FRANZ K. von Agnieszka Holland

Dr. Franz Kafka (Idan Weiss) In der Versicherungsanstalt © frenetic films

Franz Kafka und seine Texte seien für sie so prägend gewesen, sagt Agnieszka Holland, dass sie unbedingt in seinem Prag studieren und die Filmschule machen wollte, bevor sie nach Polen zurückkehrte und ihre eigene Karriere als Assistentin von Krzysztof Zanussi und Andrzej Wajda startete. Das war in den frühen 1970er Jahren und seit damals muss sie diesen Franz K. und dieses Prag mit sich als Projekt herumgetragen haben, mehr als ein halbes Jahrhundert.

Entsprechend umfassend, reichhaltig, überbordend und aus allen Nähten platzend ist ihr Film nun geworden. Aber zugleich – und zum Glück – getragen von einer fröhlich enzyklopädischen Leichtigkeit. In Franz K. steckt nicht nur ein Leben und ein Werk, nicht nur die Biografie und die Wirkungsgeschichte und der Mythos von Kafka, sondern ein ganzer Strauss biografischer, literarischer und vor allem multiperspektivischer Blütenstände und Dornensträucher. Dieser Film ist ein Fest, eine Feier, eine Versuchung. „FRANZ K. von Agnieszka Holland“ weiterlesen

DRACULA: A LOVE TALE von Luc Besson

Caleb Landry Jones als Vlad/Dracul © Ascot-Elite

129 Minuten pompöse, prächtige Langeweile. Dass muss man auch erst mal hinkriegen, nach 128 Jahren Dracula. Luc Besson borgt sich seine Bilder bei seinen Vorreitern, und dabei vor allem bei jenen, die ihn selbst beeindruckt haben, insbesondere bei Francis Ford Coppola und dessen Bram Stoker’s Dracula von 1992. „DRACULA: A LOVE TALE von Luc Besson“ weiterlesen

IT WAS JUST AN ACCIDENT (Yek tasadef sadeh) von Jafar Panahi

Palme d’or  Filmfestival Cannes 2025

Vahid Mobasseri © frenetic films

Zweimal war er im Gefängnis in seiner Heimat, dem Iran. 2010 wurde Jafar Panahi verhaftet und bekam ein Reise- und ein Arbeitsverbot, das er erfolgreich und listig umgangen hat. Etwa mit seinem This is not a Film von 2011, oder mit seinem bisher grössten Publikumserfolg, Taxi Teheran 2015. Paradoxerweise haben ihm dabei seine Filmfestivalerfolge, seine globale mediale Präsenz, nicht nur geholfen, sondern auch seine Schwierigkeiten weiter verstärkt. Im Juli 2022 wurde er wieder verhaftet und kam erst nach weltweiten Protesten und einem Hungerstreik im Februar 2023 wieder frei.

Und nun hat er mit einem Film über die langen Schatten des Gefängnisaufenthaltes im Mai dieses Jahres die goldene Palme des Filmfestivals von Cannes gewonnen – eine Ehrung, die in diesem Falle gleichermassen Ausdruck der Solidarität ist, wie auch ein Preis für einen ebenso einfachen wie komplex effizienten Film. „IT WAS JUST AN ACCIDENT (Yek tasadef sadeh) von Jafar Panahi“ weiterlesen

ALL THAT’S LEFT OF YOU (Allly baqi mink) von Cherien Dabis

Noch herrscht Frieden in Jaffa © trigon

Kino ist ideal für gross angelegte Familienchroniken. Mit dem sizilianischen Clan im Gattopardo bekommen wir epochenübergreifende, packende Geschichtslektionen, ebenso wie mit den Corleones der Godfather-Trilogie oder den trotz zahlreicher Anläufe nie ganz auf Leinwandgrösse geschrumpften Buddenbrooks.

Die palästinensisch-amerikanische Regisseurin und Schauspielerin Cherien Dabis überträgt diesen generationenverknüpfenden Ansatz auf das Schicksal der Palästinenser, von der Nakba, der Übernahme Palästinas durch die israelische Staatsgründung, über die Intifada bis kurz vor unsere Gegenwart. „ALL THAT’S LEFT OF YOU (Allly baqi mink) von Cherien Dabis“ weiterlesen

YES! (!כן – Ken!) von Nadav Lapid

Y (Ariel Bronz) © Sister Dist.

Nach genau einer Stunde orgiastischer Partylaune mit Musik, Alkohol, Drogen und vielen reichen und offensichtlich mächtigen Israeli passiert es: Der Musiker und Unterhalter Y (Ariel Bronz) bekommt eine Meldung seines Managers auf sein Mobiltelefon. Er soll die Musik liefern für eine Gedenkfeier anlässlich des Massakers vom 7. Oktober 2023. Und nicht nur das. Er soll auch die dazu passende Rache-Wut-und-Einigkeits-Hymne vertonen:

«Yes! Your wish is my command, Mephisto!»

Der Moment ist die Kulmination seiner Karriereträume und jener seiner Frau Yasmine (Efrat Dor). Die goldene Zukunft ist zum Greifen nah, das gemeinsame Leben mit dem kleinen Sohn Noah in Stil und Luxus gesichert. „YES! (!כן – Ken!) von Nadav Lapid“ weiterlesen

STILLER von Stefan Haupt

Pflichtverteidiger Dr. Bohnenblust (Stefan Kurt) und Julika Stiller (Paula Beer) © Ascot-Elite

Nein, dieser Stiller – der Film – ist nicht das Monument, zu dem der Roman von Max Frisch geworden ist. Die filmische Adaption von Stefan Haupt ist keine zeitgenössische Neuinterpretation, kein Meisterwerk, kein Film für die Ewigkeit. Aber Stiller ist ein gutes Stück Kino, eine vergnügliche Erinnerung an die einstige Lektüre – oder ein Fingerzeig darauf, dass sich diese durchaus lohnen könnte.

Dabei hat Max Frischs Geschichte des Mannes, der nach seiner Verhaftung immer wieder versichert, er sei nicht der gesuchte Anatol Stiller, sondern ein Amerikaner namens James Larkin White, auch heute relevantes Identifikationsverwirrungspotential. Spätestens dann, wenn der Inhaftierte verzweifelt fragt, wie man denn beweisen solle, jemand NICHT zu sein.

Der neue Leinwand-«Stiller» ist ein schön gefilmtes Reader’s Digest des Romans, das sich wohltuend auf den linearen Plot der Filmeinstiegszeit konzentriert – versetzt mit sparsam gesetzten Rückblenden, die das Geflecht aus Identität und Vergangenheit gerade so weit auffächern wie unbedingt nötig. „STILLER von Stefan Haupt“ weiterlesen

ASPHALTE PUBLIC von Jan Buchholz

© Mythenfilm

Biel. Bienne. Eine Hochburg der mediterranen Architektur? Im Prinzip ja, wenn es nach dem Stadtwanderer geht, dem Architekten, Schreiber und Redner Benedikt Loderer: «Hier haben wir die Kathedrale mit dem Campanile. Und gegenüber, auf der anderen Seite des Platzes, das Baptisterium.» „ASPHALTE PUBLIC von Jan Buchholz“ weiterlesen

ONE BATTLE AFTER ANOTHER von Paul Thomas Anderson

Bob (Leonardo DiCaprio) © 2025 Warner Bros.

Nach sechzehn Jahren untertauchen weiss Bombenbauer Bob (Leonardo Di Caprio) das richtige Passwort nicht mehr. Also hängt er fluchend am Telefon wie ein Wutbürger in der Endlosschleife seiner Krankenkasse. Dabei hat ihn eben seine einstige Nemesis Col. Steven J. Lockjaw (ein irrwitziger Sean Penn) mit einer armeeähnlichen Polizeieinheit in seiner Waldhütte aufgespürt. Während Bobs sechzehnjährige Tochter Willa von einer einstigen Co-Revolutionärin in ein anderes Versteck gebracht wurde, das Bob verzweifelt zu lokalisieren versucht. „ONE BATTLE AFTER ANOTHER von Paul Thomas Anderson“ weiterlesen

FITTING IN von Fabienne Steiner

Farbenderby in Stellenbosch © Royal film

«Sechzig Jahre alte Traditionen lassen sich nicht einfach innerhalb eines Jahrgangs verändern.» Das sagt einer der Erstsemestrigen im Studentenwohnheim «Eendrag» der Universität von Stellenbosch in Südafrika. Dabei hat sich das Empfangskomitee aus gewählten älteren Kommilitonen schon am ersten Tag bemüht, den Neuankömmlingen zu zeigen, dass sie an dieser Elite-Universität nicht einfach in starre Konventionen gezwungen werden würden.

Sechzig Jahre alte Traditionen? Das klingt erst einmal nach lächerlich wenig für jemanden, der sich, zum Beispiel, mit den jahrhundertealten Gepflogenheiten der Universität Basel (gegründet 1460) konfrontiert sah, mit Traditionen wie dem dies academicus, oder den teilweise skurrilen, zum Teil aber auch absurd antiquierten Ritualen der Basler Studentenverbindungen. „FITTING IN von Fabienne Steiner“ weiterlesen

EL JOCKEY von Luis Ortega

Abril (Úrsula Corberó), Remo Manfredini (Nahuel Pérez Biscayart) © amf

Der Film fängt an wie eines der frühen Gangster-Stücke von Guy Ritchie. Kommen ein paar harte Typen in eine Bar… Sie suchen Remo Manfredini, den Star-Jockey von Boss Sirena. Manfredini hängt, komplett verladen, in voller Jockey-Montur an der Jukebox. Und die Frau, die meint, sie sollen ihn doch in Ruhe lassen, bekommt gleich mal eine Reitpeitsche ins Gesicht geschlagen.

Die überstilisierten Einstellungen von Aki Kaurismäkis Kameramann Timo Salminen wecken gezielt Erwartungen, die der Film gleich wieder unterläuft, so wie es auch der titelgebende Jockey mit den an ihn gerichteten Erwartungen tut.

Remo (Nahuel Pérez Biscayart) kippt eine Ampulle Pferde-Doping mit einem Glas Whiskey und einer Zigarette, bevor er am Rennstart zum Konkurrenz-Jockey neben sich schaut. Das ist Abril (Úrsula Corberó), seine grosse Liebe, die ihm lächelnd einen Kussmund schenkt und mit den anderen losprescht. Während Remo mit einer Art Purzelbaum vom losgallopierenden Pferd stürzt und im Sägemehl der Startbox liegen bleibt. „EL JOCKEY von Luis Ortega“ weiterlesen