ARCO von Ugo Bienvenu

© frenetic

Die Idee ist herzerwärmend: Zeitreisegeschichten müssen nicht zwingend in einer Zukunftsdystopie enden. Ugo Bienvenue setzt hinter die Zeit der kommenden Klimakatastrophe einfach eine weitere Stufe, utopisch, aber liebevoll. Und so bekommt die zehnjährige Iris, die sich im Jahr 2075 zusammen mit ihrem Nanny-Roboter Mikki um ihren Babybruder kümmert und die Eltern am Esstisch unter der Woche nur als Hologramme erlebt, Besuch von Arco, einem gleichaltrigen Jungen aus einer wirklich fernen, dafür aber paradiesischen Zukunft. „ARCO von Ugo Bienvenu“ weiterlesen

Neues Buch: SCHAU SPIEL – BRUNO GANZ von Walter Ruggle

Bruno Ganz © Ruth Walz

In der 43. Minute von Wim Wenders’ Der amerikanische Freund von 1977 liegt Bruno Ganz auf einem Schragen im American Hospital in Paris und erklärt dem Arzt, er komme aus Hamburg. Aber eigentlich sei er Schweizer. Ein «Zürihegel».

Die Herkunft ist nicht das einzige, was den Filmpublizisten und langjährigen trigon-Verleih-Leiter Walter Ruggle mit dem Subjekt seines neuen Buches verbindet. Aber doch prägend, wie Ruggle in seinem «Einstimmung» genannten Vorwort andeutet: „Neues Buch: SCHAU SPIEL – BRUNO GANZ von Walter Ruggle“ weiterlesen

NOUVELLE VAGUE von Richard Linklater

Godard (Guillaume Marbeck) filmt die letzten Sekunden von Michel Poiccard mit Jean-Paul Belmodo (Aubry Dullin) © filmcoopi

106 Minuten pure, cinéphile Glückseligkeit. So könnte man diesen Film zusammenfassen. Richard Linklater bastelt aus Realität, Filmgeschichte, Begeisterung, Legende und Gegenlegende eine Fontäne des Aufbruchs, der Nonchalance, der nicht mehr ganz jugendlichen Getriebenheit zwischen Sorglosigkeit und Ehrgeiz, Arroganz und Freundschaft.

Nicht nur der von Guillaume Marbeck gespielte Jean-Luc Godard in diesem Film trägt die Arroganz des Salon-Revolutionärs wie eine schwarzweisse Trikolore vor sich her, auch der Rest der vor allem aufgrund ihrer fast schon beängstigenden Ähnlichkeit mit den Originalen gecasteten jungen Truppe sprüht vor Charme und Frechheit.

Die Entstehung von Jean-Luc Godards A bout de souffle im Jahr 1959, als grenzüberschreitender Feuerwerksknall der bereits heftig in die Gänge gekommenen Bilderstürmergarde ungestümer Filmkritikerinnen, das ist der Stoff, aus dem ein längst unüberschaubarer Flickenteppich von Mythen und Legenden gewoben wurde. „NOUVELLE VAGUE von Richard Linklater“ weiterlesen

HALLO BETTY von Pierre Monnard

Betty Bossi bauen: Emmi Creola-Maag (Sarah Spale) © Ascot-Elite

Warum so bieder? Die Geschichte, wie die Zürcher Werbetexterin Emmi Creola-Maag 1956 die perfekte Schweizer Hausfrau «Betty Bossi» erfunden und gegen alle Widerstände im Markt etabliert hat, die hat alles, was es für eine furiose Schweizer Mad Men-Kinokiste gebraucht hätte. Stattdessen bekommen wir von Drehbuchautor André Küttel und Regisseur Pierre Monnard zunächst einmal fast schon Papa Moll geliefert.

Vielleicht haben die Produzenten Angst vor dem doppelbödigen Potential ihrer Idee bekommen. Schliesslich lag das Genie von Emmi Creolas Erfindung ja tatsächlich darin, dass diese superadrette, liebenswürdig gut aufgestellte Werbefigur so vertrauenserweckend gut an die reale Lebenswelt der durchschnittlichen Schweizer Hausfrau angelehnt war. Allzu gross sollte demnach wohl der Kontrast zwischen der Lebenswelt der Kunstfigur und ihrer Erfinderin in der ersten Filmhälfte nicht ausfallen. Eine brodelnd gefährliche Undurchschaubarkeit und zweifelhafte Herkunft, wie sie Mad Men-Star Don Draper auszeichnete, wäre doch etwas unschweizerisch gewesen, gälletsi?

Dabei dürfte die ungebrochene Popularität der Marke Betty Bossi einen Deutschschweizer Kinoerfolg eigentlich so oder so garantieren. „HALLO BETTY von Pierre Monnard“ weiterlesen

FILMREIF – ein ungewöhnlicher Podcast

Barbara Sommer und Plinio Bachmann

Filmpodcasts gibt es viele. Einige sind unerträglich, andere grossartig und einige wurden allen Qualitäten zum Trotz abgeschafft. Aber die meisten setzen sich mit Filmen auseinander, die es tatsächlich gibt. Das Zürcher Drehbuch-Paar Plinio Bachmann und Barbara Sommer hat nun allerdings für Einfach Zürich ein Konzept umgesetzt rund um Filme, die es eigentlich geben sollte.

Filmstoffe mit globalem Appeal und Zürcher Lokalkolorit, Figuren, welche das Leben der Stadt geprägt haben oder von ihr geprägt wurden: Sommer und Bachmann tauchen tief ein in die Recherchen, sie haben Bücher gelesen und Akten, sie verknüpfen Biografien und Schicksale auf derart packende Weise, dass «Filmreif» tatsächlich das Konzept von «Kino im Kopf» auf eine neue Ebene hievt. „FILMREIF – ein ungewöhnlicher Podcast“ weiterlesen

THE LAST SHOWGIRL von Gia Coppola

Shelly (Pamela Anderson) © filmcoopi

Dreissig Jahre liegen zwischen Paul Verhoevens Camp-Kult-Satire Showgirls und Gia Coppolas The Last Showgirl. Beide Filme setzen auf Hollywoods spezifische Variante des amerikanischen Traums, auf die Machbarkeit des Imaginierten, die Projektion des Wunsches als Manifestation einer eigenen Wirklichkeit. Und beide Filme nutzen die reale Manifestation dieses «fake it till you make it», die artifizielle Stadt der Show und des Gamblings, Las Vegas.

Beide Filme sind Bestandesaufnahmen der us-amerikanischen Realität, Showgirls jene der gnadenlos egoistischen Rücksichtslosigkeit im Kampf um Erfolg. Und The Last Showgirl zu dem, was die US-Gesellschaft selbst dann noch am Leben hält, wenn alle Versprechen gebrochen wurden: ein Gefühl der Verbundenheit im gemeinsamen Scheitern. „THE LAST SHOWGIRL von Gia Coppola“ weiterlesen

Offener Brief gegen die Reduktion des medialen Grund-Angebots in ein Häppchen-Buffet

Der Filmpodcast «Kino im Kopf», den viele Leserinnen und Leser dieses Blogs seit Jahren regelmässig gehört haben, ist bei SRF bereits eingestellt worden. „Offener Brief gegen die Reduktion des medialen Grund-Angebots in ein Häppchen-Buffet“ weiterlesen

MARIA von Pablo Larraín

Angelina Jolie als Maria Callas © Pathé Films AG

«I still hate Opera – Ich hasse Oper noch immer. Und ich liebe Dich noch immer», erklärt Aristoteles Onassis (Haluk Bilginer), als Maria Callas (Angelina Jolie) ihn 1975 an seinem Sterbebett in in Neuilly-sur-Seine besucht. Beide lächeln dazu, wie es das Drehbuch verlangt. Denn sie kennen auch den entscheidenden Satz von Maria dazu: «My life is opera. There is no reason in opera» – Mein Leben ist Oper. Es gibt keine Vernunft in der Oper. „MARIA von Pablo Larraín“ weiterlesen

BABYGIRL von Halina Reijn

«Got Milk?» – Nicole Kidman © Praesens

Kinky Sex steht allen zu, so lange alle Beteiligten damit einverstanden sind. Und das müsste eigentlich auch für kinky Kino gelten. Das ist aber nicht so, nicht zuletzt darum, weil Exploitation Cinema vom Voyeurismus lebt und seine kinky Kicks darauf beruhen, heimlichen Voyeurismus zu bedienen.

Und doch ist es wohltuend, die übersteigerte Begeisterung (und Ablehnung) zu erleben, die sich vor allem in den USA über Nicole Kidmans Frauenermächtigungsausflug in den selbstbestimmten Masochismus einer sexuellen Beziehung mit doppeltem Machtgefälle ergeben hat. „BABYGIRL von Halina Reijn“ weiterlesen

IM SCHATTEN DER TRÄUME von Martin Witz

Zarah Leander, © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

«Ich weiss, es wird einmal ein Wunder geschehen» … den Satz zu lesen, das heisst, die Melodie zu hören. Mit dem unverkennbaren tiefen Timbre von Zarah Leander. Oder vielleicht auch mit der exaltierten Phrasierung von Nina Hagen.

Das Lied sang Zarah Leander im Nazi-Propaganda-Film Die grosse Liebe von 1942, einem der grössten Publikumserfolge aus Goebbels‘ Unterhaltungsmaschinerie. Die Regie hatte Routinier Rolf Hansen. Aber den grossen Hit, das Lied, das hatte ein Duo geschrieben, dessen Namen heute nicht mehr so geläufig sind: „IM SCHATTEN DER TRÄUME von Martin Witz“ weiterlesen