LEILA’S BROTHERS von Saeed Roustayi

Leila (Taraneh Alidoosti) und ihre Brüder

Mit 165 Minuten Länge, das sind zwei und dreiviertel Stunden, ist Leila und ihre Brüder (Baradaran-e Leila) aus dem Iran der längste und geschwätzigste Abgesang auf das Patriarchat, den ich je gesehen habe. Aber selbst wenn einem danach die Ohren klingeln: Der Film wirkt nach.

Die erste Einstellung zeigt einen alten Mann, der zusammengesunken in seinem Sessel raucht. Es ist der Patriarch der Familie, Heshmat (Saeed Poursamimi). Gegen Ende des Films sehen wir ihn wieder im gleichen Sessel, zusammengesunken, die brennende Zigarette zwischen den Fingern, inmitten seiner Enkelinnen. Aber nun ist er tot. „LEILA’S BROTHERS von Saeed Roustayi“ weiterlesen

NOSTALGIA von Mario Martone

Pierfrancesco Favino in ‚Nostalgia‘ © Picomedia

Der eindrückliche italienische Starschauspieler Pierfrancesco Favino kommt von der Mafia nicht mehr los. Da haben wir ihn noch bestens in der Erinnerung als «Verräter» Tommaso Buscetta in Marco Bellocchios Il traditore von 2019. Und schon kehrt wieder zurück nach Neapel.

In der ersten Szene in einem ägyptischen Flugzeug irritiert er noch etwas, weil er mit der Stewardess arabisch spricht. Aber schon bald nach der Landung wird klar, dass hier ein Sohn der Stadt zurückkehrt. „NOSTALGIA von Mario Martone“ weiterlesen

HOLY SPIDER von Ali Abbasi

‚Holy Spider‘ © Profile Pictures

Ali Abbasi kam 1981 im Iran zur Welt. Als Student zog er nach Stockholm und studierte dort Architektur, danach absolvierte er die Filmschule in Dänemark. Mit seinem Erstling Shelley wurde er an die Berlinale eingeladen und sein fantastischer Troll-Film Gräns (Border) brachte ihm 2018 den Preis von „Un certain regard“ in Cannes ein. Und eine weltweite Fangemeinde.

Das Spiel mit dem Genre-Kino führt er weiter, auch wenn er grundsätzlich keine Lust bekundet, einem bestimmten Stil oder Filmtypus treu zu bleiben.

Die Geschichte des iranischen Prostituiertenmörders Saeed Hanaei, der nach der Jahrtausendwende in der Pilgerstadt Mashhad sechzehn Prostituierte umbrachte, auf einem persönlichen religiösen Feldzug, sollte nach dem Erfolg von Gräns ein kleiner, persönlicher Film werden, eine vorübergehende Rückkehr ins Geburtsland auch. „HOLY SPIDER von Ali Abbasi“ weiterlesen

TORI ET LOKITA von Jean-Pierre et Luc Dardenne

Tori (Pablo Schils) und Lokita (Joely Mbundu) und der Ausbeuterkoch © Les Films du Fleuve

Die Dardenne-Brüder gehören zu den wenigen, welche die Goldene Palme von Cannes zweimal gewonnen haben, dazu kommt eine ganze weitere Reihe von Auszeichnungen an diesem Festival allein. Mit ihrem zwölften Langspielfilm könnten sie theoretisch die dritte Palme holen. Die Dringlichkeit und die thematische Relevanz hat das Drama durchaus.

Dabei ist die Crux der beiden ausgerechnet ihr perfektes Handwerk, die formale Eleganz und die dokumentarische Nähe zu ihren Figuren, an die man sich über die Jahre einfach gewöhnt hat. „TORI ET LOKITA von Jean-Pierre et Luc Dardenne“ weiterlesen

CRIMES OF THE FUTURE von David Cronenberg

Léa Seydoux, Viggo Mortensen, Kristen Stewart © Serendipity Point Films

Der kanadische Altmeister des Body-Horror ist zurück bei seinen Wurzeln. In David Cronenbergs Crimes of the Future geht es um Mutationen im menschlichen Körper, Verstümmelung und Körpermodifikation als Kunstperformance und modifizierte Menschen, die Plastik verdauen können. Viggo Mortensen, Léa Seydoux und Kristen Stewart schneiden und bluten.

Crimes of the Future beginnt mit einem sehr gegenwärtigen Verbrechen – allerdings in einem dystopisch zerfallenen Setting. In einer baufälligen Villa am Strand hinter einem im Wasser vor sich hin rostendenden gekenterten Kreuzfahrtschiff sieht eine Mutter ihrem kleinen Sohn dabei zu, wie dieser grosse Stücke von einem Plastikkübel abbeisst und sie genussvoll kaut und schluckt. „CRIMES OF THE FUTURE von David Cronenberg“ weiterlesen

DECISION TO LEAVE von Park Chan-Wook

Park Hae-il und Tang Wei in ‚Decision to leave‘ © CJ Entertainment

Fast zwanzig Jahre liegt Park Chan-Wooks Old Boy nun zurück. Der Rachethriller war Teil einer Trilogie. Danach hat Park immer wieder Filme gemacht, die sich bei Klassikern bedienten, bei koreanischen wie mit dem schwelgerischen, raffinierten The Handmaiden, oder bei der klassischen «Gothic-Novel» wie Stoker.

Decision to leave (Heojil kyolshim) ist nun gar ein Mix aus Formaten, aber ein schöner, herzlicher, melancholischer, von tragischer Liebe durchtränkt. „DECISION TO LEAVE von Park Chan-Wook“ weiterlesen

LES AMANDIERS von Valeria Bruni Tedeschi

Nadia Tereszkiewicz, Sofiane Bennacer © ARTE France Cinema

Fast alle Filme von Valeria Bruni Tedeschi sind autobiografisch gefärbt, mittlerweile kennen wir das filmische Universum der Tochter aus reichem Haus, der Schwester von Carla Bruni, jener liebenswerten, schusseligen, zu sanfter Hysterie neigender Figur, die sie für sich perfektioniert hat.

Selbstironie war immer schon eine ihrer Waffen im Kampf gegen das Stigma der reichen Erbin, am deutlichsten hat sie das gemacht mit ihrem ersten Langspielfilm Il est plus facile pour un chameau… (2003). Da war schon der Titel mit dem Bibelzitat, dass es einfacher sei für ein Kamel durch ein Nadelöhr zu gehen, als für die Reichen ins Gottesreich. „LES AMANDIERS von Valeria Bruni Tedeschi“ weiterlesen

R.M.N. von Cristian Mungiu

Matthias (Marin Grigore) und sein Sohn Rudi (Mark Edward Blenyesi)

Matthias (Marin Grigore) aus einer Kleinstadt im rumänischen Transylvanien ist auf der Suche nach Arbeit als Metzger in einem deutschen Industrischlachthof gelandet. Als ihn der Vorarbeiter als «Zigeunerpack» bezeichnet, rastet er aus, schlägt den Mann nieder und fährt per Autostopp zurück nach Hause.

Da hat ihn die Mutter seines Sohnes eben so wenig erwartet wie Csilla (Judith State), seine vormalige Geliebte, welche nun die örtliche Grossbäckerei leitet. Der kleine Rudi freut sich zwar über die Rückkehr des Vaters. Aber sprechen mag er trotzdem nicht, seit er im Wald auf dem Weg zur Schule etwas gesehen hat, das ihn traumatisiert hat. „R.M.N. von Cristian Mungiu“ weiterlesen

TRIANGLE OF SADNESS von Ruben Östlund

© Film i Väst

Schon mit seinem Palmengewinner The Square zeigte Ruben Östlund 2017 seine Lust an der nicht allzu subtilen Satire. Und als er bald darauf ankündigte, sein nächster Film sei in der Welt der Mode, der Reichen und der Schönen angesiedelt, durfte man schon davon ausgehen, dass er da eben so wenig Gnade zeigen würde wie gegenüber der Kunstwelt.

Aber ganz so plakativ hätte der neue Film nicht ausfallen müssen. Die drei Kapitel spielen alle in einem Setting, das frühere Filme schon in die gleiche Stossrichtung gedrückt hatten. „TRIANGLE OF SADNESS von Ruben Östlund“ weiterlesen

FRÈRE ET SOEUR von Arnaud Desplechin

Melvil Poupaud, Marion Cotillard © Why Not Productions

Nur Eric Rohmer hat mehr getan für den Ruf des französischen Kinos, aus existentiellen Quasselfilmen zu bestehen. Aber Arnaud Desplechin arbeitet mit Verve an der Egalisierung.

Oder, wie ein Freund und Kollege sagt: Desplechins Filme bestätigen jedes Vorurteil, welches seine Verächter dem französischen Kino gegenüber hegen. „FRÈRE ET SOEUR von Arnaud Desplechin“ weiterlesen