Wie tönt Hitze? Wie sieht sie aus? Das sind Fragen, welche sich der Dokumentarfilmerin Jacqueline Zünd stellten, als sie ihren ersten Spielfilm Don’t let the Sun vorbereitete, und dabei auf so viele Themen stiess, dass sie gleich auch noch einen neuen Dokumentarfilm in Angriff nahm.
Als sie dann tatsächlich drehten, in Dubai, in Kuwait, wie immer mit Kameramann Nikolai von Graevenitz, hätten sie sie sich mehrfach gefragt, wer auf die hirnverbrannte Idee gekommen sei, erzählte Zünd gestern Abend nach der Weltpremiere ihres Films an den Visions du Réel in Nyon. „HEAT von Jacqueline Zünd“ weiterlesen
Je weniger ich Ihnen über diesen Film verrate, desto besser dürfte er funktionieren. Theoretisch. Denn die Crux ist ja, dass Sie dann wiederum wahrscheinlich lieber eine andere Katze, eine ohne Sack, kaufen würden.
Idealerweise passiert einem El mundo al revés an einem Festival wie den Visions du réel in Nyon, wo er vor knapp einem Jahr seine Uraufführung hatte. Da stimmen die Neugier und der Rahmen (Dokumentarfilm) und vielleicht ein kleiner Hinweis im Programmheft, dass die umgekehrte Welt dieses Films etwas speziell sei.
Jeder weitere Wink könnte Erwartungen wecken, die dann enttäuscht würden. Das liegt an der Art und Weise, in der El mundo al revés entstanden ist: Mehr oder weniger dokumentarisch gefilmt, mit Laiendarstellern, die sich selbst und ihre Lebensumstände verkörpern, weitgehend von Tag zu Tag improvisiert, mit einem Blick auf die Erzählungen und Geschichten, welche so eine Gemeinschaft, in diesem Fall in einem kleinen Ort in Argentinien, über Generationen prägen. Und mit ein paar entscheidend unspektakulär fiktiven Handlungs-Schubsern. „EL MUNDO AL REVÉS von Agostina Di Luciano und Leon Schwitter“ weiterlesen
Die Welt solle Marianne Faithfull ganz bestimmt nicht einfach als «Mick Jagger’s Girlfriend» in Erinnerung behalten, sagt Tilda Swinton: «Fuck that!»
Swinton ist «The Overseer» des fiktiven «Ministry of Not Forgetting» in diesem irritierend und hypnotisch mäandrierenden Dokumentarfilm über die britische Sängerin und Schauspielerin. Zusammen mit George MacKay, dem «Record Keeper», holt sie in ihrem als BBC-Vintagekulisse gestylten Studioministerium Archivmaterial zu Marianne Faithfulls Leben ans Tageslicht, büschelt die Filme und Interviews und kommentiert bisweilen bissig die klare Absicht, vergangene mediale Entgleisungen zur Biografie der stets ungewöhnlich offenen und medial stoisch ehrlichen Künstlerin zu korrigieren.
Dazu legt George MacKay der am Sauerstoffschlauch hängenden, aber sichtlich gerührten, erfreuten und hinreissend kooperativen 78jährigen das zusammengetragene Material vor und stellt ihr ergänzende Fragen, lässt sie Filmausschnitte, Interviews und Zeitungsartikel kommentieren und einordnen. „BROKEN ENGLISH: MARIANNE FAITHFULL von Jane Pollard & Iain Forsyth“ weiterlesen
Neun Menschen malen auf einer Bühne die Umrisse des Gazastreifens auf den Boden. Der älteste, Jawdat Khoudary, ist 62 Jahre alt, die jüngste, Ghada Al Masri, 14. Innerhalb der Markierung malen sie dann je ein Viereck, welches die ungefähre Lage ihres Herkunftsortes im Gazastreifen markiert. Und dann erzählen sie, eine nach dem anderen, wie sie dort gelebt haben, wie die Hölle des Krieges über sie hereinbrach, und wie sie die Flucht nach Ägypten schafften, bevor die israelische Armee im Mai 2024 den Grenzübergang bei Rafah dicht machte.
Nicolas Wadimoff setzt den längst zu unserem globalen Alltag gehörenden Bildern von Tod und Zerstörung und verzweifelten Menschen, deren Namen wir kaum je erfahren, das pure, persönliche Erzählen gegenüber. Wir lernen Menschen kennen, die von ihrem Schicksal, ihrer Familie und ihrem Leben erzählen, einander dabei zuhören und die eine oder andere Schilderung ergänzen oder bestätigen.
Das ist nicht nur ungewohnt, es unterläuft auch systematisch unsere etablierten Abwehrmechanismen. Wegschauen bringt nichts, weil es nicht das Hinschauen ist, das schmerzt, sondern die Bilder, die im Kopf entstehen, beim Zuhören. „QUI VIT ENCORE von Nicolas Wadimoff“ weiterlesen
Im September 2011 trat Oswald Grübel als CEO der UBS zurück (und machte Platz für Sergio Ermotti), nachdem der Bank der Skandal um ihre riesigen Verluste im Londoner Investmentbanking um die Ohren geflogen war. Aber es war ein anderer Name, der in den Medien zum Synonym des «Rogue Trader», zum skrupellosen Systemspekulanten gemacht wurde: Kweku Adoboli, ein freundlicher, wohlerzogener Ghanaer, der seine Schul- und Studienzeit in England absolviert hatte und mit 21 Jahren zur UBS gestossen war.
Adoboli wurde der Prozess gemacht, er wurde verurteilt, kam ins Gefängnis und wurde 2018 nach Ghana abgeschoben – obwohl sich im UK über 50’000 Menschen, die ihn eher als Whistleblower und Bauernopfer sahen, über eine Petition für ihn eingesetzt hatten.
«C’est beau ça, hein, petite fille?» (Jean-Paul Belmondo in ‚Pierrot le fou‘ von 1965)
Die zum Teil überraschend poetischen Texte über die Kunst des spanischen Malers Vélazquez in diesem Dokumentarfilm liest Vincent Lindon, mit seiner charakteristisch sanften Reibeisenstimme. Nicht aber den ersten Text, der schon zu hören ist, während die Leinwand noch dunkel bleibt, und dann übergeht zu Bildern eines fliessenden Baches, mit einer leicht nasalen Intonation, die einem sofort bekannt vorkommt:
”Velasquez, après 50 ans, ne peignait plus jamais une chose définie. Il errait autour des objets avec l’air et le crépuscule, il surprenait dans l’ombre et la transparence des fonds les palpitations colorées dont il faisait le centre invisible de sa symphonie silencieuse…”
(„Velasquez, nach 50 Jahren, malte nie wieder etwas Bestimmtes. Er umkreiste die Objekte mit Luft und Dämmerung, er fing im Schatten und in der Transparenz der Hintergründe die farbigen Herzschläge ein, die er zum unsichtbaren Mittelpunkt seiner stillen Symphonie machte …”)
Dann kommt der Schnitt auf die Szene aus Godards Pierrot le fou, Belmondo liegt in der Badewanne, eine Zigarette an den Lippen hängend, und liest dem kleinen Mädchen, das neben der Wanne steht, aus Élie Faures “Histoire de l’art” vor: «C’est beau ça, hein, petite fille?» „L’ÉNIGME VELÁZQUEZ von Stéphane Sorlat“ weiterlesen
Biel. Bienne. Eine Hochburg der mediterranen Architektur? Im Prinzip ja, wenn es nach dem Stadtwanderer geht, dem Architekten, Schreiber und Redner Benedikt Loderer: «Hier haben wir die Kathedrale mit dem Campanile. Und gegenüber, auf der anderen Seite des Platzes, das Baptisterium.» „ASPHALTE PUBLIC von Jan Buchholz“ weiterlesen
«Sechzig Jahre alte Traditionen lassen sich nicht einfach innerhalb eines Jahrgangs verändern.» Das sagt einer der Erstsemestrigen im Studentenwohnheim «Eendrag» der Universität von Stellenbosch in Südafrika. Dabei hat sich das Empfangskomitee aus gewählten älteren Kommilitonen schon am ersten Tag bemüht, den Neuankömmlingen zu zeigen, dass sie an dieser Elite-Universität nicht einfach in starre Konventionen gezwungen werden würden.
Sechzig Jahre alte Traditionen? Das klingt erst einmal nach lächerlich wenig für jemanden, der sich, zum Beispiel, mit den jahrhundertealten Gepflogenheiten der Universität Basel (gegründet 1460) konfrontiert sah, mit Traditionen wie dem dies academicus, oder den teilweise skurrilen, zum Teil aber auch absurd antiquierten Ritualen der Basler Studentenverbindungen. „FITTING IN von Fabienne Steiner“ weiterlesen
Kennen Sie diese Kippbilder, bei denen man entweder eine Ente sieht, oder einen Hasen? Albert Serra nutzt das Prinzip für seinen Dokumentarfilm über den Stierkampf. Wer fasziniert ist von dem blutigen Ritual, kommt auf ihre oder seine Kosten. Wer überzeugt ist von der Sinnlosigkeit und dem Unrecht der Tierquälerei, sieht sich durchgehend bestätigt.
Und ein zweites Prinzip setzt Serra ein: Er filmt und montiert die Kämpfe des peruanischen Matadors Andrés Roca Rey analog zu der Figur, welche der Torero während des Kampfes einnimmt: Hochkonzentriert und nonchalant abgewendet im gleichen Moment. So wie Roca Rey den Stier wieder und wieder dicht an seinem eigenen Körper vorbei in das Tuch rennen lässt, lenkt Serra den Blick der Kamera, scheinbar neutral, beobachtend, emotionslos, urteilsfrei.
Ein Dokumentarfilm über Stierkampf ist grundsätzlich eine zwiespältige Angelegenheit. Es gibt keine ethische oder emotionale Neutralität angesichts eines Spektakels um Leben und Tod. „TARDES DE SOLEDAD von Albert Serra“ weiterlesen
«Koni, uss dir wird nie öppis…» – Koni, aus dir wird nie etwas werden. Das habe einer seiner Lehrer dem jungen Konrad Steffen prophezeit, erzählt seine Schwester Rose-Marie Stouder-Steffen. Und sein Jugendfreund Vincenzo «Vinci» dal Vesco erinnert sich zufrieden daran, dass Koni und er in der Schulzeit gemeinsam viel Blödsinn gemacht hätten. Die Zahnlücke auf dem Kinderfoto von Koni sei wohl nicht dem natürlichen Ausfall eines Milchzahns geschuldet gewesen, sagt die Schwester. Der Koni, der sei immer schon ein Draufgänger gewesen.
Als der 68jährige Konrad Steffen am 8. August 2020 in der Nähe seiner Forschungsstation in Grönland verschwand, war das ein Schock, nicht nur für seine Freunde und seine Familie, sondern für die halbe Welt. Denn aus Koni war eben nicht nichts geworden, sondern ein weltbekannter Eisforscher, ein Glaziologe, der Mann, der mit seinem Charisma, seiner Leidenschaft für das ewige Eis und mit seinem Auftreten den Klimawandel unaufgeregt, aber belegbar ins öffentliche Bewusstsein gerückt hatte. „DER EISMANN von Corina Gamma“ weiterlesen