EN TERRAIN NEUTRE / SONDERFALL von Stéphane Goël & Mehdi Atmani

Mehdi Atmani – Suisse miniature © Agora

Nein, neutral ist dieser Dokumentarfilm zum Glück gar nicht. Das hätte auch niemand erwartet vom Westschweizer Dokumentarfilmer Stéphane Goël. Speziell dann nicht, wenn er sich der Neutralität widmet, jenem Schweizer Glaubensbekenntnis, das mehr individuelle Ausprägungen kennt, als die von den gleichen Gläubigen ähnlich inbrünstig beschworene Zehnmillionenschweiz.

Film gesehen an den Visions du réel 2026 in Nyon

Und so kommt es, dass uns der Film in den ersten Minuten auf ein leeres Feld verpflanzt, zusammen mit dem jungen Journalisten Mehdi Atmani, der gemeinsam mit Goël herauszufinden versucht, wie das alles angefangen hat. „EN TERRAIN NEUTRE / SONDERFALL von Stéphane Goël & Mehdi Atmani“ weiterlesen

DIVINE COMEDY (Komedie elahi) von Ali Asgari

Haranof (Mohammad Soori), Bahram (Bahram Ark), Sadaf (Sadaf Asgari), Morteza (Shahoo Rostami) © trigon

Die abgeklärte Ruhe, mit der Filmemacher Bahram (Bahram Ark) mit dem zuständigen Beamten in Teheran über das Filmaufführungsverbot für sein jüngstes Werk diskutiert, steht im Gegensatz zu allem, was in den letzten Wochen und Monaten aus dem Iran an Nachrichten zu uns gedrungen ist. Und das liegt nicht nur daran, dass Komedie elahi vor dem durch Israel und die USA angefangenen Krieg (und wahrscheinlich in den Zeiten massiver ziviler Proteste und deren blutiger Unterdrückung durch das Mullah-Regime) entstanden ist. Bahrams Ruhe, in Kombination mit seiner absoluten Sturheit, ist seine Waffe. „DIVINE COMEDY (Komedie elahi) von Ali Asgari“ weiterlesen

COVER-UP von Mark Obenhaus & Laura Poitras

Angesichts des Zustandes der gegenwärtigen Medien in den USA muten die Rekapitulationen der grossen Enthüllungen wie My Lai oder Watergate seltsam heroisch an. Dabei wäre es an den Journalisten, ihren Job zu machen, statt sich zum Beispiel darüber zu beklagen, dass einige von ihnen zu den Pressekonferenzen des Pentagon nicht mehr zugelassen werden.

Film gesehen an den Visions du réel 2026 in Nyon

Das sagte Laura Poitras gestern Abend in Nyon, nach der Vorführung ihres Dokumentarfilms über die Arbeit von Seymour Hersh. Sie bezog sich damit ziemlich direkt auf einen Satz, den Hersh seinerzeit nach seinen Recherchen zum Vietnam-Massaker von My Lai in die Kamera sagte, in einem Clip, der im Film zu sehen ist: Er könne all die Kollegen nicht verstehen, die zur Pressekonferenz gingen, ihre 500 Wörter Zusammenfassung an die Redaktion abliefern und sich damit zum Sprachrohr der Behörden machten, statt raus zu gehen und selber Fragen zu stellen. „COVER-UP von Mark Obenhaus & Laura Poitras“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 16 – 2026

Lilian Steiner (Jodie Foster) in ‚ Vie privée‘ © frenetic

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. Vie privée von Rebecca Zlotowski.  Die von Jodie Foster gespielte Psychoanalytikerin in Paris entdeckt die disinhibitive Kraft des Fabulierens; der Film beweist jene des Kinos.
  2. Romería von Carla Simón. Die 18jährige Marina reist an die spanische Atlantikküste auf der Suche nach der Liebesgeschichte ihrer unbekannten Eltern. Ein Trip in die 1980er und zum Kern des Erwachsenwerdens.
  3. Was diese Natur dir sagt von Hong Sang-soo. Nach drei Jahren trifft der junge Dichter die Eltern seiner Freundin zum ersten Mal. Ein freundlich-koreanisches Abtasten mit Höflichkeiten und Alkohol. Ein echter Hong Sang-soo.
  4. DJ Ahmet von Georgi M.  Unkovski. Gerade weil der nordmazedonische Schafhirte und die tiktokende Nachbarstochter nicht zusammen sollen, fügen sich die disparaten Elemente dieses Films zu einem farbig-fröhlichen Ganzen.
  5. Siri Hustvedt – Dance Around the Self von Sabine Lidl. Ein breit aufgestelltes, anregendes Porträt der Autorin, anregend verankert über ihre Biografie und ihre Texte.

PLITSCH PLATSCH FOREVER! von Natascha Beller

Aktenkundig polizeilich erfasst: Rosalie (Alva Maurer) und Pola (Neah Hefti) © dcm

Kinderfilme sind dann am erfolgreichsten, wenn sie auch die Erwachsenen ansprechen. Und dafür gibt es verschiedene Strategien. Etwa jene, welche Disney perfektioniert hat, indem auf der Dialogebene eine für Kinder kaum spürbare Schicht Ironie hinzugefügt wird. Oder auf der Bildebene der eine oder andere kulturelle Verweis. Die sicherste und schönste Methode ist allerdings jene, die direkt auf die Kindheitserinnerungen der Erwachsenen zielt und damit das ganze Publikum zu einer Einheit verschmelzen lässt. Auf dieses Prinzip setzt Natascha Beller für ihren aktuellen Schweizer Kinderfilm.

Es ist erstaunlich, wie schnell im Kino die eigenen Kindheitserinnerungen hochkommen, kaum hat Natascha Bellers Plitsch Platsch Forever! angefangen. Endlose Badi-Sommer? Da sind sie wieder! Auch wenn die elfjährigen Freundinnen Pola und Polly ein wenig anders reden als wir damals, das Kreischen am Beckenrand, die Badetücher auf dem kurz geschnittenen Gras und der Geruch nach Pommes frites sind genau auf jener Frequenz, die Zeitreisen zeugt. „PLITSCH PLATSCH FOREVER! von Natascha Beller“ weiterlesen

VIE PRIVÉE von Rebecca Zlotowksi

Lilian Steiner (Jodie Foster) und ihre Klientin Paula Cohen-Solal (Virginie Efira) © frenetic

Es ist ein richtiger Sch…tag für die Psychoanalytikerin Lilian Steiner (Jodie Foster). Zuerst muss sie sich von einem der Nachbarn von oben als «Rabat-joie, celle-là» («Spassbremse»), beschimpfen lassen, als sie versucht, vor der Ankunft des nächsten Patienten etwas weniger laute Musik einzufordern. Dann taucht die Patientin zum dritten Mal in Folge nicht auf und Lilians Nachforschungs-Anruf landet direkt in der Combox. Und dann steht auch noch ein anderer langjähriger Patient unangemeldet vor der Tür, bloss, um ihr mitzuteilen, dass er, nachdem jahrelange Sessions bei ihr nichts gebracht hätten, sich das Rauchen nun von einer Hypnotiseurin habe abgewöhnen lassen. In einer einzigen Sitzung: „VIE PRIVÉE von Rebecca Zlotowksi“ weiterlesen

ROMERÍA von Carla Simón

Marina (Llúcia Garcia) © cineworx

Auf wie viele Arten konnte man in den 1980ern jung sein? Das fragt sich die 18jährige Marina am dritten Tag ihres Besuches an der galizischen Atlantikküste. Gekommen ist sie, um auf dem lokalen Einwohneramt eine Bestätigung zu holen, dass die Piñeiros ihre Grosseltern väterlicherseits sind. Das Papier braucht sie, um ein Stipendium zu beantragen. „ROMERÍA von Carla Simón“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 15 – 2026

Choi Sunhee (Cho Yun-hee) und Kim Oh-yeong (Kwon Hae-hyo)
in ‚Was diese Natur dir sagt‘ © Sister Dist.

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. Was diese Natur dir sagt von Hong Sang-soo. Nach drei Jahren trifft der junge Dichter die Eltern seiner Freundin zum ersten Mal. Ein freundlich-koreanisches Abtasten mit Höflichkeiten und Alkohol. Ein echter Hong Sang-soo.
  2. DJ Ahmet von Georgi M.  Unkovski. Gerade weil der nordmazedonische Schafhirte und die tiktokende Nachbarstochter nicht zusammen sollen, fügen sich die disparaten Elemente dieses Films zu einem farbig-fröhlichen Ganzen.
  3. Siri Hustvedt – Dance Around the Self von Sabine Lidl. Ein breit aufgestelltes, anregendes Porträt der Autorin, anregend verankert über ihre Biografie und ihre Texte.
  4. Hirschfeld – Unbekannter Bekannter von Stina Werenfels und Samir. Theater-, Film-, Literatur- und Schweizer Geschichte anhand der Biografie des prägenden Dramaturgen des Zürcher Schauspielhauses.
  5. Don’t let the Sun von Jacqueline Zünd. Eine Neunjährige durchbricht die professionelle Distanz zu ihrem Mietvater in einer hitzebedingt kontaktlosen Welt. Herzzerreissend und perfekt gestaltet.

WAS DIESE NATUR DIR SAGT von Hong Sang-soo

Ha Donghwa (Ha Seong-guk), Kim Jun-hee (Kang So-yi), Choi Sunhee (Cho Yun-hee), Kim Neung-hee (Park Mi-so) Kim Oh-yeong (Kwon Hae-hyo) © Sister Dist.

Hong Sang-Soo macht Filme wie andere Familienfeste. Schnell, herzlich, vertraut und ohne grossen technischen Aufwand. Der Südkoreaner ist 66 Jahre alt und 그 자연이 네게 뭐라고 하니 ist sein 33. Film. Es gab Jahre, da kamen gleich vier neue Werke von ihm auf die Leinwand. An den Filmfestivals dieser Welt ist er Dauergast, und man trifft ihn etwa in Cannes nicht nur auf dem roten Teppich oder beim Interview an, es kann auch passieren, dass man in einer kleinen Nebenstrasse vor dem Bistro seine Pizza isst und dabei zusieht, wie Hong mit Isabelle Huppert in der gleichen Gasse und ohne Crew oder Absperrung schnell ein paar Szenen dreht.

Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, wie viele seiner Filme ich tatsächlich gesehen habe. Ich schätze 15 bis 20 im Lauf der Jahre. Sie sind in der Erinnerung auch nicht immer ganz einfach auseinanderzuhalten, wegen all dieser Szenen, die zum Leben seiner Figuren einfach dazu gehören: Gemeinsames Essen mit höflichem Besäufnis, lange Dialoge über fast nichts und doch alles, persönliches Drama hinter scheuem Lächeln versteckt, ganze Biografien in wenigen Andeutungen.

Hong Sang-soo gehört zum kulturellen Welterbe, er ist ein vertrautes Familienmitglied wie Asterix oder Gaston. „WAS DIESE NATUR DIR SAGT von Hong Sang-soo“ weiterlesen

ARCO von Ugo Bienvenu

© frenetic

Die Idee ist herzerwärmend: Zeitreisegeschichten müssen nicht zwingend in einer Zukunftsdystopie enden. Ugo Bienvenue setzt hinter die Zeit der kommenden Klimakatastrophe einfach eine weitere Stufe, utopisch, aber liebevoll. Und so bekommt die zehnjährige Iris, die sich im Jahr 2075 zusammen mit ihrem Nanny-Roboter Mikki um ihren Babybruder kümmert und die Eltern am Esstisch unter der Woche nur als Hologramme erlebt, Besuch von Arco, einem gleichaltrigen Jungen aus einer wirklich fernen, dafür aber paradiesischen Zukunft. „ARCO von Ugo Bienvenu“ weiterlesen