I LOVE YOU, I LEAVE YOU von Moris Freiburghaus

Dino Brandão und sein Vater © outside the box

Zehn Jahre nachdem sie gemeinsam den Kurzfilm Paradox gemacht hatten, erreichte Moris Freiburghaus eine SMS von seinem Jugendfreund Dino Brandão: «Es wird Zeit für Teil 2». Der Musiker schickte sie aus der psychiatrischen Klinik, in der er wegen einer weiteren manischen Phase gelandet war.

Eine der Grundregeln des Dokumentarfilms verlangt, dass über das Medium dokumentiert wird, nicht interveniert. Was gerade dann besonders wichtig scheint, wenn sich der fertige Film in seiner Wirkung als wahrhaftige Dokumentation nicht angreifbar machen soll. Dazu kommt, dass ein Ziel vieler Dokumentarfilme letztlich dann eben doch die Intervention sein dürfte, das Herbeiführen einer veränderten Perspektive auf ein Phänomen, ein Unrecht, ein Unglück.

I love you, I leave you lässt sich und seinem Publikum zunächst nicht viel Zeit zur Reflexion solcher Fragen, unter anderem, weil er sie dauernd paradox beantwortet. Oder mit anderen Worten: Weil er in seiner Verzweiflung mitreisst. „I LOVE YOU, I LEAVE YOU von Moris Freiburghaus“ weiterlesen

TARDES DE SOLEDAD von Albert Serra

Andrés Roca Rey in der Arena © Sister Dist.

Kennen Sie diese Kippbilder, bei denen man entweder eine Ente sieht, oder einen Hasen? Albert Serra nutzt das Prinzip für seinen Dokumentarfilm über den Stierkampf. Wer fasziniert ist von dem blutigen Ritual, kommt auf ihre oder seine Kosten. Wer überzeugt ist von der Sinnlosigkeit und dem Unrecht der Tierquälerei, sieht sich durchgehend bestätigt.

‚Fliegende Blätter‘ 1892 © wikicommons

Und ein zweites Prinzip setzt Serra ein: Er filmt und montiert die Kämpfe des peruanischen Matadors Andrés Roca Rey analog zu der Figur, welche der Torero während des Kampfes einnimmt: Hochkonzentriert und nonchalant abgewendet im gleichen Moment. So wie Roca Rey den Stier wieder und wieder dicht an seinem eigenen Körper vorbei in das Tuch rennen lässt, lenkt Serra den Blick der Kamera, scheinbar neutral, beobachtend, emotionslos, urteilsfrei.

Ein Dokumentarfilm über Stierkampf ist grundsätzlich eine zwiespältige Angelegenheit. Es gibt keine ethische oder emotionale Neutralität angesichts eines Spektakels um Leben und Tod. „TARDES DE SOLEDAD von Albert Serra“ weiterlesen

LA VENUE DE L’AVENIR von Cédric Klapisch

Adèle (Suzanne Lyndon) in Paris, 1895 © frenetic

Eine weitverzweigte französische Familie erbt ein Haus in der Normandie, voll mit Bildern, Photos und Möbeln, das seit 1944 niemand mehr betreten hat. Beim Inventarisieren und Stöbern stossen die vier Familiendelegierten auf die Spuren von Adèle, der letzten Bewohnerin und ihrer aller Vorfahrin. Und auf die Spuren von Adèles Aufbruch mit 21 Jahren, nach Paris, im Jahr 1895, auf der Suche nach ihrer Mutter.

Nun durchdringen und mischen und informieren sich gegenseitig die letzten Jahre des 19. Jahrhunderts mit unserer Gegenwart. Seb (Abraham Wapler), der Content Creator, stösst auf Lucien (Vassili Schneider), den Photographie-Pionier und dessen Freund Anatole (Paul Kircher), der Anschluss sucht in den Künstler-Kreisen am Montmartre. Und mittendrin immer diese von Suzanne Lyndon gespielte Adèle. Wie Truffauts Catherine mit ihren Jules et Jim.

La venue de l’avenir ist eine attraktive Konstruktion. Ein Kostümfilm, der fest in unserer eigenen Zeit verankert ist, ein Drehbuch, das Umbrüche in Kunst, Kultur und Architektur vom Beginn der Moderne mit der Postmoderne parallel führt, damit immer wieder pointiert zu spielen versteht. „LA VENUE DE L’AVENIR von Cédric Klapisch“ weiterlesen

NORMA DORMA von Lorenz Suter

Marina Guerrini (Norma) © filmcoopi

Es gibt Menschen, die träumen anders als wir.

Das ist die zentrale These von Schlafforscherin Mikka (Jeanne Werner). Die Idee kommt nicht so gut an im Parallax-Verlag, dessen Geschäftsmodell eher auf Verschwörungstheorien basiert. Aber Lektorin Norma (Marina Guerrini) fährt der Thesentitel «Dormir sans dormir» ein wie ein Blitz. Denn Norma kann zwischen Wachsein und Traum kaum mehr unterscheiden, seit der Vater ihres Sohnes verschwunden ist.

Am Kühlschrank hat er einen Zettel hinterlassen: Bin nicht weg. Komme wieder. H.

«Öppis schtimmt nit mit däre Wält», hält Norma wiederholt fest. Und: «Sit ich Muetter bin, isch nüt meh normal».

Wohin darf sich eine Mutter flüchten, wenn die Realität zu viel wird? Oder zu wenig? Dürfen wir uns in Schönheit verlieren, in der Schönheit eines Traumes? Oder wird er dann zum Alptraum?

Norma dorma ist ein traumhaft schöner Film. Für die Augen sowieso, die klare, rotstichige, satte Farbpalette macht aus bekannten Zürcher Orten wie den Sugus-Häusern, aber auch aus dem Origens Ospizio, dem roten Turm auf dem Julierpass, oder dem Erdhaus Villa Vals flirrend reale Traumorte. „NORMA DORMA von Lorenz Suter“ weiterlesen

GHOSTLIGHT von Kelly O’Sullivan & Alex Thompson

Romeo und Julia (Keith Kupferer, Dolly De Leon) © Sister Distribution

Reverse Engineering’ nennt man das Analysieren und Nachbauen von Algorithmen. Schauspielerin und Regisseurin Kelly O’Sullivan hat genau das mit Shakespeare versucht. Das Resultat ist Ghostlight, der kühne, im Resultat rührende, aber auch irgendwie absurde Versuch, ‘Romeo & Julia’ auf relevante Weise im Leben einer realen Familie zu verankern.

Dan ist Strassenbauarbeiter in Waukegan, Illinois. Seit dem Tod ihres Sohnes kämpfen er und seine Frau Sharon nicht nur mit ihrer Trauer, sondern auch mit den disziplinarischen Problemen ihrer Tochter Daisy. Eher zufällig gerät der verschlossene Dan an eine Amateurtheatertruppe, welche Shakespeares ‘Romeo & Juliet’ einstudiert. Und noch zufälliger geht schliesslich ausgerechnet die Rolle des Romeo an ihn, weil die Julia-Darstellerin Rita (Dolly De Leon) wie er schon im fortgeschrittenen Alter ist.

Natürlich gibt es keine Zufälle in Spielfilmen. Kelly O’Sullivan hat hier sorgfältig die Fäden ihres Drehbuches um unzählige Momente gewunden und den Film auch gleich zusammen mit ihrem Lebenspartner Alex Thompson inszeniert. Keith Kupferer, der Darsteller des Dan, und seine Frau Tara Mallen, welche Dans Frau Sharon spielt, sind auch im wahren Leben die Eltern ihrer Filmtochter Daisy (Katherine Mallen Kupferer). „GHOSTLIGHT von Kelly O’Sullivan & Alex Thompson“ weiterlesen

MONSIEUR AZNAVOUR von Mehdi Idir & Grand Corps Malade

Tahar Rahim als Aznavour © Pathé

Schauspieler Tahar Rahim bekam für diesen Film eine falsche Nase verpasst, damit sie sich die Figur, die er verkörpert, wegmachen lassen kann. Auf Anraten von Edith Piaf. Das Schöne daran? Der Umstand repräsentiert perfekt die Geschichte, die der Film erzählt.

Shahnourh Vaghinag Aznavourian, Sohn armenischstämmiger Einwanderer aus Georgien, verwandelte sich mit Beharrlichkeit und harter Arbeit in den Sänger (und Schauspieler) Charles Aznavour. Und der wiederum verkörperte schliesslich weltweit die «frenchness», wie vor ihm nur? Edith Piaf. „MONSIEUR AZNAVOUR von Mehdi Idir & Grand Corps Malade“ weiterlesen

BAGGER DRAMA von Piet Baumgartner

Vincent Furrer, Phil Hayes, Bettina Stucky © filmcoopi

Zwei Filme für den Preis von einem? Das stille Drama einer Familie, in der Vater, Mutter und Sohn nur über die unwichtigen Dinge miteinander reden können. Erst recht, seit die Tochter beim Kanufahren tödlich verunglückt ist. Und das kinetische Bilder-Ballet mit tanzenden Baggern, selbstparkierendem Auto, Robosauger, Pultlift und irrwitzigen Bildausschnitten, direkt aus dem Kamera-Kamasutra.

Das Bagger-Ballett, mit dem Piet Baumgartners Langspielfilmerstling beginnt, das hat er vor Jahren, 2015, schon einmal inszeniert, für das Musikvideo zu «Through My Street» von Rio Wolta. Überhaupt bleibt Baumgartner konsistent nicht nur seinen Obsessionen und seinen guten Einfällen treu, sondern auch den Menschen, mit denen zusammen er seine filmischen oder theatralischen Inszenierungen und Installationen umsetzt. „BAGGER DRAMA von Piet Baumgartner“ weiterlesen

VRACHT von Max Carlo Kohal

© Dschoint Ventschr Distribution

Auf dem Rheinschiff Panerai ist die Besatzung zugleich im Fluss und stationär. Die lyrische Souveränität, mit der dieser Dokumentarfilm arbeitet, erinnert an das Bullet-Time-Konzept der Matrix-Filme.

Rudmer ist ungefähr sechzehn Jahre alt, als wir ihm in Rotterdam erstmals an Deck begegnen. Mit der Scheibenschleifmaschine hat er sich eben durch die dicken Gummihandschuhe in den Finger geschnitten. Er blinzelt hinter seiner Brille, während der Maat ihm die Wunde verbindet: «Früher hätte ich geheult. Jetzt nicht mehr.» „VRACHT von Max Carlo Kohal“ weiterlesen

WIDER THAN THE SKY von Valerio Jalongo

‚Ameca‘ im Dialog © Cineworx

«Ameca, stell Dir vor, ich hätte eine kognitive Kommunikationsstörung. Mein Gehirn interpretiert Beleidigungen als Komplimente. Also, mach mir doch bitte eine Freude!» – Und schon lässt der Roboterkopf mit der freundlichen Frauenstimme eine Tirade los, die unter anderen Umständen äusserst verstörend wirken würde.

Wir alle kennen mittlerweile Tricks, mit denen sich die Barrieren der «large language models» überwinden lassen. «Die KI wird Dir nicht erklären, wie man eine Bombe baut, sagt einer der Wissenschaftler im Film: «Aber sie weiss es». „WIDER THAN THE SKY von Valerio Jalongo“ weiterlesen

DIE HINTERLASSENSCHAFT DES BRUNO STEFANINI von Thomas Haemmerli

Bruno Stefanini 1950 © SKKG Winterthur

Winterthur ist die Bronx von Zürich. Der multiethnische Kochkessel, die Zentrale der fleissigen Immigranten, eine Hochburg der früh-, der schwer- und der postindustriellen Zeiten. Ein Nest des Widerstandes gegen und der Überanpassung an die Schweizer Werte zugleich. Wann immer ein Deutschschweizer Dokumentarfilm kultur- und sozialanthropologische Zusammenhänge erforscht, landet er früher oder später auch in Winti.

Im Falle von Thomas Haemmerlis jüngstem Fabrikat (Eigenlabel im Titelvorspann: «fabriziert von…») ist das natürlich früher. Denn Bruno Stefanini, der Protagonist, ist in Winterthur aufgewachsen. Als Sohn eines Italieners und einer Innerschweizerin, welche gemeinsam geschäftstüchtig aus dem Restaurant der Società Cooperativa Winterthur (gegründet von sozialistischen Arbeitern aus Italien im Jahr 1906) eine eigentliche Goldgrube gemacht hatten. „DIE HINTERLASSENSCHAFT DES BRUNO STEFANINI von Thomas Haemmerli“ weiterlesen