NAÇÃO VALENTE von Carlos Conceição

© Terratreme Films

Chiaroscuro – dunkle Bilder mit leuchtenden Farbtupfern darin… das portugiesische Kino unterscheidet sich nicht nur durch die Sprache vom restlichen Filmschaffen der Welt. Es arbeitet auch härter an der historischen Vergangenheit als jede andere Cinématographie.

Carlos Conceição kam 1979 in Angola zur Welt, fünf Jahre nachdem die Portugiesen mit der Nelkenrevolution nicht nur die Diktatur beendet hatten, sondern auch die Zeit der Kolonialmacht Portugal. „NAÇÃO VALENTE von Carlos Conceição“ weiterlesen

STONE TURTLE von Ming Jin Woo

Zahara (Asmara Abigail) und ihr Wicker Man © Greenlight Pictures

Eine Rache-Geschichte in Endlosschleife. Nicht traditionell, sondern fast wörtlich. Denn wenn Zahara im Boot liegend von ihrer kleinen Nichte geweckt wird, fängt der Tag wieder an, der Ausflug von der Insel aufs Festland, um dem Waisenmädchen die Papiere für den Schuleintritt zu verschaffen.

Warum die papierlose Zahara mit der Kleinen auf dieser winzigen malaysischen Insel lebt, und wer die anderen Frauen sind, die manchmal auftauchen, oft aber auch nicht, das erklärt sich erst nach etlichen Schleifen. „STONE TURTLE von Ming Jin Woo“ weiterlesen

ARIYIPPU von Mahesh Narayanan

Divyah Prabha, Kunchacko Boban

Ein sozial engagiertes indisches Drama, das in seiner moralischen Anlage an die Filme der Dardenne Brüder erinnert. Vor vierzig Jahren wäre das ein doppelt unsinniger Satz gewesen.

Weil da einerseits noch kaum jemand die Dardennes kannte. Und weil anderseits auch in den Schweizer Studiofilm-Kreisen nicht Bollywood und Hindi-Melodram dominierten, sondern, zum Beispiel, Satyajit RayMrinal Sen oder Ritwik Ghatak. „ARIYIPPU von Mahesh Narayanan“ weiterlesen

BULLET TRAIN von David Leitch

Brian Tyree Henry und Brad Pitt © Sony

Das laute Knallen über der Piazza Grande von Locarno war dem diesjährigen Eröffnungsfilm zu verdanken. Ja, Bullet Train ist ein pyro- und kampftechnisches Feuerwerk mit genügend ballistischen Einlagen, um die Ausgaben von rund 90 Millionen Dollar für die Produktion wieder einzuspielen.

Aber der grösste Knall zum Auftakt dieser 75. Ausgabe des Filmfestivals von Locarno war dann wohl doch das Platzen der Seifenblase – denn mehr ist Bullet Train beim besten Willen nicht. „BULLET TRAIN von David Leitch“ weiterlesen

DUAL von Riley Stearns

Karen Gillan und Aaron Paul gehen zur Sache © RLJE Films

Nach ihren lukrativen Ausflügen in die bunte Bonbon-Welt der Jumanji-Filme und als Nebula ins Marvel-Multiversum hat Karen Gillan, Doctor-Who-Companion aus Schottland, mit diesem Film endlich wieder einmal eine wirklich schön verbogene Rolle.

Gillan spielt in Dual eine Frau, die sich nach der Diagnose einer tödlichen Krankheit klonen lässt, um ihren Angehörigen nicht zu fehlen. „DUAL von Riley Stearns“ weiterlesen

SOMETHING IN THE DIRT von Justin Benson & Aaron Moorhead

Justin Benson und Aaron Moorhead sind Levi und John © XYZ Films

Die beiden sind die Superstars des NIFFF, eine Art Eigenmarke des Festivals in Neuchâtel, das mitgeholfen hat, ihren Ruf aufzubauen.

Entsprechend war das Duo Justin Benson und Aaron Moorhead gestern Abend auf der Bühne im Théâtre du Passage auch empfangen worden. Beide bemühten sie sich, es dem Publikum auf Französisch zu danken. Ein wenig frustrierend für die mit auf die Bühne gekommene Dolmetscherin, die nur lachend mit den Schultern zucken konnte. „SOMETHING IN THE DIRT von Justin Benson & Aaron Moorhead“ weiterlesen

THE COW WHO SUNG A SONG INTO THE FUTURE von Francisca Alegría

Magdalena (Mía Maestro) steigt Jahre nach ihrem Tod aus dem Fluss © Match Factory

«Magischer Realismus» in einem Film aus Chile: Damit kann man Tote wecken. Im Falle von Magdalena (Mía Maestro) passiert das inmitten einer lokalen Umweltkatastrophe.

Die Abwässer einer Papierfabrik haben die Fische im Fluss verenden lassen, und aus dem Wasser steigt mit letzter Kraft eine Frau im tropfenden Motorradanzug, barfuss, und zieht sich den Helm vom Kopf. „THE COW WHO SUNG A SONG INTO THE FUTURE von Francisca Alegría“ weiterlesen

LES CINQ DIABLES von Léa Mysius

Joanne (Adèle Exarchopoulos) © Le pacte

Einen schöneren, eindringlicheren, magischeren und zugleich realistischen Film hätte man dem NIFFF nicht zur Eröffnung wünschen können. Direkt von der Quinzaine in Cannes nach Neuchâtel, ein Film, der aus unerfindlichen Gründen erst in Frankreich und Spanien einen Verleih gefunden hat.

Nachtrag: Und in der Schweiz, bei der filmcoopi in Zürich.

Wer genau die fünf Teufel des Titels sind, erschliesst sich nicht auf Anhieb. Aber das ist das Wunder dieses Films von Léa Mysius: Sie erzählt von Gefühlen und Vorgängen, Ängsten und Sehnsüchten, die wir begreifen, ohne sie verstehen zu müssen. „LES CINQ DIABLES von Léa Mysius“ weiterlesen

PACIFICTION von Albert Serra

Benoît Magimel © Anderground Films

Man stelle sich das allererste James-Bond-Kinoabenteuer Dr. No als Gletscher vor. Nein, das ist das falsche Bild, schliesslich spielt Albert Serras auf französisch Tourment sur les îles genannter Film auf Tahiti, in französisch Polynesien, in tropischer Hitze.

Aber eben: Gaaaanz langsam. Also: Dr. No als Lavastrom in Zeitlupe. „PACIFICTION von Albert Serra“ weiterlesen

UN PETIT FRÈRE von Leonor Seraille

Nachdem sie 2017 für Jeune femme mit Laetitia Dosch die Goldene Kamera von Cannes gewonnen hatte, standen ihr für ihren neuen Film plötzlich deutlich mehr Mittel zur Verfügung. Und die hat sie eingesetzt für einen weiteren bewundernswerten und bewundernden Film über eine Frau, welche die Freiheit im Kopf hat, «dans la tête», zumindest dann, wenn die äusseren Umstände nicht viel Spielraum bieten.

Rose kommt in den 1980er Jahren mit ihren zwei jüngeren Söhnen von der Elfenbeinküste nach Paris. Die drei wohnen zunächst in einem besseren Wandschrank bei Freunden, Rose setzt alles daran, bei ihren Söhnen Disziplin und Ehrgeiz in der Schule zu fördern: «Il faut reussir, quand même». „UN PETIT FRÈRE von Leonor Seraille“ weiterlesen