SERVIAM – ICH WILL DIENEN von Ruth Mader

© Christine A. Maier

Wohl wahr, die Kirche hat es sich selbst zuzuschreiben, dass mit ihren Insignien, Ritualen und Vorstellungen so effiziente Horrorbilder zu erzeugen sind. Jahrhunderte von Machterhaltung via Höllendrohung, Sündenmalereien und Gottesfurchteintreibungen haben Spuren hinterlassen in unserem kollektiven Schattenfühlen.

Aber die Österreicherin Ruth Mader holt sich auch ausgesprochen gekonnt das halbe Arsenal des gehobenen Horrors zu Hilfe, um diese sehr österreichische Variation auf den Nunsploitation-Film auf Höchstleistung zu trimmen. „SERVIAM – ICH WILL DIENEN von Ruth Mader“ weiterlesen

TENGO SUEÑOS ELECTRICOS von Valentina Maurel

Regiepreis Locarno 2022

Rainaldo Amien Gutiérrez, Daniela Marín Navarro © Wrong Men North

Ein Film wie ein Spaziergang über die voll befahrene Autobahn. Es gibt so gut wie keine Sekunde ohne Anspannung, Angst oder gar Wut in dieser Geschichte.

Die elektrischen Träume der sechzehnjährigen Eva in Costa Rica sind Adoleszenz-Albträume. Seit der Scheidung der Eltern spürt sie die Wut des Vaters in sich, das Unbeherrschbare. „TENGO SUEÑOS ELECTRICOS von Valentina Maurel“ weiterlesen

GIGI LA LEGGE von Alessandro Comodin

Spezialpreis der Jury, Locarno 2022

Pier Luigi Mecchia © Okta Films / Shellac

Minimalistisch im Aufwand, das wird bei diesem Film von der ersten Einstellung an programmatisch signalisiert. Pier-Luigi steht im Dschungel seines Gartens im Halbdunkel vor einer Palme und streitet mit dem Dickicht.

Aus dem Gestrüpp kommt die Stimme des Nachbarn, der sich darüber beklagt, dass Pier-Luigis Garten ein «Casino» sei, ein Saustall. Und dass er endlich die Bäume zurückschneiden solle. „GIGI LA LEGGE von Alessandro Comodin“ weiterlesen

HUMAN FLOWERS OF FLESH von Helena Wittmann

Human Flowers of Flesh © Fünferfilm – Shellac

Nach einer Stunde wird die Leinwand plötzlich blau. Die Kamera taucht tief ein, gelegentlich blitzt noch etwas, und schliesslich taucht auf dem Meeresgrund ein viermotoriges Propellerflugzeug auf, ein völlig überwachsenes Monster aus wahrscheinlich nicht gar so alten Zeiten.

Helena Wittmann malt mit Einstellungen und mit Textfragmenten. Die fünf Menschen in den Küstenfelsen, auf ihrem Weg zu einem verankerten schönen Zweimaster, sehen wir zuerst nur als Füsse mit unterschiedlichen Schuhen, dann von weitem, wieder von Nahem, durch Büsche.

Figuren in der Landschaft. „HUMAN FLOWERS OF FLESH von Helena Wittmann“ weiterlesen

STELLA EST AMOUREUSE von Sylvie Verheyde

Stella und ihre Freundinnen unterwegs in den Club Bains Douches © wtfilms

Die verliebte Stella des Filmtitels ist autobiographisch. Und die Filmemacherin hat ihr 2008 schon einen ganzen Film gewidmet: Stella. Der spielte 1977 und Stella war 11 Jahre alt.

Der neue Film begleitet Stella durch ihr siebzehntes Jahr, von den Sommerferien mit den Freundinnen in Italien über ihre Mühe mit der Schule und den Vorbereitungen auf das «Bac» und der Trennung der Eltern bis zu ihrer neuen Leidenschaft. „STELLA EST AMOUREUSE von Sylvie Verheyde“ weiterlesen

IL PATAFFIO von Francesco Lagi

©2022 Vivo film, Colorado Film Production, Umedia

Einmal mehr erhärtet sich die alte Regel von Locarno: Italienische Filme, die wirklich was taugen, laufen nicht hier, sondern Ende Monat am Festival in Venedig.

Das bestätigt leider auch diese mehr theatralische als filmische Umsetzung von Luigi Malerbas «Il pataffio» (1978, deutsch 1988 als «Pataffio» bei Wagenbach erschienen) durch den Netflix-erprobten Francesco Lagi. „IL PATAFFIO von Francesco Lagi“ weiterlesen

SKAZKA (ска́зка / Fairy Tale) von Alexander Sokurov

© Intonations

Handwerklich ist Sokurovs neuester Film recht ansprechend. Ein animiertes Kompositum aus hunderten von Dokumentarfilmaufnahmen von Stalin, Hitler, Mussolini, Churchill und etlichen mehr, die sich in einer schwarzweissen Vorhöllenlandschaft tummeln, die ihrerseits von Gustave Dorés Dante-Illustrationen inspiriert ist.

Zu Beginn wacht der tote Stalin neben dem toten Jesus auf und beide beklagen sich ein wenig. Nur schon die Frage, was ausgerechnet Jesus da verloren hat, treibt vor allem Stalin um. Er macht sich lustig über Gottes Sohn. „SKAZKA (ска́зка / Fairy Tale) von Alexander Sokurov“ weiterlesen

BOWLING SATURNE von Patricia Mazuy

Bowling Saturne © Ex Nihilo – Les Films du fleuve

Du meine Güte, diese Symbolik! Da haben wir den Polizisten Guillaume, der von seinem verstorbenen Vater die Bowling-Alley geerbt hat, in der sich immer noch dessen Grosswildjäger-Kumpane treffen.

Guillaume bietet die Geschäftsführung der Kegelbahn seinem Halbbruder Armand an. Weil er ein schlechtes Gewissen hat, weil der Vater den unehelichen Sohn ignoriert hat. „BOWLING SATURNE von Patricia Mazuy“ weiterlesen

NAÇÃO VALENTE von Carlos Conceição

© Terratreme Films

Chiaroscuro – dunkle Bilder mit leuchtenden Farbtupfern darin… das portugiesische Kino unterscheidet sich nicht nur durch die Sprache vom restlichen Filmschaffen der Welt. Es arbeitet auch härter an der historischen Vergangenheit als jede andere Cinématographie.

Carlos Conceição kam 1979 in Angola zur Welt, fünf Jahre nachdem die Portugiesen mit der Nelkenrevolution nicht nur die Diktatur beendet hatten, sondern auch die Zeit der Kolonialmacht Portugal. „NAÇÃO VALENTE von Carlos Conceição“ weiterlesen

STONE TURTLE von Ming Jin Woo

Zahara (Asmara Abigail) und ihr Wicker Man © Greenlight Pictures

Eine Rache-Geschichte in Endlosschleife. Nicht traditionell, sondern fast wörtlich. Denn wenn Zahara im Boot liegend von ihrer kleinen Nichte geweckt wird, fängt der Tag wieder an, der Ausflug von der Insel aufs Festland, um dem Waisenmädchen die Papiere für den Schuleintritt zu verschaffen.

Warum die papierlose Zahara mit der Kleinen auf dieser winzigen malaysischen Insel lebt, und wer die anderen Frauen sind, die manchmal auftauchen, oft aber auch nicht, das erklärt sich erst nach etlichen Schleifen. „STONE TURTLE von Ming Jin Woo“ weiterlesen