SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF von Sabine Lidl

Siri Hustvedt © Vinca Film

Wenn es so etwas wie eine sanfte Explosion gäbe, wäre dieser Dokumentarfilm ein Beispiel dafür. Da schweben Ideen und Bilder, Analysen und Beziehungen, Kunst und Gefühle vom ersten Bild an wie Staubteilchen in einem Lichtstrahl, ordnen sich, rufen Wörter und Bücher und Menschen in Erinnerung und verschwinden, ohne aufzuhören. Man spürt sofort und durchgehend, dass Sabine Lidl mit der Welt von Siri Hustvedt vertraut ist, spätestens seit der Entstehung ihres ARTE-Dokumentarfilms über Hustvedts Ehemann Paul Auster.

Das fast unmerkliche Verweben biografischer Elemente mit den Texten und Romanen von Siri Hustvedt, die Momente, in denen sie sich an ihre Kindheit oder ihre Eltern erinnert, gespiegelt in Szenen mit ihren drei Schwestern, Fotografien aus der Zeit in Minnesota oder auch den liebevollen Ergänzungen des in den Clan eingeheirateten New Yorkers Paul Auster (in Szenen, die vor seinem Tod im April 2024 gefilmt wurden, im Wissen um seine Erkrankung) sorgt für eine zunehmend mitreissende Strömung, die sich doch immer wie ein sanfter Sog anfühlt. „SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF von Sabine Lidl“ weiterlesen

HIRSCHFELD – UNBEKANNTER BEKANNTER von Stina Werenfels & Samir

Kurt Hirschfeld mit Max Frisch © dschoint ventschr

Eigentlich bedarf es keiner Rechtfertigung, um einen Dokumentarfilm über einen Menschen wie Kurt Hirschfeld zu machen. Der langjährige Chefdramaturg und Direktor des Schauspielhauses Zürich hat mit seiner Arbeit und seinen Überzeugungen vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg viele Leben berührt und wohl auch verändert. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Pfauenbühne während der Nazizeit zum wichtigsten deutschsprachigen Theater und zu einem Zufluchtsort für vertriebene und gefährdete Künstlerinnen und Künstler werden konnte. Er hat nach dem Krieg tatkräftig und diplomatisch geholfen, die Schweizer Autoren-Marken Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt international als Stars und Konkurrenten zu etablieren.

Die Umstände allerdings, dass es diesen Film noch nicht gab, und noch mehr die Erkenntnis, dass sich Zürich und die Schweiz so wenig für Kurt Hirschfeld interessierten, dass seine Tochter seinen Nachlass nach New York geben musste, waren für Stina Werenfels und Samir offensichtlich Grund genug, die Arbeit in Angriff zu nehmen. Zumal Ruth Hirschfeld, während Jahrzehnten eine der beiden hauptsächlichen Casting-Agentinnen des Deutschschweizer Films, die perfekte Zeugin und Referentin für das Projekt darstellt. „HIRSCHFELD – UNBEKANNTER BEKANNTER von Stina Werenfels & Samir“ weiterlesen

Neues Buch: SCHAU SPIEL – BRUNO GANZ von Walter Ruggle

Bruno Ganz © Ruth Walz

In der 43. Minute von Wim Wenders’ Der amerikanische Freund von 1977 liegt Bruno Ganz auf einem Schragen im American Hospital in Paris und erklärt dem Arzt, er komme aus Hamburg. Aber eigentlich sei er Schweizer. Ein «Zürihegel».

Die Herkunft ist nicht das einzige, was den Filmpublizisten und langjährigen trigon-Verleih-Leiter Walter Ruggle mit dem Subjekt seines neuen Buches verbindet. Aber doch prägend, wie Ruggle in seinem «Einstimmung» genannten Vorwort andeutet: „Neues Buch: SCHAU SPIEL – BRUNO GANZ von Walter Ruggle“ weiterlesen

NOUVELLE VAGUE von Richard Linklater

Godard (Guillaume Marbeck) filmt die letzten Sekunden von Michel Poiccard mit Jean-Paul Belmodo (Aubry Dullin) © filmcoopi

106 Minuten pure, cinéphile Glückseligkeit. So könnte man diesen Film zusammenfassen. Richard Linklater bastelt aus Realität, Filmgeschichte, Begeisterung, Legende und Gegenlegende eine Fontäne des Aufbruchs, der Nonchalance, der nicht mehr ganz jugendlichen Getriebenheit zwischen Sorglosigkeit und Ehrgeiz, Arroganz und Freundschaft.

Nicht nur der von Guillaume Marbeck gespielte Jean-Luc Godard in diesem Film trägt die Arroganz des Salon-Revolutionärs wie eine schwarzweisse Trikolore vor sich her, auch der Rest der vor allem aufgrund ihrer fast schon beängstigenden Ähnlichkeit mit den Originalen gecasteten jungen Truppe sprüht vor Charme und Frechheit.

Die Entstehung von Jean-Luc Godards A bout de souffle im Jahr 1959, als grenzüberschreitender Feuerwerksknall der bereits heftig in die Gänge gekommenen Bilderstürmergarde ungestümer Filmkritikerinnen, das ist der Stoff, aus dem ein längst unüberschaubarer Flickenteppich von Mythen und Legenden gewoben wurde. „NOUVELLE VAGUE von Richard Linklater“ weiterlesen

BROKEN ENGLISH: MARIANNE FAITHFULL von Jane Pollard & Iain Forsyth

The Overseer (Tilda Swinton) © xenix

Die Welt solle Marianne Faithfull ganz bestimmt nicht einfach als «Mick Jagger’s Girlfriend» in Erinnerung behalten, sagt Tilda Swinton: «Fuck that!»

Swinton ist «The Overseer» des fiktiven «Ministry of Not Forgetting» in diesem irritierend und hypnotisch mäandrierenden Dokumentarfilm über die britische Sängerin und Schauspielerin. Zusammen mit George MacKay, dem «Record Keeper», holt sie in ihrem als BBC-Vintagekulisse gestylten Studioministerium Archivmaterial zu Marianne Faithfulls Leben ans Tageslicht, büschelt die Filme und Interviews und kommentiert bisweilen bissig die klare Absicht, vergangene mediale Entgleisungen zur Biografie der stets ungewöhnlich offenen und medial stoisch ehrlichen Künstlerin zu korrigieren.

Dazu legt George MacKay der am Sauerstoffschlauch hängenden, aber sichtlich gerührten, erfreuten und hinreissend kooperativen 78jährigen das zusammengetragene Material vor und stellt ihr ergänzende Fragen, lässt sie Filmausschnitte, Interviews und Zeitungsartikel kommentieren und einordnen. „BROKEN ENGLISH: MARIANNE FAITHFULL von Jane Pollard & Iain Forsyth“ weiterlesen

I LOVE YOU, I LEAVE YOU von Moris Freiburghaus

Dino Brandão und sein Vater © outside the box

Zehn Jahre nachdem sie gemeinsam den Kurzfilm Paradox gemacht hatten, erreichte Moris Freiburghaus eine SMS von seinem Jugendfreund Dino Brandão: «Es wird Zeit für Teil 2». Der Musiker schickte sie aus der psychiatrischen Klinik, in der er wegen einer weiteren manischen Phase gelandet war.

Eine der Grundregeln des Dokumentarfilms verlangt, dass über das Medium dokumentiert wird, nicht interveniert. Was gerade dann besonders wichtig scheint, wenn sich der fertige Film in seiner Wirkung als wahrhaftige Dokumentation nicht angreifbar machen soll. Dazu kommt, dass ein Ziel vieler Dokumentarfilme letztlich dann eben doch die Intervention sein dürfte, das Herbeiführen einer veränderten Perspektive auf ein Phänomen, ein Unrecht, ein Unglück.

I love you, I leave you lässt sich und seinem Publikum zunächst nicht viel Zeit zur Reflexion solcher Fragen, unter anderem, weil er sie dauernd paradox beantwortet. Oder mit anderen Worten: Weil er in seiner Verzweiflung mitreisst. „I LOVE YOU, I LEAVE YOU von Moris Freiburghaus“ weiterlesen

TARDES DE SOLEDAD von Albert Serra

Andrés Roca Rey in der Arena © Sister Dist.

Kennen Sie diese Kippbilder, bei denen man entweder eine Ente sieht, oder einen Hasen? Albert Serra nutzt das Prinzip für seinen Dokumentarfilm über den Stierkampf. Wer fasziniert ist von dem blutigen Ritual, kommt auf ihre oder seine Kosten. Wer überzeugt ist von der Sinnlosigkeit und dem Unrecht der Tierquälerei, sieht sich durchgehend bestätigt.

‚Fliegende Blätter‘ 1892 © wikicommons

Und ein zweites Prinzip setzt Serra ein: Er filmt und montiert die Kämpfe des peruanischen Matadors Andrés Roca Rey analog zu der Figur, welche der Torero während des Kampfes einnimmt: Hochkonzentriert und nonchalant abgewendet im gleichen Moment. So wie Roca Rey den Stier wieder und wieder dicht an seinem eigenen Körper vorbei in das Tuch rennen lässt, lenkt Serra den Blick der Kamera, scheinbar neutral, beobachtend, emotionslos, urteilsfrei.

Ein Dokumentarfilm über Stierkampf ist grundsätzlich eine zwiespältige Angelegenheit. Es gibt keine ethische oder emotionale Neutralität angesichts eines Spektakels um Leben und Tod. „TARDES DE SOLEDAD von Albert Serra“ weiterlesen

LA VENUE DE L’AVENIR von Cédric Klapisch

Adèle (Suzanne Lyndon) in Paris, 1895 © frenetic

Eine weitverzweigte französische Familie erbt ein Haus in der Normandie, voll mit Bildern, Photos und Möbeln, das seit 1944 niemand mehr betreten hat. Beim Inventarisieren und Stöbern stossen die vier Familiendelegierten auf die Spuren von Adèle, der letzten Bewohnerin und ihrer aller Vorfahrin. Und auf die Spuren von Adèles Aufbruch mit 21 Jahren, nach Paris, im Jahr 1895, auf der Suche nach ihrer Mutter.

Nun durchdringen und mischen und informieren sich gegenseitig die letzten Jahre des 19. Jahrhunderts mit unserer Gegenwart. Seb (Abraham Wapler), der Content Creator, stösst auf Lucien (Vassili Schneider), den Photographie-Pionier und dessen Freund Anatole (Paul Kircher), der Anschluss sucht in den Künstler-Kreisen am Montmartre. Und mittendrin immer diese von Suzanne Lyndon gespielte Adèle. Wie Truffauts Catherine mit ihren Jules et Jim.

La venue de l’avenir ist eine attraktive Konstruktion. Ein Kostümfilm, der fest in unserer eigenen Zeit verankert ist, ein Drehbuch, das Umbrüche in Kunst, Kultur und Architektur vom Beginn der Moderne mit der Postmoderne parallel führt, damit immer wieder pointiert zu spielen versteht. „LA VENUE DE L’AVENIR von Cédric Klapisch“ weiterlesen

NORMA DORMA von Lorenz Suter

Marina Guerrini (Norma) © filmcoopi

Es gibt Menschen, die träumen anders als wir.

Das ist die zentrale These von Schlafforscherin Mikka (Jeanne Werner). Die Idee kommt nicht so gut an im Parallax-Verlag, dessen Geschäftsmodell eher auf Verschwörungstheorien basiert. Aber Lektorin Norma (Marina Guerrini) fährt der Thesentitel «Dormir sans dormir» ein wie ein Blitz. Denn Norma kann zwischen Wachsein und Traum kaum mehr unterscheiden, seit der Vater ihres Sohnes verschwunden ist.

Am Kühlschrank hat er einen Zettel hinterlassen: Bin nicht weg. Komme wieder. H.

«Öppis schtimmt nit mit däre Wält», hält Norma wiederholt fest. Und: «Sit ich Muetter bin, isch nüt meh normal».

Wohin darf sich eine Mutter flüchten, wenn die Realität zu viel wird? Oder zu wenig? Dürfen wir uns in Schönheit verlieren, in der Schönheit eines Traumes? Oder wird er dann zum Alptraum?

Norma dorma ist ein traumhaft schöner Film. Für die Augen sowieso, die klare, rotstichige, satte Farbpalette macht aus bekannten Zürcher Orten wie den Sugus-Häusern, aber auch aus dem Origens Ospizio, dem roten Turm auf dem Julierpass, oder dem Erdhaus Villa Vals flirrend reale Traumorte. „NORMA DORMA von Lorenz Suter“ weiterlesen

GHOSTLIGHT von Kelly O’Sullivan & Alex Thompson

Romeo und Julia (Keith Kupferer, Dolly De Leon) © Sister Distribution

Reverse Engineering’ nennt man das Analysieren und Nachbauen von Algorithmen. Schauspielerin und Regisseurin Kelly O’Sullivan hat genau das mit Shakespeare versucht. Das Resultat ist Ghostlight, der kühne, im Resultat rührende, aber auch irgendwie absurde Versuch, ‘Romeo & Julia’ auf relevante Weise im Leben einer realen Familie zu verankern.

Dan ist Strassenbauarbeiter in Waukegan, Illinois. Seit dem Tod ihres Sohnes kämpfen er und seine Frau Sharon nicht nur mit ihrer Trauer, sondern auch mit den disziplinarischen Problemen ihrer Tochter Daisy. Eher zufällig gerät der verschlossene Dan an eine Amateurtheatertruppe, welche Shakespeares ‘Romeo & Juliet’ einstudiert. Und noch zufälliger geht schliesslich ausgerechnet die Rolle des Romeo an ihn, weil die Julia-Darstellerin Rita (Dolly De Leon) wie er schon im fortgeschrittenen Alter ist.

Natürlich gibt es keine Zufälle in Spielfilmen. Kelly O’Sullivan hat hier sorgfältig die Fäden ihres Drehbuches um unzählige Momente gewunden und den Film auch gleich zusammen mit ihrem Lebenspartner Alex Thompson inszeniert. Keith Kupferer, der Darsteller des Dan, und seine Frau Tara Mallen, welche Dans Frau Sharon spielt, sind auch im wahren Leben die Eltern ihrer Filmtochter Daisy (Katherine Mallen Kupferer). „GHOSTLIGHT von Kelly O’Sullivan & Alex Thompson“ weiterlesen