THE ODYSSEY von Christopher Nolan

Das trojanische Pferd © Universal Studios

Die sekundäre Social-Media-Werbewalze für Nolans Neuverfilmung der Odyssee ist beispiellos, die Kritiken und Artikel übersteigen akkumuliert jetzt schon alles, was sonst noch in diesem Jahr auf die Leinwände gelangt. Der Hauptgrund dafür ist wohl die kollektive Erleichterung darüber, dass Nolan dem Kino sein Umpf! zurückgibt, die monumentale, epische Energie des kindlichen Staunens über das ganz grosse Abenteuer mit Göttern, Monstern und Menschen. „THE ODYSSEY von Christopher Nolan“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 29 – 2026

‚Á voix basse‘: Alice (Marion Barbeau) und Lilia (Eya Bouteraa) © cineworx

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. À voix basse von Leyla Bouzids. Ingenieurin Lilia kommt mit ihrer Partnerin zurück nach Tunesien, anlässlich des Todes ihres Onkels. Seine und ihre Homosexualität sind nicht die einzigen Familientabus. Feinfühlig und stimmig.
  2. L’inconnu de la Grande Arche von Stéphane Demoustier. The Brutalist in real und in Paris. Politik, Zeitgeschichte und Architekturdrama mit feinster Besetzung.
  3. La Hija Cóndor von Álvaro Olmos Torrico. Clara singt als angehende Anden-Hebamme alte Quechua-Gesänge, träumt aber auch von einer Pop-Karriere in der Stadt. Bildstark und zeitgemäss epochenbalanciertes Ethno-Kino.
  4. Cosmos von Germinal Roaux. Begegnung der Gegensätze in Yucatán, in leuchtend eindringlichem Schwarzweiss. Leben und Sterben in Schönheit.
  5. Fuori von Mario Martone. Ein faszinierender Tauchgang in Frauenfreundschaften im Rom der 1980er, nach Goliarda Sapienza.

À VOIX BASSE von Leyla Bouzids

Lilia (Eya Bouteraa) und ihre Lebensgefährtin Alice (Marion Barbeau) © cineworx

In Frankreich lebt die junge Ingenieurin Lilia (Eya Bouteraa) mit ihrer Lebensgefährtin Alice (Marion Barbeau). Aber vom Flughafen in Tunis fährt sie mit ihr zuerst zu einem Hotel in Sousse, bevor sie sich alleine aufmacht ins Haus ihrer Grossmutter, zum Familien-Abschied von Onkel Daly (Karim Remadi). Warum sie um Alice ein Geheimnis macht, erschliesst sich erst nach und nach.

Nicht nur die Todesursache von Daly ist unklar. Er wurde nackt auf der Strasse gefunden. Auch Dalys Homosexualität, ein offenes Geheimnis in der Familie, wird im Umfeld der Matriarchin Lilias Grossmutter Mamie Néfissa (Salma Baccar) tunlichst nicht erwähnt, weder von seinen Schwestern, Lilias Mutter Wahida (Hiam Abbass), und ihrer Tante Hayet (Feriel Chamari) und schon gar nicht von den übrigen Familienmitgliedern. „À VOIX BASSE von Leyla Bouzids“ weiterlesen

LA VALLE DEI SORRISI von Paolo Strippoli

Don Attilio (Roberto Citran) © fandango

Den Menschen im italienischen Städtchen Remis steht das Lächeln im Gesicht. Es steht auch auf dem Schild am Ortseingang, das dem Film seinen Titel gibt. Und die Leute lächeln, obwohl fast jeder im Ort bei dem schrecklichen Zugsunglück vor 15 Jahren Angehörige verloren hat.

Den in seinem eigenen Unglück vergrabenen Aushilfssportlehrer und einstigen Judo-Champion Sergio Rosetti (Michele Riondino) kümmert das wenig. Tagsüber lässt er seine Schülerinnen und Schüler im Kreis laufen und abends besäuft er sich in Michelas Bar, bis diese ihn zum Geheimnis des Ortes führt: Dem 15jährigen Matteo, bei dem man durch eine Umarmung seinen Schmerz loswerden kann.

Dass dieses Wunder einen höllischen Preis hat, für die Ortsbewohner, aber auch für Matteo, das erkennt Sergio erst allmählich. „LA VALLE DEI SORRISI von Paolo Strippoli“ weiterlesen

SLEEP NO MORE (Monster Pabrik Rambut) von Edwin

Der Dämon und Ida (Lutesha) © Showbox Ent.

Wenn die zu Überstunden angehaltenen Arbeiterinnen und Arbeiter in dieser indonesischen Perückenfabrik den Gipfel der Übermüdung erreichen, passieren scheussliche Unfälle.

Die Mutter von Putri und Ida stürzt sich in den ersten Minuten kopfüber in ihren riesigen Kochkessel. Eine andere Frau schlägt mit dem Gesicht auf dem Stahlstachelbrett auf, welches zum Auskämmen der Perückenhaare dient. „SLEEP NO MORE (Monster Pabrik Rambut) von Edwin“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 28 – 2026

‚Linconnu de la grande arche‘: Jean-Louis Subilon (Xavier Dolan), Johan Otto von Spreckelsen (Claes Bang), Liv (Sidse Babett Knudsen) © filmcoopi
  1. L’inconnu de la Grande Arche von Stéphane Demoustier. The Brutalist in real und in Paris. Politik, Zeitgeschichte und Architekturdrama mit feinster Besetzung.
  2. La Hija Cóndor von Álvaro Olmos Torrico. Clara singt als angehende Anden-Hebamme alte Quechua-Gesänge, träumt aber auch von einer Pop-Karriere in der Stadt. Bildstark und zeitgemäss epochenbalanciertes Ethno-Kino.
  3. Cosmos von Germinal Roaux. Begegnung der Gegensätze in Yucatán, in leuchtend eindringlichem Schwarzweiss. Leben und Sterben in Schönheit.
  4. Fuori von Mario Martone. Ein faszinierender Tauchgang in Frauenfreundschaften im Rom der 1980er, nach Goliarda Sapienza.
  5. Solomamma von Janicke Askevold. Um ihren kleinen Sohn besser zu verstehen, sucht Edith den unangebrachten Blick auf den anonymen Samenspender.

SANGUINE von Marion Le Corroller

Notfallstation: Margot Loiseau (Mara Taquin) © filmcoopi

Da explodiert ein freundlicher junger Mann, mehrfacher Employee of the Month, hinter der Theke eines Burgerladens, als ein impertinenter Kunde partout einen Burger fordert, der nicht im aktuellen Angebot steht. Er prügelt den Mann tot und haut danach den eigenen Kopf so lange auf die Theke, bis er ebenfalls stirbt.

Marion Le Coroller demonstriert mit diesem furios montierten (und bei Joel Schumachers Falling Down geborgten) Einstieg, wie sehr wir uns alle nach einem Frust-Ventil für die Zumutungen des Arbeitsalltags sehnen. „SANGUINE von Marion Le Corroller“ weiterlesen

A PRAYER FOR THE DYING von Dara Van Dusen

John C. Reilly und Johnny Flynn in ‚A Prayer for the Dying‘ © New Europe Film Sales

Die Bedrohung in diesem Western sind keine Ureinwohner, kein machtgieriger Rinder-Baron, kein Revolverheld, sondern einzig die Umstände, die Natur in Form eines heranbrausenden Feuers und der Diphtherie.

A Prayer for the Dying ist ein Seuchenwestern, so man diesen Fiebertraum von einem Film überhaupt kategorisieren will. „A PRAYER FOR THE DYING von Dara Van Dusen“ weiterlesen

HISTOIRES DE LA NUIT von Léa Mysius

Thomas (Bastien Bouillon), Nora (Hafsia Herzi) und Ida (Tawba El Gharchi) © Pathé Suisse

Mit Ava von 2017 und mit Les cinq diables von 2022 drang die französische Regisseurin und Drehbuchautorin Léa Mysius tief in die Beziehung junger Mädchen und Frauen zu ihrem Umfeld, ihrer Familien und vor allem ihrer Mütter ein. Offensichtlich hat sie auch dieser Aspekt am Roman Histoires de la nuit (2020) von Roman Mauvignier interessiert.

Oberflächlich ist Histoires de la nuit eine klassische Home Invasion Story, die im Genrekino hundertfach variierte Geschichte des Eindringens böswilliger Fremder ins Haus einer Familie. „HISTOIRES DE LA NUIT von Léa Mysius“ weiterlesen

TEENAGE SEX AND DEATH AT CAMP MIASMA von Jane Schoenbrun

Kris (Hannah Einbinder) und Billy (Gillian Anderson) © filmcoopi

Nicht nur das Blut spritzt hier in meterhohen Fontänen, auch die Gedanken und Ideen zum klassischen US-Teenager-Horrorfilm spritzen über und von der Leinwand herab; das alles tropft und fliesst höchst vergnüglich über die schiefe Meta-Ebene des Genre-Kinos.

Ein Film wie gemacht für das NIFFF – auch wenn er im Frühling in Cannes schon eine globale Plattform hatte. Teenage Sex and Death at Camp Miasma von den nonbinären Jane Schoenbrun aus New York ist nicht nur im Titel horrorfilmmeta, sondern durchgängig. Der Film ist meta-meta, sozusagen Ubermeta. „TEENAGE SEX AND DEATH AT CAMP MIASMA von Jane Schoenbrun“ weiterlesen

+++ «Teenage Sex & Death at Camp Miasma» +++ Ab Donnerstag im Kino