L’ÉTRANGER von François Ozon

Meursault (Benjamin Voisin), Marie Cardona (Rebecca Marder) © filmcoopi

Es braucht schon einen eklektischen Kinomeister wie Ozon, um Camus’ existenzialistischem Nihilismus so viel erotische Schönheit einzuschreiben. Er kann das, wegen dem (Sonnen-) Licht, mit dem er und sein Kameramann Manuel Dacosse die schwarzweisse Bilder­pracht aufladen: «C’est à cause du soleil».

Die kleinen, aber bezeichnenden Verschiebungen, welche François Ozon mit seiner insgesamt erstaunlich textgetreuen Adaption von Camus’ «Der Fremde» vornimmt, funktionieren wie in der Sonne blinzelnde Perspektivenwechsel. Statt des berühmten ersten Satzes des Buches, «Aujourd’hui maman est morte.» (Heute ist Mama gestorben), ist Meursault, bereits im Gefängnis, mit diesem Satz zu hören: «J’ai tué un Arabe» (Ich habe einen Araber getötet). „L’ÉTRANGER von François Ozon“ weiterlesen

PROMIS LE CIEL von Erige Sehiri

Jolie (Laetitia Ky), Marie (Aïssa Maïga), Kenza (Estelle Kenza Dogbo), Naney (Debora Lobe Naney) © trigon

Drei Frauen kauern an der Badewanne und waschen ein kleines Mädchen. Die Szene hat etwas von einer Taufe. «Wie heisst Du?» fragt Marie. «Kenza», sagt die Kleine. «Wie alt bist Du?» fragt Naney. «J’ais deux ans», sagt Kenza. «Nein, Du bist nicht zwei Jahre alt, stellt Naney fest. «Wie heisst dein Papa? Wer war sonst mit Dir auf dem Boot?». Keine Antwort. «Gehst Du zur Schule?» fragt schliesslich Jolie. Und auch auf die Frage zuckt die Kleine nur die Schulter.

Dann kommt doch noch etwas: «Das Boot ist umgekippt. Die Erde ist kaputt gegangen. Der Onkel hat die Messer genommen, im Haus. Er hat sie in seine Tasche gesteckt und er hat sie auf die Leute geworfen…» „PROMIS LE CIEL von Erige Sehiri“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 07 – 2026

‚L’engloutie‘: Aimée Lazare (Galatéa Bellugi) © Sister Dist.

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. L’engloutie von Louise Hémon. Die aufgeklärt idealistische junge Lehrerin erkennt im eingeschneiten okzitanischen Alpen-Weiler die Macht von Raunen und Mythen.
  2. Urchin von Harris Dickinson. Eine überraschend attraktive Weiterentwicklung des UK-Sozialdramas durch den Babygirl-Dominator.
  3. À bras-le-corps (Silent Rebellion) von Marie-Elsa Sgualdo. Eine junge Frau im Schweizer Jura behauptet sich in aller Stille. Perfektes Kino mit einer unglaublichen Hauptdarstellerin.
  4. Hiver à Sokcho von Koya Kamura. Im Norden Südkoreas überwindet Soo-Ha  das Vaterloch in ihrem Herzen. Eine überaus berührende Umsetzung des Romans der Franko-Koreanerin Elisa Shua Dusapin.
  5. Silent Friend von Ildikó Enyedi. In drei verschiedenen Zeitperioden bemühen sich an der Universität Marburg Frauen und Männer um ein erweitertes Verständnis der Welt. Immer im Hintergrund: ein prächtiger Ginkgo-Baum.

L’ENGLOUTIE von Louise Hémon

© Sister Dist.

Im Jahr 1899 kommt die junge idealistische Aimée Lazare (Galatéa Bellugi) mitten im Winter in einen winzigen okzitanischen Weiler in den französischen Alpen, um dort die drei jüngsten Kinder als Institutrice zu unterrichten. Sie ist erfüllt vom republikanisch-aufklärerischen Geist und wild entschlossen, Wissenschaft, Rationalität, Hygiene und natürlich sauberes Französisch in diese okzitanisch sprechende Bergler-Gemeinschaft zu tragen.

Allerdings geht nicht nur die kleine Marianne-Büste, welche sie in ihrem improvisierten Schulzimmer-Kämmerchen aufstellt, im Verlauf des Films zu Bruch. Auch Aimées selbstgewählte und die ihr vom Dorf zugewiesene Rolle verschieben sich zunehmend.

Denn Aimée Lazare (die zwei Namen sind von Regisseurin Louise Hémon und ihren zwei Ko-Drehbuchautorinnen kaum zufällig gewählt) bringt nicht nur ihre Rationalität und ihre Schulbildung in die Berge, sie lernt auch zunehmend, die Mythen, Traditionen und das, was sie als Aberglaube erwartet hat, als Teil ihrer eigenen, unerwarteten Persönlichkeit zu erkennen. Und dazu gehören nicht nur ihre freie Sexualität, ihre Lust und ihre Selbstbestimmtheit, sondern auch der von der Gemeinschaft aufgefangene Umgang mit Unglück und Tod. „L’ENGLOUTIE von Louise Hémon“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 06 – 2026

Megan Northam und Frank Dillane in ‚Urchin‘ von Harris Dickinson © Charades

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. Urchin von Harris Dickinson. Eine überraschend attraktive Weiterentwicklung des UK-Sozialdramas durch den Babygirl-Dominator.
  2. À bras-le-corps (Silent Rebellion) von Marie-Elsa Sgualdo. Eine junge Frau im Schweizer Jura behauptet sich in aller Stille. Perfektes Kino mit einer unglaublichen Hauptdarstellerin.
  3. Hiver à Sokcho von Koya Kamura. Im Norden Südkoreas überwindet Soo-Ha  das Vaterloch in ihrem Herzen. Eine überaus berührende Umsetzung des Romans der Franko-Koreanerin Elisa Shua Dusapin.
  4. Silent Friend von Ildikó Enyedi. In drei verschiedenen Zeitperioden bemühen sich an der Universität Marburg Frauen und Männer um ein erweitertes Verständnis der Welt. Immer im Hintergrund: ein prächtiger Ginkgo-Baum.
  5. Jeunes mères von Jean-Pierre & Luc Dardenne. Vier junge Mütter kämpfen in einem betreuten Heim mit ihrer Zukunft. Der erste Ensemblefilm der Dardennes packt dokumentarisch sozialdramatisch verdichtet wie eh und je.

URCHIN von Harris Dickinson

Karyna Khymchuk, Frank Dillane und Shonagh Marie in ‚Urchin‘ von Harris Dickinson © Charades

Harris Dickinson spielte das männliche Model in Ruben Östlunds Triangle of Sadness und den jungen Samuel, der Nicole Kidmans Romy in Halina Reijns Baby Girl dominierte. Dass der Schauspieler vor seinem Durchbruch schon vier Kurzfilme inszeniert hat, den ersten davon, Who Cares? (auf Youtube) mit 17 Jahren, als Regisseur und Haupdarsteller, das schlägt durch bei seinem aktuellen Langfilmdebut: Urchin ist ein reifes, gestalterisch ambitioniertes und inhaltlich aussergewöhnliches Drama.

Frank Dillane, fünf Jahre älter als Dickinson und seinerseits ein aufgehender Stern des britischen Kinos, spielt den obdachlosen Mike. Seit fünf Jahren lebt dieser Mike auf der Strasse, hält sich mit Gelegenheitsjobs wie Mülleinsammeln über Wasser und driftet zwischen Biernebel und Drogendröhnung durch den Alltag, in Gesellschaft und gelegentlichem Streit mit ähnlichen Existenzen.

Bald nach Filmbeginn schlägt er einen Mann nieder, der ihm etwas zu essen hat kaufen wollen, und raubt ihm die Uhr. Das bringt ihn innert weniger Minuten in Polizeigewahrsam (dank der im UK allgegenwärtigen CCTV-Kameras) und, nicht zum ersten Mal, ins Gefängnis. „URCHIN von Harris Dickinson“ weiterlesen

LYDIA – Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus von Stefan Jung

Lydia (Anja Andersen) © anderdog

Die Schauspielerin Anja Andersen ist eine ruhige, würdevolle Präsenz in all den zerfallenden, einst prächtigen Räumen in diesem Film. Sie verkörpert Lydia Welti-Escher, Gattin eines Bundesratssohnes, Tochter des Schweizer Proto-Politikers, Bankgründers, Eisenbahnbarons und Gotthardtunnel-Visionärs Alfred Escher.

Aber auch wenn diese trostlosen Räume, viele davon einst Teil aufgelassener, italienischer Nervenheilanstalten, oder, wie sie damals noch genannt wurden: Irrenhäuser, eine unheimliche, traurige Atmosphäre verbreiten: Anja Andersen spielt hier nicht das Gespenst der Lydia Welti-Escher, sondern ihren Geist. „LYDIA – Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus von Stefan Jung“ weiterlesen

QUI VIT ENCORE von Nicolas Wadimoff

Prix de Soleure 2026
© First Hand Films

Neun Menschen malen auf einer Bühne die Umrisse des Gazastreifens auf den Boden. Der älteste, Jawdat Khoudary, ist 62 Jahre alt, die jüngste, Ghada Al Masri, 14. Innerhalb der Markierung malen sie dann je ein Viereck, welches die ungefähre Lage ihres Herkunftsortes im Gazastreifen markiert. Und dann erzählen sie, eine nach dem anderen, wie sie dort gelebt haben, wie die Hölle des Krieges über sie hereinbrach, und wie sie die Flucht nach Ägypten schafften, bevor die israelische Armee im Mai 2024 den Grenzübergang bei Rafah dicht machte.

Nicolas Wadimoff setzt den längst zu unserem globalen Alltag gehörenden Bildern von Tod und Zerstörung und verzweifelten Menschen, deren Namen wir kaum je erfahren, das pure, persönliche Erzählen gegenüber. Wir lernen Menschen kennen, die von ihrem Schicksal, ihrer Familie und ihrem Leben erzählen, einander dabei zuhören und die eine oder andere Schilderung ergänzen oder bestätigen.

Das ist nicht nur ungewohnt, es unterläuft auch systematisch unsere etablierten Abwehrmechanismen. Wegschauen bringt nichts, weil es nicht das Hinschauen ist, das schmerzt, sondern die Bilder, die im Kopf entstehen, beim Zuhören. „QUI VIT ENCORE von Nicolas Wadimoff“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 05 – 2026

‚À bras-le-corps‘: Emma (Lila Gueneau) © outside-the-box

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. À bras-le-corps (Silent Rebellion) von Marie-Elsa Sgualdo. Eine junge Frau im Schweizer Jura behauptet sich in aller Stille. Perfektes Kino mit einer unglaublichen Hauptdarstellerin.
  2. Hiver à Sokcho von Koya Kamura. Im Norden Südkoreas überwindet Soo-Ha  das Vaterloch in ihrem Herzen. Eine überaus berührende Umsetzung des Romans der Franko-Koreanerin Elisa Shua Dusapin.
  3. Silent Friend von Ildikó Enyedi. In drei verschiedenen Zeitperioden bemühen sich an der Universität Marburg Frauen und Männer um ein erweitertes Verständnis der Welt. Immer im Hintergrund: ein prächtiger Ginkgo-Baum.
  4. Jeunes mères von Jean-Pierre & Luc Dardenne. Vier junge Mütter kämpfen in einem betreuten Heim mit ihrer Zukunft. Der erste Ensemblefilm der Dardennes packt dokumentarisch sozialdramatisch verdichtet wie eh und je.
  5. Nacktgeld von Thomas Imbach. Schnitzlers Fräulein Else heisst jetzt Lili, und soll sich noch immer ausziehen, um ihren Vater zu retten. Ein empathischer, neugieriger, innovativer Film über 100 Jahre Lektüre hinweg direkt ins Herz.

HIVER À SOKCHO von Koya Kamura

Roschdy Zem, Bella Kim © frenetic

Soo-Ha (Bella Kim) lebt in der südkoreanischen Stadt Sokcho, am japanischen Meer, unweit der Grenze zu Nordkorea. Die Bekannten im Quartier nennen sie freundlich «Bohnenstange» oder «Miss France». Die junge Frau ist nicht nur etwas grösser als die meisten ihrer Landsleute, sie hat auch sonst leicht andere Züge. Denn ihr Vater, den sie nie getroffen hat, war ein französischer Fischerei-Ingenieur, der nach Europa zurückfuhr, ohne von der Schwangerschaft von Soo-Has Mutter zu wissen. So hat es ihr die Mutter, Fischhändlerin am Hafen, erzählt. Für Soo-Ha war das Anlass genug, um in Seoul französische Literatur zu studieren.

An einem Wintertag fragt ein verschlossener Franzose (Roschdy Zem) nach einem Zimmer in der kleinen Pension, in der Soo-Ha seit ihrer Rückkehr nach Sokcho arbeitet. Der freundliche alte Pensionsbetreiber ruft sie aus der Küche, weil sie doch Französisch könne. Der Fremde, so findet Soo-Ha heraus, ist Yan Kerrand, in Frankreich ein bekannter und erfolgreicher Grafiker und Autor.

Hiver à Sokcho ist ein ungewöhnlicher – und vor allem ein ungewöhnlich schöner – Erstlingsfilm, weil Regisseur Koya Kamura, ein Franko-Japaner, die angedeuteten Wünsche und Konstellationen seiner Figuren eben so in der Schwebe lässt, wie der zugrundeliegende Roman der Franko-Koreanerin Elisa Shua Dusapin. „HIVER À SOKCHO von Koya Kamura“ weiterlesen