Berlinale 18: MORITZ DE HADELN – MISTER FILMFESTIVAL von Christian Jungen

Christian Jungen: Moritz de Hadeln – Mister Filmfestival. Verlag Rüffer und Rub, 2018

Wenn Dieter Kosslick nächstes Jahr seine letzte Berlinale als Direktor eröffnet, hat er eine ausdauernde Amtszeit hinter sich. Aber seinen Vorgänger wird er rein numerisch nicht übertrumpfen.

Pünktlich auf den Start der 68. Berliner Filmfestspiele ist eine Biographie erschienen über das Leben jenes Mannes, der die Berlinale ab 1979 zweiundzwanzig Jahre lang geleitet hat: Der Schweizer Moritz de Hadeln. Recherchiert und geschrieben hat das Buch Christian Jungen, Filmhistoriker und Kulturchef der NZZ am Sonntag. Sieben Jahre Arbeit stecken in den fast 500 Seiten zu «Moritz de Hadeln – Mister Filmfestival». „Berlinale 18: MORITZ DE HADELN – MISTER FILMFESTIVAL von Christian Jungen“ weiterlesen

Berlin 15: «Glorious Technicolor» Berlinale Retrospektive

Vivien Leigh in Gone with the Wind 1939 Quelle George Eastman House Rochester © 1939 Turner Entertainment Co
Vivien Leigh in ‚Gone with the Wind‘ (1939) Quelle: George Eastman House Rochester © 1939 Turner Entertainment Co.

Den blutroten Himmel über dem brennenden Atlanta in Gone with the Wind oder die «Yellow Brick Road» in The Wizard of Oz verdankt das Kino dem hundert Jahre alten Technicolor-Verfahren. Ihm gilt die Retrospektive der 65. Berliner Filmfestspiele.

BerlinaleBalken2015

Die Na’vi in James Camerons Avatar sind blau, ihre Waldwelt vornehmlich grün, und wenn Serienheld Dexter seinem Handwerk nach geht, spritzt das Blut… blutrot. Dagegen stapfte noch 1931 Boris Karloff als Frankensteins Monster in Schwarzweiss durch die Universal-Studiosets. Aus Kostengründen. „Berlin 15: «Glorious Technicolor» Berlinale Retrospektive“ weiterlesen

Fred van der Kooij über das Filmische

Einer der originellsten Köpfe zwischen Film und Musik, Bild und Ton, Theorie und Praxis in Wort und Ohr in der Schweiz ist unbestritten Fred van der Kooij. Bisher waren vor allem seine Videoessays zu einzelnen Filmen auf fredundfilm.ch lohnenswerte Klickziele. Jetzt hat van der Kooij aber auch endlich seine über die Jahre gesammelten Texte aufbereitet und in einer Form zugänglich gemacht, die über die übliche gedruckte Essaysammlung hinausgeht. Auf seiner Website stellt er das ganze Buch in einzelnen pdf-Kapiteln zum Download zur Verfügung. Die Texte sind nicht nur illustriert, sie verlinken auch immer wieder auf Videobeispiele – was die Lektüre am PC, aber vor allem auch auf dem iPad zu einem ganz speziellen Vergnügen macht. „Fred van der Kooij über das Filmische“ weiterlesen

DER RISS IN DER LEINWAND von Thomas Meier

Meier Thomas Der Riss in der Leinwand

Lange Zeit gab es nur noch wenige neue Einträge auf meinem Schweizer Lieblingsfilmblog, Sakkaden von Thomas Meier. Meier, Teilzeitlehrer in der Fantoche-Stadt Baden, hat mich fasziniert mit seiner ziemlich unkonventionellen Art, an die neuen Filme heranzugehen, seine Filmbesprechungen waren Kurzgeschichten über Kinogänger, sein kinogehendes Alter Ego und die Frauen und Männer, die ihn ins Kino begleitet haben – oder auch nicht. Das machte seine Texte zugleich persönlicher und universeller, denn diese Kinoerlebnisse waren wirklich solche: Filme, die ins Leben eindringen, bzw. Leben, die sich vom Kino vereinnahmen, verändern liessen. Unterdessen weiss ich, warum Meier nur noch selten gebloggt hat in den letzten Monaten, denn mittlerweile ist sein Roman erschienen, Der Riss in der Leinwand, ein Erstling, der das Prinzip der Blog-Kurz-Geschichten konsequent umsetzt in die lange Form.

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Diagonale 10: Die Wiener sind da, wir fangen an.

diagonale logo 2010

Gestern soll es noch geschneit haben hier, heute ist es warm und windig in Graz, ein wenig Sonne streicht auch schon über die Stadt. Ganz Wien hat sich heute in die Steiermark verschoben – oder doch wenigstens der filmende Teil davon. Bis Sonntag feiert sich hier Österreichs Film – aber nicht ausschliesslich. Dafür sorgt nur schon das Team um Barbara Pichler, dem die stetige Öffnung der heimischen Werkschau ganz offensichtlich ein Anliegen ist.

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Roger Moore autobiografisch

moore autobio cover

Er habe sich lange gesträubt, seine Autobiografie zu schreiben, behauptet Roger Moore im Vorwort zu eben dieser. Und ein erster Versuch sei ihm samt Gepäck ohnehin einmal geklaut worden, bzw. der Computer, auf dem das drauf war. Aber nun liegt sie vor, auf Deutsch, und knapp 380 Seiten stark, so dass jedes Lebensjahr des 1927 geborenen Briten rund 4,6 Seiten abbekommt. Moore bleibt seinem sonnigen Image treu, breitet keinen Schmutz aus, hat fast nur Gutes zu erzählen über die Menschen in seinem Leben. Und er beschränkt sich grundsätzlich auf eine lange Anneinanderreihung von Anekdoten. Dass sich das, hat man sich erst mal durch die langweiligen Jugend- und Kindheitskapitel durchgeackert, trotzdem ganz vergnüglich liest, liegt vor allem an der Selbstironie des Mannes.

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Blogwatch: Gomorrha gelesen

mlsaviano

Die einst grosse Filmnation Italien ist empört, der in Cannes ausgezeichnete und fast weltweit kritisch gelobte Mafia-Film Gomorra von Matteo Garrone ist nicht, wie allgemein erwartet für den Fremdsprachenoscar nominiert. Derweil hat sich Ronnie Grob auf medienlese.com das Buch von Roberto Saviano vorgenommen und es im Hinblick auf seine journalistischen Methoden in einer kleinen Serie analysiert. Eine gründliche Lektüre, welche sich als Vor- oder Nachbereitung für den Film anbietet.

filmbulletin wurde 50 in Solothurn

Walt R. Vian, Chefredaktor filmbulletin (c) sennhauserIn der hübschen mehrstöckigen Altstadtgalerie Künstlerhaus S11 in Solothurn war gestern Abend die Vernissage einer besonderen Ausstellung: Unser aller filmbulletin, die letzte klassische Filmzeitschrift der Deutschschweiz feierte ihren 50. Jahrgang, mit Chefredaktor Walt R. Vian, Mitarbeiter Josef Stutzer, Gestalter Rolf Zöllig, Medienbetreuerin Kathrin Halter und vielen Freunden, Autorinnen, Leserinnen und Filmbranchenkollegen. Die Ausstellung ist wunderbar, da erwacht Papier zum Leben, von den ersten Schnapsmatritzausgaben des Anfangs bis zu den raffinierten Bildstrecken der Gegenwart, den Manuskripten, dem teuersten Layoutcomputer aller Zeiten und der alten Schreibmaschine ist alles zu sehen, was uns daran erinnert, dass wir sterblich sind, nicht aber die Kunst, der wir verfallen sind. Noch mehr persönlich-ironisches Pathos lieferte übrigens fb-Autor Johannes Binotto, dessen Laudatio nach der Sprungmarke in aller Ausführlichkeit zu lesen ist:

Johannes Binotto:

Ansprache zur Eröffnung «Ausstellung Filmbulletin»

Solothurn, 22.1.08 Eine Geburtstagsansprache für das Filmbulletin halten zu dürfen, ist in jedem Fall eine Ehre. Ich empfinde diese aus persönlichen Gründen ganz besonders. Vor mehr als zehn Jahren – ich war damals noch Gymnasiast – sagte mir eines Tages ein Schulkamerad, er habe erfahren, dass am Abend die Zeitschrift Filmbulletin in der Alten Kaserne in Winterthur einen Apéro veranstalte Johannes Binotto hält seine Rede in Solothurn (c) sennhauserund anschliessend den Film «Der Lauf der Dinge» von Fischli-Weiss zeige. Ich fand sofort, dass wir dort unbedingt hin müssten. Als wir dann am Abend bei diesem Apéro aufkreuzten, war uns schnell klar, dass wir nicht nur die jüngsten sondern auch die einzigen ungeladenen Gäste waren. Aber einfach wieder gehen, wollten wir auf keinen Fall. Ein bisschen gefährlich kam uns das zwar schon vor, einfach so zu tun, als gehörten wir dazu und uns vom zukünftigen Winterthurer Stadtpräsidenten ein Glas Orangensaft servieren zu lassen. Aber wir wussten auch, dass gut gespielte Selbstverständlichkeit die beste Tarnung ist und dann wohl kaum jemand auf die Idee käme, uns jene Frage zu stellen, die wir ängstlich die ganze Zeit erwarteten: «Wer seid denn ihr?»

Wir haben unsere Rolle offenbar gut gespielt, wir wurden jedenfalls nicht enttarnt. Natürlich erscheint, retrospektiv gesehen meine damalige Aufgeregtheit als reichlich übertrieben und doch ist mir das Herzklopfen von damals, heute noch präsent. Und heute noch teuer. Mich heimlich ins Kino zu schleichen, wie der Filmfanatiker François Truffaut, das hatte ich mich nie getraut. Doch mich in eine Feier des Filmbulletins zu schleichen, erschien mir mindestens so traumhaft. Nicht wegen Fischli-Weiss, sondern weil hier die Leute waren, die das machten, wovon ich damals nur träumte: übers Kino schreiben und das für die beste Filmzeitschrift von allen. In Flohmärkten und in den Kisten der Filmbuchhandlung Rohr, überall suchte ich damals nach alten Ausgaben des Filmbulletin – dass ich oft nur wenige fand, spricht für sich: wer ein Filmbulletin hat, behält es, Altpapier wird es nie. Ich war übrigens zu der Zeit gerade selbst daran, mit einem alten Computer und dem Kopiergerät der Schule eine eigene Filmzeitschrift namens «1440 pro minute» zu machen. Die erste Nummer war dem grandiosen Thema «Wahrheit im Film» gewidmet. Ich schrieb drei Artikel über Truffaut und dessen «Les quatre cents coups» und ein Kinokritik über «Er nannte sich Surava» von Erich Schmid (der damals an der 30. Ausgabe der Solothurner Filmtage Premiere hatte). Mehr als zwei Nummern meiner Zeitschrift sind übrigens nie entstanden.

Ich erzähle das, um zu erklären, wie viel es mir bedeutet, unterdessen selbst für diese Zeitschrift schreiben zu dürfen. Und wie viel mehr es für mich heisst, nun zum zweiten mal, aber diesmal ganz offiziell, gar als Festredner an einem Apéro des Filmbulletin zu sein. Meine Erinnerung an die abenteuerliche Filmbulletin-Infilitration mag das Ihre dazu beigetragen haben, dass mir diese Zeitschrift selbst immer als Abenteuer vorkam, als riskantes Wagnis. Übers Kino schreiben – das las man aus und zwischen jeder Zeile – ist kein Broterwerb, sondern eine Leidenschaft fürs Leben. Sieht man Aufnahmen der Pariser-Proteste von 1968 zugunsten von Henri Langlois und dessen Cinématheque packt einen – auch wenn man als Zu-spät-Geborener keine eigene Erinnerung daran haben kann – unweigerlich die Nostalgie. Die Nostalgie nach einer Zeit, in der Film noch ein Politikum war, für das man streiten und demonstrieren musste.

Im Filmbulletin und bei seinen Machern – so habe ich das Gefühl – hat sich dieses Stimmung, dass man für das Kino leidenschaftlich streiten muss, in all den Jahren erhalten. Und vielleicht muss man heute mehr um und für’s Kino streiten als man vielleicht glaubt. „Ein wirklich Gebildeter liest ein gutes, ernstes Buch über Geschichte, die Reisebeschreibung eines bedeutenden Weltreisenden, die Denkwürdigkeiten eines grossen Mannes; oder auch ein Gedicht oder einen ernsten Roman, in dem Lebensschicksale und Seelenkämpfe der Wirklichkeit getreu geschildert sind. Oder er setzt sich mit ein, zwei guten Freunden zusammen, und sie sprechen über die ernsten Fragen der Zeit und des Lebens. Oder er sitzt mit den Seinigen in der Familie zusammen, und er ist ganz still und unauffällig der Lehrmeister der Seinigen, lehrt sie die Welt oder das Leben kennen und richtig verstehen. Von Zeit zu Zeit geht er auch in eine öffentliche Veranstaltung, ins Theater, ins Konzert, aber niemals dahin, wo man ‚Vergnügen fürs Volk’ feilbietet, wo ein Phonograph schreit, oder wo man Schundfilme herunterlaufen lässt.“ So schreibt 1915 der katholische Pfarrer und Volksbildner Anton Heinen. Mag man auch über solche Worte lächeln – besonders in Solothurn wenn Filmtage sind – völlig passé sind sie nach wie vor nicht.

Jeder Bildungsbürger würde sich schämen, wenn er den Namen des Autors von „Buddenbrooks“ vergässe und wer nicht weiss, dass Verdi und nicht etwa Puccini den „Rigoletto“ komponiert hat, macht sich unweigerlich lächerlich. Sich keine Filmregisseure merken zu können, bringt hingegen bis heute niemanden in Verlegenheit und mindestens einen Eisenstein, Murnau oder Stroheim gesehen zu haben, dazu fühlen sich nicht einmal alle Filmkritiker bemüssigt. Die Erkenntnis, dass Kino mehr ist, als nur minderwertige Berieselung, kann man also auch heute nicht voraussetzen, selbst bei jenen nicht, die es eigentlich besser wissen sollten. Hellsichtige indes hat es immer gegeben: „Ohne Zweifel hat unter den Unterhaltungen der neueren Zeit das Kino in den letzten Jahren sich einen Platz von universaler Bedeutung erobert. […] Der Film braucht nicht ein blosses Vergnügen zu sein, er braucht nicht nur nichtige und müssige Stunden auszufüllen, er kann und muss mit seinem positiven Wirkungen Bildungsmittel werden und positiv zum Guten führen.“ Woher dieses Zitat stammt wird die Anwesenden nun gewiss erstaunen: So schreibt es nämlich Papst Piux XI. in seiner Enzyklika „Vigilanti cura“ von 1936.

Ich zitiere das nicht nur, um das gerade in diesen Tagen so gern kolportierte Klischee vom Vatikan als hoffnungslos rückständigem Haufen ein wenig zu korrigieren, sondern auch, weil dieses päpstliche Interesse am Kino durchaus mit der Geschichte des Filmbulletin zu tun hat. Die zitierte Enzyklika war nämlich die Initialzündung für die kirchliche Filmarbeit hierzulande. In der Schweiz wurde 1947 das katholische Filmbüro, heute "Katholischer Mediendienst" und bereits 1941 die Zeitschrift „Filmberater“ gegründet, die ab 1972 als ökumenisches Magazin „Zoom – Zeitschrift für Film“ hiess und 2001 leider verschwunden ist. Und 1952 entstand aus der „Katholischen Jungmannschaft“ der „Katholische Filmkreis Zürich“. Dieser wiederum gründete die Zeitschrift, die wir heute feiern. Freilich war ein Hintergedanke der kirchlichen Filmarbeit zu Anfang immer auch der, das Publikum von angeblich so blasphemischen Film wie etwa Ingmar Bergmans „Das Schweigen“ zu schützen. Das Filmbulletin hat diesbezüglich – und zum Glück seiner Leser – versagt: Dogmatismus war seine Sache nie. Und wenn, dann nur im filmgeschichtlichen Bereich. Aber vielleicht ist dem Filmbulletin doch ein wenig von der katholischen Herkunft geblieben: in jenem heiligen Eifer nämlich, mit der hier der Film zur Hauptsache gemacht wird, ja gefeiert wird als jenes – wie es André Breton in Anspielung auf die Kirche nannte – „einzige Mysterium der Moderne.“ Und wie das Kino, dem das Filmbulletin sich – buchstäblich – verschrieben hat, so ist mitunter die Zeitschrift selbst ein Mysterium: jedes Heft ein schönes Wunder von dem man sich fragt, wie es hat geschehen können.

Unterdessen weiss ich mehr darüber, wie dieses Wunder zustande kommt. Es wird kreiert von einem Team, dass passenderweise ein dreifältiges ist und dem ich zum Schluss dieser Ansprache meine Referenz erweisen möchte. Josef Stutzer mit seinem Sprachgefühl, scharfem Auge und filmhistorischen Gedächtnis macht aus Manuskripten – jedenfalls aus meinen – was sie eigentlich gerne wären, wenn ich sie ihm schicke. Rolf Zölligs scheinbar unerschütterliche Gelassenheit ist nur die Fassade eines Gestaltungsberserkers. Ein Grafiker, der – und das ist selten – die Text auch liest, die er inszenieren soll und sich entsprechend viele Gedanken dazu macht. Mit dem Effekt dass jeder, der im Filmbulletin publizieren darf mit mir einig sein dürfte: so schön wie hier hat man die eigenen Texte noch nie gesehen. Über den Chefredaktor aber, da muss ich zum Schluss noch ein wenig ausholen. Auch deswegen, weil er selber nur sehr ungern die eigene Person in den Mittelpunkt rückt. Als ich mich damals an den Apéro geschlichen habe und darauf erpicht war, mir endlich einmal diesen Walt R. Vian anzuschauen, von dem ich schon so viel gelesen hatte, wurde meine Hoffnung enttäuscht. Ich hab damals auf jeden Fall niemanden gesehen, der mit der Haltung des Big Boss herumgelaufen wäre und folglich den ominösen Chefredaktor nicht aufindig machen können. Denn das Phantom Vian prägt die Zeitschrift nicht mit repräsentativen Auftritten, sondern mit seinem Denk- und Schreibstil – selbst dann, wenn er nur ein Impressum verfasst. „Lesen Sie Kino?“ so fragt einen jeweils die Werbung des Filmbulletin. Doch um Kino lesen zu können, braucht es solche, die es zu schreiben wissen. Das ist umso schwieriger, wenn man dem Leser das Wesentliche eines Films vermitteln will, also nicht das, was sich problemlos in Schrift übersetzen lässt. Eine Filmkritik, die es dabei belässt, bloss Stories nachzuerzählen, verpasst zu erklären, warum diese Story überhaupt verfilmt und nicht von allem Anfang als Text verfasst wurde. „Wenn ich sagen könnte, was meine Bilder zeigen, dann würde ich es sagen und nicht malen“ so hat einmal der Künstler Gerhard Richter gesagt. Die Ambition des Filmbulletin indes ist es gerade diese scheinbar unmögliche Übersetzung zu versuchen: mit Sprache beschreiben, was die Bilder erzählen. Dazu braucht es einiges schriftstellerisches Talent und es ist darum kein Wunder, dass der Name des Chefredaktors des Filmbulletin Walt R. Vian für mich immer voller literarischer Assoziationen war. Assoziationen, die ihm hoffentlich nicht unangenehm. Beim Nachnamen Vian muss ich natürlich unweigerlich an Boris Vian denken, diesen jungen wilden Autoren, der Prinz von Saint-Germain, der – während seine Freunde Camus und Sartre den Ausbruch aus der Bourgeoisie nur theoretisch praktizierten – sein Leben verschwendete in halluzinierenden Büchern und nächtlichen Parties. Und der übrigens auch ein grosses Faible fürs Kino hatte: dass Miles Davis den Soundtrack zu Louis Malles „L’ascenseur pour l’échafaud“ einspielte, hat erst Vian ermöglicht. Der Vornahme Walt erinnert mich immer – nein, nicht an Walt Disney – sondern an Walt Whitman, den grossen amerikanischen Dichter der Prosa schrieb, als wäre es Lyrik und umgekehrt. Bleibt noch das R – dieser Stellvertreter für einen zweiten Vornamen, der eigentlich gar nicht existiert. (Walt R. heisst eigentlich ganz einfach Walter). Und damit verbindet sich dann schliesslich doch noch eine filmische Assoziation: Ich sehe in diesem R. unweigerlich einen Verwandten von jenem O. im Firmenlogo des Manhattaner Werbefachmannes Roger O. Thornhill aus Alfred Hitchcocks „North by Northwest“ der auf die Frage, wofür das O denn eigentlich stehe, lapidar antwortet: für gar nichts. Walt R. Vian, Rolf Zöllig, Josef Stutzer und ihre Zeitschrift indes stehen ganz unbedingt für etwas. Dafür etwa, dass man sich nicht damit zufrieden geben darf, dass Kino einen festen Platz im Feuilleton der Tagespresse gefunden hat. Denn Film ist mehr, als nur von Tageswert. Film hat eine Geschichte, die zu kennen nicht nur spannend ist, sondern einem auch hilft, allen aktuellen Hypes etwas gelassener zu begegnen. Die aber auch den Blick schärft für Juwelen, die – weil sie eben in keinen aktuellen Hype passen – sonst gerne übersehen werden. Filmbulletin steht schliesslich auch für genaues Lesen von Bildern und bildhaftes Schreiben von Texten. Als ich Walter Vian für seinen – verdreht-boris-vian’schen, episch-walt-withman’sch- Text über Howard Hawks vom Februar-Heft letzten Jahres gratulierte, antwortete er: „Weißt Du, es ist mir schon klar, dass man so einen Text nirgendwo sonst als im Filmbulletin publizieren könnte. Aber ehrlich gesagt: darum mache ich diese Zeitschrift doch überhaupt.» So steht das Filmbulletin nicht zuletzt für eine riskantere, eine abenteuerliche Filmkritik, die dadurch auch das Kino selbst und dessen Geschichte wieder als jenes Abenteuer und als Mysterium präsentiert, das es doch eigentlich ist. In der ersten, quasi in der Ur-Nummer des Filmbulletin, die nichts ist als ein einfaches Matritzenblatt, steht: «Das Bulletin erscheint, wenn es nötig ist». Fünfzig Jahrgänge später sagen wir: Es ist immer noch nötig. Heute und in Zukunft. Und Papst Pius würde jetzt sagen: Amen!

Johannes Binotto

Filmpodcast 41: Chicken Mexicaine, Delirious, Hairspray, Woody Allens Pure Anarchie.

Herzlich Willkommen zum 41. Filmpodcast mit Michael Sennhauser. Heute stellen wir Ihnen den Schweizer Gefängnisfilm «Chicken Mexicaine» vor, Tom di Cillos Paparazzi-Groteske «Delirious», die Musical-Fassung von John Waters «Hairspray» und ein neues Buch mit Kurzgeschichten von Woody Allen. Dazu, wie immer, Kurztipps und Filmhörspiel. Eine geballte Ladung Kino im Ohr – gut investierte 20 Minuten, hoffentlich!