Diagonale 10: Lust rennt

Andreas Lust ist 'Der Räuber' bei Benjamin Heisenberg
Andreas Lust ist 'Der Räuber' bei Benjamin Heisenberg

Nach der leisen Enttäuschung über den Eröffnungsfilm Der Kameramörder von gestern, war die Freude heute doppelt gross über Benjamin Heisenbergs Berlinale-Kandidat Der Räuber. Das Verbindende Element zwischen den beiden Filmen ist natürlich Andreas Lust, der gestern mit dem Diagonale-Schauspielerpreis ausgezeichnet wurde, eben so wie seine Partnerin in Der Räuber, Franziska Weisz. Dabei haben die beiden Filme nicht nur Lust gemeinsam, sondern etliche Züge, welche beim Räuber zu Stärken werden, im Kameramörder aber Schwächen bleiben. Bevor ich dazu komme, aber einfach ein augenzwinkernder Bildvergleich. Oben Lust als Räuber, unten, ebenfalls rennend, in Der Kameramörder:

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Diagonale 10: DER KAMERAMÖRDER

Ursina Lardi, Dorka Gryllus, Andreas Lust, Merab Ninidze in 'Der Kameramörder'
Ursina Lardi, Dorka Gryllus, Andreas Lust, Merab Ninidze in 'Der Kameramörder'

Es ist ein Kreuz mit den Eröffnungsfilmen. Schliesslich müssen die neben den Hardcore-Cinephilen auch noch die Frau des stellvertretenden Bürgermeisters ansprechen, den Staatsratsvorsitzenden und seine Enkelin, und seine Exzellenz, den Botschafter des koproduzierenden Nachbarlandes. Mit der Verfilmung eines erfolgreichen Buches ist man wohl schon mal einen Schritt näher beim Publikumskino. Aber was Robert Adrian Pejo mit seinem Team da aus dem gleichnamigen Buch von Thomas Glavinic gebastelt hat, ist eher ein Showreel für talentierte Leute, ein bunter Strauss dramatischer Andeutungen, aber ohne psychologische Entwicklung, dramatische Logik und vor allem ohne zwingenden Bogen.

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Die Unverpassbaren, Woche 11

'Air Doll - Kuki Ningyo' von Hirokazu Kore-eda ©trigon
'Air Doll - Kuki Ningyo' von Hirokazu Kore-eda ©trigon

Erst diese fünf Filme sehen. Dann alle anderen.

  1. Air Doll – Kûki ningyô von Hirokazu Kore-eda. Der japanische Meister verwandelt die Geschichte einer Sexpuppe in pure Poesie. (vorerst in Zürich, ab 18. März auch an anderen Orten)
  2. The Men Who Stare at Goats von Grant Heslov. Eine Armee-Satire die sich gleichermassen über Esoteriker wie über Kriegsgurgeln lustig macht – und einem unglaublichen Sachbuch entspringt.
  3. Shutter Island von Martin Scorsese. Die Filme des Meisters drehen sich eigentlich nur noch um das Kino als schizophrene Erlebniswelt. Das aber gründlich und grossartig.
  4. Lourdes von Jessica Hausner. Niemand sonst blickt so sanft und doch gnadenlos auf Gnadesuchende wie diese Österreicherin. Erlösend anders.
  5. An Education von Lone Scherfig. Schulmädchen wird wild. Das Drehbuch von Nick Hornby mag brav sein – die Inszenierung der Dänin hat Power und Herz.

Dann wäre da noch Sturm von Hans Christian Schmid, ein durchaus eindrücklicher, wenn auch gezielt didaktischer Film über die politische Verhinderung gerechter Rechtssprechung am Menschengerichtshof. Und J’ai tué ma mère , ein beeindruckender Erstling. Mehr morgen im Filmpodcast .

Variety feuert Chefkritiker Todd McCarthy

Variety logo

Variety, das Branchentraditionsblatt Hollywoods, hat offenbar seinen langjährigen Chefkritiker Todd McCarthy auf die Strasse gestellt, in der Hoffnung, den Mann als freien Kritiker billiger beschäftigen zu können. Für viele von uns, gerade hier in Europa, war McCarthy der Hauptgrund, Variety zu lesen, online und auf Papier. Seine bedächtige Art, Filme als kommerzielle Vehikel und als Kunstwerke unter die Lupe zu nehmen, war über dreissig Jahre lang sehr eindrücklich. Roger Ebert hat eine Art Protest-„Nachruf“ zusammengestellt.

Nachtrag 20:40 Uhr: Wenn diese Behauptung von defamer stimmt, dann geht Variety wirklich vor die Hunde.

Die Unverpassbaren, Woche 10

Mark Ruffalo, Leonardo di Caprio in 'Shutter Island' ©UPI
Mark Ruffalo, Leonardo di Caprio in 'Shutter Island' ©UPI

Erst diese fünf Filme sehen. Dann alle anderen.

  1. Shutter Island von Martin Scorsese. Die Filme des Meisters drehen sich eigentlich nur noch um das Kino als schizophrene Erlebniswelt. Das aber gründlich und grossartig.
  2. Lourdes von Jessica Hausner. Niemand sonst blickt so sanft und doch gnadenlos auf Gnadesuchende wie diese Österreicherin. Erlösend anders.
  3. An Education von Lone Scherfig. Schulmädchen wird wild. Das Drehbuch von Nick Hornby mag brav sein – die Inszenierung der Dänin hat Power und Herz.
  4. The Ghostwriter von Roman Polanski. Unter normalen Umständen ein solider Thriller. Aber mit Polanski unter Hausarrest und Tony Blair unter Beschuss gewinnt der Film an Aktualität, Witz und Biss.
  5. A Single Man von Tom Ford. Ein stilsicherer Erstling vom Modeschöpfer. Aber vor allem eine Glanzleistung von Schauspieler Colin Firth.

Tim Burtons Alice in Wonderland leidet darunter, dass Disney gewonnen hat. Ist halt lange her seit Dumbo , fast siebzig Jahre, um genau zu sein. Mehr zu beiden morgen im Filmpodcast .

Die Unverpassbaren, Woche 9

Elina Löwensohn in 'Lourdes' von Jessica Hausner ©xenix
Elina Löwensohn in 'Lourdes' von Jessica Hausner ©xenix

Erst diese fünf Filme sehen. Dann alle anderen.

  1. Lourdes von Jessica Hausner. Niemand sonst blickt so sanft und doch gnadenlos auf Gnadesuchende wie diese Österreicherin. Erlösend anders.
  2. An Education von Lone Scherfig. Schulmädchen wird wild. Das Drehbuch von Nick Hornby mag brav sein – die Inszenierung der Dänin hat Power und Herz.
  3. The Ghostwriter von Roman Polanski. Unter normalen Umständen ein solider Thriller. Aber mit Polanski unter Hausarrest und Tony Blair unter Beschuss gewinnt der Film an Aktualität, Witz und Biss.
  4. A Single Man von Tom Ford. Ein stilsicherer Erstling vom Modeschöpfer. Aber vor allem eine Glanzleistung von Schauspieler Colin Firth.
  5. Up in the Air von Jason Reitman. George Clooney als vielfliegender Entlasser, a single serious man zwischen Grounding und Durchstarten.

Finger weg von Nine, das ist allenfalls als Trailer geniessbar. Dafür macht Gitta Gsells Bödälä im Kino Vergnügen, auch wenn der Film nicht absolut unumgänglich ist. Warum, das erkläre ich morgen im Filmpodcast .

Die Unverpassbaren, Woche 8

Kim Catrall, Olivia Williams, Pierce Brosnan in: 'The Ghost Writer' ©pathe films
Kim Catrall, Olivia Williams, Pierce Brosnan in: 'The Ghost Writer' ©pathéfilms

Erst diese fünf Filme sehen. Dann alle anderen.

  1. The Ghostwriter von Roman Polanski. Unter normalen Umständen ein solider Thriller. Aber mit Polanski unter Hausarrest und Tony Blair unter Beschuss gewinnt der Film an Aktualität, Witz und Biss.
  2. A Single Man von Tom Ford. Ein stilsicherer Erstling vom Modeschöpfer. Aber vor allem eine Glanzleistung von Schauspieler Colin Firth.
  3. Up in the Air von Jason Reitman. George Clooney als vielfliegender Entlasser, a single serious man zwischen Grounding und Durchstarten.
  4. Troubled Water von Erik Poppe. Niemand bleibt allein mit seiner Vergangenheit – ein raffiniertes Verwirrspiel.
  5. A Serious Man von Joel und Ethan Coen. Die tiefgefühlte, todtraurige und sterbenslustige Tragikomödie der filmwütigen jüdischen Agnostiker aus Minnesota.

Im Filmpodcast von morgen Freitag folgt dann noch die Erklärung, warum Peter Jacksons The Lovely Bones ziemlich verpassbar geworden ist und warum auch Invictus von Routinier Clint Eastwood niemanden ins Kino zwingen sollte.

Berlinale: EXIT THROUGHT THE GIFT SHOP – Noch ein Geist

Banksy ©Paranoid Pictures
Banksy ©Paranoid Pictures

Polanski ist nicht der einzige abwesende Regisseur im Wettbewerb der Berlinale. Exit Through The Gift Shop heisst der Erstlingsfilm des Streetart-Künstlers Banksy. Der ist mittlerweile weltberühmt als Künstler, weit über die Graffitti-Szene hinaus. Seine Werke hängen im New Yorker MoMa, in der Tate Gallery und es gehört zum guten Ton unter den Kunstsammlern dieser Welt, neben den Picassos und van Goghs auch einen „Banksy“ zu besitzen.

Um seine Identität aber macht der Künstler ein grosses Geheimnis. Kein Wunder, mit seiner Kunst überschreitet er immer wieder die Grenze zur Illegalität, wenn er etwa die Mauer im palästinischen Westjordanland verschönert. Vor dem Film gab’s eine Videobotschaft ans Berlinalepublikum. Das Gesicht nicht sichtbar, die Stimme verstellt, begrüsste Banksy die Besucherinnen und Besucher und entschuldigte sich für sein Fernbleiben.

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Berlinale: Gescheiterte Söhne, schuldige Mütter

George Pistereanu, Ada Condeescu in: 'Eu cand vreau sa fluier, fluier'
George Pistereanu, Ada Condeescu in: 'Eu cand vreau sa fluier, fluier'

Gleich zwei Filme im Wettbewerb hatten heute die gleiche Konstellation: jeweils zwei Brüder mit gebrochenen Biographien und dahinter eine Mutter, die offensichtlich versagt hat. Aber das ist eben das Tolle am Kino: wiederkehrende Themen in ganz unterschiedliche Werke. Der erste Film stammt aus Rumänien und heisst Eu cand vreau sa fluier, fluier (Wenn ich pfeifen möchte, pfeife ich) und ist von Florin Serban. Mit ganz einfachen Mitteln – Handkamera, Originalschauplatz, Laiendarsteller – setzt der junge rumänische Regisseur ein Bühnenstück der Autorin Andreea Valean um: Silviu sitzt als jugendlicher Straftäter in einer Anstalt. Die Verhältnisse sind hart: Silviu ist in der Rangordnung weit unten. Schon zu Beginn des Filmes schwant einem, dass die baldige Entlassung auf der Kippe stehen wird. Silvius Familienverhältnisse sind ebenfalls schwierig – er hat seinen kleinen Bruder praktisch allein aufgezogen, weil seine Mutter in Italien lebt. Er selber wurde als Kind von der unsteten Mutter immer wieder weggegeben.

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Berlinale: HOWL von Rob Epstein und Jeffrey Friedman

Aaron Tveit und James Franco in 'Howl'
Aaron Tveit und James Franco in 'Howl'

Allen Ginsberg zum Frühstück, das mag schwer verdaulich klingen. Die filmische Collage über das erste veröffentlichte Werk eines der bedeutendsten amerikanischen Dichter des 20. Jahrhunderts war aber heute früh eine feine Sache. Der Film der beiden Regisseure Rob Epstein und Jeffrey Friedman ist kein Biopic der gängigen Art. Es ist eine Art filmische Dichtung über dieses Gedicht und seine Veröffentlichung, die die amerikanische und auch die Welt-Literatur veränderte. Aus vier verschiedenen Perspektiven beleuchtet der Film das Gedicht Howl, dessen Rezeption und den Schriftsteller Allen Ginsberg: In schwarzweisser 50er Jahre-Optik wird Ginsbergs erste öffentliche Lesung des langen Gedichts 1955 nachgestellt – abwechselnd mit animierten, illustrativen Szenen zum Gedicht, gestaltet vom Zeichner und früheren Ginsberg-Mitarbeiter Eric Drooker und musikalisch illustriert von Carter Burwell. Verschiedene Interviews mit Ginsberg sind zu einer einzigen Interviewsituation zusammengesetzt und setzten den 2 Jahre älteren Ginsberg und seine homosexuelle Biographie in den Fokus (Ginsberg wird übrigens gespielt von James Franco) – und schliesslich wird die Gerichtsverhandlung nachgespielt, in der das Gedicht «Howl» als obszön und literarisch nicht relevant auf der Anklagebank liegt. Das überraschende Urteil des Richters machte 1957 Werk und Dichter gleichermassen weltberühmt – und gilt als die Geburtsstunde der sogenannten Gegenkultur oder beat generation. Zudem sind einige filmische Schnappschüsse aus dieser frühen Zeit Ginsbergs (z.B. von seiner Freundschaft zu Jack Kerouac) sparsam eingestreut.

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