Die Unverpassbaren, Woche 50 – 2025

‚Sentimental Value‘ Renate Reinsve © frenetic

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. Sentimental Value von Joachim Trier. Wie Familienkonstellationen und Wunden über Generationen wirken und was die Kunst damit zu tun hat. Berührender und oft lustiger als es klingt.
  2. Rietland von Sven Bresser. Ein hochverdichtetes, atmosphärisches Kinokunststück, mit Schilf und Wasser und Feuer, geschickt getarnt als Krimi.
  3. Des preuves d’amour von Alice Douard. Céline braucht Zeugnisse zum Adoptieren des Kindes, das ihre Frau austrägt. Ernsthaft, rührend, komisch und doch fest verankert in der Realität.
  4. Kontinental ’25 von Radu Jude. Nach dem Vorbild von Rossellinis Europa ’51 illustriert Jude unsere Verdrängungskapazitäten für die Gegenwart.
  5. On vous croit von von Arnaud Dufeys und Charlotte Devillers. Eine Mutter und ihre Kinder vor Gericht gegen den Vater. Immersiv, intensiv und direkt.

SENTIMENTAL VALUE von Joachim Trier

Stellan Skarsgård, Elle Fanning © frenetic

Warum soll es nicht für einmal das Haus sein, das die Geschichte seiner Bewohner erzählt? Zumindest legen Joachim Trier und sein Drehbuch-Koautor Eskil Vogt diese Idee erst einmal ihrer Hauptfigur in die Hände. Das Mädchen Nora schreibt einen Aufsatz aus der Perspektive des Familienhauses. Wie es sich allenfalls freut über den Lärm seiner Bewohnerinnen, die Stille hasst, wenn niemand da ist. Und wie es die Schwestern Nora und Agnes aus dem Blick verliert, wenn die beiden zuerst durch die Keller- und dann durch die Gartentür zur Schule rennen.

Das Haus, das seit Generationen der Familie gehört, hat im Fundament einen Riss, der gleich nach der Erbauung schon durch eine Bodenabsenkung entstand. Der Riss zieht sich stabil durch die Wände bis unter das Dach, seit Jahrzehnten, ohne weitere Probleme zu verursachen. „SENTIMENTAL VALUE von Joachim Trier“ weiterlesen

WYLD von Ralph Etter

Ben (Tim Rohrbach) und Jay (Jennifer Joy Lima) © Royal Film

Ben ist 17 Jahre alt, Lehrling in einem Basler Modegeschäft, Gelegenheitskiffer, und ziemlich unsicher hinsichtlich seiner sexuellen Orientierung. Die 16jährige Momo dagegen ist überzeugt, dass Protestieren, Demos und Aufbegehren wichtiger sind, als ein Schulabschluss. Ihre Freundin Zoe wiederum steht recht solide im Leben, bis sie an einer Party einen sexuellen Übergriff erlebt, und ihr Freund Sam von Neonazis spitalreif geprügelt wird. „WYLD von Ralph Etter“ weiterlesen

DREAMERS von Joy Gharoro-Akpojotor

Isio (Ronke Adekoluejo) und Farah (Ann Akinjirin) © First Hand Films

Als «Dreamers» wurden während der US-Präsidentschaft von Barack Obama jene illegal eingewanderten Kinder und Jugendlichen bezeichnet, die das entsprechende Gesetz vor sofortiger Abschiebung schützen sollte. Wenn die britische Regisseurin Joy Gharoro-Akpojotor ihrem Film diesen Titel gibt, dann steckt natürlich eine klare Absicht dahinter. Auch wenn ihre Heldinnen keineswegs Minderjährige in den USA sind, sondern aus Afrika illegal ins UK eingewanderte Frauen, die nun im Abschiebezentrum auf ihre Entscheide warten. „DREAMERS von Joy Gharoro-Akpojotor“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 49 – 2025

Was versteckt sich im Rauch über dem ‚Rietland‘ ? © outside the box

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. Rietland von Sven Bresser. Ein hochverdichtetes, atmosphärisches Kinokunststück, mit Schilf und Wasser und Feuer, geschickt getarnt als Krimi.
  2. Des preuves d’amour von Alice Douard. Céline braucht Zeugnisse zum Adoptieren des Kindes, das ihre Frau austrägt. Ernsthaft, rührend, komisch und doch fest verankert in der Realität.
  3. Kontinental ’25 von Radu Jude. Nach dem Vorbild von Rossellinis Europa ’51 illustriert Jude unsere Verdrängungskapazitäten für die Gegenwart.
  4. On vous croit von von Arnaud Dufeys und Charlotte Devillers. Eine Mutter und ihre Kinder vor Gericht gegen den Vater. Immersiv, intensiv und direkt.
  5. The Secret Agent von Kleber Mendonça Filho. Ein Vater versucht, mit seinem Sohn aus Basiliens Militärdiktatur von 1977 zu entkommen. Ein wilder Ritt durch Genres und Kinotropen, mit der Erzählstrategie einer Serie und der Wucht der Leinwand.

DES PREUVES D’AMOUR von Alice Douard

Céline (Ella Rumpf) mit Nadias Bauch © cineworx

«Sie wissen aber schon, dass das Kind nicht von mir ist?» fragt Céline beim jungen Arzt, der mit ihr und der hochschwangeren Nadia das übliche Schwangerschaftsabklärungsgespräch über allfällige Erbkrankheiten und sonstige Familiengebresten führt. «Ja, das weiss ich schon», antwortet dieser leicht verlegen: «Tatsächlich mache ich das eben zum ersten Mal mit zwei Frauen, und ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen.»

Das Jahr ist 2014, in Frankreich ist die gleichgeschlechtliche Ehe mit der Annahme der Loi Taubira im Jahr davor möglich geworden. Allerdings ist vieles noch nicht geregelt. Darum muss Céline (Ella Rumpf) auch noch einen Adoptionsantrag stellen für das Kind, welches Nadia (Monia Chokri) austrägt – obwohl die beiden legal verheiratet sind. „DES PREUVES D’AMOUR von Alice Douard“ weiterlesen

RIETLAND von Sven Bresser

Johan (Gerrit Knobbe) im Rietland © outside the box

Mord und Poesie? Wenn ich diesen Film so anpreise, dann nur, um der Aufmerksamkeit willen. Tatsächlich ist Rietland gleichzeitig viel dunkler, viel heller und vor allem viel mehr als bloss irgend so ein Sumpfkrimi.

Sicher, mitten in der natürlichen Fläche des Schilflandes findet Johan eine teerige Vertiefung, ein Loch in der Haut des Monsters seiner Kindheit. Johan findet auch die nackte Leiche einer jungen Frau aus dem Dorf. Und danach keine Ruhe mehr. „RIETLAND von Sven Bresser“ weiterlesen

Die Unverpassbaren, Woche 48 – 2025

‚Kontinental ’25‘ – Orsolya (Eszter Tompa) und ihr einstiger Student (Adonis Tanta) © Xenix

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. Kontinental ’25 von Radu Jude. Nach dem Vorbild von Rossellinis Europa ’51 illustriert Jude unsere Verdrängungskapazitäten für die Gegenwart.
  2. On vous croit von von Arnaud Dufeys und Charlotte Devillers. Eine Mutter und ihre Kinder vor Gericht gegen den Vater. Immersiv, intensiv und direkt.
  3. The Secret Agent von Kleber Mendonça Filho. Ein Vater versucht, mit seinem Sohn aus Basiliens Militärdiktatur von 1977 zu entkommen. Ein wilder Ritt durch Genres und Kinotropen, mit der Erzählstrategie einer Serie und der Wucht der Leinwand.
  4. Franz K. von Agnieszka Holland.  Ein multiperspektivisches, überraschend humorvolles Kafka-Kompendium als Einstiegsdroge oder Rückfall-Verführung.
  5. It was just an Accident von Jafar Panahi. Iranische Gefängnisüberlebende suchen Gewissheit: Ist der Gefesselte in der Kiste ihr einstiger Folterer oder nicht? Ein täuschend einfacher Film über komplexe Konstellationen.

L’ÉNIGME VELÁZQUEZ von Stéphane Sorlat

«C’est beau ça, hein, petite fille?» (Jean-Paul Belmondo in ‚Pierrot le fou‘ von 1965)

Die zum Teil überraschend poetischen Texte über die Kunst des spanischen Malers Vélazquez in diesem Dokumentarfilm liest Vincent Lindon, mit seiner charakteristisch sanften Reibeisenstimme. Nicht aber den ersten Text, der schon zu hören ist, während die Leinwand noch dunkel bleibt, und dann übergeht zu Bildern eines fliessenden Baches, mit einer leicht nasalen Intonation, die einem sofort bekannt vorkommt:

”Velasquez, après 50 ans, ne peignait plus jamais une chose définie. Il errait autour des objets avec l’air et le crépuscule, il surprenait dans l’ombre et la transparence des fonds les palpitations colorées dont il faisait le centre invisible de sa symphonie silencieuse…”

(„Velasquez, nach 50 Jahren, malte nie wieder etwas Bestimmtes. Er umkreiste die Objekte mit Luft und Dämmerung, er fing im Schatten und in der Transparenz der Hintergründe die farbigen Herzschläge ein, die er zum unsichtbaren Mittelpunkt seiner stillen Symphonie machte …”)

Dann kommt der Schnitt auf die Szene aus Godards Pierrot le fou, Belmondo liegt in der Badewanne, eine Zigarette an den Lippen hängend, und liest dem kleinen Mädchen, das neben der Wanne steht, aus Élie Faures “Histoire de l’art” vor: «C’est beau ça, hein, petite fille?» „L’ÉNIGME VELÁZQUEZ von Stéphane Sorlat“ weiterlesen

KONTINENTAL ’25 von Radu Jude

Die Poster für Rossellinis ‚Europa ’51‘ und Judes ‚Kontinental ’25‘

Nicht nur der Filmtitel und das Plakat von Radu Judes neuem Film beziehen sich auf Europa ‘51 von Roberto Rossellini. Wie damals Ingrid Bergmans Irene Girard, richtet nun auch Eszter Tompas Orsolya, nach dem Suizid eines Mannes von Schuldgefühlen überwältigt, den Blick auf den Zustand der Welt und der Gesellschaft.

In langen, ruhig gefilmten und gleichzeitig durch absurde Alltags-Settings aufgelockerten Gesprächen versucht Orsolya ihren Schuldgefühlen beizukommen, während alle ihre Gesprächspartner, vom Ehemann über die Freundin, die Mutter und den einstigen Studenten bis zum orthodoxen Priester ihr erklären, warum sie persönlich doch eigentlich keine Schuld treffe.

Kontinental ‘25 ist eine Bestandsaufnahme unseres modernen Grundzustandes: Wir halten unsere latente Verzweiflung über den Lauf der Welt in Schach, indem wir eine gemeinsame Meisterschaft der Verdrängung etablieren. „KONTINENTAL ’25 von Radu Jude“ weiterlesen