Diagonale 09: Liebe und andere Verbrechen

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In der Reihe „Spektrum“, einer Art Sammelbecken für koproduzierte Perlen, zeigt die Diagonale Filme, die schon anderswo zu entdecken gewesen wären, es aber nicht in allen Fällen wirklich geschafft haben. Eines dieser Kleinode ist Ljubav i drugi zlocini (Liebe und andere Verbrechen) von Stefan Arsenijevic aus Belgrad. Die wunderbar spröde Anica Dobra spielt Anica, die Geliebte von Milutin, einem alternden Quartiergangster in Neu-Belgrad. Sie will ein neues Leben beginnen und am Abend des vom Film erzählten Tages in ein Flugzeug steigen. Heimlich nimmt sie Abschied, von der dementen Grossmutter im Altersheim, von der autistischen Tochter des Milutin. Aber da ist noch Stanislav, die rechte Hand von Milutin, ein schüchterner Träumer, heimlich in Anica verliebt seit zwölf Jahren.

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Last Chance Harvey

Dustin Hoffman, Emma Thompson in 'Last Chance Harvey' (c) Ascot-Elite
Dustin Hoffman, Emma Thompson in 'Last Chance Harvey' (c) Ascot-Elite

Vor zwei Jahren sahen wir die beiden zum ersten Mal im gleichen Film. Emma Thompson spielte in Marc Forsters Stranger than Fiction die leicht hysterische Schrifstellerin („I killed eight people. I counted.“) , Dustin Hoffman war der desillusionierte Literaturprofessor. Ihre beiden Nebenrollen waren die eigentlichen Highlights des Filmes. Als ich im Dezember in San Francisco den Trailer zu Last Chance Harvey sah, ging mir gleich das Herz auf. Leider ging es den Amerikanern offenbar anders: Der Film ist bald nach seinem limitierten Start in den USA wieder verschwunden und kommt im Mai bereits auf DVD in den Verkauf. Bei uns dagegen startet die romantische Komödie diesen Mittwoch in der Westschweiz und Anfang April in der Deutschschweiz. Die Chancen stehen gut, dass das Schweizer Publikum die Paarung von Thompson und Hoffman besser goutiert, denn der Film ist eine eigentümliche Mischung aus künstlich aufpoliertem amerikanischem Drehbuch und britischer Sophistication. Im Kern lebt Regisseur Joel Hopkins‘ schamlos hingebogene Story von Emma Thompsons spielerischer Grosszügigkeit und Dustin Hoffmans unbändigem Bedürfnis, im Alter noch einmal zu gefallen.

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SFT09: „Maman est chez le coiffeur“ von Léa Pool

Maman est chez le coiffeur (c) Filmcoopi
© filmcoopi

Nach diesem langen und von der radiophonen Ausbeute her eher frustrierenden Dienstag war dieser Film nun der nötige Aufsteller. Mit ihrem neunten Spielfilm hat die Kanada-Schweizerin Léa Pool es wieder geschafft, ihre grosse Stärke, die Un-Verschämtheit, zum Trumpf zu machen. Damit meine ich ihre Fähigkeit, Gefühle plakativ zu kontrastieren. Ihre erzählerische Technik ist nahe beim Melodram, aber sie erzählt realistisch. Das wird besonders klar bei dieser Sommergeschichte, in der drei Kinder im kanadischen Vorstadtidyll ihre Mutter verlieren. Sie nimmt Hals über Kopf eine Stelle in London an, um von ihrem Mann wegzukommen, der sie auf eine Weise betrogen hat, die in den sechziger Jahren einfach noch kein Thema war.

Warum der Film in den Sechzigern spielen muss (liebevoll ausgestattet bis ins Detail), wird schnell klar, denn was diesen Kindern widerfährt, ist nicht das heutige Scheidungsdrama, das zwei Drittel aller Familien kennen, sondern die kalte Katastrophe, die aus der Technicolor-Idylle herausbricht. Léa Pool hat mit den Kinderdarstellern ein kleines Wunder geschaffen, der Film ist komisch, tragisch, herzzerreissend und schamlos rührend, und dies oft in einer einzigen Einstellung. Mich erinnert das an Douglas Sirk, aber wiederum nur „dem Pinselstrich nach“, um für einmal ein völlig schiefes Bild zu bemühen.

Die Filmcooperative bringt „Maman est chez le coiffeur“ im Verlauf dieses Jahres ins Kino, hier in Solothurn wird Léa Pool nun aber vorerst mit einer Retrospektive geehrt.

The Bourne Ultimatum (Piazza Grande)

Mit nur zwei Filmen hat sich die Figur des persönlichkeitsprogrammierten Ex-CIA-Killers Jason Bourne (Matt Damon) zu einer ernsthaften und vor allem sehr zeitgemässen James-Bond-Konkurrenz entwickelt. Dabei bestehen die Filme aus wenig mehr als dem üblichen Eintopf aus Verschwörungs-Paranoia, High-Tech und den guten alten Verfolgungsjagden. Aber der aktuelle dritte Teil (Regie führte wie schon beim zweiten der Brite Paul Greengrass) macht nun schlagartig klar, was dieses Erzählsystem zur unschlagbaren Adrenalinpumpe gemacht hat: Es ist die simple Zuschauer-Symmetrie. Auf der einen Seite sitzt das Kinopublikum, hier in Locarno perfekt verkörpert von mehr als 6000 Menschen auf der Piazza Grande, auf der anderen sitzen die Guten und die Bösen in der CIA-Zentrale hinter ihrem Monitor-, Überwachungs-, Abhör- und Fernsteuer-System, und dazwischen der gute alte Kinoheld Jason Bourne, der rennt, schlägt, schiesst, fährt und grübelt. Nun kann die Verfolgungsjagd noch so komplex sein, der Schnitt so dynamisch, wild und verrückt wie noch nie: Dank dem Spiegelpublikum im Film, den Typen hinter den Monitoren in der Zentrale, verliert man nie die Übersicht. Die Bourne-Filme sind also eine Art Meta-Kino, oder sagen wir, ein Filmsystem mit eingebautem GPS, Action mit Wegleitung. Dazu kommt allerdings, und das wurde heute Nacht auf der Piazza Grande besonders deutlich, ein erstklassiger Schnitt, der das Achsen- und Koordinatensystem auch der komplexsten Szenerie perfekt in der Blick-Logik behält. Ob Bourne an Londons Waterloo-Station einen Guardian-Reporter an einem dutzend Agenten vorbeischleust (via Telefon), oder ob er über den Dächern und durch die Häuser in Tangier die süsse Nicky Blonsky (Julia Stiles) vor einem seiner Killer-Kollegen zu schützen versucht, man verliert nie die Orientierung und man verliert zugleich nie die Lust auf noch mehr Tempo und Action. The Bourne Ultimatum ist in der Tat die Quintessenz des aktuellen Action-Kinos, absolut massentaugliche Avantgarde und damit eine reife Leistung. Und auf der bis auf den letzten Platz gefüllten Piazza Grande bot sich ein faszinierendes Bild, wenn man sich während einer der Verfolgungsjagden einmal kurz umdrehte und etliche tausend Köpfe und Augenpaare im gleichtakt hin und herschwenkten, zusammen mit den gebündelten Lichtstrahlen aus der Projektionskabine. Plötzlich war man Jason Bourne, eingeklemmt zwischen den Verfolgern auf der Leinwand und dem faszinierten Publikum auf den Plastikstühlen…