HOW TO MAKE A KILLING von John Patton Ford

Becket Redfellow (Glen Powell) © Pathé

Glen Powell hat eine fast schon altmodische Filmstar-Ausstrahlung, mit seinem verkniffenen Charme und dem Spitzbubengesicht. Das hat auch wunderbar funktioniert, als er 2023 in Hit Man von Richard Linklater jenen Professor spielte, der für Polizeiermittlungen als Auftragskiller posierte – so überzeugend, dass er tatsächlich in ein mörderisch-romantisches Komplott verwickelt wurde.

Insofern ist es nachvollziehbar, dass Regisseur John Patton Ford (Emily the Criminal, 2022) und seine Produzenten es für eine gute Idee hielten, Powell für einen erneuten Einsatz als Killer mit Charme anzuheuern. Schliesslich hat Ford nach eigenen Aussagen sein halbes Leben lang davon geträumt, die schwärzeste der klassischen britischen Ealing-Comedies neu aufzulegen: Kind Hearts and Coronets von 1949. „HOW TO MAKE A KILLING von John Patton Ford“ weiterlesen

LA FEMME LA PLUS RICHE DU MONDE von Thierry Klifa

Marianne Farrère (Isabelle Huppert) © frenetic

Isabelle Huppert ist selbst dann hypnotisch auf der Leinwand, wenn sie – wie in diesem Film – mehrheitlich auf Autopilot durch die Szenen segelt. Ihre etablierte Mischung aus emotionaler Permafrostigkeit und kurzfristig angeknipstem Feuer passt schliesslich bestens zu dieser Marianne Farrère, welche sie hier verkörpert. Denn die ist ohne viel Verfremdung direkt der «L’Oréal»-Erbin Liliane Bettencourt nachempfunden.

Ihr gegenüber chargiert der einstige Star der Comédie-Française, Laurent Lafitte, in der Rolle des Fotografen Pierre-Alain Fantin, seinerseits ein direkter Abklatsch des realen Fotografen und Bettencourt-Profiteurs François-Marie Banier. „LA FEMME LA PLUS RICHE DU MONDE von Thierry Klifa“ weiterlesen

THE LAST VIKING von Anders Thomas Jensen

Mads Mikkelsen und Nikolaj Lie Kaas in ‚The Last Viking‘ © filmcoopi

Mads Mikkelsen kann alles. Der kann sogar einen verstörten, gestörten Mann mit Dauerwelle so spielen, dass man den einstigen Wikinger im Kind noch spürt. Auch wenn er nun nicht mehr Manfred heissen will, wie damals, als er und sein Bruder Anker (Nikolaj Lie Kaas) noch unter dem Alkoholikervater im Waldhaus zu leiden hatten.

Manfred hört nun nur noch auf den Namen John. John Lennon, um genau zu sein. Und er klaut Hunde in der Nachbarschaft, wenn Freja (Bodil Jørgensen), die Schwester der beiden, einen Moment nicht aufpasst. Mit all dem ist Anker etwas überfordert, als er aus dem Knast kommt. Er will bloss die Tasche mit dem Geld, das er damals gleich nach dem Banküberfall vom ahnungslosen Manfred hat verstecken lassen. „THE LAST VIKING von Anders Thomas Jensen“ weiterlesen

SENTIMENTAL VALUE von Joachim Trier

Stellan Skarsgård, Elle Fanning © frenetic

Warum soll es nicht für einmal das Haus sein, das die Geschichte seiner Bewohner erzählt? Zumindest legen Joachim Trier und sein Drehbuch-Koautor Eskil Vogt diese Idee erst einmal ihrer Hauptfigur in die Hände. Das Mädchen Nora schreibt einen Aufsatz aus der Perspektive des Familienhauses. Wie es sich allenfalls freut über den Lärm seiner Bewohnerinnen, die Stille hasst, wenn niemand da ist. Und wie es die Schwestern Nora und Agnes aus dem Blick verliert, wenn die beiden zuerst durch die Keller- und dann durch die Gartentür zur Schule rennen.

Das Haus, das seit Generationen der Familie gehört, hat im Fundament einen Riss, der gleich nach der Erbauung schon durch eine Bodenabsenkung entstand. Der Riss zieht sich stabil durch die Wände bis unter das Dach, seit Jahrzehnten, ohne weitere Probleme zu verursachen. „SENTIMENTAL VALUE von Joachim Trier“ weiterlesen

ON VOUS CROIT von Arnaud Dufeys und Charlotte Devillers

Anhörung vor der Richterin (Natali Broods) in ‚On vous croit‘ © frenetic films

Der Gerichtsfilm, das «courtroom- » oder «legal drama» ist ein bewährtes Kinogenre mit diversen Untergenres und unzähligen Beispielen, schliesslich steht das Verhandeln von allfälliger Schuld und Sühne im Zentrum so gut wie jeder menschlichen Aufregung. Aber was Dufeys und Deviller aus Belgien hier gebaut haben, das geht tiefer und ist emotional heftiger, als alle regelkonformen Vorgängerfilme. „ON VOUS CROIT von Arnaud Dufeys und Charlotte Devillers“ weiterlesen

QUAND VIENT L’AUTOMNE von François Ozon

Vergnügt in die Pilze: Hélène Vincent, Josiane Balasko © filmcoopi

Oma Michelle hat mit ihrer Freundin im Wald Pilze gesammelt. Die gibt es zum Abendessen, als ihre Tochter mit dem Enkel zu Besuch kommt. Der Enkel mag allerdings keine Pilze. Und Michelle isst keine, weil ihr die aggressive Stimmung ihrer Tochter den Appetit verdorben hat. Darum ist Tochter Valérie dann auch überzeugt, dass die Mutter ihre Pilzvergiftung gezielt geplant hat. Sicher genug jedenfalls, um mit dem Enkel gleich wieder nach Paris zurückzufahren und ihrer Mutter jeden weiteren Kontakt mit dem Jungen zu verbieten.

Einmal mehr spielt Regisseur François Ozon mit Gewissheiten auf allen Ebenen. Michelle (Hélène Vincent) ist erschüttert über die Vorwürfe ihrer Tochter, und am Boden zerstört über die Vorstellung, den kleinen Lucas nicht wiedersehen zu können. Aber es lässt sich nicht ausschliessen, dass sie den zuvor aussortierten giftigen Pilz doch ins Ragout geschnitten hat.

Und das ist auch nicht die letzte Vermutung in diesem Film, die sich so oder anders wird drehen lassen im Verlauf der Handlung. „QUAND VIENT L’AUTOMNE von François Ozon“ weiterlesen

ZIKADEN von Ina Weisse

Isabell (Nina Hoss) und Anja (Saskia Rosendahl) © dcm

Wenn man anfängt, Chaos zu organisieren, kann Kunst passieren. Im Falle von Ina Weisses drittem Langspielfilm ist es beeindruckende, aber auch etwas künstliche Kunst. Die sauber geplante Machart von Zikaden erinnert nicht von ungefähr an den Bauhaus-Stil, welcher die Architektur und die Einrichtung des Brandenburger Ferienhauses oder die Berliner Wohnung der Hauptfigur Isabell (Nina Hoss) prägen: Klare Linien, viel Leerraum, hochwertiges Handwerk.

Isabell ist die Tochter eines Architekten, das Familienferienhaus ist eines seiner Werke, aber nun ist der Vater nach einem Schlaganfall im Rollstuhl und Isabell vor allem damit beschäftigt, seine Pflege zu organisieren und ihre Mutter zu entlasten. Isabells zunehmende Überforderung bringt auch ihre Ehe mit Philippe (Vincent Macaigne) an den Rand des Abgrunds.

Die umgekehrte Spiegelfigur zu Isabell ist die junge, alleinerziehende Mutter Anja (Saskia Rosendahl), die im Nachbarhaus der Ferienwohnung mit ihrer kleinen Tochter bei ihren Pflegeeltern lebt. Während Isabell Mühe hat, den eigenen, vor allem aber auch den von den Eltern vorausgesetzten Ansprüchen gerecht zu werden, pocht Anja zwischen Jobverlust und Solo-Mutterschaft mit Entschlossenheit auf ihre Eigenständigkeit. Das plötzlichen Funken zwischen den beiden Frauen nach ihrer ersten Begegnung hat denn auch die Dynamik von zwei Magneten, die sich je nach Orientierung anziehen oder abstossen. „ZIKADEN von Ina Weisse“ weiterlesen

GHOSTLIGHT von Kelly O’Sullivan & Alex Thompson

Romeo und Julia (Keith Kupferer, Dolly De Leon) © Sister Distribution

Reverse Engineering’ nennt man das Analysieren und Nachbauen von Algorithmen. Schauspielerin und Regisseurin Kelly O’Sullivan hat genau das mit Shakespeare versucht. Das Resultat ist Ghostlight, der kühne, im Resultat rührende, aber auch irgendwie absurde Versuch, ‘Romeo & Julia’ auf relevante Weise im Leben einer realen Familie zu verankern.

Dan ist Strassenbauarbeiter in Waukegan, Illinois. Seit dem Tod ihres Sohnes kämpfen er und seine Frau Sharon nicht nur mit ihrer Trauer, sondern auch mit den disziplinarischen Problemen ihrer Tochter Daisy. Eher zufällig gerät der verschlossene Dan an eine Amateurtheatertruppe, welche Shakespeares ‘Romeo & Juliet’ einstudiert. Und noch zufälliger geht schliesslich ausgerechnet die Rolle des Romeo an ihn, weil die Julia-Darstellerin Rita (Dolly De Leon) wie er schon im fortgeschrittenen Alter ist.

Natürlich gibt es keine Zufälle in Spielfilmen. Kelly O’Sullivan hat hier sorgfältig die Fäden ihres Drehbuches um unzählige Momente gewunden und den Film auch gleich zusammen mit ihrem Lebenspartner Alex Thompson inszeniert. Keith Kupferer, der Darsteller des Dan, und seine Frau Tara Mallen, welche Dans Frau Sharon spielt, sind auch im wahren Leben die Eltern ihrer Filmtochter Daisy (Katherine Mallen Kupferer). „GHOSTLIGHT von Kelly O’Sullivan & Alex Thompson“ weiterlesen

BAGGER DRAMA von Piet Baumgartner

Vincent Furrer, Phil Hayes, Bettina Stucky © filmcoopi

Zwei Filme für den Preis von einem? Das stille Drama einer Familie, in der Vater, Mutter und Sohn nur über die unwichtigen Dinge miteinander reden können. Erst recht, seit die Tochter beim Kanufahren tödlich verunglückt ist. Und das kinetische Bilder-Ballet mit tanzenden Baggern, selbstparkierendem Auto, Robosauger, Pultlift und irrwitzigen Bildausschnitten, direkt aus dem Kamera-Kamasutra.

Das Bagger-Ballett, mit dem Piet Baumgartners Langspielfilmerstling beginnt, das hat er vor Jahren, 2015, schon einmal inszeniert, für das Musikvideo zu «Through My Street» von Rio Wolta. Überhaupt bleibt Baumgartner konsistent nicht nur seinen Obsessionen und seinen guten Einfällen treu, sondern auch den Menschen, mit denen zusammen er seine filmischen oder theatralischen Inszenierungen und Installationen umsetzt. „BAGGER DRAMA von Piet Baumgartner“ weiterlesen

WAS MARIELLE WEISS von Frédéric Hambalek

Laeni Geisseler ©Alexander Griesser / Walker + Worm Film; DCM

Nachdem sie in der Schule von ihrer Freundin geohrfeigt wurde, hört und sieht Marielle plötzlich ihre Eltern im Kopf, als ob sie dabei wäre. Sie erlebt, wie ihre Mutter bei der Arbeit mit einem Kollegen die Möglichkeit von Bürosex kontempliert, und sie sieht die Demütigung ihres Vaters bei einer Team-Sitzung im Buchverlag.

Darum platzt es dann aus ihr heraus beim Abendessen mit den Eltern, als der Papa stolz erzählt, wie souverän er seinen jungen Kollegen in den Senkel gestellt hatte: «Aber das stimmt doch gar nicht, Papa!»

«Ich sehe und höre einfach alles, was ihr macht», erklärt sie den verblüfften Eltern. „WAS MARIELLE WEISS von Frédéric Hambalek“ weiterlesen