MATTER OUT OF PLACE von Nikolaus Geyrhalter

Schwebende Entsorgung im Wallis ©NGF

Der unberührte Bergsee zwischen den verschneiten Felsflanken liegt grau glitzernd in Reinheit auf der Leinwand. Erst die nächste Einstellung zeigt die Abfälle, die dort zum Vorschein kommen, wo das Wasser in die Landschaft übergeht.

MOOP – Matter Out Of Place – Material, das nicht an diesen Ort gehört, so lautet eine offizielle Bezeichnung, die sich in diesem Film vor allem auf Müll bezieht.

Der erklärende Titel am Anfang des Films ist der einzige, für die restlichen fast hundert Minuten sprechen die Bilder für sich selbst, und nur zweimal die Menschen im Bild. „MATTER OUT OF PLACE von Nikolaus Geyrhalter“ weiterlesen

75. Filmfestival Locarno: Der permanente Aufbruch

Festivaldirektor Giona A. Nazzaro mit Lifetime Achievement Award Empfänger Matt Dillon auf der Piazza Grande am 4. August 2022. © Locarno Film Festival / Ti-Press / Samuel Golay

Die 75. Ausgabe des Filmfestivals von Locarno ist die zweite unter der künstlerischen Leitung von Giona A. Nazzaro. Das Publikumsfestival vor Ort mit seinen Vorstellungen auf der Piazza Grande bleibt das Herz.

Wer stehen bleibt, fällt zurück. Das gilt in der sich rapide verändernden Festivalwelt genauso wie für die Kinolandschaft, der das permanent verfügbare Online-Angebot zu schaffen macht. Wie schlägt sich der grösste Kulturanlass der Schweiz zu seinem 75. Jubiläum? Michael Sennhauser diskutiert mit den deutschen Kollegen Anke Leweke und Peter Claus, die beide das Festival von Locarno seit vielen Jahren besuchen.

Hören:

Saugen: Kultur-Talk 75 Jahre Filmfestival Locarno (Rechtsklick für Download)


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BALIQLARA XÜTBƏ (Sermon to the Fish) von Hilal Baydarov

Balıqlara xütbə © Ucqar Film

Hilal Baydarov ist ein Informatiker und Mathematiker aus Baku in Aserbaidschan. Und ein ausgebildeter Filmemacher; er war Student beim einzigartigen Béla Tarr aus Ungarn, dem langsamsten Regisseur der Welt.

Baydarov hat auch Dokumentarfilme gedreht, etwa When the Persimmons Grew, der 2019 an den Visions du réel in Nyon zu sehen war, und wohl auch einen Teil der Basis des neuen Films bildet. „BALIQLARA XÜTBƏ (Sermon to the Fish) von Hilal Baydarov“ weiterlesen

SERVIAM – ICH WILL DIENEN von Ruth Mader

© Christine A. Maier

Wohl wahr, die Kirche hat es sich selbst zuzuschreiben, dass mit ihren Insignien, Ritualen und Vorstellungen so effiziente Horrorbilder zu erzeugen sind. Jahrhunderte von Machterhaltung via Höllendrohung, Sündenmalereien und Gottesfurchteintreibungen haben Spuren hinterlassen in unserem kollektiven Schattenfühlen.

Aber die Österreicherin Ruth Mader holt sich auch ausgesprochen gekonnt das halbe Arsenal des gehobenen Horrors zu Hilfe, um diese sehr österreichische Variation auf den Nunsploitation-Film auf Höchstleistung zu trimmen. „SERVIAM – ICH WILL DIENEN von Ruth Mader“ weiterlesen

TENGO SUEÑOS ELECTRICOS von Valentina Maurel

Rainaldo Amien Gutiérrez, Daniela Marín Navarro © Wrong Men North

Ein Film wie ein Spaziergang über die voll befahrene Autobahn. Es gibt so gut wie keine Sekunde ohne Anspannung, Angst oder gar Wut in dieser Geschichte.

Die elektrischen Träume der sechzehnjährigen Eva in Costa Rica sind Adoleszenz-Albträume. Seit der Scheidung der Eltern spürt sie die Wut des Vaters in sich, das Unbeherrschbare. „TENGO SUEÑOS ELECTRICOS von Valentina Maurel“ weiterlesen

GIGI LA LEGGE von Alessandro Comodin

Pier Luigi Mecchia © Okta Films / Shellac

Minimalistisch im Aufwand, das wird bei diesem Film von der ersten Einstellung an programmatisch signalisiert. Pier-Luigi steht im Dschungel seines Gartens im Halbdunkel vor einer Palme und streitet mit dem Dickicht.

Aus dem Gestrüpp kommt die Stimme des Nachbarn, der sich darüber beklagt, dass Pier-Luigis Garten ein «Casino» sei, ein Saustall. Und dass er endlich die Bäume zurückschneiden solle. „GIGI LA LEGGE von Alessandro Comodin“ weiterlesen

HUMAN FLOWERS OF FLESH von Helena Wittmann

Human Flowers of Flesh © Fünferfilm – Shellac

Nach einer Stunde wird die Leinwand plötzlich blau. Die Kamera taucht tief ein, gelegentlich blitzt noch etwas, und schliesslich taucht auf dem Meeresgrund ein viermotoriges Propellerflugzeug auf, ein völlig überwachsenes Monster aus wahrscheinlich nicht gar so alten Zeiten.

Helena Wittmann malt mit Einstellungen und mit Textfragmenten. Die fünf Menschen in den Küstenfelsen, auf ihrem Weg zu einem verankerten schönen Zweimaster, sehen wir zuerst nur als Füsse mit unterschiedlichen Schuhen, dann von weitem, wieder von Nahem, durch Büsche.

Figuren in der Landschaft. „HUMAN FLOWERS OF FLESH von Helena Wittmann“ weiterlesen

STELLA EST AMOUREUSE von Sylvie Verheyde

Stella und ihre Freundinnen unterwegs in den Club Bains Douches © wtfilms

Die verliebte Stella des Filmtitels ist autobiographisch. Und die Filmemacherin hat ihr 2008 schon einen ganzen Film gewidmet: Stella. Der spielte 1977 und Stella war 11 Jahre alt.

Der neue Film begleitet Stella durch ihr siebzehntes Jahr, von den Sommerferien mit den Freundinnen in Italien über ihre Mühe mit der Schule und den Vorbereitungen auf das «Bac» und der Trennung der Eltern bis zu ihrer neuen Leidenschaft. „STELLA EST AMOUREUSE von Sylvie Verheyde“ weiterlesen

IL PATAFFIO von Francesco Lagi

©2022 Vivo film, Colorado Film Production, Umedia

Einmal mehr erhärtet sich die alte Regel von Locarno: Italienische Filme, die wirklich was taugen, laufen nicht hier, sondern Ende Monat am Festival in Venedig.

Das bestätigt leider auch diese mehr theatralische als filmische Umsetzung von Luigi Malerbas «Il pataffio» (1978, deutsch 1988 als «Pataffio» bei Wagenbach erschienen) durch den Netflix-erprobten Francesco Lagi. „IL PATAFFIO von Francesco Lagi“ weiterlesen

SKAZKA (ска́зка / Fairy Tale) von Alexander Sokurov

© Intonations

Handwerklich ist Sokurovs neuester Film recht ansprechend. Ein animiertes Kompositum aus hunderten von Dokumentarfilmaufnahmen von Stalin, Hitler, Mussolini, Churchill und etlichen mehr, die sich in einer schwarzweissen Vorhöllenlandschaft tummeln, die ihrerseits von Gustave Dorés Dante-Illustrationen inspiriert ist.

Zu Beginn wacht der tote Stalin neben dem toten Jesus auf und beide beklagen sich ein wenig. Nur schon die Frage, was ausgerechnet Jesus da verloren hat, treibt vor allem Stalin um. Er macht sich lustig über Gottes Sohn. „SKAZKA (ска́зка / Fairy Tale) von Alexander Sokurov“ weiterlesen