Mario ist sechzehn Jahre alt, Sohn eines Tankstellenbetreibers im Sopraceneri, unglücklich am Gymnasium, unsicher bei den Mädchen und unmöglich in den Augen seiner Lehrer. Bis ihn sein Vater den Sommer über zu einer Bergbauernfamilie in den Höhen des oberen Maggiatals verbannt. Auf dass der vermeintliche Faulpelz lerne, was arbeiten heisst.„BECAÀRIA von Erik Bernasconi“ weiterlesen
Es gibt einen Optimismus, der ist der Jugend vorbehalten. Und den Betrunkenen. Für die beiden Endfünziger Carlobianchi (Sergio Romano) und Doriano (Pierpaolo Capovilla), zwei endlos juvenile Söhne des Veneto, ist es die göttliche Vorsehung, die sie immer wieder mit neuen Gelegenheiten für ein «letztes Glas» versorgt. „LE CITTÀ DI PIANURA von Francesco Sossai“ weiterlesen
Vor vier Jahren hat die Japanerin Chie Hayakawa die Welt sanft herausgefordert mit ihrem ersten Langspielfilm Plan 75. Sie erzählte (unter anderem) von der 78-jährigen Michi Kakutani, die sich für das – im Film – vom japanischen Staat gesponserte Gratis-Euthanasie-Programm anmeldet. Dieser Plan 75 ist eine staatliche Reaktion auf die von überzeugten Bürgern begangenen Morde an alten Menschen, die der Gesellschaft zur Last fallen. Der Film ist eine Dystopie, aber nahe an der Realität.
Nun geht Hayakawa das Thema Tod und Sterben und Gesellschaft vom anderen Ende der Altersskala her an und lässt in Renoir die 11jährige Fuki mit dem langsamen Sterben ihres krebskranken Vaters hadern, und mit der Überforderung ihrer Mutter. Und wie schon Plan 75 ist auch Renoir nicht das erschütternde Drama, das man allenfalls erwarten würde, sondern ein neugieriges, wildes, verblüffendes und ausgesprochen warmherziges Abenteuer. „RENOIR von Chie Hayakawa“ weiterlesen
Wolves ist der erste Langspielfilm des Zürchers Jonas Ulrich und ein bemerkenswert kontrolliertes Unterfangen. Denn die Geschichte der 23jährigen Kita-Mitarbeiterin Luana (Selma Kopp), die den dunklen Verlockungen der Black-Metal-Band ihres deutlich älteren Cousins, und vor allem dem neuen geheimnisvollen Sänger Wiktor (Bartos Bielenia) aus Polen, nicht widerstehen kann, trüge in sich durchaus die Struktur jener altväterisch-erziehungsberechtigten Obacht-Drogen-und-Satanismus-Filme der 1970er Jahre.
Aber Ulrichs Drehbuch nimmt nicht nur seine Figuren sehr ernst, das Filmteam weiss auch sehr genau, was sie erzählen und vor allem wovon. Wolves ist eine ernsthafte Coming-of-Age-Geschichte, ein Roadmovie, eine Sozialstudie, ein Rockumentary – die titelgebende Black Metal Band wurde für die Dreharbeiten extra gegründet und bei tatsächlichen Gigs gefilmt – und schliesslich eine politisch-sozial klar verortete, kathartisch gesteigerte Selbstfindungsstory. „WOLVES von Jonas Ulrich“ weiterlesen
Ein «coming out» ist noch lange nicht das Problem der 17jährigen Fatima. Sie muss überhaupt erst einmal herausfinden, ob und wie sehr sie tatsächlich auf Frauen steht. Nicht einfach für das Nesthäkchen in dieser durchaus liebevollen französisch-algerischen Familie. Die beiden älteren Schwestern ziehen sie schon so dauernd gnadenlos auf. Dabei büffelt sie vor allem auf die Matura, schliesslich will sie an die Uni und Philosophie studieren. Zum Ausgleich spielt sie verbissen Fussball, alleine.
Regisseurin Hafsia Herzi wurde bekannt als Schauspielerin, ihr Durchbruch war 2007 La graine et le mulet («Couscous mit Fisch»), mit dem auch Filmemacher Abdellatif Kechiche international bekannt wurde. An den Erzähl- und Montagestil von Kechiche, insbesondere den seiner Mektoub-Trilogie, erinnert denn auch Herzis filmische Umsetzung des autobiografischen Erfolgsromans von Fatima Daas. „LA PETITE DERNIÈRE von Hafsia Herzi“ weiterlesen
Ben ist 17 Jahre alt, Lehrling in einem Basler Modegeschäft, Gelegenheitskiffer, und ziemlich unsicher hinsichtlich seiner sexuellen Orientierung. Die 16jährige Momo dagegen ist überzeugt, dass Protestieren, Demos und Aufbegehren wichtiger sind, als ein Schulabschluss. Ihre Freundin Zoe wiederum steht recht solide im Leben, bis sie an einer Party einen sexuellen Übergriff erlebt, und ihr Freund Sam von Neonazis spitalreif geprügelt wird. „WYLD von Ralph Etter“ weiterlesen
Der Wind ist schon da, aber erst als sanfter Hauch. Er bewegt fast unmerklich die Haare und die Wimpern von Alyssa. Die Neunzenhnjährige sitzt auf dem Geländer eines städtischen Viaduktes in Tunis, ihre Beine hängen bedrohlich über dem Verkehr, ihr Blick verliert sich in der Ferne. Ihre Hände in Grossaufnahme lockern den Griff.
Vier harte Schnitte in zwölf Sekunden. Auf der Tonspur wird ihr Name gerufen: «Alyssa!» Sie schaut nach links, Reissschwenk zu Mehdi, der leicht entnervt fragt, worauf sie warte, Reisschwenk zurück zu Alyssa, sie hüpft aufs Trottoir, ein Lächeln lässt ihr Gesicht aufleuchten. Sie hebt ihren Rucksack hoch und die Kamera folgt ihr mit einem nun ruhigen Schwenk zurück nach links, während sie zu Mehdi hinrennt.
Es kommt nicht mehr so oft vor, dass ein Spielfilm sich dermassen schnell, gezielt und vor allem auffällig zum gestalteten Bild und dem gesteuerten Blick bekennt. Regisseurin Amel Guellaty etabliert gekonnt eine Erzählsituation, verspricht uns die Geschichte von Alyssa und Mehdi und versichert uns immer wieder mit auffälliger Gestaltung der Bilder und Szenen, dass sie uns mitnimmt zu den Abenteuern dieser zwei jungen Menschen in Tunesien. „WHERE THE WIND COMES FROM von Amel Guellaty“ weiterlesen
Auf dem Rheinschiff Panerai ist die Besatzung zugleich im Fluss und stationär. Die lyrische Souveränität, mit der dieser Dokumentarfilm arbeitet, erinnert an das Bullet-Time-Konzept der Matrix-Filme.
Rudmer ist ungefähr sechzehn Jahre alt, als wir ihm in Rotterdam erstmals an Deck begegnen. Mit der Scheibenschleifmaschine hat er sich eben durch die dicken Gummihandschuhe in den Finger geschnitten. Er blinzelt hinter seiner Brille, während der Maat ihm die Wunde verbindet: «Früher hätte ich geheult. Jetzt nicht mehr.» „VRACHT von Max Carlo Kohal“ weiterlesen
«Versprichst Du mir, dass Du mir das nicht wieder versaust?»
Das fragt Mutter Monica (Lisa Brühlmann) ihre fünfzehnjährige Tochter Valeska (Paula Rapaport), bevor sich die beiden auf den Weg machen, um mit Monicas neuem Freund und dessen Tochter Lena (Malou Mösli) nach Griechenland in die Ferien zu fahren.
Mehr Regisseurinnen, das bedeutet auch mehr weibliche Perspektiven im Kino. Und dies nicht nur im progressiven Autorenfilm, sondern auch bei den grossen Disney-Kisten und im Genre-Kino. Jetzt läuft mit Hatching von der Finnin Hanna Bergholm ein augenzwinkernder Horrorfilm an, der Influencer-Satire mit aufblühender Weiblichkeit kombiniert. „HATCHING von Hanna Bergholm“ weiterlesen