Die Unverpassbaren, Woche 29 – 2021

‚First Cow‘ © Allyson Riggs/A24

Erst diese fünf Filme sehen, dann alle anderen:

  1. First Cow von Kelly Reichardt. Ein liebevoller Nicht-Western rund um eine Männerfreundschaft, unterläuft lächelnd eine Konvention nach der nächsten.
  2. Le bonheur des uns von Daniel Cohen. Kunst- und Erfolgsneid in der Pariser Mittelklasse. Cohen hebt seine Komödie deutlich ab von der Bourgeois-Satire in der Chabrol-Tradition. Dank Bérénice Béjo und Vincent Cassel nicht nur komisch.
  3. Black Widow von Cate Shortland. Überraschend vergnüglich wie die australische Regisseurin von Lore oder Berlin Syndrom das Superhelden-Universum mit Geschwister- und Familiendynamik anreichert.
  4. Fabian – oder Der Gang vor die Hunde von Dominik Graf. In nervöser Bildsprache sprüht Kästners Sturm-und-Drang-Roman neue Funken – ein hochemotionaler Ritt durch den Graben zwischen Weimarer Republik und Nazi-Zeit.
  5. The Father von Florian Zeller. Anthony Hopkins ist grandios als alter Mann auf der Schwelle zur Demenz, das Publikum erlebt die Verunsicherung und den Schrecken aus seiner Perspektive.

Der Filmpodcast macht Sommerpause bis Mitte August.

MEMORIA von Apichatpong Weerasethakul

Tilda Swinton © Kick the Machine

Vor etwas über zehn Jahren hat Weerasethakul mit Uncle Bonmee uns in Cannes das kindliche Vergnügen am magischen Denken zurückgebracht. An diesen Onkel, der sich an seine früheren Existenzen erinnern konnte, erinnert Weerasethakuls erster ausserhalb von Thailand spielender neuer Film.

Tilda Swinton ist als Schottin in Kolumbien unterwegs, schläft in einer Wohnung und schreckt mitten in der Nacht auf, als sie einen lauten, dumpfen Knall hört. „MEMORIA von Apichatpong Weerasethakul“ weiterlesen

LES OLYMPIADES, Paris 13e (Paris 13th District) von Jacques Audiard

Noémi Merlant und Makita Samba in ‚Les olympiades‘ © page 114

Gleich drei Cannes-Stars haben am Drehbuch zu Jacques Audiards jüngstem Film gearbeitet: Der Regisseur selbst, Léa Mysius, die 2017 mit Ava überrascht hatte, und Céline Sciamma, deren Portrait de la jeune fille en feu an der letzten regulären Cannes-Ausgabe den Drehbuch-Preis und unzählige Herzen gewonnen hatte.

Gemeinsam haben sie drei Kurzgeschichten des graphic novelist Adrian Tomine (Amber Sweet/Killing and Dying/Summer Blonde/Hawaiian Getaway) in ein episodisches, perfekt verknüpftes Drehbuch gepackt. „LES OLYMPIADES, Paris 13e (Paris 13th District) von Jacques Audiard“ weiterlesen

RED ROCKET von Sean Baker

Mikey Saber (Simon Rex) © FilmNation

Sean Baker bleibt konsistent. Schon der Titelschriftzug Red Rocket ist in der gleichen kalligraphischen Retro-Pop-Schrift gehalten wie der Titel von The Florida Project (oder seinem Tangerine von 2015).

Auch der Stil ist wieder so etwas wie «scripted reality». Dokumentarisch auf den ersten Blick, aber hoch verdichtet, detailliert geschrieben und dieses Mal auch von den ersten Einstellungen an fiktiv überhöht. „RED ROCKET von Sean Baker“ weiterlesen

TITANE von Julia Ducournau

Palme d’or 2021

Agathe Roussell © Frakas Prod.

Seit dem FIPRESCI-Preis für Grave in Cannes erwarten Genrefilmfans, und nicht nur die, von Julia Ducournau grosses, seltsames, anderes Kino.

Ihre sehr zeitgenössische Variation auf den Werwolf-Film mit Garance Marillier und Ella Rumpf war ungemein sicher inszeniert, etwas blutig, etwas fremd. Und so eindeutig nicht männlich in seinem Blick, dass sich schon allein dadurch eine ungewohnte Stimmung einstellte. „TITANE von Julia Ducournau“ weiterlesen

A HERO (Ghahreman) von Asghar Farhadi

Rahim (Amir Jadidi) und sein Sohn © filmcoopi

Kunstvoll geschrieben, mit lebendigen, abgerundeten Figuren ist der vierte Film, mit dem Farhadi in Cannes in den Wettbewerb geladen wurde.

Seit ihn Cannes von der Berlinale «abgeworben» hat, hat Farhadi etliches ausprobiert, auch eine Version von A Separation in Frankreich, mit Le passé,  und eine Variation darauf in Spanisch, mit Todos lo saben. „A HERO (Ghahreman) von Asghar Farhadi“ weiterlesen

DRIVE MY CAR (Doraibu mai kâ) von Ryûsuke Hamaguchi

Hidetoshi Nishijima, Tôko Miura © Bitters End

Dass einem ein orangeroter Saab Turbo und Tschechows Onkel Wanja über drei Stunden hinweg gleichermassen ans Herz wachsen können, musste auch erst mal bewiesen werden.

Und auch, dass man aus einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami mit dieser Leichtigkeit einen Film voller Perspektive machen kann. Hamaguchi kann es. „DRIVE MY CAR (Doraibu mai kâ) von Ryûsuke Hamaguchi“ weiterlesen

THE FRENCH DISPATCH von Wes Anderson

Bekannte und geliebte Gesichter en masse: Bill Murray, Owen Wilson, Léa Seydoux, Elisabeth Moss, Benicio Del Toro, Tilda Swinton, Christoph Waltz, Frances McDormand. Der langersehnte neue Wes-Anderson-Film hatte seine Weltpremiere am Filmfestival von Cannes. Mit einem Jahr und zwei Monaten Verspätung.

Das fiktive französische Städtchen, auf das Wes Anderson seine stets mutierende filmische Familie dieses Mal losgelassen hat, heisst «Ennui-sur-Blasé» – Langeweile auf Blasiertheit – aber für Langweile bleibt da schlicht keine Zeit. „THE FRENCH DISPATCH von Wes Anderson“ weiterlesen

TRE PIANI von Nanni Moretti

Lucio (Riccardo Scamargio) will den dementen Nachbarn zum Reden bringen. So geht das aber nicht. © fimcoopi

Wäre Nanni Moretti kein analytischer Altlinker, sondern mehr ein felliniesker Barockmensch, hätte aus Tre piani sein Opus magnum werden können. Aber jetzt ist das eher eine im Detail gekonnt gemachte Telenovela mit ausufernder Dramatik.

Die Tre piani, die drei Stockwerke, gehören drei Familien in einem gutsituierten Römer Quartier. Moretti und seine Frau Margherita Buy sind Dora und Vittorio, er Richter, sie Juristin. Er ist streng und moralisch rigide, sie die zerrissene Mutter, wenn der Vater und der Sohn wieder einmal aneinander geraten. „TRE PIANI von Nanni Moretti“ weiterlesen

FLAG DAY von Sean Penn

Dylan Penn © Pathé

Sean Penn ist schuld daran, dass in Cannes nach Jahrzehnten der Selbstverständlichkeit die vorgezogenen Pressevorführungen abgeschafft wurden. Weil die Weltpresse 2016 Penns The Last Face so gnadenlos verrissen hatte, dass die grosse Galavorstellung danach für alle Beteiligten zu einer schmerzlichen Angelegenheit wurde.

Das hat Festivalchef Thierry Frémaux in seinem Buch «Selection officielle» beschrieben; er fühlte sich persönlich verantwortlich für die Demütigung seines Freundes Sean Penn. Darum hat er danach dafür gesorgt, dass die offizielle Gala der grossen Wettbewerbsfilme nun in der Regel parallel zur Pressevorführung stattfindet. Auf dass die Miesmacher von der Kritik den Standing Ovations des Publikums nicht zuvorkommen können. „FLAG DAY von Sean Penn“ weiterlesen