Elite

Wahrscheinlich muss ein ehrlicher Film über den gesellschaftlichen Zustand der USA dermassen unangenehm sein wie Eddington. Der zunehmend gehässige Wahlkampf des Kleinstadtsheriffs Joe Cross (Joaquin Phoenix) um den Job als Bürgermeister gegen den Amtsinhaber Mayor Ted Garcia (Pedro Pascal) ist nicht nur ein Echo von Trump vs. Biden, der ganze Wahnsinn spielt auch noch in den Corona-Zeiten – mit allen kulturkämpferischen Implikationen.

Sheriff Joe, der eigentlich die offiziellen Regeln durchsetzen müsste, ist nicht nur ein vehementer Maskengegner, er hat auch Probleme mit seiner mental angeschlagenen Frau Louise Cross (Emma Stone), die er um alles liebt, und deren Mutter Dawn (Deirdre O’Connell), welche mit sektiererischer Vehemenz in alle verschwörungstheoretischen Wurmlöcher abtaucht. „EDDINGTON von Ari Aster“ weiterlesen

LA PETITE DERNIÈRE von Hafsia Herzi

Fatima (Nadia Melliti), Ji-Na Kim (Ji-Min Park) © cineworx

Ein «coming out» ist noch lange nicht das Problem der 17jährigen Fatima. Sie muss überhaupt erst einmal herausfinden, ob und wie sehr sie tatsächlich auf Frauen steht. Nicht einfach für das Nesthäkchen in dieser durchaus liebevollen französisch-algerischen Familie. Die beiden älteren Schwestern ziehen sie schon so dauernd gnadenlos auf. Dabei büffelt sie vor allem auf die Matura, schliesslich will sie an die Uni und Philosophie studieren. Zum Ausgleich spielt sie verbissen Fussball, alleine.

Regisseurin Hafsia Herzi wurde bekannt als Schauspielerin, ihr Durchbruch war 2007 La graine et le mulet («Couscous mit Fisch»), mit dem auch Filmemacher Abdellatif Kechiche international bekannt wurde. An den Erzähl- und Montagestil von Kechiche, insbesondere den seiner Mektoub-Trilogie, erinnert denn auch Herzis filmische Umsetzung des autobiografischen Erfolgsromans von Fatima Daas. „LA PETITE DERNIÈRE von Hafsia Herzi“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 50 – 2025

‚Sentimental Value‘ Renate Reinsve © frenetic

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. Sentimental Value von Joachim Trier. Wie Familienkonstellationen und Wunden über Generationen wirken und was die Kunst damit zu tun hat. Berührender und oft lustiger als es klingt.
  2. Rietland von Sven Bresser. Ein hochverdichtetes, atmosphärisches Kinokunststück, mit Schilf und Wasser und Feuer, geschickt getarnt als Krimi.
  3. Des preuves d’amour von Alice Douard. Céline braucht Zeugnisse zum Adoptieren des Kindes, das ihre Frau austrägt. Ernsthaft, rührend, komisch und doch fest verankert in der Realität.
  4. Kontinental ’25 von Radu Jude. Nach dem Vorbild von Rossellinis Europa ’51 illustriert Jude unsere Verdrängungskapazitäten für die Gegenwart.
  5. On vous croit von von Arnaud Dufeys und Charlotte Devillers. Eine Mutter und ihre Kinder vor Gericht gegen den Vater. Immersiv, intensiv und direkt.

SENTIMENTAL VALUE von Joachim Trier

Stellan Skarsgård, Elle Fanning © frenetic

Warum soll es nicht für einmal das Haus sein, das die Geschichte seiner Bewohner erzählt? Zumindest legen Joachim Trier und sein Drehbuch-Koautor Eskil Vogt diese Idee erst einmal ihrer Hauptfigur in die Hände. Das Mädchen Nora schreibt einen Aufsatz aus der Perspektive des Familienhauses. Wie es sich allenfalls freut über den Lärm seiner Bewohnerinnen, die Stille hasst, wenn niemand da ist. Und wie es die Schwestern Nora und Agnes aus dem Blick verliert, wenn die beiden zuerst durch die Keller- und dann durch die Gartentür zur Schule rennen.

Das Haus, das seit Generationen der Familie gehört, hat im Fundament einen Riss, der gleich nach der Erbauung schon durch eine Bodenabsenkung entstand. Der Riss zieht sich stabil durch die Wände bis unter das Dach, seit Jahrzehnten, ohne weitere Probleme zu verursachen. „SENTIMENTAL VALUE von Joachim Trier“ weiterlesen

WYLD von Ralph Etter

Ben (Tim Rohrbach) und Jay (Jennifer Joy Lima) © Royal Film

Ben ist 17 Jahre alt, Lehrling in einem Basler Modegeschäft, Gelegenheitskiffer, und ziemlich unsicher hinsichtlich seiner sexuellen Orientierung. Die 16jährige Momo dagegen ist überzeugt, dass Protestieren, Demos und Aufbegehren wichtiger sind, als ein Schulabschluss. Ihre Freundin Zoe wiederum steht recht solide im Leben, bis sie an einer Party einen sexuellen Übergriff erlebt, und ihr Freund Sam von Neonazis spitalreif geprügelt wird. „WYLD von Ralph Etter“ weiterlesen

DREAMERS von Joy Gharoro-Akpojotor

Isio (Ronke Adekoluejo) und Farah (Ann Akinjirin) © First Hand Films

Als «Dreamers» wurden während der US-Präsidentschaft von Barack Obama jene illegal eingewanderten Kinder und Jugendlichen bezeichnet, die das entsprechende Gesetz vor sofortiger Abschiebung schützen sollte. Wenn die britische Regisseurin Joy Gharoro-Akpojotor ihrem Film diesen Titel gibt, dann steckt natürlich eine klare Absicht dahinter. Auch wenn ihre Heldinnen keineswegs Minderjährige in den USA sind, sondern aus Afrika illegal ins UK eingewanderte Frauen, die nun im Abschiebezentrum auf ihre Entscheide warten. „DREAMERS von Joy Gharoro-Akpojotor“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 49 – 2025

Was versteckt sich im Rauch über dem ‚Rietland‘ ? © outside the box

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. Rietland von Sven Bresser. Ein hochverdichtetes, atmosphärisches Kinokunststück, mit Schilf und Wasser und Feuer, geschickt getarnt als Krimi.
  2. Des preuves d’amour von Alice Douard. Céline braucht Zeugnisse zum Adoptieren des Kindes, das ihre Frau austrägt. Ernsthaft, rührend, komisch und doch fest verankert in der Realität.
  3. Kontinental ’25 von Radu Jude. Nach dem Vorbild von Rossellinis Europa ’51 illustriert Jude unsere Verdrängungskapazitäten für die Gegenwart.
  4. On vous croit von von Arnaud Dufeys und Charlotte Devillers. Eine Mutter und ihre Kinder vor Gericht gegen den Vater. Immersiv, intensiv und direkt.
  5. The Secret Agent von Kleber Mendonça Filho. Ein Vater versucht, mit seinem Sohn aus Basiliens Militärdiktatur von 1977 zu entkommen. Ein wilder Ritt durch Genres und Kinotropen, mit der Erzählstrategie einer Serie und der Wucht der Leinwand.