Die Unverpassbaren, Woche 11 – 2026

Richard Linklater (rechts) mit seinem Godard Guillaume Marbeck auf dem Set von ‚Nouvelle Vague‘ © filmcoopi

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. Nouvelle Vague von Richard Linklater. Die Entstehung von Godards A bout de souffle als fröhlich übersprudelnd aufbruchslustiges Cinephilenfest.
  2. The Narrative von Martin Schilt & Bernard Weber. War Kweko Adoboli tatsächlich der alleinverantwortliche «rogue trader», der 2011 die UBS ins schlingern brachte? Ein sehr überzeugender Sündenbock-Dok.
  3. Leonora in the Morning Light von Thor Klein & Lena Vurma. Ein Spielfilm zum Leben der Surrealistin Leonora Carrington, der tatsächlich traumähnlich im Fluss bleibt.
  4. Melodie von Anka Schmid. Ein strubbliger Dokfilm über unser aller Singen, so ungeformt wie herzlich. Ohrenöffner für die Augen.
  5. Marty Supreme von Josh Safdie. Eine atemlos zielgerichtete Tragikomödie zum kulturellen Hexenkessel New York, mit gehetztem Charisma.

NOUVELLE VAGUE von Richard Linklater

Godard (Guillaume Marbeck) filmt die letzten Sekunden von Michel Poiccard mit Jean-Paul Belmodo (Aubry Dullin) © filmcoopi

106 Minuten pure, cinéphile Glückseligkeit. So könnte man diesen Film zusammenfassen. Richard Linklater bastelt aus Realität, Filmgeschichte, Begeisterung, Legende und Gegenlegende eine Fontäne des Aufbruchs, der Nonchalance, der nicht mehr ganz jugendlichen Getriebenheit zwischen Sorglosigkeit und Ehrgeiz, Arroganz und Freundschaft.

Nicht nur der von Guillaume Marbeck gespielte Jean-Luc Godard in diesem Film trägt die Arroganz des Salon-Revolutionärs wie eine schwarzweisse Trikolore vor sich her, auch der Rest der vor allem aufgrund ihrer fast schon beängstigenden Ähnlichkeit mit den Originalen gecasteten jungen Truppe sprüht vor Charme und Frechheit.

Die Entstehung von Jean-Luc Godards A bout de souffle im Jahr 1959, als grenzüberschreitender Feuerwerksknall der bereits heftig in die Gänge gekommenen Bilderstürmergarde ungestümer Filmkritikerinnen, das ist der Stoff, aus dem ein längst unüberschaubarer Flickenteppich von Mythen und Legenden gewoben wurde. „NOUVELLE VAGUE von Richard Linklater“ weiterlesen

LEONORA IN THE MORNING LIGHT von Thor Klein & Lena Vurma

Leonora (Olivia Vinall) in Las pozas © dragonflyfilms

Dafür, dass Leonora Carrington dem Surrealismus Zeit ihres Lebens treu geblieben ist, hält sich dieser Spielfilm zu ihrem Leben inszenatorisch erstaunlich zurück. Die surrealsten Einstellungen wurden an einem existierenden Ort gedreht, im mexikanischen Skulpturengarten «Las Pozas» des Kunstsammlers Edward James. Wenn die Schauspielerin Olivia Vinall als Leonora Carrington dort hoch über den Pflanzen des Dschungels von Plattform zu Plattform geht, sieht das tatsächlich aus, als ob sie durch eines ihrer Bilder via Max Ernst und Luis Buñuel direkt in einen M. C. Escher gestiegen wäre.

Und dann gibt es noch diese Szene, in der Leonoras Vater, der britische Textilfabrikant Harold Wylde Carrington, hinter einem massiven Holztisch von einer riesigen Hyäne zerfleischt wird. Unter anderem darum, weil er seiner Tochter nie geglaubt hatte, dass sie mit den Tieren reden konnte. Aber auch darum, weil Leonora zu dem Zeitpunkt auf Veranlassung ihres Vaters in einer spanischen Nervenheilanstalt festgehalten wurde. „LEONORA IN THE MORNING LIGHT von Thor Klein & Lena Vurma“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 10 – 2026

‚Melodie‘: Natalia Beretta – Jhon Riot © frenetic

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. Melodie von Anka Schmid. Ein strubbliger Dokfilm über unser aller Singen, so ungeformt wie herzlich. Ohrenöffner für die Augen.
  2. Hanami von Denise Fernandes. Nana auf den Kapverden trifft ihre Mutter zum ersten Mal mit sechzehn. Unter dem Vulkan ist alles Sehnsucht, Traum, Ahnung.
  3. Marty Supreme von Josh Safdie. Eine atemlos zielgerichtete Tragikomödie zum kulturellen Hexenkessel New York, mit gehetztem Charisma.
  4. Broken English: Marianne Faithfull von Iain Forsyth & Jane Pollard. Eine raffiniert verschachtelte, multiperspektiv medienkritische Hommage an die verstorbene Sängerin und Schauspielerin
  5. Namaste Seelisberg von Felice Zenoni. Fliegende Yogis gegen bodenständige Innerschweizer.  Eine liebevolle Culture-Clash-Doku zur Seele des Tourismuslandes Schweiz.

HANAMI von Denise Fernandes

Nana (Dailma Mendes) bei der Heilerin © cineworx

Warum dieser magische Film, der auf einer der dürrsten kapverdischen Vulkaninseln spielt, einen paradoxen japanischen Titel trägt – Hanami (japanisch 花見, „Blüten betrachten“) – wird im Verlauf der Handlung geklärt. So schön klar, oder vielmehr wunderbar unklar, wie der ganze Film.

Hanami ist zwar auch eine Erzählung, die Geschichte der kleinen Nana, welche von ihrer Mutter Nia auf einer der Vulkaninseln in der Obhut anderer Frauen zurückgelassen wird, bis sie wieder auftaucht, an Nanas sechzehnten Geburtstag.

Aber Hanami ist vor allem Sehnsucht, Traum, Ahnung. Ein Film, in dem die Zeiten sich überlagern, eigene und fremde Erinnerungen, wie Wellen über den vulkanischen Sandstrand schwappen, wie die Meeresschildkröten, die dort ihre Eier ablegen und die Jungschildkröten, welche dann über den gleichen Strand gemeinsam und gleichzeitig den gleichen Weg ins Wasser wieder auf sich nehmen. „HANAMI von Denise Fernandes“ weiterlesen

MELODIE von Anka Schmid

Männerchor Salmsach-Langrickenbach © frenetic

Singen ist eine eigentümliche, ziemlich ursprüngliche Tätigkeit. Darauf macht uns Anka Schmids Dokumentarfilm sehr bald aufmerksam. Wir sehen ein Frühchen auf der Brust der Mutter liegend, mit Schläuchen, Elektroden und Magensonde mit unserer Welt verbunden, die vorzeitig auch die seine geworden ist. Am Bettrand sitzt eine Frau mit einer Art Harfe und summt.

Die Melodie simuliert die Geräuschkulisse, welche das Kind im Uterus wahrgenommen hätte, gedämpft, ohne höhere Frequenzen, über das Fruchtwasser, nicht über die Luft, wie wir es gewohnt sind. Das erklärt die Therapeutin, während ich mich daran erinnere, wie ich mich als Kind über leises Summen und Brummen bei einer Mittel­ohr­ent­zün­dung von den Schmerzen ablenkte.

Und natürlich erinnern sich fast alle von der Filmemacherin auf ihre frühesten Melodieerfahrungen Angesprochenen an die generationenübergreifenden Schlaflieder. „MELODIE von Anka Schmid“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 09 – 2026

Wally (Tyler Okonma, alias Tyler the Creator) in ‚Marty Supreme‘ © Ascot-Elite

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. Marty Supreme von Josh Safdie. Eine atemlos zielgerichtete Tragikomödie zum kulturellen Hexenkessel New York, mit gehetztem Charisma.
  2. Broken English: Marianne Faithfull von Iain Forsyth & Jane Pollard. Eine raffiniert verschachtelte, multiperspektiv medienkritische Hommage an die verstorbene Sängerin und Schauspielerin
  3. Namaste Seelisberg von Felice Zenoni. Fliegende Yogis gegen bodenständige Innerschweizer.  Eine liebevolle Culture-Clash-Doku zur Seele des Tourismuslandes Schweiz.
  4. L’étranger von François Ozon. Camus‘ philosophischer Nihilismus gegen die Erotik der Sinnstiftungsmaschine Kino führt zu einem betörenden Unentschieden.
  5. Promis le ciel von Erige Sehiri. Drei Frauen und ein kleines Mädchen im Wirbel der Welt, in einem Film, der Herz und Verstand nicht zum Gegensatz macht.

NAMASTE SEELISBERG von Felice Zenoni

Die «Yogi-Anlage»: Hotel Kulm und Hotel Sonnenberg © filmcoopi

Know your Guru? Bhagwan? Osho? Maharishi? – Ich kriege die immer durcheinander, die inspirierenden Inder der Hippiezeit. Und darum habe ich auch zunächst gestutzt über die Ankündigung von Felice Zenonis Dokumentarfilm über das einstige Guru-Zentrum im zentral­schweizerischen Seelisberg.

Hatten wir das nicht schon mal? Wenn es Ihnen ähnlich geht: Ich habe es aufgedröselt. Hier:

Felice Zenonis neuer Dokumentarfilm über die Jahre, in denen das kleine Dorf Seelisberg von den Anhängern der transzendentalen Meditation überrannt worden war, dreht sich um Maharishi Mahesh Yogi (ca. 1918–2008). Und im Kern ist das eine gut illustrierte Dokumentation über den Zusammenprall einer globalen sekten­ähnlichen spirituellen Bewegung mit gutschweizerischer Boden­ständigkeit. Entsprechend unterhaltsam sind die nun ins Kino kommenden 94 Minuten. „NAMASTE SEELISBERG von Felice Zenoni“ weiterlesen

BROKEN ENGLISH: MARIANNE FAITHFULL von Jane Pollard & Iain Forsyth

The Overseer (Tilda Swinton) © xenix

Die Welt solle Marianne Faithfull ganz bestimmt nicht einfach als «Mick Jagger’s Girlfriend» in Erinnerung behalten, sagt Tilda Swinton: «Fuck that!»

Swinton ist «The Overseer» des fiktiven «Ministry of Not Forgetting» in diesem irritierend und hypnotisch mäandrierenden Dokumentarfilm über die britische Sängerin und Schauspielerin. Zusammen mit George MacKay, dem «Record Keeper», holt sie in ihrem als BBC-Vintagekulisse gestylten Studioministerium Archivmaterial zu Marianne Faithfulls Leben ans Tageslicht, büschelt die Filme und Interviews und kommentiert bisweilen bissig die klare Absicht, vergangene mediale Entgleisungen zur Biografie der stets ungewöhnlich offenen und medial stoisch ehrlichen Künstlerin zu korrigieren.

Dazu legt George MacKay der am Sauerstoffschlauch hängenden, aber sichtlich gerührten, erfreuten und hinreissend kooperativen 78jährigen das zusammengetragene Material vor und stellt ihr ergänzende Fragen, lässt sie Filmausschnitte, Interviews und Zeitungsartikel kommentieren und einordnen. „BROKEN ENGLISH: MARIANNE FAITHFULL von Jane Pollard & Iain Forsyth“ weiterlesen

MARTY SUPREME von Josh Safdie

Marty Mauser (Timothée Chalamet) © Ascot-Elite

Mit Uncut Gems haben die New Yorker Brüder Josh und Benny Safdie 2019 ihren ureigenen Brand jüdisch-newyorkerischer Atemlosigkeit perfektioniert und einen Film geschaffen, der wie Mean StreetsTaxi DriverBad Lieutenant, Wall Street oder die frühen Filme von Spike Lee für alle Zukunft das Bild von New York als Multikulti-Hexenkessel der unzimperlichen Ambitionen und Idiosynkrasien prägen wird.

Dieses New York ist nicht einfach eine Stadt, sondern ein metabolischer, metastasierender Organismus.

Unterdessen sind die beiden Brüder separate Wege gegangen, Benny hat letztes Jahr The Smashing Machine ins Kino gebracht, Josh seinen Marty Supreme. Beide Filme verlagern einen Teil der brodelnden Ambitionen ihrer Protagonisten in die sportliche Arena, die dann doch wieder wie ein Spiegel der zugrundeliegenden Welt der Hustlers aussieht. Und beide kochen mit den Versatzstücken der us-amerikanischen Kino- und Popkulturtraditionen, nutzen Klischees, Formate, Genres, Musik und Ensemble für unverschämte Assemblagen, die Filme sind dampfende Kochtöpfe voller einzeln erkennbarer Zutaten. „MARTY SUPREME von Josh Safdie“ weiterlesen