TURIST – FORCE MAJEURE von Ruben Östlund

 

Noch schlafen sie friedlich: Die Familie in 'Turist' © Look Now
Noch schlafen sie friedlich: Die Familie in ‚Turist‘ © Look Now

Mit männlichen und weiblichen Rollenklischees wird im Kino immer wieder gespielt. Aber noch selten hat ein Film das männliche Selbstverständnis dermassen gnadenlos in Frage gestellt wie der schwedische Ski-Ferien-Thriller Turist.

Ein dumpfer Knall, gefolgt von einem gewaltigen Rauschen. Das Geräusch von Lawinenkanonen ist allgegenwärtig im mondänen Ski-Resort in den französischen Alpen. Die Knallerei löst morgens und abends kleine kontrollierte Lawinen aus, damit die Skitouristen tagsüber die Pisten in Sicherheit benutzen können. „TURIST – FORCE MAJEURE von Ruben Östlund“ weiterlesen

Cannes 14: Palmarès mit Kompromissen

Palmen

Das 67. Filmfestival von Cannes ist vorbei und der Hauptpreis, die goldene Palme, ging an den uneingeschränkten Favoriten: Winter Sleep.

Drei und eine Viertelstunde lang ist der Film vom türkischen Meisterregisseur Nuri Bilge Ceylan. Und keine einzige dieser 196 Minuten ist überflüssig. In grossartigen Bildern und ausgedehnten, vom russischen Theaterklassiker Anton Tschechow inspirierten Dialogen verhandelt ein ehemaliger Schauspieler und jetziger Dorfkönig in der Felsenlandschaft von Kappadokien das Leben mit seiner Umgebung, seiner schönen jungen Frau und seiner skeptischen Schwester. Seine Welt ist im Umbruch, so wie die aktuelle Türkei. Entsprechend hat der Regisseur seinen Preis in Cannes denn auch jenen Menschen gewidmet, die in den türkischen Protesten des vergangenen Jahres ihr Leben verloren haben.

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Cannes 14: LEVIATHAN von Andrey Zvyagintsev

LEVIATHAN von Andrey Zvyagintsev

Eine mächtige und zeitlose Geschichte ist die Geschichte von Hiob. Und mächtig erzählt auch der Russe Zvyagintsev einmal mehr aus seiner Heimat – bloss nicht zeitlos. Denn im Heute findet sein Hiob das bodenlose Unglück. Und wir unser Russlandbild bestätigt.

Kolja heisst der rechtschaffene Mann (warum heissen sie immer Kolja?), der sich auf dem Land seiner Väter ein Haus gebaut hat und eine Autowerkstatt. Der da lebt, mit seiner schönen jungen zweiten Frau und seinem Sohn von der ersten, die verstorben ist. „Cannes 14: LEVIATHAN von Andrey Zvyagintsev“ weiterlesen

Filmpodcast Nr. 386: 67. Filmfestival de Cannes

Die Palmen werden angeliefert in Cannes © sennhauser
Die Palmen werden angeliefert in Cannes © sennhauser

Kino im Kopf mit Brigitte Häring. Und mit Michael Sennhauser aus Cannes: In der Rolle diese Woche sind ausschliesslich Beiträge vom Filmfestival an der Côte d’Azur. Oder fast ausschliesslich, denn Kurztipps und eine Rätsel-Tonspur gibt es wie immer auch zu hören.

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Cannes 14: JIMMY’S HALL von Ken Loach

Jimmy s Hall von Kench Loach 3
Father Sheridan (Jim Norton) mit Getreuen der Kirchgemeinde

Man hätte dem 77jährigen Ken Loach einen spektakuläreren letzten Film gewünscht als diese brave Weiterführung der bekannten Themen von Solidarität und Unterdrückung. Loach hat die Sehkraft eines Auges offenbar bereits verloren, und das zweite könne sich jederzeit verabschieden.

Vielleicht hat es ja auch damit zu tun, dass er sich mit seinem langjährigen Drehbuchautor Paul Laverty noch einmal nach Irland begeben hat, in das Land und in die Zeit, in der sein palme d’or-Gewinner The Wind that Shakes the Barley von 2006 angesiedelt war. „Cannes 14: JIMMY’S HALL von Ken Loach“ weiterlesen

Cannes 14:
THE SEARCH von Michel Hazanavicius

Abdul-Khalim Mamatsuiev und Bérénice Bejo
Abdul-Khalim Mamatsuiev und Bérénice Bejo

Ausgerechnet eine Schweizer Filmproduktion von 1948 hat sich Michel Hazanavicius nach seinem Erfolg mit The Artist zur Vorlage genommen, um zu beweisen, dass er auch anders kann als lustig.

Der von der Zürcher Praesens-Film von Lazar Wechsler produzierte The Search (auf Deutsch Die Gezeichneten) folgte einem von Montgomery Clift gespielten GI, der im Nachkriegs-Berlin einem stumen tschechischen Jungen bei der Suche nach seiner Mutter hilft. Regie führte damals Fred Zinneman und der Film brachte der Schweizer Firma einen Oscar ein.

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THE SEARCH von Michel Hazanavicius“
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Cannes 14: DEUX JOURS, UNE NUIT von Jean-Pierre und Luc Dardenne

Baptiste Sornin, Catherine Salée, Marion Cotillard
Baptiste Sornin, Catherine Salée, Marion Cotillard

Präzise wie ein Uhrwerk bringen die Frères Dardenne alle drei Jahre einen neuen Film an die Croisette. Mit Rosetta gewannen sie 1999 ihre erste goldene Palme, mit L’enfant 2005 die zweite und mit ihrem jüngsten Werk haben sie haben sie nun ganz real die Chance, als erste überhaupt in Cannes eine dritte Palme abzuholen.

Deux jours, une nuit ist in jeder Beziehung ein Dardenne-Film: Dokumentarisch präzise, dramaturgisch auf das absolute Minimum reduziert, durchs Band weg perfekt besetzt mit Laien und mit Profis, angesiedelt mitten im harten Leben der arbeitenden Mehrheit. Aber etwas ist anders: Zum ersten Mal haben die Dardenne-Brüder hier so etwas wie ein High Concept Movie versucht, einen jener Filme, deren Grundkonflikt sich in einem Satz beschreiben lässt – oder gar in einem Titel wie Snakes on a Plane oder ConAir. „Cannes 14: DEUX JOURS, UNE NUIT von Jean-Pierre und Luc Dardenne“ weiterlesen

Cannes 14: FUTATSUME NO MADO – Still the Water – von Naomi Kawase

Jun Yoshinaga und Nijiro Murakami
Jun Yoshinaga und Nijiro Murakami

Es ist die letzte Einstellung von Still the Water, welche diesen grossartigen Film für unverdienten Spott exponiert: Die Teenager Kaito und Kyoko, welche sich zuvor auf jeweils eigene Weise mit ihren Müttern auseinandersetzen mussten, sind erwachsen geworden. Sie hatten den Sex, welchen der empörte Kaito seiner Freundin zuvor trotzig verweigert hat, und sie schwimmen im Meer, von dem Kaito zuvor nichts wissen wollte.

Dass die Bilder den Kitsch von The Blue Lagoon mit Brooke Shields evozieren, ist unglücklich, denn Naomi Kawases jüngster Film ist wie immer das pure Gegenteil davon. Niemand hat in den letzten Jahren feinere und zurückhaltendere Bilder gefunden für die Zyklen von Leben und Sterben, Lieben und Hassen, Eifersucht und Hoffnung, als die Japanerin. „Cannes 14: FUTATSUME NO MADO – Still the Water – von Naomi Kawase“ weiterlesen

Cannes 14: FOXCATCHER von Bennett Miller

Steve Carell in 'Foxcatcher' von Bennett Miller
Steve Carell als Milliardär John Du Pont

Es ist eine unerwartet verrückte Geschichte, die sich der Capote-Regisseur diesmal ausgesucht hat. Und sie basiert auf einer tatsächlichen Begebenheit. Zwei Brüder, Wrestler mit Olympiagold und Ambitionen, werden vom Multimilliardär John Du Pont kurz vor den Olympischen Spielen in Seoul 1988 angeheuert, um ein US-Topteam zu trainieren, das Foxcatcher-Team.

Foxcatcher ist kein Sportfilm im klassischen Sinne, auch wenn man Channing Tatum und Mark Ruffalo sehr überzeugen in Action (und in Spandex) agieren sieht. Und Foxcatcher ist auch keine Komödie, trotz Steve Carell in der Rolle des – gelinde gesagt – exzentrischen Milliardärs. Der Film ist eine sorgfältig in Szene gesetzte, sich langsam und unaufhaltsam entwickelnde Tragödie. Und ein meisterliches Stück Rekonstruktions- und Spekulationskino. „Cannes 14: FOXCATCHER von Bennett Miller“ weiterlesen

Cannes 14: MAPS TO THE STARS von David Cronenberg

Mia Wasikowska in 'Maps to the Stars' von David Cronenberg 3
Mia Wasikowska in ‚Maps to the Stars‘ von David Cronenberg

Wenn David Cronenberg sich Hollywood vorknöpft, darf man durchaus gespannt sein. Aber dieser satirische Thriller aus der Feder von Bruce Wagner kommt selten über das halbe Dutzend Filme hinaus, die wie schon kennen.

Los Angeles und insbesondere Beverly Hills ist bevölkert von paranoiden Has-Beens, Startherapeuten und verzogenen Gören. „Cannes 14: MAPS TO THE STARS von David Cronenberg“ weiterlesen