I GIGANTI von Bonifacio Angius

Stefano Deffenu © Il Monello Film

Wenn im Wettbewerb von Locarno Filme aus Italien auftauchen, bin ich immer etwas misstrauisch. Warum sollte ein Produzent oder eine Filmemacherin ihr Werk hier vorstellen, wenn es zwei oder drei Wochen später die doch noch etwas globalere Plattform des Filmfestivals von Venedig nutzen könnte? Es sei denn, Venedig hätte gar kein Interesse gezeigt.

Das könnte ich mir für I giganti gut vorstellen. Der Film kreist um vier Männer, die sich in einem alten Haus mit Alkohol und Drogen zudröhnen und klönen. Mit dabei ist noch der Sohn des einen von ihnen, der alles kühl und überlegen kommentiert. Und für eine kurze Zeit zwei Frauen, die von der Misogynie der Typen aber schleunigst wieder vertrieben werden. „I GIGANTI von Bonifacio Angius“ weiterlesen

MEDEA von Alexander Zeldovich

Tinatin Dalakishvili © 11

Mit dem Titel Medea braucht ein Film keine Synopsis. Und vor sogenannten Spoilern muss man auch niemanden warnen.

Bis die Titelfigur bei Alexander Zeldovich allerdings in Israel ihr Schicksal und damit das ihrer beiden Kinder erfüllt, entfaltet sich eine eben so zeitlose wie ausgesprochen zeitgenössische Variation der Tragödie. „MEDEA von Alexander Zeldovich“ weiterlesen

LA PLACE D’UNE AUTRE von Aurélia Georges

Lyna Khoudri und Sabine Azéma © 31 juillet films

Eine halbe Stunde nimmt sich Aurélia Georges Zeit, um den Weg des Strassenmädchens Nélie von Paris über die Vogesen-Front im ersten Weltkrieg in ein Grossbügerhaus in Nancy nachzuzeichnen, sorgfältig und mit genau den richtigen Details.

Ihre Stellung als Hausmädchen verliert sie, weil die die Zudringlichkeit des Hausherrn vor den Augen seiner Frau abwehrt. Als Kriegs-Krankenschwester findet sie sich im Wald in den Vogesen wieder, und trifft da auf eine verlorene junge Frau, deren Begleitung von den Deutschen erschossen wurde. „LA PLACE D’UNE AUTRE von Aurélia Georges“ weiterlesen

SEPERTI DENDAM, RINDU HARUS DIBAYAR TUNTAS (Vengeance is mine, all others pay cash) von Edwin

Pardo d’oro (Goldener Leopard),
Grosser Preis der Stadt Locarno für den besten Film:

Iteung (Ladya Cheryl) und Ajo (Marthino Lio) © Palari Films

Kann man die Macho-Kultur mit Macho-Kultur untergraben? Edwin, der Filmemacher aus Indonesien, der 2012 mit seinen Postcards from the Zoo im Wettbewerb der Berlinale war, der kann das.

Seperti dendam… ist einer der raren Fälle von «having your cake and eating it». „SEPERTI DENDAM, RINDU HARUS DIBAYAR TUNTAS (Vengeance is mine, all others pay cash) von Edwin“ weiterlesen

GERDA von Natalya Kudryashova

© Russian Resurrection

Wohin bewegen sich Menschen, wenn sie es in ihrem Leben nicht mehr aushalten?

Natalya Kudryashova, Schauspielerin und Regisseurin, geht von einem metaphysischen Raum aus, der tiefer sei, als die sichtbare Welt um uns herum. Und in die bewegt sich der Film dann auch gleich, ganz unprätentiös, in den ersten Einstellungen. „GERDA von Natalya Kudryashova“ weiterlesen

MONTE VERITÀ von Stefan Jäger

Hermann Hesse (Joel Basman), Maresi Riegner als Hanna Leitner, Julia Jentsch als Ida Hofmann und Max Hubacher als Otto Gross © DCM

Der Monte Verità, ein Hügel bei Ascona am Lago Maggiore, ist legendär. Da trafen sich schon in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts Aussteigerinnen, Freigeister, Künstlerinnen und Reformer. Mit seinem aufwändigen Kostümfilm Monte Verità erweckt Stefan Jäger die Epoche nun zu Leinwandleben.

Den Einheimischen im Fischerdorf Ascona waren sie mehrheitlich ein Dorn im Auge. Die Spinner auf dem Hügel tanzten nackt auf der Wiese, bauten Gemüse an und verbreiteten Ideen, welche noch mehr Spinner aus der halben Welt anzogen. „MONTE VERITÀ von Stefan Jäger“ weiterlesen

AFTER BLUE (Paradis sale) von Bertrand Mandico

© Ecce Films

Jahre nach der Zerstörung der Erde leben auf einem fernen Planeten nationalistisch organisierte Kolonien von Frauen. Sie haben Pferde von der Erde mitgebracht und Spermien-Vorräte.

Männer überleben keine auf diesem Planeten. Ihre Haare wachsen nach innen und töten sie so in kürzester Zeit. „AFTER BLUE (Paradis sale) von Bertrand Mandico“ weiterlesen

SIS DIES CORRENTS (The Odd-Job Men) von Neus Ballús

Valero Escolar, Mohamed Mellali, Pep Sarrà © Distinto Films & El Kinògraf

Ihr Vater sei Klempner, sagt die Regisseurin aus Barcelona. Sie erinnere sich an viele eigenartige Geschichten rund um seinen Job. All die Komplexitäten und Vorurteile, welche diese Erzählungen aufdeckten, seien ihr geblieben.

So lernen wir denn gleich zu Beginn des Films ein eigenwilliges Duo kennen. Den ledrigen, glatzköpfigen Pep (Pep Sarrà) und Valero (Valero Escolar), die in einem fremden Badezimmer einen verstopften Ablauf reparieren. „SIS DIES CORRENTS (The Odd-Job Men) von Neus Ballús“ weiterlesen

SOUL OF A BEAST von Lorenz Merz

Joel (Tonatiuh Radzi) mit Corey (Ella Rumpf) auf der Langstrasse unterwegs © Ascot-Elite

Als Dreiecksgeschichte zwischen den beiden Enden der Langstrasse und Zürichs Goldküste explodiert Lorenz Merz‘ neuer Film auf der Leinwand. Der Schweizer Beitrag im Wettbewerb des Filmfestivals Locarno will grosse Liebe und wildes Leben: Soul of a Beast.

Eine rasende Motorradfahrt über alle Rotlichter der Zürcher Langstrasse gibt bald zu Beginn von Soul of a Beast das Tempo vor. „SOUL OF A BEAST von Lorenz Merz“ weiterlesen

PETITE SOLANGE von Axelle Ropert

Solange (Jade Springer) ©2021 Aurora Films

Axelle Ropert schrieb das Drehbuch zu Madame Hyde mit Isabelle Huppert, der 2017 in Locarno zu sehen war. Ihr präziser Blick auf Klassenzimmer und Teenager ergänzte dort wunderbar die zunehmend überzeichneten Leiden der Lehrerin und ihr anschliessendes kathartisches Wechseln in den Monster-Modus.

Für ihre vierte lange Regiearbeit hat sie auch das Drehbuch selber geschrieben. Und die Geschichte der «kleinen» Solange bleibt realistisch und fein. „PETITE SOLANGE von Axelle Ropert“ weiterlesen