FITTING IN von Fabienne Steiner

Farbenderby in Stellenbosch © Royal film

«Sechzig Jahre alte Traditionen lassen sich nicht einfach innerhalb eines Jahrgangs verändern.» Das sagt einer der Erstsemestrigen im Studentenwohnheim «Eendrag» der Universität von Stellenbosch in Südafrika. Dabei hat sich das Empfangskomitee aus gewählten älteren Kommilitonen schon am ersten Tag bemüht, den Neuankömmlingen zu zeigen, dass sie an dieser Elite-Universität nicht einfach in starre Konventionen gezwungen werden würden.

Sechzig Jahre alte Traditionen? Das klingt erst einmal nach lächerlich wenig für jemanden, der sich, zum Beispiel, mit den jahrhundertealten Gepflogenheiten der Universität Basel (gegründet 1460) konfrontiert sah, mit Traditionen wie dem dies academicus, oder den teilweise skurrilen, zum Teil aber auch absurd antiquierten Ritualen der Basler Studentenverbindungen. „FITTING IN von Fabienne Steiner“ weiterlesen

IN DIE SONNE SCHAUEN von Mascha Schilinski

Die Grossmutter (Liane Düsterhöft) und Alma (Hanna Heckt) © cineworx

«Aber ich bin doch Alma!» sagt das kleine Mädchen empört, als ihre Schwester Lia sagt, das tote Mädchen auf dem alten Foto mit der Mutter sei Alma. «Sie sieht aus wie du. Vielleicht ist ja ihr Geist in dich übergegangen», meint die Schwester. «Ja, vielleicht bist du ja gar nicht du, sondern sie», sagt eine andere der Schwestern. «Ich glaube, sie schläft bloss. Sie sieht gar nicht so aus, als ob sie tot wäre», erklärt darauf Alma.

Später im Film entsteht eine weitere solche Fotografie. Jetzt ist es Almas ältere Schwester, die, auf dem Sofa sitzend, mit den Eltern abgelichtet wird. Lia hat sich umgebracht, aber das soll man im Bild nicht sehen.

Der Film spielt über vier verschränkte Zeiträume hinweg im gleichen Gehöft in der Altmark. Vier Mädchen oder junge Frauen sind es, welche ihre jeweilige Umgebung und Familie erleben, mit Glück und Elend, Tod und Arbeit. Alma in den 1910er-Jahren, in den 40ern Erika, in den 1980ern Angelika und in den 2020ern Nelly.

In die Sonne schauen ist ein Film über Erinnerungen, eigene, fremde, vergangene, zukünftige, angeeignete, aufgezwungene. Und damit sind nicht einfach Bilder für die Augen gemeint. Mascha Schilinski erzeugt körperliche Erinnerungen, überlagert sie, lässt sie auf- und abtauchen. Déjà-vu als umfassendes, traumsicheres Konzept. „IN DIE SONNE SCHAUEN von Mascha Schilinski“ weiterlesen

SOY NEVENKA von Icíar Bollaín

Ismael (Urko Olazabal), Nevenka (Mireia Oriol) © xenix

Wie kann frau nur so blöd sein, fragt man sich in den ersten zwanzig Minuten dieses Films. Denn das Drehbuch und die Inszenierung von Icíar Bollaín verteilen die «red flags» rund um die Figur des Lokalpolitikers Ismael (Urko Olazabal) hühnerhautdicht und gezielt auffällig. Zudem warnen Bekannte und Familie die junge Nevenka Fernández (Mireia Oriol) vor dem notorischen Frauenheld.

Und doch tritt die idealistische, brillante, attraktive Abgeordnete in jede Falle, welche von ihrem Chef für sie gelegt wird. Sie lässt sich in die Enge treiben, landet widerwillig mit ihm im Bett und schliesslich in einer toxischen Arbeits- und Beziehungs-Situation ohne Ausweg.

Unglaubwürdig? Absicht. Denn nicht nur Nevenka tritt in die Falle, sondern auch wir, die Kinozuschauerinnen. In die gezielt gelegte Falle der Inszenierung. Regisseurin Icíar Bollaín macht deutlich, welche Bewusstseinsprozesse in den letzten 25 Jahren wirksam wurden, was #MeToo seit 2017 in unseren Köpfen bewirkt hat. Und damit im Verlaufe des Films auch, was strukturell noch immer gleich geblieben ist. „SOY NEVENKA von Icíar Bollaín“ weiterlesen

Z–S–C–H–O–K–K–E von Matthias und Adrian Zschokke

Zschokke (Hanspeter Müller-Drossaart) bei der Königin von Bayern (Ingrid Kaiser) © R-Film GmbH

Einen Kinofilm über das Leben und Wirken ihres Vorfahren Johann Heinrich Daniel Zschokke (1771-1848) wollten seine in Bern geborenen Urururenkel machen. Als grosses, ironisch-ernsthaftes Kostümdrama. Vielleicht.

Dass sie das Budget dafür nicht zusammengekriegt haben,  das erweist sich jetzt als Glücksfall. Denn die hinreissende Dokumentarfeier, die sich jetzt  Z–S–C–H–O–K–K–E buchstabiert, die ist so meta, metaphorisch, metamorphotisch, metadynamisch, da ist jeder Widerstand zwecklos. „Z–S–C–H–O–K–K–E von Matthias und Adrian Zschokke“ weiterlesen

Locarno 17: DID YOU WONDER WHO FIRED THE GUN? von Travis Wilkerson (Wettbewerb)

Gregory Peck als Atticus Finch in ‚To Kill a Mockingbird‘ (1962)
Travis Wilkersons Urgrossvater S.E. Branch hat 1946 in seinem Laden in Alabama den Schwarzen Bill Spann erschossen, mit zwei Schüssen in den Bauch und zweien durch den Hals.

Branch war ein ausgewiesener Rassist, Spanns Tod wurde als «Homicide» (Mord) definiert, aber S.E. Branch wurde nie zur Rechenschaft gezogen. „Locarno 17: DID YOU WONDER WHO FIRED THE GUN? von Travis Wilkerson (Wettbewerb)“ weiterlesen