URCHIN von Harris Dickinson

Karyna Khymchuk, Frank Dillane und Shonagh Marie in ‚Urchin‘ von Harris Dickinson © Charades

Harris Dickinson spielte das männliche Model in Ruben Östlunds Triangle of Sadness und den jungen Samuel, der Nicole Kidmans Romy in Halina Reijns Baby Girl dominierte. Dass der Schauspieler vor seinem Durchbruch schon vier Kurzfilme inszeniert hat, den ersten davon, Who Cares? (auf Youtube) mit 17 Jahren, als Regisseur und Haupdarsteller, das schlägt durch bei seinem aktuellen Langfilmdebut: Urchin ist ein reifes, gestalterisch ambitioniertes und inhaltlich aussergewöhnliches Drama.

Frank Dillane, fünf Jahre älter als Dickinson und seinerseits ein aufgehender Stern des britischen Kinos, spielt den obdachlosen Mike. Seit fünf Jahren lebt dieser Mike auf der Strasse, hält sich mit Gelegenheitsjobs wie Mülleinsammeln über Wasser und driftet zwischen Biernebel und Drogendröhnung durch den Alltag, in Gesellschaft und gelegentlichem Streit mit ähnlichen Existenzen.

Bald nach Filmbeginn schlägt er einen Mann nieder, der ihm etwas zu essen hat kaufen wollen, und raubt ihm die Uhr. Das bringt ihn innert weniger Minuten in Polizeigewahrsam (dank der im UK allgegenwärtigen CCTV-Kameras) und, nicht zum ersten Mal, ins Gefängnis. „URCHIN von Harris Dickinson“ weiterlesen

NATHALIE von Tamara Milošević

«I läbes Läbe. I probiers» © filmbringer

Diese Frau ist ihr eigener Film. Ein kämpfendes Drehbuch auf der Suche nach einem Spiegel.

«Ich bin kein Fall!» Sozialfall zu sein, finanzielle Hilfe vom Staat anzunehmen, das kommt für Nathalie nicht in Frage. Genauso wenig wie ein langweiliger Job an einer Ladenkasse: «Ich bin stark. Ich tues Läbe no läbe. Ich probieres.»

Ein Berg von Schulden, allein mit zwei erwachsenen Kindern, mit der Tochter, die im Film nicht auftaucht, und mit dem Sohn, der so charmant und bereitwillig überall mithilft, dass man sich kaum vorstellen kann, dass Nathalie wegen ihm und seinen Schwierigkeiten den Wohnort gewechselt hat.

Bald nach den ersten Filmminuten stellt sich das Gefühl ein: Dokumentarfilmerin Tamara Milošević musste bloss noch die richtigen Bilder finden, um Nathalies klar umrissene Situationsanalysen zu illustrieren. Was natürlich Quatsch ist. „NATHALIE von Tamara Milošević“ weiterlesen

LES COURAGEUX von Jasmin Gordon

Jule (Ophélia Kolb), Claire (Jasmine Kalisz Saurer) © outside the box

Jule hat drei Kinder und viele Probleme. Sie hat kein Geld, kaum Einkommen, eine kleinkriminelle Vergangenheit und dazu den unbändigen Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Das wäre überall auf der Welt schwierig, zumal sie eben so entschlossen ist, ihren Kindern nichts als Normalität und Familienfrieden zu bieten.

Noch schwieriger aber gestaltet sich das im Rhonetal im unteren Wallis, in der Kleinstadt in dieser Talweite, wo dann doch alles an solide Grenzen stösst, auch die Geduld der sozialen Institutionen. „LES COURAGEUX von Jasmin Gordon“ weiterlesen

Cannes 19: LE JEUNE AHMED von Jean-Pierre und Luc Dardenne

Idir Ben Addi (Ahmed), Othmane Moumen (Imam Youssouf) © xenix

Der junge Ahmed, ein bis vor kurzem völlig normaler, in einem liberalen muslimischen Haushalt aufgewachsener Junge, der seiner geduldigen Lehrerin die Überwindung seiner Leseschwäche verdankt, beschliesst, eben diese Lehrerin umzubringen.

Es ist Ahmeds persönlicher Beitrag zum Dschihad, den ihm und seinem Bruder der fanatische Hinterzimmer-Imam Youssouf näher gebracht hat. „Cannes 19: LE JEUNE AHMED von Jean-Pierre und Luc Dardenne“ weiterlesen