SOUDAIN von Ryūsuke Hamaguchi

Marie-Lou Fontaine (Virginie Efira) mit der unerschütterlichen Micheline (Geneviève Emanuelli) im Rollstuhl © frenetic

Marie-Lou (Virginie Efira) leitet ein Pflegeheim in Paris und versucht, gegen alle Widerstände, das «Humanitude»-System für menschenwürdig zugewandte Pflege zu etablieren. Mari (Tao Okamoto) ist Theaterregisseurin, gastiert in Paris mit einem Stück über die positiven Erfahrungen mit der offenen Psychiatrie in Italien, und sie ist unheilbar an Krebs erkrankt.

Was klingt wie ein vorhersehbarer Kinokampf um positives Denken angesichts der Widrigkeiten des Lebens, wird in den sorgfältigen Händen des Japaners Ryūsuke Hamaguchi (Drive My CarWheel of Fortune and FantasyHappy Hour) zu einem weiteren seiner redseligen, übermenschlich-menschlichen Glücksfeste. „SOUDAIN von Ryūsuke Hamaguchi“ weiterlesen

LOVE ON TRIAL (Renai saiban) von Koji Fukada

Happy Fanfare: Promo und Image sind alles © trigon

Mai ist Teil der Japan-Pop-Idol-Group «Happy Fanfare». Zusammen mit ihren vier Kolleginnen absolviert sie Tag für Tag ein beinhartes Programm. Tanztraining, Studium neuer Songs, Choreographie büffeln, durchgetaktete Bühnen-Auftritte vor jubelnden Fans und danach organisiertes «Meet & Greet», kurze Begegnungen mit den treuesten Anhängern für Autogramme und klar geregelten Small-Talk im Minutentakt. Dates oder gar Liebesbeziehungen mit den Fans sind vertraglich verboten, Idols müssen unschuldig sein, süss, sexy und theoretisch verfügbar für alle. „LOVE ON TRIAL (Renai saiban) von Koji Fukada“ weiterlesen

RENOIR von Chie Hayakawa

Fuki Okita (Yui Suzuki) © Xenix

Vor vier Jahren hat die Japanerin Chie Hayakawa die Welt sanft herausgefordert mit ihrem ersten Langspielfilm Plan 75. Sie erzählte (unter anderem) von der 78-jährigen Michi Kakutani, die sich für das – im Film – vom japanischen Staat gesponserte Gratis-Euthanasie-Programm anmeldet. Dieser Plan 75 ist eine staatliche Reaktion auf die von überzeugten Bürgern begangenen Morde an alten Menschen, die der Gesellschaft zur Last fallen. Der Film ist eine Dystopie, aber nahe an der Realität.

Nun geht Hayakawa das Thema Tod und Sterben und Gesellschaft vom anderen Ende der Altersskala her an und lässt in Renoir die 11jährige Fuki mit dem langsamen Sterben ihres krebskranken Vaters hadern, und mit der Überforderung ihrer Mutter. Und wie schon Plan 75 ist auch Renoir nicht das erschütternde Drama, das man allenfalls erwarten würde, sondern ein neugieriges, wildes, verblüffendes und ausgesprochen warmherziges Abenteuer. „RENOIR von Chie Hayakawa“ weiterlesen

KOKUHO von Lee Sang-il

Kikuo Tachibana (Ryô Yoshizawa) © trigon

Über zehn Millionen Eintritte in Japan und Japans Kandidat für die nächsten Oscars? Kokuho ist ein Film über das Kabuki-Theater, von dem die meisten von uns keine Ahnung haben. Aber auch ein Film über Klassendünkel, Ehrencodices, Yakuza (mindestens so kinotauglich faszinierend wie die Mafia) und über den Mythos des (männlichen) Künstlers, der seine Kunst über alle moralischen und ethischen Bedenken hinweg zu perfektionieren hat.

Und den wiederum kennen wir bestens, gespiegelt in Filmen wie Mephisto, über den Teufelspakt eines Schauspielers mit den Nazi-Machthabern, oder im jüngsten einschlägigen Meisterwerk Sentimental Value von Joachim Trier, in dem sich die Töchter an der Abwesenheit des genialischen Künstlervaters abarbeiten. „KOKUHO von Lee Sang-il“ weiterlesen

UNE PART MANQUANTE von Guillaume Senez

Lily (Mei Cirne-Masuki) und ihr Vater Jay (Romain Duris) © cineworx

Jay (Romain Duris) fährt mit seinem Taxi durch Tokio und sucht seine Tochter Lily. Tag für Tag. Sie war drei Jahre alt, als ihre Mutter Keiko ihn verlassen und das Kind mitgenommen hat. In den neun Jahren seither hat er sie nie wieder gesehen. Japans Gesetz gibt das alleinige Sorgerecht dem Elternteil, bei dem das Kind sich während der Trennung befindet.

Die westliche Faszination mit der japanischen Kultur hat ein eigenes Kinogenre der Selbstfindung in der Fremde hervorgebracht, mit Sophia Coppolas Lost in Translation als Prototyp. Doris Dörrie hat das mit mindestens drei Filmen durchgespielt, Kirschblüten – Hamami (2008), Grüsse aus Fukushima (2016) oder Kirschblüten & Dämonen (2019). Wim Wenders hat seine Künstlerseele immer wieder nach Japan getragen, zuletzt ganz besonders schön mit Perfect Days (2023). Und Frankreichs Slony Sow hat ein Jahr davor mit Umami Gérard Depardieu als verlorenen Spitzenkoch zur Selbstfindung nach Japan geschickt. „UNE PART MANQUANTE von Guillaume Senez“ weiterlesen

Cannes 18: SHOPLIFTERS (Manbiki kazoku) Hirokazu Kore-Eda (Wettbewerb)

Die Shibatas mit der kleinen Juri © Gaga Int.

Es ist offensichtlich, dass hier ein eingespieltes Team am Werk ist, wenn in der ersten Szene des Films Vater Osamu mit Sohn Shota im Supermarkt auf Einklautour geht: Beobachten, signalisieren, ein kleines Fingerritual von Shota und hopp ist eine weitere Packung Nudeln im Rucksack verschwunden.

Auf dem Heimweg stossen sie auf einem tiefliegenden Balkon wieder auf das kleine Mädchen, das Osamu schon mehrfach in der Kälte hat frieren sehen. Er beschliesst, sie zum aufwärmen mitzunehmen und sie folgt dankbar. Auch wenn die winzige Wohnung mit fünf Menschen völlig überfüllt wirkt Nobuyo ihrem Mann erklärt, das sei den kein Obdachlosenheim hier… „Cannes 18: SHOPLIFTERS (Manbiki kazoku) Hirokazu Kore-Eda (Wettbewerb)“ weiterlesen

Locarno 16: BANGKOK NITES von Katsuya Tomita (Wettbewerb)

Bangkok Nites (6)

«Dieses Land ist das Paradies. Solange du draussen bleibst.» Das sagt einer der Männer in Thailand zum Japaner Ozawa (gespielt von Regisseur Tomita selbst). Ozawa war Soldat in der japanischen «Verteidigungsarmee» und hat nach seiner Dienstzeit nie richtig Fuss gefasst im Leben.

Pardobalken2016

Er ist, warum auch immer, einer der wenigen Freunde im Leben von Luck, die eigentlich Ling heisst und wie tausende anderer Frauen vom Land nach Bangkok gekommen ist, um als Prostituierte die Familie Zuhause zu versorgen.

„Locarno 16: BANGKOK NITES von Katsuya Tomita (Wettbewerb)“ weiterlesen

Locarno 16: KAZE NI NURETA ONNA (Wet Woman in the Wind) von Akihiko Shiota (Wettbewerb)

Wet woman (1)

Kosuke, ein Dramatiker, hat sich aus Tokio in eine Waldhütte zurückgezogen, um seine Kreativität wieder zu finden. Als er eines Nachmittags mit seinem Handkarren unterwegs ist, rast neben ihm eine attraktive junge Frau mit dem Fahrrad in den See, steigt aus dem Wasser und zieht ungerührt ihr nasses Oberteil aus.

Pardobalken2016

Kurz darauf macht sie ihm offen Avancen, erklärt, sie suche ein Quartier für die Nacht. Kosuke weist sie brüsk zurück, aber Shiori lässt nicht locker, verfolgt ihn bis zur Hütte. Als Kosuke erklärt, er habe den Frauen und dem Sex abgeschworen, greift sie ihm in die Hose und meint, er könne lügen so viel er wolle, sein Schwanz sei offensichtlich anderer Meinung. „Locarno 16: KAZE NI NURETA ONNA (Wet Woman in the Wind) von Akihiko Shiota (Wettbewerb)“ weiterlesen

AMA-SAN von Cláudia Varejão

'Ama-San' © Vincafilm
‚Ama-San‘ © Vincafilm

Seit über 2000 Jahren gibt es die Ama-san, die japanischen Muscheltaucherinnen. Wie sie ihren Beruf und ihr traditionsreiches Können in aller Selbstverständlichkeit in die japanische Moderne gerettet haben, das zeigt der Dokumentarfilm Ama-san der Portugiesin Cláudia Varejão.

Matsumi, Mayumi und Masumi beten um Muscheln, Abalone und Seeigel, um Schutz vor Unfällen. Sie sind Mütter oder Grossmütter, leben in einem traditionellen Fischerdorf auf der japanischen Halbinsel Izu. Sie sind Ama-san, Frauen des Meeres.

„AMA-SAN von Cláudia Varejão“ weiterlesen

SFT 16: DER GROSSE SOMMER von Stefan Jäger

Mathias Gnädinger als Anton Sommer © Impuls
Mathias Gnädinger als Anton Sommer © Impuls

Im letzten Jahr ist der Schweizer Schauspieler Mathias Gnädinger gestorben. Heute hatte sein letzter Spielfilm Premiere an den 51. Solothurner Filmtagen. Der grosse Sommer zeigt den grossen Gnädinger noch einmal in seiner ganzen Wucht. Der Film selbst ist deutlich kleiner.

Solothurnbalken2016

Rentner Anton Sommer (Mathias Gnädinger) bastelt Flaschenschiffe und will seine Ruhe haben. Allerdings träumt der zehnjährige Enkel seiner Vermieterin im Stock über ihm von einer Karriere als Sumo-Ringer. „SFT 16: DER GROSSE SOMMER von Stefan Jäger“ weiterlesen

+++ «Teenage Sex & Death at Camp Miasma» +++ jetzt im Kino