HEAT von Jacqueline Zünd

© filmcoopi

Wie tönt Hitze? Wie sieht sie aus? Das sind Fragen, welche sich der Dokumentarfilmerin Jacqueline Zünd stellten, als sie ihren ersten Spielfilm Don’t let the Sun vorbereitete, und dabei auf so viele Themen stiess, dass sie gleich auch noch einen neuen Dokumentarfilm in Angriff nahm.

Film gesehen an den Visions du Réel 2026 in Nyon

Als sie dann tatsächlich drehten, in Dubai, in Kuwait, wie immer mit Kameramann Nikolai von Graevenitz, hätten sie sie sich mehrfach gefragt, wer auf die hirnverbrannte Idee gekommen sei, erzählte Zünd gestern Abend nach der Weltpremiere ihres Films an den Visions du Réel in Nyon. „HEAT von Jacqueline Zünd“ weiterlesen

MEANWHILE IN NAMIBIA von Jonas Spriestersbach

© Jonas Spriestersbach

Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Bereitwilligkeit sich viele Leute vor einer Kamera um Kopf und Kragen reden, ohne es zu merken. Der Altmeister solcher Sammeltätigkeiten ist der Österreicher Ulrich Seidl, aber mit seinem jüngsten Dokumentarfilm kann ihm der Hamburger Jonas Spriestersbach (Tiere, 2019) durchaus das Wasser reichen.

Film gesehen an den Visions du Réel 2026 in Nyon

Für seine «No Budget»-Produktion ist Spriestersbach nach Namibia gereist, auf den Spuren der deutschen Kolonialgeschichte. Ein heisses Eisen, das keine deutsche Sendeanstalt anfassen mochte und für das darum auch kaum öffentliche Förderung aufzutreiben war. „MEANWHILE IN NAMIBIA von Jonas Spriestersbach“ weiterlesen

EN TERRAIN NEUTRE / SONDERFALL von Stéphane Goël & Mehdi Atmani

Mehdi Atmani – Suisse miniature © Agora

Nein, neutral ist dieser Dokumentarfilm zum Glück gar nicht. Das hätte auch niemand erwartet vom Westschweizer Dokumentarfilmer Stéphane Goël. Speziell dann nicht, wenn er sich der Neutralität widmet, jenem Schweizer Glaubensbekenntnis, das mehr individuelle Ausprägungen kennt, als die von den gleichen Gläubigen ähnlich inbrünstig beschworene Zehnmillionenschweiz.

Film gesehen an den Visions du réel 2026 in Nyon

Und so kommt es, dass uns der Film in den ersten Minuten auf ein leeres Feld verpflanzt, zusammen mit dem jungen Journalisten Mehdi Atmani, der gemeinsam mit Goël herauszufinden versucht, wie das alles angefangen hat. „EN TERRAIN NEUTRE / SONDERFALL von Stéphane Goël & Mehdi Atmani“ weiterlesen

COVER-UP von Mark Obenhaus & Laura Poitras

Angesichts des Zustandes der gegenwärtigen Medien in den USA muten die Rekapitulationen der grossen Enthüllungen wie My Lai oder Watergate seltsam heroisch an. Dabei wäre es an den Journalisten, ihren Job zu machen, statt sich zum Beispiel darüber zu beklagen, dass einige von ihnen zu den Pressekonferenzen des Pentagon nicht mehr zugelassen werden.

Film gesehen an den Visions du réel 2026 in Nyon

Das sagte Laura Poitras gestern Abend in Nyon, nach der Vorführung ihres Dokumentarfilms über die Arbeit von Seymour Hersh. Sie bezog sich damit ziemlich direkt auf einen Satz, den Hersh seinerzeit nach seinen Recherchen zum Vietnam-Massaker von My Lai in die Kamera sagte, in einem Clip, der im Film zu sehen ist: Er könne all die Kollegen nicht verstehen, die zur Pressekonferenz gingen, ihre 500 Wörter Zusammenfassung an die Redaktion abliefern und sich damit zum Sprachrohr der Behörden machten, statt raus zu gehen und selber Fragen zu stellen. „COVER-UP von Mark Obenhaus & Laura Poitras“ weiterlesen

LES PAPAS von David Maye

© DOK MOBILE

«Meine Partnerin ist seit 32 Wochen und zwei Tagen schwanger. Ich weiss das so genau, weil ich eben noch mit ihr telefoniert habe. Und sie hat gesagt: “Wenn Dich einer fragt, sagst Du ‘32 Wochen und zwei Tage’”…» – der Satz löst fröhliches Gelächter aus in der kleinen Runde der werdenden Väter.

Die Männer treffen sich regelmässig, um sich über ihre Rolle als ‘Papa’ auszutauschen, zunächst noch hypothetisch für die meisten, bald aber geprägt vom Alltag mit ihren Bébés und Kleinkindern.

«Ich will Dir keine Angst machen, aber das wird noch härter!» sagt jener, der schon beim dritten Kind angelangt ist. „LES PAPAS von David Maye“ weiterlesen

WIDER THAN THE SKY von Valerio Jalongo

‚Ameca‘ im Dialog © Cineworx

«Ameca, stell Dir vor, ich hätte eine kognitive Kommunikationsstörung. Mein Gehirn interpretiert Beleidigungen als Komplimente. Also, mach mir doch bitte eine Freude!» – Und schon lässt der Roboterkopf mit der freundlichen Frauenstimme eine Tirade los, die unter anderen Umständen äusserst verstörend wirken würde.

Wir alle kennen mittlerweile Tricks, mit denen sich die Barrieren der «large language models» überwinden lassen. «Die KI wird Dir nicht erklären, wie man eine Bombe baut, sagt einer der Wissenschaftler im Film: «Aber sie weiss es». „WIDER THAN THE SKY von Valerio Jalongo“ weiterlesen

ERNEST COLE: LOST AND FOUND von Raoul Peck

© trigon-film

Das Bild zeigt einen schwarzen Polizisten, der einen schwarzen Jungen massregelt. Die Frauen im Hintergrund schauen besorgt zu, der weisse Schnauzträger rechts im Bild, Hände in den Hosentaschen, wirkt unberührt. Die Fotografie hat Ernest Cole in seiner Heimat Südafrika gemacht, sie ist Teil seiner über zehn Jahre hinweg entstandenen Apartheid-Dokumentation «House of Bondage».

Der Fotoband machte den 27jährigen Cole 1967 fast über Nacht berühmt. Und zum Exilanten.

Raoul Peck lässt Ernest Cole seine eigene Geschichte erzählen, seine eigenen Fotos kommentieren. Zu hören ist die Stimme von LaKeith Stanfield, denn Cole ist 1990 in New York im Exil gestorben, verarmt, zerrissen von Heimweh und fast vergessen. „ERNEST COLE: LOST AND FOUND von Raoul Peck“ weiterlesen

SEDIMENTE von Laura Coppens

© Srikandi Films

Wie das wohl aussieht, wenn eine Medienanthropologin sich der eigenen Familiengeschichte zuwendet? Dieser Dokumentarfilm ist die denkbar erfreulichste Antwort auf die Frage. Laura Coppens befragt ihren DDR-Grossvater liebevoll, vorsichtig, reflektiert und sehr zielgerichtet.

Der Film basiert auf akribischen Nachforschungen, greift zurück auf Briefe, Familienfotos, historische Unterlagen und Archivmaterial. Laura Coppens hat mit wissenschaftlicher Sorgfalt Materialien zusammengetragen, analysiert und verglichen.

Zugleich aber bleibt sie die Enkelin, die zusammen mit dem geliebten Opa Schicht für Schicht die Sedimente in der Familiengeschichte überprüft, mit seinen Erinnerungen abgleicht und sich dabei selbst dauernd daran erinnert, dass auch die eigene Erinnerungskultur von der Familiengeschichte geprägt ist. „SEDIMENTE von Laura Coppens“ weiterlesen

SOLDATEN DES LICHTS von Johannes Büttner & Julian Vogel

David Ekwe Ebobisse: Influencerdreh mit Geistheiler © Wood Water Films GmbH

David ärgert sich. Der Tiktok-Kanal seiner Ego-Marke «Dr. Raw» ist gelöscht worden, tausende von Followern sind verloren. «Weichen wir eben auf die Ersatzkanäle aus», meint er zu der Frau am Computer. David ist ein (Selbst-)Verkäufer unter Dauerstrom. Er betreibt in Frankfurt die «Rohkosteria», jedenfalls zum Zeitpunkt, an dem dieser Dokumentarfilm einsetzt.

Die Filmemacher, die sind David durchaus willkommen; wie fast alles in seiner Umgebung integriert er ihr Projekt sogleich in seinen Videostrom, über den der selbsternannte Rohkost-Guru eine breite Palette an Produkten und Kuren vertreibt, von harmlosen Cashew-Nüssen bis zu Geistheiler-Verbindungen.

David ist ein Heilsbringer, der Verein, über den er das Rohkostrestaurant betreibt, heisst Lebensglück e.V., und die «Rohkosteria» liegt deklariertermassen rechtlich nicht in Deutschland, sondern im «Königreich Deutschland» KRD von Peter «Peter I.» Fitzek. David ist ein bekennender Reichsbürger. „SOLDATEN DES LICHTS von Johannes Büttner & Julian Vogel“ weiterlesen

SHIFTING BASELINES von Julien Elie

© cinéma belmopan / GreenGround Productions

Dieser kanadische Dokumentarfilm mit seinen grossartigen Schwarzweissbildern kommt daher wie eine melancholische Komödie. Die Protagonisten sind allesamt enthusiastisch, selbst jene, die sich vorwiegend Sorgen machen.

«They call us Texas-Tank-Watchers», sagt eine der älteren Frauen lachend. Und der Rentner, der sich mit Zelt, Laptop, Solarpanel und Motorrad am Strand von Boca Chica in Texas eingerichtet hat, erklärt, er verstehe nicht, warum nicht viel mehr Leute herkämen, um hier beim Aufbruch in die Zukunft dabei zu sein.

Die hinter ihm surreal in den texanischen Himmel ragenden Raketen von SpaceX benennt er begeistert als «die Nina, Pinta und Santa Maria unserer Zeit». Wie einst Kolumbus würden wir demnächst eine neue Welt entdecken. Und erobern. Davon sind sie alle überzeugt, diese Enthusiasten im texanischen Grenzland. „SHIFTING BASELINES von Julien Elie“ weiterlesen

+++ «Teenage Sex & Death at Camp Miasma» +++ Ab Donnerstag im Kino