LA VENUE DE L’AVENIR von Cédric Klapisch

Adèle (Suzanne Lyndon) in Paris, 1895 © frenetic

Eine weitverzweigte französische Familie erbt ein Haus in der Normandie, voll mit Bildern, Photos und Möbeln, das seit 1944 niemand mehr betreten hat. Beim Inventarisieren und Stöbern stossen die vier Familiendelegierten auf die Spuren von Adèle, der letzten Bewohnerin und ihrer aller Vorfahrin. Und auf die Spuren von Adèles Aufbruch mit 21 Jahren, nach Paris, im Jahr 1895, auf der Suche nach ihrer Mutter.

Nun durchdringen und mischen und informieren sich gegenseitig die letzten Jahre des 19. Jahrhunderts mit unserer Gegenwart. Seb (Abraham Wapler), der Content Creator, stösst auf Lucien (Vassili Schneider), den Photographie-Pionier und dessen Freund Anatole (Paul Kircher), der Anschluss sucht in den Künstler-Kreisen am Montmartre. Und mittendrin immer diese von Suzanne Lyndon gespielte Adèle. Wie Truffauts Catherine mit ihren Jules et Jim.

La venue de l’avenir ist eine attraktive Konstruktion. Ein Kostümfilm, der fest in unserer eigenen Zeit verankert ist, ein Drehbuch, das Umbrüche in Kunst, Kultur und Architektur vom Beginn der Moderne mit der Postmoderne parallel führt, damit immer wieder pointiert zu spielen versteht. „LA VENUE DE L’AVENIR von Cédric Klapisch“ weiterlesen

NORMA DORMA von Lorenz Suter

Marina Guerrini (Norma) © filmcoopi

Es gibt Menschen, die träumen anders als wir.

Das ist die zentrale These von Schlafforscherin Mikka (Jeanne Werner). Die Idee kommt nicht so gut an im Parallax-Verlag, dessen Geschäftsmodell eher auf Verschwörungstheorien basiert. Aber Lektorin Norma (Marina Guerrini) fährt der Thesentitel «Dormir sans dormir» ein wie ein Blitz. Denn Norma kann zwischen Wachsein und Traum kaum mehr unterscheiden, seit der Vater ihres Sohnes verschwunden ist.

Am Kühlschrank hat er einen Zettel hinterlassen: Bin nicht weg. Komme wieder. H.

«Öppis schtimmt nit mit däre Wält», hält Norma wiederholt fest. Und: «Sit ich Muetter bin, isch nüt meh normal».

Wohin darf sich eine Mutter flüchten, wenn die Realität zu viel wird? Oder zu wenig? Dürfen wir uns in Schönheit verlieren, in der Schönheit eines Traumes? Oder wird er dann zum Alptraum?

Norma dorma ist ein traumhaft schöner Film. Für die Augen sowieso, die klare, rotstichige, satte Farbpalette macht aus bekannten Zürcher Orten wie den Sugus-Häusern, aber auch aus dem Origens Ospizio, dem roten Turm auf dem Julierpass, oder dem Erdhaus Villa Vals flirrend reale Traumorte. „NORMA DORMA von Lorenz Suter“ weiterlesen

NIFFF 2025 – Der neue Horror: Wir, die Alten

Die Mutter, das Portal zur Hölle: Robyn Nevin in ‚Relic‘ (2020) von Natalie Erika James © Film Constellation

Die greise Mutter als Portal zum jenseitigen, unmenschlich Bösen. Das Elend und das schlechte Gewissen des Sohnes, der sie ins Altersheim fährt. Die Tochter, die ihrer Mutter vorhält, die Grossmutter aus Bequemlichkeit versorgen zu wollen: Die Motive einiger der neuen Filme, die am diesjährigen NIFFF zu sehen sind, greifen direkt auf die Ängste, den Schmerz und den Horror unserer aktuellen Gesellschaft zu.

Natürlich war das schon immer das Prinzip des wahren Schreckens. Die Ahnen mussten besänftigt werden, um nicht als Geister die nächste Generation heimzusuchen. Die plötzliche Fremdheit vertrauter Menschen spiegelte sich in den Untoten und Wiedergängern der archetypischen Menschheitsgeschichten. Die Kirche machte ihren Gläubigen zwecks Machterhalt die Hölle heiss. Die Puritaner verteufelten den Sex zwecks besserer Gesellschafts- und vor allem Frauenkontrolle. Und das alles schlug sich stets nieder im genregerechten Horrorkino. „NIFFF 2025 – Der neue Horror: Wir, die Alten“ weiterlesen

BAGGER DRAMA von Piet Baumgartner

Vincent Furrer, Phil Hayes, Bettina Stucky © filmcoopi

Zwei Filme für den Preis von einem? Das stille Drama einer Familie, in der Vater, Mutter und Sohn nur über die unwichtigen Dinge miteinander reden können. Erst recht, seit die Tochter beim Kanufahren tödlich verunglückt ist. Und das kinetische Bilder-Ballet mit tanzenden Baggern, selbstparkierendem Auto, Robosauger, Pultlift und irrwitzigen Bildausschnitten, direkt aus dem Kamera-Kamasutra.

Das Bagger-Ballett, mit dem Piet Baumgartners Langspielfilmerstling beginnt, das hat er vor Jahren, 2015, schon einmal inszeniert, für das Musikvideo zu «Through My Street» von Rio Wolta. Überhaupt bleibt Baumgartner konsistent nicht nur seinen Obsessionen und seinen guten Einfällen treu, sondern auch den Menschen, mit denen zusammen er seine filmischen oder theatralischen Inszenierungen und Installationen umsetzt. „BAGGER DRAMA von Piet Baumgartner“ weiterlesen

ON SWIFT HORSES von Daniel Minahan

Will Poulter, Daisy Edgar-Jones, Jacob Elordi © Ascot-Elite

Im Schlafzimmer im oberen Stock des hübschen, einsam in den Feldern von Kansas gelegenen kleinen Hauses hat Lee Sex mit Muriel. Im Staub der unbefestigten Strasse nähert sich derweil Julius, in der Matrosen-Uniform eines Navy-Soldaten, per Anhalter.

Das sich für das ahnungsvolle Kinopublikum abzeichnende Drama findet allerdings nicht statt, im Gegenteil. Die Leinwand lädt sich erst mal auf mit einer hoffnungsvoll-fröhlichen Vertrautheit, die mich als Zuschauer fast schon auslacht für meine vorschnellen Befürchtungen. Und doch: Die Rückkehr von Julius wird zum Auslöser für drei sehr unterschiedliche Aufbrüche, für die junge Frau und für die zwei ungleichen Brüder. „ON SWIFT HORSES von Daniel Minahan“ weiterlesen

BLACK DOG (Gou zhen) von Guan Hu

Lang Yonghui (Eddie Peng) mit dem Titelhund © trigon-film

Was für ein Spektakel! Die Eröffnungsszene von Guan Hus modernem China-Western versetzt einen innert Sekunden in diese magische Kinoverzückung, die so rar ist, und so wunderbar. Wir sehen von einem Höhenzug aus eine felswüstensandige Landschaft. Im mittleren Vordergrund rollen Tumbleweeds durchs Bild, auf der staubigen Strasse unter dem Horizont nähert sich vom linken Bildrand her ein kleiner Autobus mit einer grossen Staubfahne.

Plötzlich kommt von rechts im Vordergrund Bewegung ins Bild. Ein Koyote? Wölfe? Nein, Hunde. Hunderte von Hunden, eine Hundehorde rast die Hügelflanke hinab, auf die Strasse zu, ergiesst sich wie ein bellender Bach darüber. Der Bus, jetzt in der Mitte des Bildes, bremst, schlingert und kippt schliesslich in einer weiteren Staubwolke auf die Seite.

Die Hundehorde verschwindet am Horizont. „BLACK DOG (Gou zhen) von Guan Hu“ weiterlesen

THE LAST SHOWGIRL von Gia Coppola

Shelly (Pamela Anderson) © filmcoopi

Dreissig Jahre liegen zwischen Paul Verhoevens Camp-Kult-Satire Showgirls und Gia Coppolas The Last Showgirl. Beide Filme setzen auf Hollywoods spezifische Variante des amerikanischen Traums, auf die Machbarkeit des Imaginierten, die Projektion des Wunsches als Manifestation einer eigenen Wirklichkeit. Und beide Filme nutzen die reale Manifestation dieses «fake it till you make it», die artifizielle Stadt der Show und des Gamblings, Las Vegas.

Beide Filme sind Bestandesaufnahmen der us-amerikanischen Realität, Showgirls jene der gnadenlos egoistischen Rücksichtslosigkeit im Kampf um Erfolg. Und The Last Showgirl zu dem, was die US-Gesellschaft selbst dann noch am Leben hält, wenn alle Versprechen gebrochen wurden: ein Gefühl der Verbundenheit im gemeinsamen Scheitern. „THE LAST SHOWGIRL von Gia Coppola“ weiterlesen

THE BRUTALIST von Brady Corbet

Adrien Brody, Guy Pearce © Universal

Für einen Film mit einem komplett erfundenen Protagonisten fühlt sich The Brutalist oft schmerzlich dokumentarisch an. Das hat einen monumental grossartigen Zug.

Adrien Brody spielt den ungarischen Juden László Tóth. Der einstige Bauhaus-Student und modernistische Stararchitekt aus Budapest hat das KZ Buchenwald überlebt. Als der Film einsetzt, 1947, kommt er mit dem Schiff in New York an, einer von Tausenden, die versuchen, den Horror der Verfolgung und Entwurzelung hinter sich zu lassen. In einem Land, das nicht auf sie gewartet hat, den Neuankömmlinge Misstrauen und offene Ablehnung entgegen bringt. „THE BRUTALIST von Brady Corbet“ weiterlesen

BABYGIRL von Halina Reijn

«Got Milk?» – Nicole Kidman © Praesens

Kinky Sex steht allen zu, so lange alle Beteiligten damit einverstanden sind. Und das müsste eigentlich auch für kinky Kino gelten. Das ist aber nicht so, nicht zuletzt darum, weil Exploitation Cinema vom Voyeurismus lebt und seine kinky Kicks darauf beruhen, heimlichen Voyeurismus zu bedienen.

Und doch ist es wohltuend, die übersteigerte Begeisterung (und Ablehnung) zu erleben, die sich vor allem in den USA über Nicole Kidmans Frauenermächtigungsausflug in den selbstbestimmten Masochismus einer sexuellen Beziehung mit doppeltem Machtgefälle ergeben hat. „BABYGIRL von Halina Reijn“ weiterlesen

IM SCHATTEN DER TRÄUME von Martin Witz

Zarah Leander, © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

«Ich weiss, es wird einmal ein Wunder geschehen» … den Satz zu lesen, das heisst, die Melodie zu hören. Mit dem unverkennbaren tiefen Timbre von Zarah Leander. Oder vielleicht auch mit der exaltierten Phrasierung von Nina Hagen.

Das Lied sang Zarah Leander im Nazi-Propaganda-Film Die grosse Liebe von 1942, einem der grössten Publikumserfolge aus Goebbels‘ Unterhaltungsmaschinerie. Die Regie hatte Routinier Rolf Hansen. Aber den grossen Hit, das Lied, das hatte ein Duo geschrieben, dessen Namen heute nicht mehr so geläufig sind: „IM SCHATTEN DER TRÄUME von Martin Witz“ weiterlesen