EUREKA von Lisandro Alonso

Murphy (Viggo Mortensen) © Sister Distribution

Wenn Sie sich schon immer einmal einen schamanischen Western gewünscht haben, dann hat der Argentinier Lisandro Alonso jetzt Ihren Wunsch erfüllt. Und falls nicht, dann wird Ihnen spätestens im Kino mit Eureka klar, dass Ihnen dieser Wunsch bisher bloss nicht bewusst war.

Eureka kitzelt zuerst unsere Western-Erinnerungen mit einem schwarzweissen Segment im klassischen 4:3 Akademieformat, das etliche der archetypischen Klischees einer Art Rebirthing unterzieht.

Viggo Mortensen kommt in die physisch und moralisch versaute Frontier-Stadt, in der sich alle betrinken und viele prostituieren, insbesondere die Native Americans, unter dem wachsamen Auge von Maya El Coronel (Chiara Mastroianni). Er schiesst sich den Weg frei zu Randall (Rafi Pitts), um seine Tochter aus dessen Fängen zu befreien. Bloss um – zu spät – festzustellen, dass diese das Leben mit Randall aus freien Stücken gewählt hat. „EUREKA von Lisandro Alonso“ weiterlesen

JEUNES MÈRES von Jean-Pierre & Luc Dardenne

Elsa Houben, Mathilde Legrand, Lucie Laruelle, Janaina Halloy, Babette Verbeek, Samia Hilmi © Xenix

Vier junge Frauen, neue oder angehende Mütter, kämpfen in einem betreuten Heim mit ihrer Existenz, ihren Ängsten und der ungewissen Zukunft für sich und ihre Neugeborenen. Und erst als mit India Hair tief im Geschehen das erste und einzige bekannte Schauspielerinnengesicht auftaucht, bin ich von dem überzeugt, was ich von Anfang an wusste: Das ist kein Dokumentarfilm.

Zwanzig Jahre ist es her, dass Jérémie Renier als Bruno in L’enfant seinen neugeborenen Sohn verkaufte, gegen den Willen der jungen Mutter. Der Film machte den jungen Belgier zu einem überraschenden Star des französischsprachigen Kinos und brachte den Dardenne-Brüdern in Cannes ihre zweite Goldene Palme ein.

Sieben Filme später haben Jean-Pierre und Luc Dardenne – nun in ihren 70ern – ihren über Jahrzehnte hinweg verfeinerten Neo-Neorealismus so weit perfektioniert, dass sie ihre schon immer dokumentarisch anmutende Methode auf ein ganzes Ensemble ausweiten. „JEUNES MÈRES von Jean-Pierre & Luc Dardenne“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 02 – 2026

Charlotte Rampling, Cate Blanchett und Vicky Krieps in ‚Father Mother Sister Brother‘ © filmcoopi

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. Nacktgeld von Thomas Imbach. Schnitzlers Fräulein Else heisst jetzt Lili, und soll sich noch immer ausziehen, um ihren Vater zu retten. Ein empathischer, neugieriger, innovativer Film über 100 Jahre Lektüre hinweg direkt ins Herz.
  2. Father Mother Sister Brother von Jim Jarmusch. Familie ist alles. Das Schlimmste, das Beste. Eine schlitzohrige Abrechnung mit versöhnlichem Ausgang.
  3. Rebuilding von Max Walker-Silverman. Nichts bleibt, wie es ist. Nach der Brandkatastrophe findet der verschlossene Rancher Dusty Trost und Zukunft in der scheuen Öffnung zu anderen. Ein unsentimentaler Mutmacher.
  4. Mit einem Tiger schlafen von Anja Salomonowitz. Werden und Wirken der Österreicherin Maria Lassnig, über, mit und durch ihre Gemälde, mit der grossartigen Birgit Minichmayr.
  5. The Last Viking von Anders Thomas Jensen. Kindheitstrauma, Identitätswechsel, Bankraub und eine Beatles-Reunion: Jensen holt das schwarzhumorige Maximum aus seinem Team, inklusive Mads Mikkelsen.

AUTOUR DU FEU von Laura Cazador und Amanda Cortés

© Sister Distribution

Drei vermummte junge Frauen und zwei unmaskierte alte Männer sitzen um ein Lagerfeuer und reden über Widerstand, systemische und legitime Gewalt. Das ist die abenteuerliche Ausgangslage für den Dokumentarfilm Autour du feu, der seinen Autorinnen vor zwei Jahren den «Prix visioni» der Solothurner Filmtage eingebracht hat. Jetzt kommt er bei uns ins Kino, knapp vor dem Start der 61. Solothurner Filmtage (der letztjährige «Prix visioni» ging übrigens an Bilder im Kopf von Eleonora Camizzi). „AUTOUR DU FEU von Laura Cazador und Amanda Cortés“ weiterlesen

NACKTGELD von Thomas Imbach

Lili (Deleila Piasko) und Dorsday (Milan Peschel) © oko film

Die 19jährige Else soll ihren Vater vor Gefängnis und Ruin bewahren, indem sie einen seiner Geschäftspartner dazu bringt, ihm die benötigten 30’000 Gulden zu überweisen. Dieser Dorsay erklärt sich ihr gegenüber dazu bereit, wenn er Else im Gegenzug für eine Viertelstunde nackt sehen dürfe. „NACKTGELD von Thomas Imbach“ weiterlesen

FATHER MOTHER SISTER BROTHER von Jim Jarmusch

Lilith (Vicky Krieps), Timothea (Cate Blanchett) und ihre Mutter (Charlotte Rampling) © filmcoopi

Geschwister und Eltern. Zum Jahresende hin waren die meisten von uns wieder einmal mit diesen Konstellationen konfrontiert, meist nicht abschliessend. Aber da hängt was in der Seele; es hat seinen Platz, selbst dann, wenn wir die Zeit dafür kaum je wirklich finden: Vater, Mutter, Schwester, Bruder… sie sind ein Stück von uns.

Jim Jarmusch wird am 22. Januar 2026 73 Jahre alt. Vielleicht auch darum hat er sich die Zeit genommen, dem nachzuspüren, was da in der Seele hängt, oder auch bloss kitzelt. Sein jüngster Film ist eine Art Installation. Eine Familienaufstellung als Versuchsanlage, ein Triptychon, und damit tatsächlich schon fast eine Altartafel.

In drei vordergründig voneinander unabhängigen filmischen Episoden spielt er mögliche Konstellationen durch, zwischen Wiedererkennen und kompletter Entfremdung. „FATHER MOTHER SISTER BROTHER von Jim Jarmusch“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 01 – 2026

‚Rebuilding‘: Dusty (Josh O’Connor) © cineworx

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. Rebuilding von Max Walker-Silverman. Nichts bleibt, wie es ist. Nach der Brandkatastrophe findet der verschlossene Rancher Dusty Trost und Zukunft in der scheuen Öffnung zu anderen. Ein unsentimentaler Mutmacher.
  2. Mit einem Tiger schlafen von Anja Salomonowitz. Werden und Wirken der Österreicherin Maria Lassnig, über, mit und durch ihre Gemälde, mit der grossartigen Birgit Minichmayr.
  3. The Last Viking von Anders Thomas Jensen. Kindheitstrauma, Identitätswechsel, Bankraub und eine Beatles-Reunion: Jensen holt das schwarzhumorige Maximum aus seinem Team, inklusive Mads Mikkelsen.
  4. Kokuho von Lee Sang-il. Ein Japan-Epos mit Kabuki-Hintergrund, Yakuza, brüderlicher Rivalität und viel hochkarätigem (Melo-) Drama.
  5. La petite dernière von Hafsia Herzi. Das Nesthäkchen einer französisch-algerischen Familie im stillen, tiefen Ringen um Identität, Glauben und Selbstannahme.

REBUILDING von Max Walker-Silverman

Dusty (Josh O’Connor) und seine Tochter Callie-Rose (Lily LaTorre) © cineworx

Es ist immer wieder kurz eigenartig, den jungen Prince Charles aus The Crown in einer us-amerikanischen Rolle zu sehen. Dabei überzeugt Josh O’Connor schon in den ersten Momenten, in denen er in Rebuilding als Cowboy Dusty zu sehen ist. Wortlos, leicht in sich zusammengefallen, physisch meilenweit entfernt von der Rolle als Tennis-Champion, die er in Challengers verkörperte.

Dusty hat fast alles verloren, seine Frau, die Jugendliebe, mit der zusammen er die Familienfarm betrieb, ist mit der gemeinsamen Tochter und ihrem neuen Mann zu ihrer Mutter gezogen. Und von der einstigen Farm stehen nach den letzten schweren Waldbränden nur noch die Grundmauern zwischen den verkohlten Baumstämmen des Waldes seiner Kindheit in Colorado. „REBUILDING von Max Walker-Silverman“ weiterlesen

Endlich im Kino: MIT EINEM TIGER SCHLAFEN von Anja Salomonowitz

Das titelgebende Bild von Maria Lassnig von 1975 (Original als Dauerleihgabe in der Albertina, Wien)

Im April 2024 habe ich an der Diagonale, dem Festival des Österreichischen Films in Graz, eine der ungewöhnlichsten und eindrücklichsten Künstlerinnenbiografien überhaupt gesehen. Anja Salomonowitz zeichnet das Werden und Wirken der Österreicherin Maria Lassnig über und mit und durch deren Bilder nach, mit der grossartigen Birgit Minichmayr in der Rolle der Künstlerin – über ihr ganzes Leben hinweg, ohne digitale Alterung, ohne aufwändiges Makeup, kongenial, wunderbar und liebevoll.

Am 1. Januar 2026 kommt der Film endlich bei uns ins Kino.
Hier die ganze Besprechung.

Die Unverpassbaren, Woche 52 – 2025

Mads Mikkelsen und Nikolaj Lie Kaas in ‚The Last Viking‘ © filmcoopi

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. The Last Viking von Anders Thomas Jensen. Kindheitstrauma, Identitätswechsel, Bankraub und eine Beatles-Reunion: Jensen holt das schwarzhumorige Maximum aus seinem Team, inklusive Mads Mikkelsen.
  2. Kokuho von Lee Sang-il. Ein Japan-Epos mit Kabuki-Hintergrund, Yakuza, brüderlicher Rivalität und viel hochkarätigem (Melo-) Drama.
  3. La petite dernière von Hafsia Herzi. Das Nesthäkchen einer französisch-algerischen Familie im stillen, tiefen Ringen um Identität, Glauben und Selbstannahme.
  4. Sentimental Value von Joachim Trier. Wie Familienkonstellationen und Wunden über Generationen wirken und was die Kunst damit zu tun hat. Berührender und oft lustiger als es klingt.
  5. Rietland von Sven Bresser. Ein hochverdichtetes, atmosphärisches Kinokunststück, mit Schilf und Wasser und Feuer, geschickt getarnt als Krimi.