Z–S–C–H–O–K–K–E von Matthias und Adrian Zschokke

Zschokke (Hanspeter Müller-Drossaart) bei der Königin von Bayern (Ingrid Kaiser) © R-Film GmbH

Einen Kinofilm über das Leben und Wirken ihres Vorfahren Johann Heinrich Daniel Zschokke (1771-1848) wollten seine in Bern geborenen Urururenkel machen. Als grosses, ironisch-ernsthaftes Kostümdrama. Vielleicht.

Dass sie das Budget dafür nicht zusammengekriegt haben,  das erweist sich jetzt als Glücksfall. Denn die hinreissende Dokumentarfeier, die sich jetzt  Z–S–C–H–O–K–K–E buchstabiert, die ist so meta, metaphorisch, metamorphotisch, metadynamisch, da ist jeder Widerstand zwecklos. „Z–S–C–H–O–K–K–E von Matthias und Adrian Zschokke“ weiterlesen

YOUTH (SPRING) Quingchun von Wang Bing

© Arte France Cinema

Dreieinhalb Stunden Dokumentarfilm über Textil-Sweatshops in China, das klingt erst mal ein wenig anstrengend. Tatsächlich ist der Film von Wang Bing aber noch anstrengender als erwartet.

Das ist kein Dokumentarfilm über Ausbeutung, globale Produktionswege, Billigtextilien oder menschenverachtend optimierte Abläufe, jedenfalls nicht im längst zur Gewohnheit gewordenen Infotainment-Sinne. „YOUTH (SPRING) Quingchun von Wang Bing“ weiterlesen

GRASSHOPPER REPUBLIC von Daniel McCabe

‚Grasshopper Republic‘ © Taskovski Films Ltd

Der Filmtitel lässt ahnen, warum diese Männer unter der Leitung eines offensichtlich sehr entschlossenen Unternehmers einen Truck nach dem anderen mit Material beladen.

Wir sind in Uganda, am Rande einer grossen Stadt, aber diese bunte Truppe fährt aufs Land hinaus, an den Fuss der Berge, mit Wellblech, Generatoren, alten Ölfässern und hunderten von Säcken. „GRASSHOPPER REPUBLIC von Daniel McCabe“ weiterlesen

WHILE THE GREEN GRASS GROWS von Peter Mettler

GRAND PRIX VISIONS DU RÉEL 2023

© Maximage

Die Filme des Kanada-Schweizers Peter Mettler sind visuelles Yoga. Entspannend spannend und einladend. Als Kameramann ist Mettler, so sagt er selbst, in jeder seiner Einstellungen präsent. Wer vor der Leinwand sitzt, wenn seine Bilder darüber fliessen, spürt auch genau das.

War etwa der tagebuchartige Gambling, Gods and LSD (2002, auf Playsuisse zu sehen) noch von vier Thesen (Mettler nennt sie «Filter») geprägt, ist sein jüngstes Werk noch stärker assoziativ, explorierend und neugierig. „WHILE THE GREEN GRASS GROWS von Peter Mettler“ weiterlesen

VERA von Tizza Covi und Rainer Frimmel

Vera Gemma und Asia Argento © Vento Film

In der schönsten Szene dieses unkategorisierbaren Filmes stehen Vera und Asia auf Römer Friedhof «Cimitero acattolico» vor dem Grab von Goethes Sohn.

Da steht tatsächlich auf dem Grabstein: «Goethe Filius». Kein weiterer Name, nichts zu seinem Leben, ausser, dass ihn der berühmte Vater überlebt hat: «Goethe Filius Patri Antevertens Obiit»

Die beiden Frauen können es nicht fassen.

Und die Kinozuschauer auch nicht. Denn Vera und Asia sind Freundinnen seit ihrer Kinderzeit. Veras Vater Giuliano Gemma war einer der grossen Stars des Italowestern, Asia Argentos Vater ist Dario Argento, Meister des Giallo. „VERA von Tizza Covi und Rainer Frimmel“ weiterlesen

RUÄCH – EINE REISE INS JENISCHE EUROPA von Andreas Müller, Simon Guy Fässler, Marcel Bächtiger

Am Ende ein grosses Fest © frenetic

Ein «Ruäch» ist einer, der nicht jenisch ist. Im französischen Dialekt ist das der «Gadjo». Nein, das sei eigentlich nie abwertend gemeint, erklärt Lisbeth Sablonier übers Mobiltelefon.

Dann seien er und Simon also auch «Ruäche», fragt Andreas Müller nach.

«Klar. Oder seid ihr jenisch? Eben.»

Die Abgrenzung von den anderen, das ist einfacher als die Definition der eigenen Identität. Vor allem, wenn die Abgrenzung in der Form von Ausgrenzung nur zu oft von den «anderen» ausgegangen ist.

Darum definiert der «Ruäch» im Filmtitel die Form dieses wunderbaren Dokumentarfilms. „RUÄCH – EINE REISE INS JENISCHE EUROPA von Andreas Müller, Simon Guy Fässler, Marcel Bächtiger“ weiterlesen

PURE UNKNOWN / Sconosciuti puri von Mattia Colombo & Valentina Cicogna

© Amka Films

Als «reine Unbekannte» bezeichnet Cristina Cattaneo jene Toten, für deren Identifizierung sich niemand zuständig fühlt. Die Mailänder Professorin für forensische Medizin kämpft seit Jahren für ein europäisches Gesetz, das die Staaten verpflichten soll, bei allen Toten die wichtigsten forensischen Erkennungsdaten zu erheben.

Also auch bei den Tausenden von Migrantinnen und Migranten, die nur noch tot geborgen werden, insbesondere aus dem Mittelmeer. „PURE UNKNOWN / Sconosciuti puri von Mattia Colombo & Valentina Cicogna“ weiterlesen

VEILLEURS DE NUIT / Nightwatchers von Juliette de Marcillac

Eine der freiwilligen „Maraudeuses“ © Dryades Films

Mit einem eindrücklich einfachen Film über freiwillige Flüchtlingshelfer wurde gestern das Dokumentarfilmfestival «Visions du réel» in Nyon eröffnet. «Nightwatchers» wirkt wie eine Antwort auf den Schweizer Oscar-Film «Reise der Hoffnung» von 1990.

Juliette de Marcillac kennt das Skigebiet des französischen Montgenèvre auswendig. Bei Tageslicht. Das Chalet ihres Grossvaters steht in dem kleinen Dorf am Hang unter der Grenze zu Italien.

Aber für ihren Film hat sie die Gegend bei Dunkelheit kennengelernt, mit einer Spezialkamera, bei Vollmond und Sternenlicht.

Denn schon das Leuchten eines Mobiltelefons kann die Freiwilligen verraten, die im Schnee und in der Dunkelheit in den steilen Hängen im Wald neben den Skipisten Flüchtende in Empfang nehmen und versuchen, sie heil an den ebenfalls ausschwärmenden Gendarmen vorbeizuführen. „VEILLEURS DE NUIT / Nightwatchers von Juliette de Marcillac“ weiterlesen

SUPERPOWER von Sean Penn und Aaron Kaufmann

Sean Penn im Interview mit Selenski © 2022. THE PEOPLE’S SERVANT

Putins Angriff auf die Ukraine verwandelte über Nacht ein Dokumentarfilmprojekt zum Schauspieler, der Präsident der Ukraine geworden war, in ein Plädoyer für mehr Ukraine-Unterstützung. Und Sean Penn in einen leidenschaftlichen Selenski-Fan.

Ein unterhaltsames Porträt hätte das werden sollen. Die Geschichte des populären Komikers und Schauspielers Wolodimir Selenski, der in einer Fernsehserie den Präsidenten des Landes spielte, den er dann tatsächlich werden würde. „SUPERPOWER von Sean Penn und Aaron Kaufmann“ weiterlesen

GIRL GANG von Susanne Regina Meures

Leonie beim Influencen © frenetic

Die Berliner Influencerin Leonie hat allein auf Instagram 1.6 Millionen Follower. Der Dokumentarfilm von Susanne Regina Meures hat «Leoobalys» auf ihrem Weg dahin vier Jahre lang begleitet.

Mit einer aufgeregten Menge sehr junger Mädchen hinter einer Absperrung vor einem Kaufhaus beginnt der Film. Es sind die Wiener Fans von Leonie, wie wir später erfahren. Acht-, Neun-, Zwölfjährige, die ihre vierzehn Jahre alte Online-Freundin einmal «in echt» sehen wollen.

Die Aufregung, die Tränen, das auf der Tonspur nur gedämpft wahrnehmbare Kreischen, das alles erinnert an die alten, schwarzweissen Aufnahmen von vorwiegend sehr jungen, weiblichen Beatles-Fans der 1960er Jahre.

Ein Vergleich, mit dem ich mich als alternder Kinogänger natürlich hoffnungslos in jenem Zuschauer-Segment verorte, das zum Phänomen «Influencer» vor allem Vorurteile und Kopfschütteln bereithält.

Die Dokumentarfilmerin Susanne Regina Meures hat sich ein paar dramaturgische Kunstgriffe überlegt, um mich genau da abzuholen – und gleichzeitig auch das zu erwartende Publikum aus dem unüberschaubaren Segment jener 1.6 Millionen «Follower», welche Leonie täglich mit Einblicken in ihren Mädchen-Alltag bedient.

Die Musik, welche da bald am Anfang einsetzt, die ist stimmbetont und feierlich, eine Art Kirchenchor, Elfenklänge aus abgehobenen Sphären. Und dann folgt auf der Tonspur eine Stimme mit einem Märchenanfang, die von einem Mädchen erzählt, dass sich in seinem «schwarzen Spiegel» spiegelt, fasziniert und faszinierend.

Der schwarze Spiegel ist, klar, das Mobiltelefon. Damit teilt die 14jährige Leonie die Freuden und Entdeckungen ihres täglichen Lebens mit immer mehr Freundinnen auf der halben Welt. Neue Schuhe, Klamotten, Mittel gegen Pickel, TikTok-Tricks und kleine Freudentänze.

Susanne Meures ist mit ihrer Kamera dabei, sie zeigt, wie Leonies Eltern das Management ihrer Tochter übernehmen, wie die Kleinfamilie mit Hund und Katze und Einfamilienhaus zur Firma wird, wie der Vater gezielt und geschickt immer grössere Firmenaufträge hereinholt.

Leonie ist ein Selfmade-Profi, sie beherrscht die Apps, die Plattformen, die Filter und den richtigen Ton. Die Eltern sorgen für geregelte Abläufe, Disziplin und die nötige Unterstützung.

Zwei Dinge macht der Film sehr schnell sehr klar: Was Leonie da macht, ist knallharte Arbeit. Mit der Vorstellung des «perfekten Lebens», das ihre Fans zu sehen bekommen, hat der Alltag wenig zu tun.

Wenn Leonie lacht, lacht sie in die Telefonkamera hinter dem Ringlicht.

Ist das Licht aus, ist sie gestresst, wirft dem mahnenden Vater oder der auf Zeitpläne drängenden Mutter vor, anstrengend zu sein und erweist sich zunehmend als pubertärer Teenager zwischen Disziplin und Einsamkeit.

Parallel dazu montiert der Film das Leben von Leonies Fan Nummer eins, Melanie, die mit ihren Fan-Accounts nicht nur Leonies online-Leben mitlebt, sondern auch über ihre versammelten Mit-Fans zu ihrer Reichweite beiträgt.

Ist Meures’ Kamera Leonie und ihrer Familie gegenüber betont neutral, wird Melanie als Proto-Fan von Anfang an mit einer gewissen Hysterie und in Dunkelheit inszeniert. Bis sie sich nach Jahren von ihrem Stellvertreterleben emanzipiert und eine richtige beste Freundin findet.

Das ist der eine gezielt manipulative Kunstgriff dieses Dokumentarfilms. Der andere besteht darin, dass Leonies Eltern an einigen Stellen im Off-Ton über ihre eigenen Ängste und Träume reden. Aber nie miteinander und nie mit der Tochter.

Es gibt keine dokumentarische Neutralität. Wer filmt, steuert Blicke und Vorstellungen. Daran erinnert «Girl Gang» auf jeder Ebene. Auch mit dem letzten Satz im Film, der dem Märchen (und dem Mädchen) ein gutes Ende wünscht.

Susanne Regina Meures © frenetic

Meures kam 1977 in Deutschland zur Welt. Sie studierte Fotografie und Kunstgeschichte am Courtauld Institute of Art in London, danach Film an der Zürcher Hochschule der Künste. Meures ist in der Regel ihre eigene Kamerafrau.

Ihr erster langer Dokumentarfilm war Raving Iran (2016), die Geschichte zweier iranischer Underground-Techno-DJs die über ihre internationale Karriere die Flucht versuchen.

Daran schloss 2020 Saudi Runaway an, in dem eine Frau in Saudi-Arabien ihre Flucht aus dem Land vorbereitet und sich dabei auch selbst filmt. Auf Wunsch der Protagonistin wurde der Film nach diversen erfolgreichen Festivalaufführungen schliesslich vom Produzenten vor der Kinoauswertung und weiteren Festivaleinladungen zurückgezogen.

Damit ist Girl Gang nun Meures’ dritter Film über Selbstbestimmtheit und komplexe Lebensumstände junger Menschen.

Während es aber bei den ersten beiden Filmen weitgehend unmöglich war, die in repressiven Ländern heimlich gefilmten Vorgänge unabhängig zu überprüfen, liegt beim aktuellen Film so ziemlich alles offen.