Hollywood traut sich nicht mehr zu rauchen

Dass die amerikanischen Filmstudios (wie alle anderen Lebensbereiche auch) immer stärker unter Druck geraten, das Rauchen nicht mehr als Lifestyle zu bewerben, ist nicht weiter überraschend. Aber derzeit konkretisieren sich die Regeln, wie ein Artikel in der New York Times zu bedenken gibt. Es wäre ja auch denkbar, dass Hollywood künftig auf die Darstellung anderer ungesunder Gewohnheiten verzichtet, wie zum Beispiel den Waffengebrauch, den Einsatz von Verbrennungsmotoren, oder den von medizinisch bedenklich dünnen Schauspielerinnen. Dass die Filme dann noch weniger mit dem tatsächlichen Leben zu tun haben werden, ist nur ein kleiner Teil des Problems. Das grössere besteht wohl darin, dass sie sich nicht mehr verkaufen lassen, wenn nur noch gesellschaftlich und medizinisch unbedenkliches Handeln dargestellt werden darf. Es sei denn, diese Zensurform begünstige eine neue spannende Form von Zensur-Umgehung, wie seinerzeit der Hays-Code.

Blog Pick: Filmfinanzierung im Tellenland

Die Zürcher Blog-Kollegen haben am Samstag spitz getippt: Im Kulturblog findet sich ein bissiger Hinweis auf ein Filmfinanzierungsmodell, das in Deutschland schon gang und gäbe ist. Der Staat steckt seine Fördergelder à fonds perdu in Filmprojekte, private Geldgeber beteiligen sich mit prioritären Gewinnaussichten. Das mag einigermassen sinnvoll sein, in Ländern mit einer ernstzunehmenden Filmindustrie, wie England oder Irland. Dort kurbeln "Tax-Schemes" zumindest die Wirtschaft an, und im besten Fall gewinnt der Staat über die Mehrwertsteuer bzw. VAT einen Teil des Geldes zurück. Aber in einem Land wie der Schweiz kann Filmförderung nie wirklich Wirtschaftsförderung sein, auch wenn die Branche das Argument gerne immer wieder anführt. Kultur rentiert nicht, punktum.

Und drüben im Blog des SF-Film- und Serienchefs Michel Bodmer blubbert der leise Spott, wenn Michel Impossible sich darüber amüsiert, dass das Bundesamt für Kultur Bettina Oberlis einheimische Hit-Komödie Die Herbstzeitlosen als Schweizer Kandidat für den Fremdsprachen-Oscar portiert. Einen TV-Film, den die Bundesfilmförderung seinerzeit nicht einmal mitfinanzieren wollte. Tatsächlich stellt sich die Frage, warum Bideau nicht seine aktuelle Lokomotive "Tell" nach L.A. schicken mag. Oder vielleicht doch nicht? Warten wir doch noch die Wochenend-Zahlen ab … 

Hollywood auf dem Rütli?

„Wie sich die amerikanischen Verleiher in der Schweiz vom einheimischen Filmkuchen ihr Stück abschneiden – als Nächstes mit dem «Tell»“, darüber berichtet Kollege Martin Walder in einem ausführlichen und lesenswerten Artikel in der letzten Ausgabe der NZZ am Sonntag. Dass US-Verleiher wie Buena Vista mit Filmen wie Sternenberg den Versuch gewagt haben, Schweizer Filmkost durch ihre Profi-PR-Maschine zu lassen, hat sich spätestensmit Die Herbstzeitlosen ausbezahlt. Und nicht nur wegen dem Publikumserfolg, sondern auch wegen der Bundessubventionen von succès cinéma, welche genau dafür eingerichtet worden sind: Erfolg soll belohnt werden und neuen Erfolg generieren. Dass die Subventionsmaschine auf dieser Ebene funktioniert, ist recht erfreulich. Seit ich allerdings den „Tell“ gesehen habe, den neuen Film von „Charlie“-Macher Mike Eschmann, habe ich zwei Ängste in der Brust: a) dass der Film nicht so unglaublich floppen wird, wie er es bei mir in seiner unglaublichen Unlustigkeit getan hat, oder b) dass er gar zum Riesenerfolg wird und damit der UIP-Verleih auch auf dem „succès cinéma“ Karussell gefangen bleibt und und weitere solche Machwerke ins Haus stehen. So oder so: Der Artikel von Martin Walder ist unbedingt lesenswert. Und zu „Tell“ gibt er wohlweislich kein Urteil ab.

Voll auf die Nase – Kinowerbung mit Geruch

Das Geruchs- oder vielmehr das Stinkkino hat schon etliche kurzlebige Metamorphosen hinter sich. Es gab Methoden mit Parfumsprays und Ventilatoren, auch für Werbefilme, und die alle hatten das Problem, dass ein Geruch nicht so schnell verschwindet wie ein Bild, das auf der Leinwand vom nächsten abgelöst wird. Das berüchtigtste Beispiel für Stinkkino lieferte Baltimores John Waters 1981 mit Polyester. Der ohnehin als Bürgerschreck aufgezogene Film mit Divine wurde in Odorama gezeigt, dem bisher einzigen mehr oder weniger brauchbaren Verfahren für Geruchskino: In einzelnen Szenen blinkte auf der Leinwand eine Nummer auf, die mit einem Kratzfeld auf einer vorher ans Publikum verteilten Karte korrespondierte. Leichtes Kratzen am entsprechenden Feld liess der Karte den passenden Geruch entströmen. Natürlich wäre das kein John-Waters-Film gewesen, wenn der Meister seine Fans nicht vor allem mit dem Geruch von alten Socken oder Erbrochenem ergötzt hätte. Jetzt führt der Einbruch im Geschäft mit Print-Anzeigen in den USA zu einer indirekten Renaissance der Technik. Publikationen wir Premiere (R.I.P.) und Life-Style Magazine brachten in den letzten Jahren immer wieder Parfum-Werbung, die man mit leichtem Kratzen am Papier zum Duften bringen konnte (abstellen konnte man das in der Regel allerdings nicht mehr). Jetzt vermeldet die Business Sektion der New York Times, dass die Los Angeles Times demnächst ein Film-Inserat für einen neuen Familienfilm mit dem Titel Mr. Magorium's Wonder Emporium bringen werde, das nach leichtem Ankratzen den Duft von Kuchen verströmen soll. Dass ein solches Gimmick kurzfristig die Aufmerksamkeit zu erhöhen vermag, beweist neben dem NYT-Artikel auch dieser Blogeintrag. Mehr als ein Geruchsinserat pro Print-Publikation dürfte allerdings nicht drin liegen, und früher oder später werden sich die Kunden von riechenden Magazinen wohl mit Grausen abwenden.

Wollen wir mal wieder jammern?

Da sind wir wieder: Je infantiler das US-Kino daherkommt, desto erfolgreicher wird es. Und alle Auguren europäischer Hochzivilisation sehen einmal mehr das Ende vom Kino als Kunstform. Anders kann man Meldungen wie die untenstehende ja nicht interpretieren. Oder doch? Ich versuche es, nach dem Sprung:

Hollywoodrekord – Bester US-Kinosommer aller Zeiten

Los Angeles (dpa) – Hollywood hat in diesem Sommer einen neuen Kassenrekord aufgestellt. Wie das Filmblatt „Hollywood Reporter“ am Montag berichtete, 

haben die Filme des Kinosommers 2007 insgesamt über vier Milliarden Dollar eingespielt. Die Saison geht traditionell von Anfang Mai bis Anfang September. Mit den Einnahmen der Teenager- Komödie „Superbad“ am vergangenen Wochenende in Höhe von 18 Millionen Dollar hat die Filmindustrie nun schon eine Woche vor dem offiziellen Ende des Kinosommers den bisherigen Rekord aus dem Jahr 2004 von insgesamt 3,95 Milliarden Dollar übertroffen. Die hohen Einnahmen an den Kinokassen werden vor allem auf das gute Abschneiden der zahlreichen Fortsetzungen von Filmen wie „Spider-Man“, „Shrek“, „Fluch der Karibik“, „Rush Hour“, „Harry Potter“ und „Die Bourne Identität“ zurückgeführt. Mit über 336 Millionen Dollar Einnahmen an den US-Kinokassen avancierte „Spider- Man 3“ zum bisher erfolgreichsten Film des Jahres, gefolgt von „Shrek 3“ und dem Action-Thriller „Transformers“.

Überrascht? Ich auch nicht. Die Zahlen und die Titel besagen einzig und allein, dass die Geschäftsmodelle, auf denen Hollywood basiert, noch immer funktionieren. Sie besagen aber auch, dass nur Wachstum Wachstum generiert, dass grösser und teurer im Idealfall auch lukrativer und erfolgreicher bedeutet.

Gleichzeitig sind in ganz Europa die Anteile des einheimischen Filmschaffens am Kinomarkt deutlich zurück gegangen. Es gibt verschiedene Gründe dafür, aber der offensichtlichste ist der: Die Unterhaltungsindustrie ist genau so der sogenannten Konvergenz anheim gefallen, wie die Medienkonglomerate. Genau so, wie Informationen mittlerweile auf vielen verschiedenen Kanälen zu haben sind, werden auch Filme in einer Vielfalt angeboten, die wir noch nie hatten. Dank DVD, Video on Demand, YouTube, Kabelfernsehen, Digital-TV und mobilem Filmangebot können wir uns unsere Programme selber zusammenstellen. Und wir tun das auch. Während die europäischen Multiplexkinos unter ihrer Abhängigkeit von den amerikanischen „Tentpoles“ (Zeltpfosten) ächzen, setzen die Arthauskinos ganz ordentlich Publikum um, wenn auch mit einem deutlich höheren Aufwand als auch schon. Das Filmangebot in den deutschschweizer Städten ist unglaublich breit, wer will, kann jede Woche täglich zweimal ins Kino und nie den gleichen Film ansehen. Dass mit sovielen Kopien und stets nur wenigen Leuten in den Kinosälen kein Riesenumsatz generiert wird, liegt auf der Hand. Aber es funktioniert und die Studiokinos sind deutlich freier als die Multiplexe, weil sie ihre Vielfalt auch aus einem vielfältigen Angebot auswählen können. In Grossbritannien hat übrigens eine Verleihfirma angefangen, Kapital zu schlagen aus der Verfügbarkeit der ersten digitalen Kinos. Sie haben den Bondfilm Goldfinger digitalisiert und in diversen bereits dafür eingerichteten Kinos auf die Festplatten gepackt. Nun läuft der Bond-Klassiker ohne weiteren Aufwand immer mal wieder in diesen Kinos und das Publikum ist begeistert. Weitere solcher digitaler Reeditionen sind geplant. Den künstlichen Blockbustern aus Hollywood ist mit Vielfalt durchaus zu begegnen, ohne immenses finanzielles Risiko, notabene. Das werden jene Kinoketten, die es noch nicht gemerkt haben, auch hierzulande zu spüren bekommen.

Ang Lee – Zuviel Sex für die Amerikaner

Tony Chiu-Wai Leung und Wei Tang in ‚Se, jie‘ (2007)

Nur Tage bevor Ang Lees jüngster Film mit dem adäquaten Titel Se jie (Lust, Vorsicht) am Filmfestival von Venedig Weltpremiere feiert, hat die Jugendschutzkommission der Motion Picture Association of America (MPAA) dem Film eine NC-17 certification verpasst. Damit werden normalerweise besonders krude Horrorfilme ausgezeichnet, deren Publikumspotential damit von vorneherein auf eine eingeschränkte Zielgruppe reduziert wird. Ein Riesenerfolg, wie ihn Ang Lees Brokeback Mountain auch in den USA feiern konnte, ist damit ausgeschlossen.

Sowohl die New York Times wie auch der britische Guardian haben heute entsprechende Artikel online. Der Grund für das harsche Rating sind offenbar ein paar akrobatische und explizite Sexszenen mit Tony Leung und der Newcomerin Wei Tang. Gemäss dem Artikel bei der NYT ist Ang Lee überzeugt, dass diese Szenen absolut notwendig sind für seine Umsetzung einer Kurzgeschichte der chinesischen Autorin Eileen Chang. Für die Auswertung des Films in China war allerdings von Anfang an eine geschnittene Fassung vorgesehen. Sex und alles, was an Geschlechterpolitik damit zusammenhängt, hat in den meisten Filmen von Lee eine wichtige Rolle gespielt. Allerdings, so Lee in der NYT, hätte er es besonders hart gefunden, sich für diesen Film in die Welt der im asiatischen Raum hochverehrten Autorin Eileen Chang einzufühlen: „Es gab Tage, da hasste ich sie dafür. [ihre Welt] ist so traurig, so tragisch. Aber dann wird dir klar, dass es in ihrem Leben ein Defizit an Liebe gibt, an romantischer Liebe, an Familienliebe. Das ist die Geschichte über das, woran die Liebe für sie gestorben ist.“

Ich bin gespannt, ob der Film in den USA zum Kulturpolitikum wird, wie seinerzeit The Last Tango in Paris. Oder ob sich einfach wieder einmal zeigt, wie sehr Business (auf das die MPAA Ratings letztlich abzielen) und Kunst voneinander isoliert werden können im Kino. Insofern ist der Film weiterhin das wohl schillerndste Kulturphänomen überhaupt.

Big Warner Bros. is watching you!

Wir Filmjournalisten sind ja schon einiges gewohnt. Aus Angst vor Piraten lassen uns die Filmverleiher vor den Pressevorführungen grosser Kisten von privaten Wachleuten filzen, nehmen uns die Mobiltelefone ab, und es kommt auch vor, dass ein Wachmann während des Films die Medienleute filmt, wahrscheinlich mit Restlichtverstärker, um filmende Journalisten/ Piraten zu entlarven. Aber nun hat Time Warner

/ Warner Bros. die unheimliche Praxis in den USA offenbar auch auf das zahlende Publikum ausgeweitet. Der Blog von The Consumerist berichtet jedenfalls von Kinobesuchern, die während einer Vorstellung von (ausgerechnet) The Invasion, dem mindestens fünften Remake von Invasion of the Body Snatchers, feststellten, dass sie während der Vorstellung gefilmt wurden. In mindestens einem Fall erklärte der zur Rede gestellte Kinomanager schulterzuckend, das geschehe im Auftrag von Time Warner / Warner Bros. In der Schweiz müsste das Publikum wahrscheinlich vor der Vorstellung auf diese Praxis aufmerksam gemacht werden. Andererseits gibt es auch bei uns hunderte von Überwachungskameras, zum Beispiel in Parkhäusern, auf die nirgendwo hingewiesen wird. Ich bin gespannt, ob weitere solche Meldungen auftauchen und ob sich das auch hier zu Lande demnächst mal ergibt.

via Boing Boing

SZM Interview mit Kameramann Michael Ballhaus

Einst hat er mit Fassbinder den deutschen Film aufgemischt, später hat er eine internationale Karriere gemacht, unter anderem als Kameramann beim schönsten Film von Martin Scorsese und etlichen anderen vom Meister, oder auch bei Coppola. Jetzt ist er 72, offensichtlich müde und von Hollywood gar nicht mehr angetan. Das aktuelle Magazin der Süddeutschen Zeitung hat ein spannendes Interview (hier) mit Michael Ballhaus, von Max Fellmann und Jan Heidtmann.

Brannte Rom für Mailand?

Filmposter Quo vadisLetzten Freitag ging es wie ein Lauffeuer durch die Medien. Rom brennt! Ganz Rom? Nein, nur ein kleiner Teil des ehrwürdigen Cinecittà-Studiogeländes, dort, wo die teure "Rom"-Serie gedreht wird. Am Tag davor, am 9. August meldete der Hollywood Reporter, dass Investoren in Mailand ein neues Filmstudio planen, das auch Schweizer Kunden anziehen soll. Zwei Tage früher schon hatte die Schweizerische Depeschenagentur SDA von den Plänen berichtet:

Mailand will verstärkt auf Filmindustrie setzen  – Moderne Filmstudios sollen Schweizer Investoren anziehen
 
   Rom (sda/apa) Mailand will verstärkt auf die Filmindustrie
setzen und zu einem Gegenpol Roms und dessen Filmstudios Cinecitta aufrücken. Wegen der Nähe zur Schweizer Grenze haben die Initianten auch Schweizer Investoren im Visier.
 
   In zwei Wochen werden in einem ehemaligen industriellen Gelände neue Studios eröffnet. Ziel ist, die Film- und TV-Serien-Produktion in Mailand zu fördern, berichteten italienische Medien am Donnerstag.
 
   «Die neuen Studios werden vor allem Schweizer Kapital anziehen,
weil der Tessin sehr nahe ist», betonte der Chef der föderalistischen Oppositionspartei Lega Nord, Umberto Bossi, der sich seit Jahren für eine starke Filmproduktion in Mailand einsetzt, um die norditalienische Kultur zu fördern.
 

(SDA-ATSÖ/iw/c4ita ti kul div)